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Central-Verein-Zeitung · 1934-04-26 · 17 (26.4.1934) · page 1

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
13 (1934)
Issue
17 (26.4.1934)
Date
1934-04-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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28. USa-* ■: " - EcrilsvS®. Kprü1523 r - ' XIII.'Jakr"an£p f 1^*11 i -TDrto'n«; P'PpnimP— Ü. V « .vjj . t-3 v^/ Li u O Ufci UM . PtYlrAf 0- W 0 rn §I. KU MZMZS.KMYM Das' deutsche Judentum lebt in eine? schweren Zeit. Der Einblick in den Ernst der Dinge und das Bewußtsein unserer Unzulänglichkeit sind bedrückend und könnten uns wohl den Glauben an unsere Zukunft erschüttern. Wir haben heute keinen Mose und keinen Esra. Die Vorwürfe gegen die Haltung . der Gesamtheit und vieler einzelner verstum- : nun nicht. Nur schwer fand sich eine Führung, und die Gefolgschaft läßt sich auch heute noch nicht leiten. Mancher. wäre glücklich, wenn nur er mit heiler Haut davonkäme, und würde sich dann um die leidenden Genossen nicht weiter kümmern. Aber einzelne unbekannte Juden, von denen die Welt nichts erfährt, namenlose Träger unseres Leides und kristenzkampfes können uns den Glauben an Juden und Judentum und damit an uns selber wiedergeben. Vor kurzem fragte ich in einer fremden Stadt einen mir Begegnenden, einen mtelli- ' gent aussehenden Mann in den Vierz'gcwn, der an seiner Mappe -als-Vertreter, kenntlich; war, nach dem Weg. Ein Strahl von Freude , ging über sein Gesicht, er sah, daß -st etnen Die pädagogische Seite, die' wir heute erstmalig den Lesern der „L.-V.-Zeituug" vor-' legen, will kein Fachblatt sein. Die Schristleitung und ihre Mitarbeiter auf diesem Gebiet werden sorgfältig darüber wachen, daß cs zu keinem Fachblatt wird; denn die Frage der Erziehung der Heranwachsenden jüdischen . Generation in Deutschland ist kein abgespaltenes Problem für Spezialisten, sondern die große Zukunftssrage des deutschen Judentums überhaupt. Notwendigerweise mußte daher in dem sich weitenden Rahmen der »E.-D.-Zeitung", die alle Lebensbeziehungen . des deutschen Judentums in sich einbezieht, auch das pädagogische Problem ausgegrisfen werden. Was in der jüdischen Schule und was in der Schule des deutschen Kulturkreises überhaupt geschieht, soll betrachtet werden. Pädagogische Erfahrungen, Theorien, Literatur aus profanen und religiösen Bereichen werden zur Darstellung, kommen. Praktische Schillmänner. Psychologen, Anstaltsleiter sollen ihre Beobachtungen mit - denen von Jugendführern, Vätern und Müttern aus- ■ tauschen. Die Frage des Lehrernachwuchses und der Lehrerbidung, vor allem auch die Handhabung des Schulbetriebes überhaupt, werden beachtet werden. Es ist darüber zu wachen, daß die jüdische Schule, die zu einer Zeit, als der Zugang zu allgemeiner: Schulen überall osfenstand und der Besuch höherer Schulen geradezu Ausdruck höherer fvzialer Schichtung war. einen gewissen abwertigen Beigeschmack bekommen hat, unter keinen Umständen wieder unverdientermaßen aber gar verdientermaßen in einen ähnlichen Ruf gerät. Die höchsten Ansprüche an. die. Qualität der Lehrer und des iknterrichtes wüssen an das jüdische Schulwerk gestellt werden. Das jüdische Schulwerk muß wertvoll, lebendig und schöpferisch im Leben der deutschen Gegenwart stehen n::d seine Schülex »u. ungebrochenen, lebenstüchtigen deutschen Zuden formen. p:c Beilage tJZrzichi:ns —- F.'.'.rz?n —-■ 8chds" bcSindeA cizh zr. cT-rra r!:c- Cc? /icsj'cüc. Eia ' cz-n i'.'Ftcl“ es:z:~?c!;Zor Br. H. D ff o r n , Dr. LFFc O S C c ra .Ste&cxrcfcvczzcz . ß9Ü« . Juden vor sich hatte, und meinte befriedigt: „Sie wollen gewiß zur Synagoge. Ich habe ' eine Strecke weit den gleichen Weg." Wir : kamen ins Gespräch. Er erkundigte sich nach der Lage der Juden in meiner Heimat, ließ sich mancherlei erzählen und sagte dann: „Ich habe alles hinter mir.. Ich war Rechtsanwalt. Jetzt bin ich Vertreter. Ich habe die größte Praxis in meiner Heimat gehabt - und habe sie aufgeben müssen. Ich war Gemeindevorsteher und Ortsgruppenvorsitzender des C.-B., jetzt bin ich gar nichts. Mein Vermögen habe ich verloren. Ich habe alles hinter mir." Er brachte das ganz ruhig vor, ohne ■ eine Spur von Groll, wie ein Mann,, der am Ende ist nnd sich doch nicht verloren gibt, sondern ohne Verbitterung nnd nicht ohne Zuversicht bescheiden von neuem wieder ansängt. - Seine Worte gaben mir einen inneren Ruck. Da ging neben mir gering und unscheinbar der, von dem so viel geredet wird, und de? doch.selten sich findet, der Mensch,, der ein schweres Schicksal mit großer Würde, mit-einer-starken Seele ’und mit unerschöps- Lew Ppnsmut trägt. In.mmMcher GesMM'. verLrPrrt erschien das Los des deutschen . Juden, der sich in Demut und in Gottvertrauen beugt und „das Joch des himmlischen Reiches" aus sich nimmt. Welche Tiraden haben wir in der Schule auswendig gelernt! „Wenn etwas ' -ist, gewaltiger-als das Schicksal, so ist's der Mut, der's unerschüttert trägt.", Größer als diese bombastischen Worte war die glanzlose Wirklichkeit, die da in Gestalt dieses früheren Anwaltes sichtbar wurde. Er wirkte erhebend und ausmunternd, aber ebensosehr war er eine lebendige Mahnung und Beschämung. Wie wüten und toben wir wegen geringerer Schläge, wie verleiden wir wegen Kleinigkeiten -uns -und anderen das Leben! So war der stille Mann nicht nur ein Vorbild, sondern auch ein Vorwurf. Der Sinn der schweren Prüfung, die der deutsche Jude eben durchwacht, liegt vielleicht - in dem Verzicht ans viel Drnm-und-Dran des Lebens, in einer erneuerten Fähigkeit, mit . wenig äußerer Hilfe aus den eigenen Kräften des Lebens heraus zu leben. Vielleicht ist ihr ' Ergebnis eine gesteigerte Lebenskraft, eine er-; höhte Leidens-, damit aber zugleich auch eine erhöhte. Lebensfähigkeit. Dann wäre die gewaltsam herbeigeführte, aber schließlich willig ertragene Entbehrung von vielem, was uns bisher als notwendig erschien, eine strenge Auslese, zugleich aber auch eine neue Schulung durch das Leben für das Leben. Die Geschichte schasst vielleicht in dieser harten Erziehung einen anderen'Typus des Juden, und aus der zu Ende gehenden Periode der Gleichberechtigung erwächst dann eine neue Zeit,-unühn- . sich den jüngsten Jahrzehnten, aber ähnlich' den früheren -Jahrhunderten, nnd mit ihr die? Gestalt.eines neuen jüdischen Menschen, der wieder die Züge der Väter aus den ernsten,; aber großartigen Tagen einer ferneren jüdischen Vergangenheit trägt. Im.Bruch mit Gedanken..und Lebensauf- . sassnngen einer Epoche, die wenigstens für uns vergangen ist, stehen wir mitten in einem neuen'Anfang. Dieser abgelansene Abschnitt aber sprach aus dem Reklamevers einer Konditorei, an der wir vorüberkamen. „Ohne Kuchen und Gebäck hat das Leben keinen Zweck." Wenn man ihn nicht gerade wörtlich nimmt, ist dieser einfältige Vers das ein- ZWM R M A. H. Wenn am 1. Mai die Sirenen heulen, die Flaggen wehen und Zweige und Blüten an Häusern und Fahrzeugen prangen und den nationalen Arbeitsfeiertag nach außer: hin deutlich machen, wird uns deutsche Juden die innere Bedeutung des Tages erfassen und nachdenklich stimmen müssen. Nicht nur, daß bei allem, was sich heute vollzieht, die Er- ' innerung an den gleichen Tag vor einem Jahre zurückschweift und ein Vergleichen und Nach- , messen von Erhofftem, Erstrebtem, Erreichtem" und Verlorenem einsetzt; auch dieses geschieht, weil es natürlich ist, und Werl fein Mensch, der bewußt lebt, sein Dasein führen kann, ohne.' Wegstrecken abzuzeichnen und ohne sich Ziele zu setzen. Diele konnten ihre Arbeitswege im vergangenen Jahre weiterschreiten. Wenigere, aber für unsere kleine jüdische Gemeinschaft, immer noch bedrückend viele, sind durch die Entwicklung der Verhältnisse aus dem Arbeits- Prozeß ausgeschieden worden. Wer von unseren Menschen noch arbeiten darf, wird mit anderem inneren Verhältnis den 1. Mai empfinden als jene, die in jeder Beziehung Zaungäste des großen und frohen Feierns sein müssen. Aber etwas anderes ist zu bedenken wichtiger. ' Die große Ehrung der Arbeit, die, der; 1. Mai bedeutet, ist eine Anerkennung des ' schassenden Menschen, der seine Tätigkeit als' - Dienst am gemeinsamen Werke aufsaßt. Er ist zugleich, aber auch eine unübersehbare .- ' Stellungnahme des Staates zur sozialen — v ... /kc.— k.« SiTvf»rt4+ h«/s fV.fnvi» jnSn~ den" Wert eines Menschen ausmachen, sondern die Gesinnung, mit der er an sein Werk geht, eö nicht als Persönlichen Zwang, sondern als Dienst an einer großen Sache empfindet. Diese Umwertung ist auch für den Neuaufbau unserer jüdischen Gemeinschaft von Wichtigkeit, in der allzu lange Menschenbenrtcilnng und Einordnung fast ausschließlich von deren äußerem Rang und Bildungsgang abhängig war. Der gleiche Wert- und Willensrhythmus, der am i. Mai seine Verkörperung findet, soll immer stärker in unseren Vorstellungen, in unseren Wirkungsbereichen empfunden werden. An diese Entwicklung uns zu assimilieren, hemmen uns weder die Rassengesetzgebung des neuen Reiches, noch irgendwelche religiösen Ueberlieserungen unserer eigenen Gemeinschaft, die ganz im Gegenteil von uns Achtung vor dem arbeitenden Menschen seit je gefordert haben. Hier liegt ein Gebiet vor, äus dem man Verständnis der Zeit nnd Fähigkeit, mit ihr nnd in ihr zu leben, nicht durch Deklamationen und Vetenernngen, sondern durch Haltung und Tun bekunden kann. Und gerade die, die am stärksten Gleichschaltung dort deklamieren, wo sie praktisch nn-, möglich ist, seien am ernstesten an -ihre soziale Pflicht zur Angleichung an die Gegenwart' in einem Zusammenhänge erinnert, wo es ihnen sachlich-persönlich vielleicht weniger -bequem ist. Dann wird, auch die Zahl der APwllspkätze, die aus unseren eigenen Reihen ir~i arbeitslosen Freunden zur Verfügung, gestellt werden könnten, zahlreicher werden und der 1. Mai für uns einen besonderen Inhalt über den Tag und über den Kreis unserer jüdischen Gemeinschaft hinaus erhalten. - Rabbiner Br. Meier Hildesheimer 'wird cm 26. April siebzig Jahre alt Foi. Ucdi Schiff, Berlin BnnnncsrisnnncnaanEDCsancsöEEsa drncksvolle Gegenstück zu den Worten meines Begleiters, ein treffender Ausdruck für einen bestimmten Geist, der zu jeder Zeit herrscht der auch uns in seinen Bann geschlagen hattc^ und den uns das Schicksal nun gründlich austreibt. Er legt den Schwerpunkt des Lebens auf irgendeinen gröberen oder feineren Genuß, auf irgendein greifbares Faktum ans der Umwelt, sei cs nun die Mittelmeerreise oder das Auto, das akademische Studium oder die gesellschaftliche Geltung. Er sucht ihn aber nicht in: Leben selber, itid)t in dem Mut, mit dein cs sich behauptet, nicht in der Kraft, mit der es im Wechsel von Tod und Wiedergeburt, am Ende eines Abschnittes seiner Geschicke einenueugn- Anfang setz!.- Aber ein Leben, das nichts Höheres kennt als das Glück, ist ■ gefährdet. Denn.es wird sich als zwecklos bc* : trachten nnd vielleicht auch als zwecklos weg-< werfen, wenn jenes Glück ihm entschwindet., Das alte Judentum hat in den Sprüchen der Väter den Grundsatz geprägt: „Brot mit Sah; sollst du essen, und Wasser nach dem Maße sollst du trinken, ans der Erde sollst dir schlafen und ein Leben voller Enge sollst du führen. Aber mit der Thorah sollst du dich mühen. Wenn, es dir so ergeht, dann: Heil dir und' wohl dir!" Das alte Judentum war freilich gesegnet. Es besaß und besitzt noch in der Thorah einen Wert von höchstem Rang, unverlierbar für den, der ihn hat, und kostbar genug, mn für sich allein' schon ein sonst schweres Leben erstrebenswert zu machen. Die Rückkehr zum Wesen, das sich in den Schöpfungen unserer Religion offenbart, die erneuerte jüdische Frömmigkeit, für die unsere Generation wieder reifer geworden ist. ist deshalb zugleich eine Heimkehr zum Leben selber. Ohne große Worte aber bekundete unser unbekannter Führer diese altjüdische fromme Freiheit von der Herrschaft der Dinge, und die reine, im tiefsten Selbst und damit in Gott gegründete Lebenskraft. Ich' kenne den Mann nicht, der mir damals den Weg gewiesen hat. Wir haben uns ' nicht vorgestellt und haben uns verabschiedet, ohne unsere Namen zu nennen. Vielleicht entsprach diese Anonymität nicht ganz beit Gepflogenheiten des gesellschaftlichen Verkehrs. Um so besser paßte sie zu den: inneren Sinn des ganzen ergreifenden Erlebnisses. Es blieb unpersönlich: denn aus meinem Begleiter sprach nicht ein bestimmter einzelner, sondern der starke,, mutige.und unverzagte Geist der jüdischen Geschichte selber. Co lver- Bfa v®yEegenä(2 ßhgmüüzai? enthält u. a.: Hauptblatt: Zum 70. Geburtstag Rabbiner Dt. Meier Hildesheimers. Brief aus Hol■ 1. Beiblatt: Taubstumme entslummen. Von alter und neuer Kunst in Palästina, von Max Osborn. Aus der C.-V.-Bewegung. 2. Beiblatt: Josef Nadler: Das stammhefte Gefüge des deutschen Volkes, von Ludwig Feuchiwcnger. Erziehung, Eltern, Schule, V/irtschaft der - Woche.

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