Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1934-04-05 · 14 (5.4.1934) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
13 (1934)
Issue
14 (5.4.1934)
Date
1934-04-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2277379-2278044-2278058--08483-2289494
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

1Q 4, 1334 zq0 ': ~7 •1" Berlin»- 5. April 1934; : ■ 'JSIII. Jahrgang / Nr. Iß/ ■ ■ '§: PrologG P'tf o mmg II il!!i S * H?r . ls?■ v- >>-!> 21OO N. Auch das gebeugte Haupt spürt die Wärme der Frühlingssonne, und auch die sorgcndurchfurchte Stirn hebt sich dem helleren Lichte entgegen. Der Körper empfindet den Frühling, ehe der Kopf sich klar ist, woher das starke und sanfte Wohlbehagen kommt. Dasein, ganz primitive Daseinsgefühle erfüllen uns bis in die Fingerspitzen, und in lautloser Wiederholung eines Segensspruches aus den letzten Tagen geht uns durch den Sinn, daß wir diesen Frühling wieder erlebt haben, daß diese Zeit wieder herangenaht ist, daß das ,mi1 - [äIppfN jjj jjjjßä LiiLsu uyLu'wij yvüüüyuybuü?! dos Corsffrol - VoroSns Ueberweist ungemahnt Eure Beitröge 5 Postscheck - Konto Berlin Nr. 115501 Reuwerden der Natur auch uns beschenkt. Wie anders empfinden wir aber dieses Neuwerden um uns in diesem Jahre als im Jahrezuvor! Damals in der. Vorstellung des Zusammenbruchs aller ^Fundamente und Werte, schien uns der Aufbruch der Natur ein verletzender Merspruch 'zu unserem eigenen Sein und Schicksal. Der deutsche Frühling blieb uns 7 fremd und schien, uns feindliche Wie.unsere Geschichte neben.. der Geschichte unserer Umwelt, schien uns unser natürliches Fühlen und Werden neben dem der Umwelt zu verlaufen. Wenige Begegnungen mit Menschen und'wenige mit der Natur, die nicht Reslektionen, bittere, böse, verzweifelte, ab-, lehnende weckte. Es ist nicht nur Gewöhnung, was uns diesen Frühling anders empfinden läßt. Wir empfinden ihn als Frühling, weil wir diesen Zustand des aus Erstarrung zu neuem Werden Strebens unserem eigenen Inneren gemäß fühlen. Ans dem D a - s e i n ohne Nachdenken über Woher, Wohin und Wozu wird ein Dasein bewußter Ordnung und Einordnung des eigenen und des allgemeinen Seins. Aus Protest, Anbiederung, Abbau, Liquidation, ans fast völliger Tatenlosigkeit oder Vielgeschäftigkeit des einzelnen jüdischen Menschen wächst ein neues jüdisches Lebensgefühl im deutschen Raum. Es mag fast scheinen, als ob durch die Zertrümmerung mancher Ueberkommenheiten unserer Gemeinschaft durch die Gegenwart, ja sogar durch das Fortwehen von Menschen aus den gemeinsamen Lebensbezirken hinaus über die Erde hin, verschüttete Kräfte frei wurden, die sich nach kurzem Tasten — wie blinzelndes Schauen in plötzlich allzu grelles fremdes Licht — zu neuem Formen ans Werk begeben haben. Eins ist sicher: Wir hätten nicht Kraft und Fähigkeit der seelischen und körperlichen Umstellung ohne die letzten' 120 Jahre des freien Beheimatetseins in der deutschen Welt. Wer Ruinen können zwar Stätten geschichtlicher Pietät, für kurze Frist auch Zufluchtsstätten sein, niemals jedoch Wohnungen für Generationen, die nach denen kommen, die die Ruinen noch als Haus kannten und bewohnten. Aus dem Grundriß der Ruine unserer ersten Emanzipation und ihren Wohnerfahrungen ist zu lernen, wie der Bau des neuen Emanzipatiousgebäudes in unserem deutschen Baterlande aufzuführen ist. Keine Kunstform ist so stark Ausdruck des Lebensgefühls einer Epoche wie die Baukunst; keine Kunstsorm freilich ist nur vom vollendeten Lebensgefühl einer Epoche so abhängig wie Baukunst. Es gibt zeitlose Gesetze und Anachronismen wie in der Architektur, auch, in den Vorstellungen, die wir vom Judentum und Judesein in der Welt besitzen. Zeitloses und Zeitgemäßes — Judentum und Erscheinungsform der Umwelt — verbinden, ist die ' große Aufgabe jeder jüdischen Generation, die wn sich neues Lebensgesühl empfindet unt» noch nicht weiß, wie der Stil jüdischen Daseins innerhalb der Umwelt — unseres jüdischen Daseins in unserer deutschen Welt —, un-, zerstört durch den Stilumbruch in der Umwelt' mit ihr W neuer Einheit geformt werden kann. Das hellere Licht, der längere Tag deS jungen Frühlings läßt uns auch Narben und Tränenspuren schärfer erkennen, aber selbst das hellste Licht vermöchte nicht Dämmerung und Nebel in den Niederungen unseres täglichen Lebenskampfes zu durchdringen, zu verscheuchen. Wir sehen unsere Kinder zur Schule gehen, um zu lernen; aber wir sehen noch nicht, wohin der Weg ins Leben für die Ansgelerntcn führt. Unsere jungen Akademiker und Angestellten haben sich umgeschichtet und zu dem Wissen -ihres alten Berufes redliche neue Kenntnis rrnd Kunst gelernt. Aber zu oft bleibt Wille und Fleiß im Leeren, weil sich keine Werkstatt für das Schaffen öffnet. Die Heinraterde zu bebauen, wird unserer Jugend unendlich schwer gemacht. Wo sollen unsere jungen Menschen bleiben, die, vom' Lebensgesühl der Zeit ersaßt,'ihren Lebensweg von lebensfremder Geistigkeit'zu geistesstarker Werkarbeit hinwenden möchten? ' Jede Frage ein. ungelöstes Problem, aber . jebeß Problem eine Lebensfrage für unsere Zukunft in Deutschland. Es scheint manchem bequem, die Geschichte zu präjudizieren und aus demNein,das der Tag sagt,ein Nein für die Dauer zu machen. Wenn die Wiederkehr eines zweifellos minderen Rechts uns zugleich auch das Lebensgesühl des Ghetto wiedergebracht hätte, würden wir vor den Ereignissen des Jetzt versagen, ihnen ausweichen, ihnen unterliegen, statt uns ihnen zu stellen. Aber da die Paragraphen der Arier- - gesetzgebung uns vom Lebensgesühl der Zeit nicht' abschnüren können, stehe n wir zu der Aufgabe, die unserer Generation für sich und für die kommenden Geschlechter im deutschen Raunte zu lösen zugefallen ist. Wir gehen nicht in die Wüste; weil die Blütenträume .unserer Väter rächt reiften, die zum großen Teile nicht mehr die Trürrme unserer neuen Jugend sind, oder weil der heimatliche Boden kargeren Ertrag nach härterer Arbeit bietet. Das neue jüdische Geschlecht ist an Lebensgefühl dem gleich, das um uns deutschen Frühling erlebt. In ihm wachsen die Kräfte, die auch -härteste Baustoffe zum Fundament "des neuen Emanzipationsgebäudes formen 'können, in dem ursprünglich Zeitloses und 'erarbeitet 'Zeitgemäßes sich zur lebendigen Einheit eines jungen deutschen Judentums, zusammensügen. .. Wir Juden führen, .seitdem, wir von unserem Dasein in der Geschichte wissen, einen Professor Dn Erich Seligmann warde zum Leiter des Geeundheitaamtet der. Jüdischen Gemeinde Berlin ernannt > , Fol. Herbert■Sounnifrld. Berlin BBsnnnBanBEDnnEopEsnnnnnBnnnösss zwiefachen Dialog: Wir redeten auf der einen . Seite zrr Gott. Manchmal schwieg Gott, und -wir waren mit unserem Jrrdescin verlassen. Wir redeten nach der anderen Seite zrr unserer -Umwelt hin. Oft schrvieg diese, und rvir waren als ihr Glied verlassen. Jetzt reden wir nach beiden Seiten hin. Wir graben nach dem ewigen Quell unseres jüdischen Seins rrnd fühlen, daß arrch rrnfrrrchtbar scheirrendes Gestein Oriellerr entspringen läßt, rvenn rvir 'mit deni rechten Stabe dagegen schlagen. Urrd .wir sprechen zn der deutschen Welt um uns .urrd sagen: -so wurden wir drrrch unser Verdienst urrd unsere Schuld, zrrgleich aber -arrch drrrch euer Verdienst und eure Schuld; '-so., s-i n di wir jetzt durch unsere Schuld, und -eure Schuld. Urrd .nun beginnen rvir, rvie ihr, neu zu sein; was dabei Verdienst urrd was dabei Schuld ist, wird die Geschichte einmal errveisen. „Die Sache der Juden' muß aus einem Gegenstände der Empfindung zu einem Gegenstand der Ueberlegung gemacht werden, und dann ist das Gute gewonnen." Dies fordert nicht - ein Heutiger, sondern Ludwig Börne, der wortstärkste aus dem Judentum hervorgegangene Schriftsteller, vor mehr als hundert Jahren. Die Sache der Juden aus der Sphäre der Empfindung in die der Ueberlegung zu rücken — daran mangelt es oft auf feite der Juden selbst, mangelt.es gerade heute allzu sehr und mehr als damals. Und wäre Hoch um so notwendiger, weil die Voraussetzungen, in die sich solche Ueberlegung einzubohren, ans denen sie sich arrszubauen hat, ganz andere sind als die Voraussetzungen des Antrsemitismus im 19. Jahrhundert. Es genügt nicht, „die Sache der Jrrden zu einem Gegenstand der Empfindung" zu machen, sich dieser Empfindung hinzugeben, ihr nachzugeben: über das Schicksal der deutschon Judenheit, über das wirtschaftliche Absinken des einzelnen, vieler Familien ' und ganzer Berufsgruppen nur. zrr reden und zu klagen. Es ist zu viel Klage und Rede in jüdischen Kreisen, zu viel Wehklage und Drrrmherumreden. Die Debatten über die heutige Situation der Jrrden kommen oft nicht weiter, weil es bei der gefühlsmäßigen Schilderung von Erlebnissen und Erfahrungen bleibt, statt daß man zu den Ursachen dieser Situation vorzudringen sucht, , um das, was ist und geschieht, erklären und klären ... und damit leichter tragen, überwinden und bessern zu können. ■ Niemand wird es der Judenheit abstreiten, * daß sie durch die Ereignisse des letzten Jahres dazu geführt wurde, sich selbst deutlicher zrr sehen, sich mit ihrer Geschichte, ihrem Wesen und Volkstum eindringlrcher als bisher-zu beschäftigen. -Aber ein folgenschwerer Fehler war es, daß zu wenige Juden darauf achteten, wiesie von der anderen Seite, von, draußen, betrachtet wurden. Das Problem der Juden in Deutschland ist nicht zu lösen, wenn die Juden es nur sehen, wie sie selber (in vvrschie- ■ dener Art) es sehen, sondern wenn sie wissen. wie es von führenden Männernder anderen - Seite gesehen wird. Wieviel..Juden haben während dc-r-ver- , gangenen Jahre, und arrch jetzt noch, die wichtigsten Schriften der nationalsozialistischen Bewegung geleserr? Damit wäre nichts geändert« wird man entgegnen. Doch — damit wäre manches geändert. Es wäre vielleicht sogar manches anders gekommen, rvenn nicht im Geschehen, so doch in unserem Bewußtsein. Maßnahmen, die schmerzlich über rrns hereinbrachen, wären dann nicht so überraschend gekommen. Hätte man sich aus jüdischer Seite rechtzeitig gründlicher mit der nationalsozialistischen Ideologie beschäftigt rrnd die geforderten Folgen, die sich aus dem Nassen» Problem, wie es die wissenschaftliche rrnd weltarrscharrliche Grundlage der nationalsozialistischen Bewegung bildet, als künftige Wirklichkeit bedacht, so wäre vielleicht diese Umformung milder möglich gewesen. Manchem wäre arrs besserer Kenntnis manche Enttäuschung und Demtttigrmg erspart oder gehindert worden; mancher hätte aus besserer 'Erkenntnis eine bessere Haltung gesunden, die -nicht nur würdiger, sondern auch der Judenheit imb dem einzelnen Juden förderlicher gewesen wäre. - . Das Wort, „man soll aus seinen Fehlern Aernerr, nicht sie wiederholen", ist nicht weniger richtig, weil es so oft ausgesprochen wird. Es darf nicht geschehen, daß sich die deutscherr -Juden, wie sie damals allzu zahlreich sich gegen die ideologische Umgestaltung eines kommenden Deutschlands verschlossen, fid) nun abermals abschließen gegen das praktische Werden der neuen Umwelt. Man spricht oft von einem „neuen Ghetto". -Dies Nichtswissenwollenvon der neuen Um- -welt, in der die deutschen Juden leben und -leben müssen, hieße dies neue Ghetto durch die Juden selbst schaffen. . Es genügt nicht, daß wir uns, über den .politischen, sozialen, wirtschaftlichen Aufbau des gegenwärtiger: Deutschland unterrichten, in dessen Gesetze wir uns zu fügen urrd ein- -zuordnen haben. Wir müssen.-nicht nur die .neue -staatliche Ordnung, sondernauch die -areue - geschichtliche Ordnungder Vergangen- . he.it,. die Ergebnisse in den geistigen rrnd künstlerischen Gebieten des heutigen Deutschlands kennenlernen. Wir haben uns entschlossen, in der deutschon Landschaft zu bleiven. Und das will heißen: nicht nur in der örtlichen und staatlichen, sondern arrch in der wissenschaftlichen, künstlerischen, ' geistigen Landschaft. Wir müssen uns, um hier leben zu können, in dieser Gesamtlandschast orientieren. Niemand aber , wird beim Durchschreiten einer Landschaft,. gleichviel ob sie ihm lockend erscheint oder nicht, freiwillig die Augen schließen; denn .jeder weiß, daß er nur so freier und sicherer in dieser Landschaft sich bewegen wird, wenn er offenen, klaren Auges seine Blicke ringsum -und weithin schweifen läßt. Und so wäre es ein törichtes und selbstschädigerrdes Beginnerr, wenn der sonst oder .bisher gerade dem Neuen aufgeschlossene Jride seine Anflen freiwillig schließen würde, etwa gegen die neuen Forschungsergebnisse der menschlichen Urzeit urrd Vorgeschichte, gegen eine Kunst, die bewußt ihre Motive nnb Wirkungen holen will aus der Verbundenheit des Menschen mit Natur und Ahrreureihe, denen rr entsproß, gegen neue thematische rrnd for- .male Versuche in derr Bezirken des Schrifttums, des Theaters rrnd des Films. Werrn der deutsche Jude sich solchen Verstrebungen des gegenwärtigen Deutschlands .zuwendet, .so. soll. er. deshalb nicht von der großen Tradition, die er mit sich führt und die cr -weiterzuführen hat, sich abwenden. Jur .Gegenteil,-er. wird, um so aufrechter stcheir 'können, im klärenden nutz.klaren Vergleichen -dessen, was e r schuf und schafft, mit dem. was -die Btächte schaffen, in deren Bezirken er lebt. - Leben heißt erkennen und sich entscheiden. Wie - aber will der deutsche Jude iu - dieser Bedeutung leben können, wenn er nicht' ernennen will, was. um ihn'geschieht, rvenn er Die vorSiegende Nummer. umfasst 16 Seiten. Sie enthält r. a.: Hauptblatt: Aussprache über Gegenwart und i Zukunft des deutschen ludentums von Drl Fritz Goldschmidl und Dr. Rudolf H. Hcimansohn. 1. Beiblatt: Das Landjahr der 'schulentlasse- -, ner\ Jugend von Heico. , Der erste Schultag von Margarete Fried. Aus der C.-V.-Bewegung. \ 2. Beiblatt: Zurück zu den Quellen von Benno Jacob. — Seite der Jugend. 3. Beiblatt: Das Blatt der deutschen Jüdin. Karoline von Humboldt von Dr Hugo Lachrncnski. Gesetz und Recht. — Wirtschaft der Woche. J

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.