Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 12 (22.3.1934)
- Date
- 1934-03-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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. Test von Hilde .‘Marx, > F otös von Arno Kikoler ’ JO wö Z_— i ü z-/ /^' ü' innrer* .£J '' Mr. iS ' 1. ßoSSago’ ,Mhl und Wasser «erden zu einem Teig vermischt, dieser wird ausgewalzt, ausgestochen, die so entstandenen runden, weißen Platten wer» dm in einen Backofen geschoben, den sie als Mazzen wieder derlassen. Tie Mazzen werden sortiert, gewogen, verpackt und verschickt." So könnte man in wenigen Worten das Gerüst der Dtazzenfabrikation aus» richten. Älber, wenngleich schon das durchaus richtige Wort „Fabrikation" eine gewisse Nüchternheit in sich schließt, so geht es doch nicht an, dieses kleine Erlebnis, das die Besichtigung einer Mazzenfabrik einem bietet, so kurz abzutun. Durch die Dämmerung eines Vorfrühlingsmorgens fuhren wir von Berlin aus nach Schönlanke in der Grenzmark, lieber dem kleinen Ort leuchtete erste warme Sonne, als wir ankamen. Das Licht des Frühlings verschönte den kahlen Fabrikbau, in dem die Mazzen hergestellt werden, die Symbole des jüdischen Festes, das die Vereinigung der Freiheits- und Frühlingsidee feiert. Tie Mazzenfabrik in Schönlanke ist eine der ältesten und in ihrem heutigen Zusammenschluß mit dem Filehner Werk die berühmteste in Deutschland. Seit fünf Generationen ist sie im Besitz der gleichen Familie; voll Stolz kann der jetzige Inhaber aus eine großartige Entwicklung des Werkes zurückblicken: während im Anfang an einem Tag nur fünf bis sechs Zentner Mazzen fertiggchellt wurden, liefert heute ein Arbeitstag über 100 Zentner. Dabei darf man aber nicht vergessen, daß 100 Zentner Mehl noch lange nicht 100 Zentner Mazzen geben, da diese so gründlich ausgebacken werden, daß außer' dem zugesetzten Wasser and) noch die im Mehl enthaltene Feuchtigkeit verdunstet — was natürlich für die Güte der Mazzen spricht. Diese Leistung wird durch Verwendung modernster, leistungsfähigster Maschinen ermöglicht. Ter ganze Betrieb wird von einer Dampfmaschine mit 30 PS und einer eigenen Lichtanlage gespeist. Ungefähr Leute arbeiten in der Saison von November bis zum Pessachfest an den Herstellungs- Maschinen, den ersten dieser Ärt, die in Deutschland Verwendung fanden. Tie Fabrikation am lausenden Band hat außer dem Vorzug großer Leistungsfähigkeit auch den Vorzug peinlichster Hygiene, da fast ansichliesrlich Maschinen um dem Material in Berührung kommen. Nichtiger Fabriklärm schallte uns entgegen, als wir das Gebäude betraten. Das bekannte Eisenklirren rotierender Näder und Aalzen und das sausende Geräusch der Treibriemen erfüllte die Räume. Aber diese Räume haben nichts von dev Dunkelheit und bem finsteren Staub, die man in der Vorstellung mit dem Begriff „Fabrik" zu verbinden pflegt. An Wänden und Boden, auf' ben Gesichtern und Kitteln der Arbeitenden gat sich der weiße Mehlstaub niedergeschlagen. sichtbares Zeugnis des einzigen hier , . berwandten Rohmaterials.; Zuerst kamen wir in einen Raum, in; dein eine Menge riesiger Säcke aufgestapelt tlegt, aus denen das Mehl durch eine Oeffnung in der Wand in einen Behälter des an- ) O^nzenden Fabrikraumes geschüttet wird. > «Ue- Säcke tragen alle Etiketten mit hebräitchen Aufschriften, den Zeichen der Kontrolle, Unter der die ganze Fabrikation steht. Dieser Nainn macht ernen friedlichen, säst ein wenig verträumten Eindruck im Gegensatz zu dem ^gentlichen Fabrikraum, den die emsige Ar-. . vut vom Menschen und Maschinen .orMtg _ An dem großen Mehlbehälter stehen zwei Maschinen, in denen innerhalb kürzester Zeit bestimmte Mengen Mehl mit Wasser vermischt werden. Der so gewonnene, noch nicht fest gebundene Teig kommt unter zwei schwere Walzen, die ihn zu einem glatten, weißlichen Stück pressen. Dieses Stück ist zuerst noch einige Zentimeter dick, immer wieder muß es durch die Walzen lausen, ehe cs dünner und damit auch zäher wird. Dann kommt es in eine feinere Maschine» die es in fortschreitender Arbeit auf das Mindestmaß von Dicke auswalzt. Und hier seht das laufende Band ein, das den ganzen weiteren Arbeitsvorgang besorgt. Wieder läuft der Teig durch Walzen, die mit den Ausstechformen versehen sind. Deren Gestalt ist höchst witzig anzusehen: sie schon wie Wärmflaschen aus — die dauernde Rotation der Maschine bedingt ihre ovale Form, damit die richtige'Kreisform der Mazzen entsteht. Für die bekannten Delikateßmazzen werden die gleichen Formen, nur entsprechend kleiner, verwendet. Beim Ansstechen bekommt der Teig auch das kleine Punktmuster, so daß er plötzlich wie zarte, feingemnsterte Seide anzusehen ist. Und nun beginnt die Wanderung des Teigs zu einer Feuerprobe, aus dev er als Mazzen hervorgeht. Die Ausstechmaschine befördert die runden weißen Platten automatisch aus ein rollendes Gitter, das sie. schön nebeneinander geordnet. durch die Glut des großen Ofens führt; sie haben einen Weg von etwa einer Minute znrückznlegen, bis sie am anderen Ende des Ofens gebräunt und knusprig wieder auf ein rollendes Band fallen, das sie den wartenden Arbeiterinnen gerade in die Hände treibt. Aber diese Hände meinen es gut mit ihnen; die nun fertigen Mazzen werden sorgfältig sortiert, gestapelt, gewogen und in kleine und große Rollen gepackt und treten dann, sorglich, rn Wellvappo und dickes Papier gehüllt, über eine hölzerne Rutschbahn an der Außenseite des Hauses auf einem Transportwagen ihrenWeg ins Land an, der auf festlich gedeckten Sedertischen unter dem Feierschein der Kerzen enden wird. Aber noch ruhen im Lager . im ersten Stock ungeheure Mengen von Paketen, in verschieden bunte Papiere verpackt, je nach der Ticke der Mazzen, und warten auf die Erfüllung ihres Geschickes. Die Tauer des Arbeitsganges vom Mehl bis zum Fertigfabrikat beträgt ungefähr fünf Minuten. Dauernd sind zwei Oefen in Betrieb, von denen jeder in der Minute: 120 Mazzen bäckt; aus diesen Multiplikatoren ergeben sich die großen Endresultate. Die Schnelligkeit der Maschinentütigkeit läßt sich natürlich regulieren, und jeweils die Zeit, die der Teig zu seiner Wanderung durch den Ofen braucht, bestimmt den Bräunegrad dev Mazzen. Zur Gewinnung des Mazzenmehls z. B. läßt man den Teig ganz schnell durch den Ösen lausen, damit die Mazzen, aus denen nun das Mazzenmehl gewonnen wird, schön hell werden. Wir dachten unwillkürlich an zwei liebe Gestalten aus. der Kinderzeit, als wir die hölzerne Mühle mit dem großen Trichter sahen, in der die Mazzen gemahlen werden: wir dachten an Mar und Moritz, die zum schrecklichen Erempel für alle guten Erzichnngsgrundsätze in solch einem Mühlentrichter ihc jungcsLeben lassen mußten. Ueberhaupt wurden manche Erinnerungen aus der Kindheit wachgerufen. Als ich die frischen Mazzen ans dem Ofen kommen sah, in erfreulicher Bräune und mit großen und kleinen Blasen, dachte ich an die schönen Sederabende im Hause meiner Großeltern. Damals bekamen wir Kinder ein Gläschen Wein vorgesetzt, den sollten wir aber nicht trinken, sondern nur die Mazzen eintauchen. Doch wir waren schlau: wir suchten uns eifrig die Mazzen mit den größten Blasen aus, piekten in jede mit dem Fingernagel ein Loch, das sich dann mit Wein füllte, und bekamen auf diese Weise oft in erstaunlich kurzer Zeit unser Glas leer; und dann muhten wir natürlich ein neues haben! Die Heimfahrt in der Dämmerung des sinkenden Abeiws wiegte mich in diese Kindheitserinnerungen immer tiefer ein —-. VÄ-J.-i. \‘"V, ../ \; \ /■ . ' \i. Y / »,