Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 5 (1.2.1934)
- Date
- 1934-02-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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5 'Ik. .75 .80 .80 .30 .25 ,25 L ’a H8z fompt, in K Sf, M , " ^\rj; jnrir^/^ Ü L^j y Uv.., o IM PZMkOWZT ' Ueber Treppen.und Gänge, durch Säle und Kammern bin ich gewandert. Das große, Helte Haus war von Kinderstimmen, sprechenden, singenden, erfüllt. Wandtafeln, Schulbänke. dann Betten in Reih und Glied, Bade- und Duschräume habe ich gesehen. In der großen Küche wurde das Mittagessen vorbereitet. Im Zeichensaal standen noch, zur Nachfreude, die Dekorationen einer Chänuk- . wh-Aufführung an der Wand. Die Pausenklinget schrillte durch das Haus und weckte den bekannten Lärm stampfender Füße und schlagender Türen. „Ueber achtzig sind wir", sagte der vergnügte kleine Bursch, der zeitweilig in Vertretung des Lehrers meinen Führer machte. Am liebsten hätte er mir jeden Winkel des Hauses gezeigt, das ihm und seinen Kameraden zum Heim und zur Bildungsstätte geworden ist. .Zweites Waisenhaus der Berliner Jüdischen Gemeinde" steht an der Front des Gebäudes in Berlin-Pankow, Berliner Straße.. $ct Leiter ist Direktor B l u m e n f e l d. Der Gründer war Justizrat Hermann Makower; die früheren Direktoren waren Herr Lewinsky und Herr Grunwald. Die fünfzigjährige Geschichte des „zweiten Waisenhauses" ist so eng mit jüdischem Schicksal und Mischer Hilfsbereitschaft verflochten, daß man sic nur mit starker innerer Bewegung vernehmen kann. Mer nicht allein aus historischem Interesse sott der Blick auf das Pankower Heim gelenkt werden. In diesem Hause werden auch seit 50 Jahren pädagogische Grundsätze angewendet, die uns heute mehr denn je zum Ausmerken zwingen: Hier werden jüdische Jungen ausschließlich für das Handwerk erzogen. Berufsumschichtung also, lange bevor dieser Begriff zu einem Schlagwort in aller Munde geworden ist! Zuerst die Entstehung und Entwicklung des Seims. Im Jahre 1881 setzte aus Rußland als Folge von Pogromen eine starke jüdische Fluchtbewegung ein. In Deutschland bildeten sich auf die Schreckensnachrichten hin Hilfskomitees, die sich dann zu einem Zentralkomitee zusammenschlossen. Im Auftrag des Zentralkomitees reiste Justrzrat Hermann Makower im Jahre 1882 nach Brodh. Erbrachte von dort 40 jüdische Knaben mit nach Perlin, Opfer der wirtschaftlichen und seelischen Not. Das preußische Innenministerium gab die Genehmigung, daß die Kinder hier unterrichtet und beruflich ausgebildet würden, stellte aber die Bedingung, daß sie nach vollendeter Ausbildung Deutschland wieder verlassen müßten. Für die russischen Schützlinge wurde ein kleines Heim in der Berliner Straße in Pankow eingerichtet. Der Schulunterricht hielt sich im Rahmen des Lehrplans einer zweiklassigen Volksschule. In den Eründungsakten aber heißt es: „Die Knaben sollen die Arbeit lieben lernen und nach Erlernung der nötigen Schulkenntnisse ohne Ausnahme Handwerker werden, damit sie ihren Familien eine Stütze und ihren Brüdern in Rußland ein Borbild werden." Diese einfachen, bestimmten Worte, die ein ganzes ausbauendes Erziehungsprogramm in sich schließen, stehen am geschichtlichen Beginn des sozialen Werks. An ihnen ist seither festgehalten worden, auch dann, als die jungen Russen allmählich alle als fertige Handwerksgesellen ausgezogen waren und verwaiste oder verlassene Berliner Jungen ihren Einzug gehalten hatten. Das Heim, 1890 von der Berliner Gemeinde in Verwaltung genommen, hat inzwischen einen großzügigen Umbau erlebt. Menschenfreundliche Stifter, unter ihnen Emil Mosse, Born. Eisner, Mecklenburg, Ga rba ty, haben wesentliche Verbesserungen ermöglicht: Neue pädagogische Erkenntnisse haben auf den Lehrplan der Schule und die Hausordnung eingewirkt. Die Körpererziehung kommt zu ihrem Recht. Es wird Musik getrieben, freies Zeichnen, Basteln, Modellieren. Gärtnerische Arbeit und Tierpflege machen den Jungen Freude und wirken zugleich erzieherisch, Hausarbeit, wie Stiesel putzen, Kleider reinigen, Messer, putzen, steht mglich aus dem Programm. Die Jungen lernrn sogar Strümpfe stopfen und Knöpfe yj - * Der Meister im Bähneputsen f & S ' - dcffa ober'.mit grüsserent'Eifer werden-die Schief* ettleamgefegt' . Stundenlang kann man so über dem Aquarium stehen und die Fisehe beobachten •r**-“*. lv-, 1 1 * A j \§?m L vT??ll «>' ‘ (l *{ . "i ■tH S/" W | '’ji ... V ["■ ..—..... , ..—.. Gvi! ' i: \ X'," p Xi':- G / / d / k ‘ \; p, '''} ' xg,^ o, / i ’ "" j;|||ji. w %! , lim IIP Av '. E- \ Zeichnen nach der Natur aueh im Winter: —> nämlich vor dem Vogel■ i käfig 1 --;>/ Wenn wir auek nicht diesen Bsrg Strümpfe heute Schaffen, so wird eben morgen weiter gestopft Y ' ' i I Da» Messerputxtrie (oben link») Das Kammer* Orchester da» au» allen, nur er* denkliehen Inetrumen* ten besteht, ist dev Stet» de» Hause» und präsentiert »ich dann auch bei jeder passen* den Gelegenheit Morgentoilette CCT * - I ■ Ll - ' A A ' ' - \ 1 '* r - /^' l Einer für aHet (die für einen. Heute -A bürsten Rolf und Jakob die Anzüge. Rechtst In der Tisch* lerwerkstatt annähen. Sie machen, wie in der Familie, manche kleinen, leichten Reparaturen im Hause selbst. Daß sie täglich ihre Betten „bauen" und ihre Waschtische reinigen, ist ihnen selbstverständlich.. Es geht ein gesunder Geist der Werktätigkeit, der. Selbsthilfe und Selbstverantwortung durch daS Haus. Durch die Anregung der Werkfreude werden die Jungen frühzeitig dem handwerklichen Beruf nahe gebracht. Heute besteht allerdings nicht mehr die zwingende Vorschrift, daß alle Handwerker werden müssen. Doch Ausnahmen von dieser Regel werden nur gemachr, wenn eine starke Begabung zwingend in eine andere Richtung weist. .Während ihrer Lehrzeit bleiben die Jungen im Heim wohnen. Es hat sich als fruchtbar erwiesen, daß Lehrlinge und Schüler ständig in Kontakt miteinander leben. Die Schuljungen können so schon frühzeitig von den älteren Kameraden erfahren, wie diese oder jene Handwerksarbeit beschaffen ist. Dadurch wird ihnen die spätere Bernfswahl erleichtert. Für die Lehrlinge ist es ein großer Vorteil, während ihrer Lehrzeit in dem gewohnten Lebens- -und Menschenkreise bleiben zu können.. - Man darf wohl sagen, daß im Lause dev Zeit-fast alle Handwerke hier vertreten .gewesen sind, vom Zuckerbäcker bis zum Eisendreher. Eine ganze Reihe von srüheren Zöglingen haben es zu guten Leistungen und wirtschaftlichen Erfolgen in ihrem Beruf gebracht. Schon in der Lehre haben sich die meisten bewährt und die Zufriedenheit ihrer-jüdischen oder christlichen Meister erworben. Der Gründer des Heims hat nicht zuletzt daran. gedacht, daß seine russischen Schützlinge als Auswanderer säst überall in der Welt ein .besseres Fortkommen haben ^würden, wenn sie ein Handwerk gelernt hätten. Heute hat diese Erwägung auch für deutsch-jüdiscke Jungen eine große und ernste Bedeutung. Die Jungen im Pankower Waisenhaus gehen weiter auf einem Wege, den ein vorausschauender Mann vor 50 Jahren gebahnt hat. vr. K. M. -Das sehr zeitgemäße Thema „Moral und Wirtschaft" wurde von Dr. Frankenstein . in einem Kulturbund-Vortrag in Berlin behandelt. Der 'Redner, gab einen weitgefaßten historischen Ueberblick über die Wirtschastscthik der Völker vom alttestamentarischen Judentum' bi8 zum faschistischen und nationalsozialistischen Staat. Das Judentum. führte er cmS, war die erste große Kulturgemein» schast, die das EthoS und die Moral der Arbeit entwickelt hat. In, einer Zeit, in der die ganze übrige Welt die körperliche Arbeit und den arbeitenden Menschen verachtete, bekannte sich die jüdische . Lehre zur Achtung vor der Arbeit, waren Knecht und Magd durch soziale Gesetze besonders geschützt Dem mosaischen Gesetz lag der Begriff einer idealen . menschlichen Gesellschaft zugrunde, in der nicht jede« für sich, sondern für jeden anderen da zu sein hat. '* Während bei allen anderen Völkern jenev Zeit ein« Klassenherrschaft in krassester Form bestand, stellte das jüdische Volk alle Klassen auf eine gemeinsame Basis. Das frühe Christentum hat die Arbeilsethik des Judentums übernommen und - überall durchzusetzen versucht. Dr. Frankenstein erläuterte dann die verschiedenen wissenschaftlichen Systeme der Nationalökonomie, die ' jeweils mehr oder minder aus die praktische Staats¬ und Wirtschaftsgestaltung eingewirkt haben. Die Systeme lassen sich in zwei Gruppen'sck-eiden: Individualismus, der dem einzelnen wirtschaftenden ' Individuum die größtmögliche Freiheit garantieren - will, und Universalismus, der das Wohl aller im .'Auge hat und den einzelnen zwingt, die Gebote dev Ethik in der Wirtschaft zu befolgen. Seit . Fichte Fein Staats- und Wirtschaftsideal verkündet . hat, blieb das deutsche Volk dem Umversalismus! verbunden. Auch die Theorien des Nationalsozialismus sind aus universalistischer Grundlage aufgo« 'baut. K.M. 3 F 0 o D G D- G G GG' U G E3 \7 O Er* aejy . E? H.„GA!-mM w _ L I F'joJ j!_ KMyLU Ui