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Central-Verein-Zeitung · 1934-01-25 · 4 (25.1.1934) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
13 (1934)
Issue
4 (25.1.1934)
Date
1934-01-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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LJ 'süjj ©cfa®$® Bon Ernst Zehrenöt Diesmal führte mich e^n Auftrag des CentralvcremS in etnen von der Neumark, Grenz, mark und Pommern wesentlich verschiedenen dentichen Landestell. Berge mit auch im Winter grünen Wäldern. Flüsse und Bäche, deren romantische Täler durch Städtchen und?.^!or nnt altdeutschen, spitzgiebeligen vausern fuhren, gewaltige Brücken, die den Anforderungen des modernsten Verkehrs geuügen, hnnmelragende Dome und Münster, deren wuchtige Ornamentik jeden Beschauer tief beeindruckt — das ist Württemberg, wo deutsche Juden in gleicher Liebe und Verbundenheit mit Heimat und Boden in schwerer Sorge das Schicksal zu verstehen suchen, das sie vom tätigen Aufbau des Vaterlandes ausschlu'sck. Denn die württembergischen Juden lieben ihre schöne Heimat besonders tief, und der Fremde braucht nur die kleinste Gelegenheit zil bieten, sofort werden ihm ausführlich die geschichtliche Entwicklung oder die geographischen Besonderheiten des Ortes genau erklärt. Ob es sich dabei im Bad Mergentheim um die Verbindung der Ordensritter mit Marienburg und der Kaiserstadt Wien handelt, _ ob cs gilt, die Bauphasen des Ulmer Münsters oder die historisch bedeutsamen Erforschungen des Fcdersees vei Buchau zu erklären — immer fließt aus dem Gedächtnis dieser volksverbundenen deutschen Juden die Erzählung ihrer Heimat mit Stolz und Freude. Dieses schöne deutsche Land ist früher nicht überall gleichmäßig mit seinen Juden verfahren. In manchen Städten, z. B. im reichsfreren Ulm. haben die Juden mehrere hundert Jahre keine Wohnrechte besessen. Aber seit ungefähr 1820 sind die Juden gleichberechtigt eingebürgert, und seit dieser Zeit legen in zahlreichen Städten industrielle Unternehmungen Zeugnis von jüdischer Wirksamkeit ab und Juden zählten zu den hervorragendsten Bürgern dieser Städte. Im Unterland gegen Franken mit seiner stärkeren evangelischen Bevolkerung ist zwar bis zum heutigen Tag eine gewisse Spannung gesellschaftlicher Art zwischeu Christen und Juden unverkennbar, im., mehr katholischen Oberland fehlt sie bei aller" Betonung religiöser Verschiedenheit fast völlig. Die in Süddeutschland überall sichtbarere Wohnkultur zeigt sich äußerlich im Bau der sich gut in die Landschaft einvrdnenden Häuser sowie in der Ausstattung der Wohnungen, iiberrascht den Besucher durch die Aufrechterhaltung traditioneller Gebräuche und die liebevolle Betreuung alten Hausrats. Bei nicht wenigen jüdischen Familien gibt es schone alte Gemälde, darunter viele Bilder der fränkischen oder schwäbischen Heimat. Die Berufswahl ist etwas anders gewesen als in Preußen, und bei aller Bevorzugung akädeirilscher Berufe, die auch Hier in stadem Maße erfolgte, stehen viele Juden doch auch seit Jahrzehnten mitten. im, schaffenden bürgeruchen Leben und haben in ihren Berufen volkswirtschaftlich wichtige. Funktionen für Hie Gesamtheit erfüllt.- Die schweren Prüfungen, die die letzten Monate den deutschen Juden auferlegt hat, haben hier eine Erstarkung ihrer deutsch-bewußten Haltung ausgelöst.. Das derdient besondere Erwähnung. Infolgedessen sprelt hier auch die Frage der Auswanderung kerne große Rolle, obwohl besondersder Jugend die zukünftige Existenzgestaltung ernste Sorgen bereitet. Aber»mit Zähigkeit halten die württembergischen Juden auch an den äußeren Zeichen der Verbundenheit mit dem Judentum fest und versuchen mit allen Opfern die Kultuseinrichtungen aufrechtzuerhalten. Der Durchschnittssatz der zu der Einkommensteuer erhobenen Gemeindesteuern beträgt ungefähr 45 Prozent. Synagogen in reicher Architektur und Ausmaßen, die dre'frühere Größe der Gemeinden am besten veranschaulichen, sind an fast allen Orten zu finden. Haben die Ausschlüsse aus Krieger- und Militärvereinen, üus Turn-, Sport- und Gesangvereinen auch die jüdischen Menschen, die z. T. seit Jahrzehnten treu zur Fahne gehalten hatten, schwer getroffen, so mögen anderseits wenige Ausnahmen vom Ausschluß nicht unerwähnt bleiben. So ist int Oberland ein jüdisches Gemeinderatsmitglied ebenso vom Innenministerium bestätigt worden wie ein Führer Her Sanitätskolonne vom Noten Kreuz, der jahrzehntelang diese Ehrenstelle innehat. Wenn vom Glockenturm der Synagoge von Buchau der Ton der mit einem Psalm in heiliger Sprache verzierten Glocke —. der einzigen Synagogenglocke in Europa — die Stunde anzeigt, in der sich die Gläubigen zum Gebet einzufinden haben, versammeln sich hier und' an anderen Orten jüdische Menschen, deren Wünsche dem deutschen Äaterlande gelten, dem auch die württemhergischen Juden in Kriegs¬ und Friedenszeiten in Treue gedient haben. QÄLLZ WZ Der Centralverein gibt durch seine Versammlungen mehr als eine Heerschau über seine Anhängerschaft, er vermittelt neue Bindung an seine Idee und' seine Arbeit. Er will die deutschen Juden mit den Fragen und mit der Zielsetzung den Aufgaben des Tages vertraut machen. In wenigen Tagen sind wieder Tausende von Menschen durch diese Veranstaltungen gegangen. Sie haben Anhänger in ihrer Treue gestärkt und Zweifler für die Idee gewonnen. Ihr Ergebnis ist die Stärkung des Wertbewußtseins dieser jüdischen, Menschen und VI.1 , »l' Aii w -v" - Q, -J$ÄAU mcMMmt rW~r~M fponE--- flw WA aW Srr-j Ho, ln einer Berliner jüdischen Volksschule wurde die Kritik an der Chanukkah* Beilage der „C. V.-Zeitung“ als Aufsatzthema gestellt. Die originellste Kritikin Wort und Bild lieferte der Schüler der 4. Klasse, Norbert F. Das Kind ist ostjüdischen Ursprungs, daraus erklärt sich wohl die Vorstellung des Kosaken*?lllilIll!III!II!llIIIllllllll!IllllUIIIIIIIllllllIlllllllllIllllHllllH!!IIIllIIIlllllI!III!!!IlIi!!Il!IHHinilllllllllIlllililll!lllllillllll1ll!lllllH!IIIII!IIIIIIIIIII!llfll!l!l eine Erhöhung ihrer inneren und äußeren ,Verpflichtung gegenüber der Gemeinschaft. Landesverband Baden Am Sonntag, dein 14. Januar fand in. Frei bürg eine B ez i r ks ta gu n g für das badische Oberland statt, die von zahlreichen- Gemeinden besucht war. Vertreten waren folgende Plätze: Freibuch. Breisach,. Lörrach. Eichstetten, Jhringen, Emmendingen, Müllheim, Bonndorf. Ter Landes.- verbandsvorsitzen-de. Rechtsanwalt Hugo Stein (Karlsruhe), sprach über, die Lage des deutschen Judentums uud über die Arbeit des CB. Der Vortrag fand starken Beifall der Zuhörer. In einer - ausgiebigen Diskussion wurde allseits die wichtige un-d erfolgreiche. Arbeit des EV gewürdigt und^ dankbar anerkannt. Mit dem Appell, auch weiterhin, im Dienste unserer Bestrebungen freudig mitzuarbeiten, konnte der -Landesverbandsvorsitzende die' harmonisch verlaufene Tagung schließen. Am Mittwoch. dem 18. Januar, Hrach^ der-. Landcsverbandsvorsitzende, Rechtsanwalt Hugo e;tem. (Karlsruhe), vor dem erweiterten Ortsausschuß in Baden-Baden über „Schicksalsfragen des deut- GMWNZMWSN m Abschied vor» eirrem Dichier Von Georg Herma«» Noch vor wenigen Wochen war Jakob Wassermann aus einer Vortragstournee Mrch Holland. Als ich nach Utrecht fuhr um ihn zu hören und vielleicht auch zu sprechen, war der Vortrag wegen Unpäßlichkeit abgesagt, und ich hatte irgendwie ein fchltmmeS Vorgefühl. Denn ich hatte ihn vor Jahren einmal getroffen, da er sehr krank und schlimm verändert ausfah, und ich dte beängstigende Empfindung hatte: em gezeichneter Baum im Walde des Lebens Dann aber, als ich ihn später wieder traf chten die - Marke des Försters weggewischt. Aber doch nicht so ganz, daß, wenn man ihn scharfer beobachtete, man völlig frei von Angst um ihn blieb. Denn „Meine Generation, wird nicht alt. Dazu hat sie innerlich zu viel durchlebt und hat sich seelisch zu schwer umstellen müssen, in einem Alter noch dazu wo man sich nur schwer zur Umstellung durchrmgt. Man kann nicht sagen, daß sie schlechter wird, meine Generation, ich sjude sogar manchmal das Gegenteil; aber ihr Ruf verhallt ms Leere hinein trifft auf eine veränderte Welt, uno das zermürbt sie, selbst wenn sie materiell gesichert erscheinen sollte./rmürbt sie vorzeckig. Mio werden unterwaschen, wie Felsblocke m einer Klamm und stürzen, bann ganz plötzttch in uns zusammen, wenn niemand, daran dmkt Und das ist wohl jetzt auch Wassermanns Schicksal gewesen, dieses^ körperlich kleinen unermüdlichen Titanen der Arbeit, dessen aames Dasein eine einzige gewalt ge tE^r-ckeistuna war, ein Aufemanderhäufen von?vllovisch?n Blöcken zu einem Werk, oas von ptiopi qu pylonenhaft m eine Z-ü'des MerarisüM Zwergwuchsts l,i„°i,>. Wo Wassermann literarisch herkam, weiß man nicht. Er war ylötzlich da mit den ersten' Skizzen im „Simplizissimus", von Anfang an mit seinen Schwächen und feinen grandiosen Vorzügen. Denn er hatte beides. Ein kleiner Kaufmann aus dem jüdischen Kleinbürgertum, mit mangelhafter Schulbildung, der von früh an Dichter werden wollte. Ein Mensch mit Lava statt Blut in den Ädern. Ohne ein Lachen, ohne ein Witzwort, ohne einen Funken von Humor. Wenn Menschen eine Färbe haben,, in der man sie vor sich sieht, so habe ich Wassermann immer als ein tiefes Purpurbraun gesehen. > Er ist kein Mann der Leidenschaften, auch kein Erotiker, wie Lawrence. Er ist auch kein Grübler, kein logischer Denker, kein Verweilender bei der. Schönheit der Natur, der Dinge oder der Menschen, denen er sich hingibt . . . aber unter jedem Wort pocht und treibt der unterirdische Lavaström;.. der mystische Grundton semeS Jchs, der nie erkaltete. Er ist kein Betrachtender im Goethe-Sinne, der das Leben objektiviert. Er ist auch kein eigentlicher Gestalter ..-. der Traum seines Lebens, ein deutscher Balzac des .anfangenden zwanzigsten Jahrhunderts zu sein ... er erfüllte sich nicht vollkommen. Er ist mehr für die Psychologie starker Impulse als für die letzte seelische Nuance. Er liebt Handlung mehr als deren Begründung. Aber er ist unerhört, stark und einmalig, prachtvoll in der dunklen Glut seiner langhinrollenden Perioden, die „ls stil. c’est l’homme" sind, das treueste Widerspiel seines Jchs. . . ... vV Er ist» schon ganz großes Format, dieser Wassermann, der nicht eme Zeile gab, die gleichgültig war oder ohne tieferen Ernst und Verantwortungsgefühl seiner - Mission und Begabung gegenüber, die ihn von Änfang an nicht nur m die allererste Reihe, sondern an dle Spitze der deutschen Erzähler stellte. Und dabei blieb er immer. Einer, der ganz allein stand und nicht wegzudenken war. Ein unermüdlicher Arbeiter, an .seinem inneren Menschen, ein Bändiger der Fülle der Visionen, die ihn bedrängte, ein Mensch voll von Siegerwillen über das Leben, Herrscherlust, Qualen und Abgründen. Unreligiös, dem Dasein scheinbar hinsiegeben und doch tief in eine ihm latente Mystik verflochten von Uroeginn an. Nichts war ihm ernster als sein Schaffen. Sein ganzes Leben war nur in bezug darauf wertvoll für ihn. Ich weiß nicht, - ob dieser vulkanische Mensch, der sich immer wieder selbst bezwang, leicht oder schwer arbeitete . . . was wir Schriftsteller arbeiten nennen . . . aber ich J habe bei . manchem seiner Bücher die Empfindung, als ob eine heiße Quelle angestochen wurde und nun ihre Geysirs hochwirft. Wahrlich, er hatte nichts Tänzelndes,' nichts Leichtes, nichts Einfaches . . . wenn Dürer sagt, er war innerlich voller Figuren ... so konnte Wassermann von sich sagen, er war innerlich voller Probleme. Er liebte nicht die gebrochenen Menschen, aber Menschen mit einem Bruch. Es hat vielleicht Zeiten gegeben in seinem Leben, wo er vergessen hatte, daß er Jude war. Mach den „Juden von Zirndorf" gab es- Iolch eine Periode. Später aber hat er wieder ehr darum gewußt. Er schien der modernste Mensch zu sein, aber er war uralt, fast biblisch alt dabei. Und beides: das dunkle,- uralte Bluterbe und das hellste Fühlen in die' Gegenwart hinein, durchdringen sich bei ihm ständig. Vor viertausend Jahren wurde ein' Wassermann-Prophet, vor vierhundert Kabbalist . ... vor vierzig Jahren Dichter. Schrift- ' Iteller. Verkünder der neuen Zeit und seines asiatischen Jchs, das wirkliche Trilogien der reidenschaft aus sich herausschleuderte. Mit dem ersten Tag eines neuen Jahres ' ist er von uns gegangen, warf einen trüben . Mollton in unser kaum erwachtes Hoffen. Noch fassen wir das nicht recht, fühlen nichtganz, was wir verloren haben, fühlenuns' nur wehmütig, itnd mit tränenverschleierten Blicken fvrechen wir die Worte vor uns hin,. die der Jude Boerne Jean .Paul einst-nach-» ries: . . . - „Ein Stern ist untergegangen, unh das Auge des Jahrhunderts wird sich schließen, bevor er wieder erscheint; denn in weiten Bahnen zieht der leitchtende Genius, und erst späte Enkel heißen freudig willkommen, mm dem trauernde Väter einst weinend geschieden." Ms erfts mb dis lsUs von Georg Hirfchfeld Vierzig Jahre Jakob Wassermanns Weg bald näyer. bald ferner zu sehen, war mir be- - schieden. Nun weiß ich von seinem Grabe in Steiermark, und als ob es gestern gewesen wäre, sehe ich die kleine Berliner Gesellschaft vor mir. die im Jahre 1894 zum erstenmal den Namen hörte, der weltbekannt werden sollte. Es war bei Otto Brahm, der eben das Deutsche Theater übernommen hatte. Brahm war der geborene Entdecker in der Literatur.. Er sah nicht wie Kolumbus ein Indien im - gefundenen Amerika. Er hatte den kühlen und zugleich feurigen Spürsinn für echte Jugend, sein Urteil galt. .Deshalb kam auch sein Altersgenosse Ernst von Wolzogen da-, mals zu' ihm und wollte, wenn nicht schon den Theaterdirektor, so doch den Fördererdes Talentes für einen Schützling int'er-' essieren. Auch ich war zu dieser Vorlesung- Wolzogens bei Brahm eingeladen. So sah'' ich - die freundlich, aber etwas skeptisch gestimmten Zuhörer kommen,, für die out Ruf Otto Brahms jedenfalls maßgebend. war. Erich Schmidt, der Literarhistoriker der Berliner Universität, Rudolf Rittner, der stärkste Vertreter der jiingen Schauspielkimfr. Friedrich' von Schennis, der genialische Radierer, und' Emil Heilbut, Brabms Freund, unter dem Namen Hermann Helfserich, der beste Kirnstkritiker dazumal. Wolzogen, der so reizvoll ein aristokratisches Künstlertum mit beut Bajazzo-Schimmer.

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