Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 3 (18.1.1934)
- Date
- 1934-01-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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G WO LjOU im Die musikgeschichttiche Einordnung Wolf. ,Ferraris, Darstellung von Inhalt und Musik seiner Oper „Die neugierigen Frauen" ist bereits in einem Vorbericht erfolgt. Die Ausführung regt zum Vergleich mit der ersten Oper im Kulturbund, Mozarts „Figaro", an, dem mm das Stück eines Komponisten folgt, über dessen Lebensarbeit das Motto steht: „Zurück zu Mozart'. Beiden Musikern lagen t'ilmtutic Libretti vor, Mozart das komödienhackte Intrigenspiel Da Pontes, Wolf-Ferrari die komödiantische Persiflage Gvldoni-Suganas. Aber Mozart gibt dem äußeren und äußerlichen Ablauf die seelische Motivierung, vertieft zur Gestalt, zum Leben und zur Menschlichkeit, was bei Wolf-Ferrari Figur, Spiel, Szenen folge geblieben ist. Seine Musik iit auf die Töne des Pikanten, Pointierten, Niedlichen beschränkt; einmal nur erhebt sie sich zu dem echten Gefühl, in einem Quartettsaü rin zweiten Akt zwischen Ottavio, dessen Frau Hilft Tochter und Florindo, einem wirklich großen Wurf in Durcharbeitung und Steigerung. Das Orchester leitet Josef Rosen stock, leitet es mit der ihm eigenen Sensibilität, die diskret zu begleiten weiß, niemals den Sänger zudeckt. Der Jnstrumentalklang entfaltet sich reich und selbständig in einem graziösen Me- mictt, einer feurigen Furlana, in der amüsauten Ouvertüre und den großen Zwischenaktsmusiken. Besonders schön kam die Barrarvlenmusik, in der Wolf-Ferrari, wie schon früher Liszt, eine altvenezianische Melodie verarbeitet. Vom Dirigentenpult geht der musikalische Esprit, der prickelnde Humor aus, mit dessen Herausarbeitung diese Musik steht und fällt. Mit Recht wurde Rosenstock schon in der Pause vor den Vorhang gerufen.. Tie Bühnenbilder entwarf wieder Heinz E o n d e l l- Hinter dem Bühnenvorhang wird die Szenerie noch von einem besonderen Vorhang verhüllt, der immer erst von Pierrot <Nelly Hirth) und Pierrette (Ruth Anselm) geöffnet wird; es ist wie eine Andeutung, daß alles nur eine Scheinwelt vorstellt, Scherz, Spiel, Theater, diesmal ohne „tiefere Bedeutung". Busoni fordert, daß die Oper eine Scheinwelt schaffe, die das Leben in einem Lachspiegel reflektiere. Diese Scheinwelt hat Evndell mit allerlei lustigen Dekorationen, Kostümen, Kulissen belebt, von denen sich die Bühmnbilder aus dem Männerklub besonders auszeichnen. In diesem heiteren Milieu bewegt der Regisseur Kurt Baumann seine Leutchen, fügt sie zu einem lebendigen Ensemble, aus dem kein Sänger selbstherrlich in den Vordergrund tritt, in dem aber auch keiner unbeteiligt beiseitesteht. Arlecchino ist Walter Olitzki. eine glückliche Mischung von marionettenhaften und vussonesken Zügen; eine Charakterstudie überlegener Prägung, die um so höher zu bewerten ist, als Olitzki sich in dieser Partie stimmlich große Reserve auferlegen muß, tm wesentliehen aus die schauspielerischen Ausdrucks- Möglichkeiten beschränkt bleibt., Bewundernöwert, wie trotz der rasenden Eile, mit der er seine Sätze hervorsprudelt, jedes Wort zu verstehen ist. Fritzi Jokls Naturell kommt der svubrettenhaften Nolle der Colombrna wert entaegen; reizendes Kleinformat tn Spiel und Gesang. Susanne Steins eminentes Talent tritt hervor, wenn sie, wie diesmal, m.der ihr gemäßen Altlage singen kann. Dom Ehcrubin zu einer neugierigen, em wenig klüftigen Gattin und Mutter — eine große Verwandlung, die überaus Mt gelungen is. Reu ist Erica Storni, die mt in Stimme und Darstellung das LMM' mäßige gut trifft. Mr atemloser Bericht von der säumigen Schneiderin )*nrd dem Textbuchunkmidigeli freilich unverständlich fern. Das liegt nicht an ihr; die konsonaiitenreiche deutsche Sprache verlangt eben manchmal em gemäßigteres Tempo, als das italienische Original. Hermann Kant ist alv Pantal ein Hagestolz mit abgrundtiefen und kohl llULTUraO 8MWM W erllner Tbe.ter, »*>»■*■“ nnerstag, 1. Fcbr. Nathan der Wo?°cjn*r8 RM. lA nnabond. 3. Febr. D o Hochzeit de* F jarj « nntag, 4. Febr. Di« H°chÄa|L D BM. 1,00 >ntag, 5. Febr. Nathan dor weis« isatzkarten für die«« » Aufführun^.tad.za^haben den Zahlstellen: GERSON, gcHlLDBERGER, 3DEM, Dahlmannstrasse 8 I 4 j cnsburger Strasse / FROMM. (Inhaber ichladeit Bayerischer Platz MITose*), Grcifswalder Strass« M. Ferner » nrrh diese Sonder-Veranstaltungen ist den mh [ledern sowie don, •j.'ffid'1’'l|,n°rder *Mi°tRllcdilurlo ingungen zu besuchen.!-<?: ae/Zi ,7 r< ,7 ' Zur Opem-Prcmterc im Kulturbund V\ ’Vi , ’3f S , ft ‘ , -''<0- «*• -«•r-'if \ Sl et ' X'--< | * ■/- '% - W\ '?\ JV \ \\ V" „ Ve? ' v, , , J! V j\ on.,< Beatrice: Susanne Stein B&pm Florindo t P, Feh£r Von link« nach rtchla: Roaaarat H. Brand t , / ' t % Colombina: F. JokI (*£ A« Beatrices S. Stein ----- ••••"•* - Eleenora: E. Storro fSj,fel'V 1' YX-Y Bühnenbild des 1. ’AIctes •a :'=lAVtf>y 77 W ■* LeUo.i F. Lechner UlM jbh {W;'»"“ 'l\ ./ XL" \'A°'U' t -. . fj \ \\ s Laandrot M. Noe Arlacbinos W, Olitzki Laliot F, Lechner i / MT - 'A. M 4 Aufnahmetf und Montag«: Herbert Sonnenfeld schwarzen Baßtönen. Paul Fehsr, frtcher an der städtischen Oper Berlin, singt als Florindo mit etwas nasaler, aber überaus weicher und weittragender Stimme die sehnsuchtsvollen Liebesseufzer und das weitgeschwungene Melos seiner Partie; doch sollte er dem Ohnmachtsansall Nosauras nicht so taten- und teilnahmslos zusehen. Für die Rolle der Rosaura bringt Hanna Brand große Beweglichkeit und eine schöne Stimme mit, die allerdings in der Höhe nicht immer ohne Schärfe ist; anderseits gelingt ihr selbst das „a" in der zweigestrichenen Oktave mit überraschend leichtem, mühelosem Ansatz. Eugen Fuchs als eßlustiger Schlemmer Ottavio vcrtritt die Note des behäbigen Humors, Fritz L e ch n e r die des schlagkräftigen Cholerikers; ein glaubwürdiges Klubmitglied stellt Marcell Notz dar. Ein Spiel, in Heiterkeit und Unbefangenheit erdacht, in geistvoller Laune aufgeführt, vom Publikum amüsiert und vergnügt ausgenommen: ein entzückender Opernabend. Ludwig Altmann ErlkMWrMg in Krrkid Die Mische Kulturbund-Bühne Nhein-Ruhrführt die „Stella' auf. Das Stück ist in den letzten. Jahrzehnten wenig, seit 13 Jahren aus den großen Theatern des Nhem-Ruhrbezirkes überhaupt nichts gespielt worden. Seine berühmteste Renaissance, verdankt es Reinhardts Inszenierung, der - wie ein bedeutender Kritiker damals (1920) schrieb — „den Mut zum Ueborschivang der Stürmer und. Dränger ai,8 der zerrissenen, gestachelten, sehnsüchtigen Gegenwart holte. Nur bei einem bewegten, aufgewühlten Publikum findet die „Stella' eine wirkliche Resonanz. Die Wirkungen des Stückes, die Affekte sind zu zart, als daß sie. den Saturierten erschüttern könnten. Der amusische Mensch, der bequeme Spießbürger kann kein Organ für diejes Drama haben. Es muß ihin als eine langweilige Aneinanderreihung veralteter, höchstens sprachlich schöner Lyrismen erscheinen; er wird nicht wissen, was er mit diesem Werk an fangen soll, das — wie er. glaubt — nur dem Bildungs- Philister etwas — als historische Erinnerung an Rokoko und Empfindsamkeit bedeuten könne. Doch er irrt. sich: die „Stella' ist nicht zeitgebunden; ebensowenig wie sie jemals ihre Wirkung aus der Zeitnähe bezogen hat. Darüber war sich der;unge Goethe schon klar. Deshalb beschränkte er freiwillig und im Hochmut des Sturms und Dranges den Kreis derer, die sein zärtlichstes Drama enipfangen sollten. Die erste Fassung (1775) wendet sich — ein seltner Fall in der dramatischen Literatur! — an ein vom Dichter erwähltes Publikum. Sie trägt die Bezeichnung: „Schauspiel für Liebende'. Man darf den . Kreis größer fassen: allen denjenigen, die einmal von einem starken Gefühl bis' an die Wurzel ihres Seins getroffen worden sind, die von der Not der menschlichen Seele wissen, von der Dual der Verantwortung, von Einsamkeit und Sehnsucht nach Harmonie, kann die „Stella' zmn^ Erlebnis werden. Die Fabel der Tragödie (die Kulturbundbühne' wählte die tragisch endende späte Fassung von' 1805) ist außerordentlich einfach. Sie gibt da8 Zusammentreffen eines Mannes mit zwei von ihm verlassenen Frauen, der Gattin und der Geliebten. ■ wieder, Dem Oberflächlichen mag die „Stella' ein schlechtes Drama scheinen, dessen Handlung vom Zufall bestimmt, arm oder gar kolportage-' 'hast, dessen Charaktere ohne Entwicklung und daher uninteressant seien. In Wirklichkeit ist die : „Stella' nicht nur das einzige klassische Kammer- spiel — durch eine geniale Konzentration der . Handlungsführuna werden in wenigen Augenblicken die wesentlichsten Ereignisse aus dem Leben .. der drei Hauptpersonen vor dem Zuschauer auf. gerollt, während sich ihr Wesen zugleich in der , disferonziertesten Werse entfalten kann; sie ist auch . eine Schrcksalstragödie, echter als die> meisten,-die unter diesem Namen, in die Literatur eingegangen sind. Die Wahrheit, der tiefste Sinn deS Trauerspiels liegt in seiner Problemstellung, in der Anlage des Konfliktes, der besteht auch ohne die Zuspitzung der Ereignisse, wie sie durch das zufällige Wiederfinden gegeben ist. Ewiges Schicksal des Mannes, der die Welt durch das Ntedium der Frau erlebt: zu lieben, die Geliebte sich zu eigen zu machen, dann aber sich wieder loszureißen, um sich neu zu erweisen. Ewiges Schicksal der besten, der weiblichsten Frauen, gerade diesen Männern anheimzufallen, die unendliches Leid über sie bringen müssen, ihnen aber auch das höchste Glück, die leidenschaftlichste Liebe schenken; erkämpfen diese Männer sich doch mit der Frau die Welt, umarmen sie doch in ihr den Kosmos. Die Aufführung unter Fränkel-Froons Regie war weittragend bestimmt von dieser Anffassnng. die Fernando, Cäcilie und Stella als Träger allgemeingültiger Schicksale sieht. Dadurch, daß die Rokokoelemente zurückgestellt werdetr und die Akzente auf den großen Gefühlsmomenten ruhen, wurde augenfällig, wie modern die Ätenschlichteit dieses Goethe-Werkes ist — trotz „der anderen Sorgen', die wir haben. Dieser Aufführungsstil wird überall als Willensausdruck des ungeheuer intensiven Regisseurs spürbar; in erster Linie wirkt er sich in der Anlage des „Fernando' aus, der hier nicht als launischer Schwächling erscheint (wie ihn der Goethe-Biograph Bielschowsky deutet), sondern als ein Mann, vom Tatendrang hernmgetrieben, dor denen entwachsen muß, die er liebt, ohne sich von ihnen lösen zu können. Hermann Schindler hat die noble Männlichkeit für einen solchen Fernando. t Nuancenreich m der Gefühlsskala, dabei, -ohne eine Spur von Neurasthenie, die die Fernando-Darsteller so gern dieser Gestalt mitgeben, zärtlich und herb, ein Schauspieler, dem man den Landsknechtführer, den Don Juan und den leiten- - den Menschen (vor allem in der fanatischen Selbstbeschuldigung des 4. Aktes) glaubt. Franziska O k m i a n s k y. „sehr jung und schnippisch' gibt den hellen Ton ungebrochener Lebensfreude. Elly Reicher stellt sich dem Publikum als Cäcilie vor. Eine Künstlerin mit außerordentlicher Kultur und sprachlicher Meisterschaft. Die Höhepunkte ihrer . Darstellung lagen in der Interpretation der Ent- sagung und der gütigen Ueberlegenheit. ■ 3vr