Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 3 (18.1.1934)
- Date
- 1934-01-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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©reini Eer%,15. Januar 1934 XI».Jahrgang / Nr. 3 .;4,:^p@Is '2'0'P.fej ÜJIUi_FÜ| PlüTSCHTUtl .... ...Pf -■ 11 Ä JE. @ >i jä '? K J li (t) M G A N" 4,' F ■mCJ Wie wir mitgeteilt haben. Hai der Er. ziehungsausschuß der Reichsvertretung der deutschen Juden neue Richtlinien für jüdische Volksschulen ausgearbeitet. Zu diesen Nichtlinien. die wir in der 1. Beilage dieser Rummer wörtlich wiedergeben, schreibt unser pädagogischer Mitarbeiter: ,Richtlinien* sind im Gegensatz zu ,Lehrplänen* dazu bestimmt, dem einzelnen Pädagogen den Rahmen zu weisen, in dem sich sein Unterricht bewegen, sowie das Ziel zu zeigen, zu dem er die ihm anvertrauten Jugendlichen führen soll. Die Lehrerschaft jeder Schule stellt ihre Jahrespläne (die also jedes Jahr den entstandenen neuen Bedürfnissen entsprechend revidiert werden können!) nach den einmal ge- Öie juristisch-wirtschaftlich© BerafungssfeSS© Rechtsauskunftsstelle des Central-Vereins sind Montags bis Freitags von 12-14 Uhr geöffnet tierlin W 15 Emser Straße 42/IV gebenen großen Richtlinien auf. Durch diese ' Einrichtung ist eine Erziehung nach den vom (Gemeinwesen gewünschten pädagogischen Gesichtspunkten gewährleistet, und der Erzieher erhält die Möglichkeit, seinen Fähigkeiten entsprechend den Unterricht individuell zu ' gestalten und auch den Schülerpersönlichkeiten weitgehend Rechnung zu tragen. 3Jiit den kürzlich vom Erziehungsausschuß der Reichsvertretung der deutschen Juden deradschiedeten zusätzlichen Richtlinien zu den staatlichen Richtlinien für bic Lehrpläne der Volksschulen ist einem Bedürfnis Rechnung getragen, das schon seit langem in den bestehenden jüdischen Schulen deutlich fühlbar wurde. Zwar war durch eine gewisse Freiheit in der Gestaltung des Religionsunterrichtes versucht U'orden, der Forderung einer spezifisch vom Judentum bestimmten Erziehung entgegenzukoinmen; auch war es einer von echtein jüdischreligiösen Geiste erfüllten Lehrerpersönlichkeit nicht unmöglich, eine im besten Sinne jüdische Vtmvsphäre in der Schule zu schassen, jedoch war das ganze ohne jedes System und dem Belieben des Lehrers überlassen. Eine Ausnähme bildeten nur in gewissem Umfange einige gesetzestreu geleitete Schulen, die den Heranwachsenden jungen Juden eine anerkennenswert geschlossene Bildung und Weltauschauung vermittelten. Diese Schulen kamen aber für den größten Teil der deutschen Juden nicht in Betracht. Es blieb eine Lücke in der Pädagogischen Arbeit der jüdischen Schulen offen; sie waren im besten Sinne deutsche Schulen. Ten Bedürfnissen, wie sie sich besonders in der letzten Zeit ergeben haben, konnten und brauchten sie nicht Rechnung zu tragen. , „ . Die neuen jüdischen Schulen sollen dem jungen Juden im eigentlichen Sinne das ver- Mitteln, was auch der Centralvercm aus seme Fahne geschrieben hat: eine Erziehung und Bildung. die bestimmt ist vom Deutsch t u m unö vom Judentum. Ohne Konstrnkturgeslchtspunkten nachzugehen, soll der Abendliche von den zeitlosen Werten der deutschen und jüdischen Kultur eine menschliche Festigung empfanden, dre ihn befähigt, auch rm Lebenskampf seinen Mann als deutscher Jude zu stehen. Dabei muß eine lebendige Anteilnahme an der allgemeinen deutschen Entrmcklung s *. wie an den Gegenwartsfragen des Judentums das Ziel aller Erziehung in der indischen Schme sein. Aus ihr sollen willensstarke Charaktere hervvrgehen, die in unablässigem Zungen um das Wohl des deutschen Judentums ihre Lebensaufgabe und Erfüllungsehen. . Die vorliegenden Richtlinien sind als Ergünzung für die allgemeinen staatlichen R:cht linien gedacht. So kommt es, daß sie erst un Zusammenhang mit diesen das Bild erg- , nach dem die dentsch-jüdische Schule gesmlset werden soll. Ost wird der Leser Forderungen besonders auf dem Gebiet des kulturkundlichen Unterrichtes vermissen, die sich mit Selbstverständlichkeit aus den allgemeinen Richtlinien ergeben. . Dennoch haben die Bearbeiter geglaubt, auf die leitenden Gesichtspunkte, die bei der Erziehung jedes jüdischen deutschen KindeS ausschlaggebend sein sollen, auch in den Ergänzungsrichtlinien nicht verzichten zu dürfen, und so lautet der erste lapidare Satz, ein Satz, der nicht besser im Programm des Central- Vereins stehen könnte: „Die jüdische Schule erfährt ihre besondere Prägung aus dem doppelten Urerlebnis, daß jedes m Deutschland lebende jüdische Kind in sich trägt: dem jüdischen und dem deutschen. Diese beiden Grunderlcbnisse sind gleichmäßig zu entwickeln und ins Bewußtsein zu heben; sie sind in ihrem Neben- und Miteinander wie auch in ihrer Spannung fruchtbar zu machen und zu entfalten." # In den folgenden allgemeinen Richtsätzen wird die jüdisch-religiöse Erziehung in.den Mittelpunkt der Schularbeit gestellt; aber auch das Schicksal der jüdischen Gemeinschaft in Vergangenheit und Gegenwart soll dem Heranwachsenden Juden nahegebracht, er selbst zu freudiger Erfüllung seiner Aufgaben in der jüdischen Gesamtheit sowie in seinem engeren und weiteren Lebenskreise erzogen werden. Ganz besonders bedeutsam und erstmalig wird', hier in einem besonderen Abschnitt die körper-' liche Erziehung, die Pflege von Turnen. und Sport sowie die manuelle Ausbildung als wichtige Aufgabe der jüdischen Schule bezeichnet. Durch die Pflege handwerklicher Arbeit' soll die für das deutsche Judentum so not- - wendige Bexussnormalisierung, wenn nicht herbeigesührt, so doch geistig vorbereitet werden. Daß der Religionsunterricht sowie der Unterricht im Hebräischen unb in der jüdischen Geschichte eine hervorragende Rolle in der jüdischen Schicke spielen wird, versteht sich eigentlich von selbst. Die Erfüllung der jüdischen Fächer mit Leben und Freude wird die Hauptaufgabe des neuen jüdischen Lehrers sein. Zli solcher lebendigen Vermittlung des Kulturgutes gehört es aiich, daß das Hebräische nach den Prinzipien des modernen Sprachunterrichtes, mit Sprechübungen und Hebungen im schriftlichen Ausdruck gelehrt . wird. Ziel eines solchen Unterrichts ist es, die Jugend wieder in ein engeres Verhältnis zu den Quellen und Werten des Judentums zu bringen, eine Forderung, die leider in der Arbeit der letzten Zeit, die oft zu sehr unter dem Eindruck der Auswanderung stand, nicht immer berücksichtigt wurde. Die jüdische Geschichte soll in einem gewissen Zusammenhang mit der allgemeinen Geschichte behandelt werden, um dem jlingen Menschen eine rechte Vorstellung von dem Schicksal seiner Gemeinschaft im Laufe der Weltgeschichte zu geben. Ganz besonders ausführlich soll die Geschichte der Juden in Deutschland dargestellt werden. Daß bei all dieser Arbeit die Behandlung der all-. gemeinen Geschichte sowie auch die Besprechung von Gegenwartsfragen nicht zu kurz kommen darf, versteht sich aus der engen Anlehnung an die staatlichen Richtlinien, die, wie schon erwähnt, überall vorausgesetzt werden. Die Forderungen der allgemeinen Nichtlinien für den Unterricht in deutsch werden dahingehend ergänzt, daß wertvolle Werke jüdischer Dichter 'deutscher Zunge, aber auch wertvolle Ueberschungen aus dem Schrifttum biblischer und nachbiblischer Zeit der jüdischen Jugend zugänglich gemacht werden sollen. Von entscheidender Bedeutung für die Ent- Wicklung des jüdischen Kindes ist die.Gestaltung des heimatkundlichen Unterrichts. Unter Heimatkunde versteht die neuere Pädagogik jedoch nicht nur die Beschäftigung mit der geographischen Heimat, sondern rn weck stärkerem Maße die Einführung m -tue gersttfle Welt der kindlichen Umgebung. So wird m der Darstellung der allgemeinen äußeren Hermat auch die nächstgelegene Synagoge, das Gemeindehaus usw. eine Rolle spielen, dre Be- - svrechung allgemein interessierender Gebräuche und Feste wird durch liebevolles Eingehen aus . die jüdischen Feste des Jahres ergänzt werden. ' :?perfönltd3fciten der Heimatstadt sind neben Persönlichkeiten der Hejmatgememde zu würdigen. Es wäre zu weitgehend, wenn,man auf alle Fächer der jüdischen Schule mit der Ausführlichkeit eingehen.sollte, die die Sache eigentlich erfordert. Daß auch im Musik- und Zeichenunterricht geeignete Anknüpfungspunkte für den jüdrschen Lehrer gegeben sind, daß im Erdkundeunrerricht ein Eingehen aus Palästina nicht fehlen darf, kann sich der Leser nach dem Gesagten wohl selbst denken. Für denjenigen, der ohne Vorkenntnisse an die Lektüre der Richtlinien herangeht, besonders für den Laien, mag es manchmal so scheinen, als ob jüdische Gedankengänge in allen, auch ungeeigneten Fächern, zur Geltung s „ " S; - 'tf'V .. * - ' *‘V Sanitäiwrat Dr• Alfred Goldschmidt gebracht werden sollen. Dies ist jedoch keines-!. Wegs beabsichtigt. Wohl aber , soll das.- gesamte Schulwerk ausstrahlend von den kulturkundlichen Fächern von wahrem jüdischen Geist durchdrungen werden, von einem Geist, der unsere Kinder befähigt, aus der Grundlage gefestigten Judentums, den Weg in das Leben zu finden.' Heico, V§CschW§WhWWg WMscher Legst. ’ Wer die jüdische Presse dieser Zeit liest, kommt zu dem erschreckenden Ergebnis, daß bei aller Verschiedenheit des Zieles vielen Zeitungen eins gemeinsam ist: die Lust zum Polemisieren. Es ist geradezu unverantwortlich,' wieviel wertvolle Energien, die zu positiver, ausbauender Arbeit verwandt werden könnten, daraus verschwendet werden, zu beweisen, wie falsch es der - -innerjüdische „Gegner" immer und allenthalben gemacht hat. Man hat sich in diesem Blatte bemüht, diese Methode nicht mitzumachen. Man hielt es für wichtiger, positiv die eigene Grund- .einstellung zu umreißen, statt sie negativ an der . vermeintlichen Unzulänglichkeit der andern darzulegen. Man hat von Arbeiten berichtet, die um'der Zukunft der deutschen Juden willen erfüllt wurden, und von solchen, die erfüllt werden müssen. Wir haben zu Angriffen geschwiegen, nicht, weil wir uns nicht hätten verteidigen, können, sondern weil sie leider vielfach in einer Weise erfolgten, die uns keinen geeigneten Ausgangspunkt für eine geistige Klärung zu geben schien. Und nur geh. m 20. Mernkm 1865 in Breslau, ieft. am 14.3atmat 1934 in Berlin Bei Würdigung des Verlustes, den das deutsche Judentum durch das Hin» scheiden von Alfred Goldschmidt erlitten hat, fließen Erinnerung und Mahnung ineinander. Alfred Goldschmidt war eine Einheit. Er hat das Element, das wir mit ihm als das Ziel eines deutschjüdischen Daseins empfinden, vorgelebt. In seiner überaus reichen Wirksamkeit —. schon in seiner Jugendzeit hatte er die erste dentschjüdische Studentenverbindung Viadrina in Breslau mitbegründet — ging er den Weg. den die dentschjüdische Bewegung in seinem Sinne später beschritten hat. ' Er sah seine Aufgabe in der Erfüllung von drei Forderungen: Wahrheit, Würde und Charakterfestigkeit. Seit der Gründung des Centralvereins ein entscheidender Mitarbeiter ait seinen Aufgaben, seit langem Mitglied des, Hauptvorstandes, hat er in grundlegenden Fragen unserer Gemeinschaft, insbesondere nt der Erörterung des Problems: Judentum und Kapitalismus, Bleibendes geschaffen. Neben Eugen Fuchs war es Alfred Goldschmidt, der gegen den. ltebertritt aus Gewinnsucht, gegen die Mischehe, soweit sie nicht Neigung, sondern Strebertum geschlossen hat, auftrat. Er verlangte die gesellschaftliche Scheidung von den unlauteren Elemen- >ten, die-uns 'und unseren Kampf im Stich lassen. Würde war das Zweite, was Alfred Goldschmidt stets seiner Gemeinschaft geben wollte. Deshalb wandte er sich besonders gegen die Selbstverhöhnung der Judenheit durch eine Abart des sogenannten jüdischen Witzes, wie. sie namentlich in gewissen öffentlichen Veranstaltungen, Varivtsbühnen und mit inneren Hemmungennehmen wir daher zu dem herausfordernden Leitartikel der, letzten Nummer der „Jüdischen Rundschau^. (Nr. 4 vom 12. Januar 1934) Stellung. Der Aufsatz, der die Überschrift trägt» „Judentum ist keine Nühlichkeitssrage", wendet sich zunächst gegen eine rechthaberische Be«.., trachtung der Dinge, unter dem Gesichts« - Winkel: „Wir-Habeir das ja schonalles vorausgesagt." Auch wir glauben, daß derartige Ueberlegungen zu nichts führen und daß sie außerdem bei keiner Gruppe gerechtfertigt sind, und wir hoffen nur, daß der Verfasser des Artikels auch die von chm vertretene Richtung dabei nicht ausnimmt. Nach einigen Nebenbemerkungen, auf die wir hier deshalb nicht eingehen, weil wir uns nicht durch sie getroffen fühlen, kommt der Aussatz auf die Bedeutung des Palästinawerkes zu sprechen. Es ist an dieser Stelle oft genug gesagt worden, daß die Scheidung zwischen uns und der zionistischen Richtung nicht in der Bejahung oder Verneinung des Aufbauwerkes liegt, der Unterschied liegt darin, daß wir in Kabarets usw. durch Juden selbst geübt wurde. Ein Wort von ihm aus der Zeitschrift „Im deutschen Reich": „Kunst hat vielleicht nicht eine so exklusive Augenblickswirkung wie der Witz, aber sie hat den Vorzug einer seelischen Reinigung und Läuterung, die nachhaltig wirkt, während der Witz der Selbstverspottung im Augenblick vielleicht auf viele Gemüter mehr wirkt, aber schließlich das Gefühl der Niedergedrücktheit nach sich zieht." DaS. Ziel, und die Krone des Kaiupses für Wahrheit und für Würde war.das höchste Maß von Sittlichkeit, die er als letztes Streben in seiner umfangreichen Tätigkeit — über 20 Jahre war er Großsekretär der jüdischen . Großloge für Deutschland — stets in allen Einzelheiten durchzuführen -sich als Ausgabe gestellt hat. Niemals ein Freund unfruchtbarer Auseinandersetzungen,, stets geschieden von.Fanatikern und Theoretikern alter Richtungen,'lebte er dem Gedanken des Ausgleichs, aber unbeirrt in der .einen Forderung: Prak- - tisches Judentum kann nur ein Jndeutmn der Verinnerlichung, sowohl aus religiösem wie auf' sittlichem Gebiete sein. Alles Schreiben und, alles Sprechen, ja das ganze Leben, war diesem praktischen Ziele, gewidmet. .. Wenn Alfred Goldschmidt im jugendlichen Alter das Vertrauen seiner Kollegen .in'die Aerztekammer in.Breslau — .er war ihr . jüngstes Mitglied — berNsen hat, wenn ihm während des Weltkrieges als Stabsarzt von seinen Vorgesetzten die ehrendste Anerkennung zuteil wurde, so kam in dieser ..Anerkennung stets zum Ausdruck, daß seine Tätigkeit getragen war von der unbedingten inneren Verpflichtung. Dieses ungemein starke Innenleben war für die Tausenden, die er betreute, war für unseren Centralverein . eine ständige Mahnung und ein leuchtendes / Beispiel. Sein Ziel war: Zum Segen der Allgemeinheit zu werden auf jüdischer und auf - deutscher Grundlage. L. H. H'i