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Central-Verein-Zeitung · 1934-01-11 · 2 (11.1.1934) · page 10

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
13 (1934)
Issue
2 (11.1.1934)
Date
1934-01-11
Page
– (sequence 10)
Language
German
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als an eine freie schöpferische Persönlichkeit zu glauben Me an Gott, den aus sich heraus formenden Schöpfer. Im Denken und in der Wisienschaft des Menschen sehen wir eine erstaunliche Harmonie des Stiles. So wie man Gott seiner Persönlichkeit berauben wollte, „Ihn" zum „Es" degradierte, lieber die völlig in der Luft schwebende Vernünftigkeit, das Gute, die Idee und was immer akzeptierte, als das unendliche in sich selber gegründete Ich, so verfuhr man ähnlich mit dem Menschen. In der Tat, seine Freiheit und Selbstbestimmung, fein Bewußtsein für Verantwortung und Pflicht ist in der Welt der Tinge ein solches Wunder, daß, erführen die Menschen nicht von dieser ihrer Beschaffenheit im täglichen Erlebnis des eigenen Selbst und der andern, dieser Mensch sich selber und den andern ebenso als Mythos erscheinen müßte wie Gott dem Ungläubigen. Was also tat man, um den Menschen, dieses anstößige Wunder, aus der sonst so übersichtlichen und berechenbaren Welt zu vertreiben? — Man nahm ihm sein Menschentum. Seine Freiheit wurde ihm als Selbsttäuschung erklärt, seine Verantwortung als Irrtum; er war nicht er. sondern Produkt von Unuvelt unb Erziehung. Er erbte nur, war ewig Enkel, aber nicht Ahn. Seine Gesundheit war nur der Gleichgervichtszustand aller möglichen Anomalien. Alles, was außer ihm war, formte ihn, ja schuf ihn. diesen Schnittpunkt aller möglichen Wirkungen, die von überall her lvirkten außer von eincin ureigenen inneren Schwerpunkte her. Triebe der Ilroeschlechter ans grauen mythischen Zeiten gaben in ihm sich c-iil Stelldichein: kurz, er lvar nichts als das Gehäuse ihm jenseitiger Kräfte, Kriegsschauplatz auslvärtigcr Mächte, alles, nur nicht er selbst. Ter Mensch kann aber nicht an sich als an den Gegenstand der Wissenschaft glauben, der Psychologie und Psychiatric, der Soziologie und Wirtschaft, der Kriminalstatistik rmd Zoologie. Er kann höchstens staunen über das, lvas er alles sonst noch ist alißeryalb des Kreises seilles eigentlichen und sestgegrüildeten Leins als der freien, sich selbst bestimmenden Persönlichkeit. Und so muß er es in Kauf nehmen. baß er für die Wisienschaft eigentlich einen Schönheitsfehler in der Welt bedeutet, der die Säuberlichkeit und das Gleichmaß der wohlzüordnendcn Sachen stört. Aber gerade diese Einsamkeit im All läßt ihn Ausschau halten nach einem Geiste, der ihm gliche. Und wie Adam, der erste Mensch, der als einzelner erschaffen war, in Eva die gleiche Art entdeckte, so findet der Mensch des Menschengeschlechtes in Gott den persönlichen Geist. Wie der ihn geschaffen, um nicht allein zu sein mit seinem Werk, und dieses Werk erst als sehr gut erschallte, nachdem der Mensch auch dabei war, so lichtet sich das Grauen der Einsamkeit auch für das Geschöpf erst, wenn cs des Schöpfers inne lvard. Das ist eigentlicher Sinn und Gehalt aller Gläubigkeit. Alis dem Wagnis, andres, mehr zu sein als eine Sache, sich als Persönlichkeit in der Welt auszupslanzen, dringt das Gefühl unwiderstehlich zum großen, zum göttlichen Ich hindurch; und das wirklich freie Denken findet, daß in der Welt nur Raum ist für den Menschen und Gott oder für keinen von beiden. Denn wo sich Geist und Wille als der tiefste Ausdruck des Menschlichen von Sachen und Zuständen unterschieden lveiß, wo die freie Tat der Vcrantwortlrng unb der Einsicht sich vom ' dumpfen Müssen toten Geschehens abhcbt, da stellt sich sofort die unabweisbare Frage eill, wie denn ein Wesen, hausend auf einem Stäubchen iin All, allein aus dem Totsein der Welt ausgenommen sein soll, wenn dieses Wesen llieht im Bilde des lebendigen Gottes geschaffen, von eben diesem Gott Zcugilis ablegen svll. Darum ist Klarheit das erste Gebot und Verschwmumenheit Sünde. Wozlr sich verstecken hinter einer sogenannten sittlich-religiösen Weltanschauung, hinter so oder anders gefärbtem „Idealismus", um in solcher Tarnung einer deutlichen Entscheidung anszlUveichen? Das Göttliche, das Heilige, das Gute kann nicht den heiligen Gott ersetzen: denn es empfängt Recht, Sinn und Kraft allein aus ihm. Es ist nicht möglich, das unheimliche Paradoxon des persönlichen Gotkes unb Sen nichk minder großen SelbsLwid'erspru'ch de« freien menschlichen Persönlichkeit aus der Welt zu schaffen, indem man aus einem Maskulinum ein Neutrum macht, st wenig wie es angängig ist. bei der klar gestellten Entscheidung^ frage zwischen Ja und Nein die Antwort zu dosieren. Die Heilige Schrift macht niemals, auch nicht von ferne, einen Versuch. das. was sie als offenbarte Wahrheit schenkt, beweisen zu wollen. Denn Glauben ist Wagnis, Solbstentscheidunq. seelische Kraft, die kein Berstandcsargnment liefern kann'. Leben und Tod legt Mose seinem Volke vor und heißt es wählen. Aber nach biblisch-jüdischer Auffassung ist dieses Wagnis vor allem Sache des Willens, der persönlichen^Einsetzung. Ter Mensch, den Gott in feinem Bilde erschafft, i)t nicht das Menschenwesen schlechthin, auch nicht die Idee der Menschheit, sondern jeder einzelne. Und indem dieser seinen Wällen mit dein Göttlichen erfüllt, horchend auf Gottes Gebot, bewährt er vor sich selbst seinen Glauben. Nur so und ans keine andere Weue ist für uns das Wagnis des Glaubens zu verstehen. Was erfüllt werden soll, das wird deutlich werden, wenn wir von anderm Standort her den jüdischen Geist betrachten. Aber schon hier beim Beginn unsres Weges ist eins klar. Tie Turchfeelnng der Welt mit der schöpferischen PersönlichMt Gottes bedeutet uns zweierlei: einmal die Gewißheit, daß alles Weltgeschehen und alle Menschengeschichte in ihrem Sinn und Wert allein sich zwischen geistigem Schöpfer und geistigem Geschöpf entfalten; dann die Sorge, das; jedes Geschöpf, denn der Siegel des Gottesgeistes ausgeprägt, durch Unterordnung unter den Willen des Höchsten berufen ist, sein Werk fortzuseßen. So gestaltet die von Gott erfüllte Seele den Menschen zur Persönlichkeit, gibt ihm ein unveräußerliches Recht und mach! es denen um ihn zum Gebot, dieses Recht anznerlennen. Tain, ist der Mensch die Krone des göttlichen Werls, so wird dieses Werk nur vollendet durch den Menschen, der in dem anderen das Geschöpf Gottes achtet nnd ehrt. VSTkTKM feit Dr. Bruno Weil in Berlin Am Mittwoch, dem 'S. Januar, sprach Tr. Bruno Weil. Stellvertreter des Vorsitzenden des E. Ä„ in den Unions-,Teüsälen in Berlin über.Wir deutschen Zudeu im Wandel der Zeiten"' vor den Ortsgruppen Süd, Oil und Nord von Groß-Berlin. In der ihm gewohnten ülerlegenen Weise skizzierte er die geschichrliche Entwicklung der Juden in Deutschland, um dann auf die gegenwärtigen deursch-jüdischen Tragen einzugehcn. Seine Ausführungen glichen in großen Zügen den seinerzeit im Logenhaus vorgetragenen Gedankengängen, über die ausführlich in Nr. 41 der „CV-Zeitung" vom 7. Dezember 1933 berichtet wurde. Nach einem großen geschichtlichen Auftakt, den Tr. Weil durch wichtige Einzelheiten gegenüber dem letzten Vortrage bereicherte, setzte er sich vor allem mit den Problemen der Emigration und des Zionismus auseinander. Tie Anschauung des Zionismus. führte Tr. Weil aus. müsse auch heute mit Ruhe und llebcrlegung betrachtet werden; schon immer sei das Land der Väter Gegenstand der Er« l'aurmg und des Trostes für alle Juden gewesen; aber heute müsse mau sich fragen: wollen w i r nnd wollen wir eine von unserem Volke, in dem wir geboren sind, getrennte Existenz führen oder weiter als ein Teil von ihm betrachtet werden? Wollen wir weiter ein Teil des deutschen Volkes sein, so trennt uns diese Anschauung von den Zionisten, auch wenn die Möglichkeit bestehen würde, daß alle Juden nach Palästina könnten. Tiefe Möglichkeit sei aber nicht vorhanden, was schon daraus zn ersehen sei, daß fünfmal mehr Juden nach den anderen Ländern ausgewandert seien; nur werde von denen, die nach Palästina gingen, viel mehr Aufhebens gemacht. Tann sprach Tr. Weil über die fehlerhafte Anschauung derer, die ohne besondere Klarheit auf das Wunder irgendeiner Hilfe aus der Uunvelt warteten, und wandte sich schließlich der Gruppe der deutschen Juden, die in ihrer Heimat bleiben wollen, zu. Ohne Verkennung der Tatsachen stehe der Central-Verein wie immer zu seinein Bekenntnis zu Teutschland; aber es sei nicht am Platze, dies täglich mit großer Geste zu wiederholen und sich so dem Vorwurf der Anbiederungssucht auszusctzen. Tas Ziel der Arbeit bleibe die Gleichbercchtigung der deutschen Juden und ihre Anerkennung als Staatsbürger. Tie Versammlung stand wiederum unter Leitung des Vorsitzenden de8 Landesverbandes Groß-Berlin des EV. Tr. Bruno Glaserscld. Er wandte sich gegen Bewegungen, die die heute so notwendige Einheit und JUaft der Juden vernichten wollen, wie die Erneuerungsbewegung, ohne in Wirklichkeit Gedanken und Tendenzen zu vertreten, die der Eentral-Berein nicht schon lange verfechte. Ter Vortrag fand eine würdige Umrahmung durch Rezitationen des Lyrikers George A. Gold, schlag; er las im Anfang aus dem Buch von Wassermann: „Mein Weg als Deutscher und Jude" und zum Schluß zwei eindrucksvolle Abschnitte aus dem Buch von Bruno Weil: ..Ter Prozeß des Hauptmanns Treysuß". Rabbiner Dr. Aelix Goldmann in Schlesien Rabbiner Dr. Felix. Gold m a n n (Leipzig), der Vorsitzende des Landesverbandes Mitteldeutschland des E. V., sprach in fünf Versammlungen in Oberschlesien und Breslau über die gegenwärtige Lage des deutschen Judentums. In H i n d e n b n r g, wo Rechtsanwalt Dr. Schaefer den Abend leitete, und in Oppeln, wo die Veranstaltung von Darbietungen der Breslauer Künstler Erich Schäfser (Orgel), Lotte S ch l e ß k o w (Gesang) und Lotte S ch w a r z - Rosenbaum (Rezitation) umrahmt wurde, fanden die Borträge in der Synagoge als Gemoindeabende statt. In V e u t h e n und R a t i - bot hatten die G. B.-Ortsgruppen eingeladen. Felix P i n c z o w e r , der Vorsitzende der Benthener Ortsgruppe, leitete die Kundgebung im Veuthencr Kaiserhofsaal, während in Ratibor Dr. Felix H e i m a n n die Versammlung mit Dankesworten für den bisherigen Ortsgruppenleiter Rechtsanwalt Rechnitz einleitete, der die dortige Ortsgruppe seit Kriegsende mit bestem Erfolge geleitet hat und jetzt von seinem Amt zurückgctreten ist. Ucberall das gleiche Bild: überfüllte Kundgedungen, voll Spannung lauschende Hörer, am Schluß in den Gotteshäusern eindrucksvolle Stille, in den Sälen stürmischer Beifall. Den Abschluß und wohl den Höhepunkt der schlesischen Kundgebungen bildete die Breslauer Veranstaltung, die als Mitgliederversammlung am Sonnabend, dem 6. Januar, stattsand. Ter große Saal der Lessing-Loge war lange vor Beginn so überfüllt, daß die Sanitären nicht geschlossen Musiker mit Tomaso Vitalis Chaconne in G-moll und Peter Tschaikvwskys eäränadc mölancoligue ab. Ten stärksten Eindruck hinterließ der Bortrag, von zwei Kompositionen aus Erneü Blochs „Baal schein", in denen jüdisches Empfinden durch Mittel der neueren Tonsprache glücklich zmn Ausdruck gebracht wird. E. H. Hamburg In einem Konzert des Tempelchores unter der Leitung seines Tirigenten Georg de Haas hörte man drei Psalmen von Salome Rossi, einem Zeitgenossen Palästrinas. und hebräische Gesänge, in denen sich auch einzelne Mitglieder des Chores solistisch betätigten. — Alexander Kipnis sang ein Arioso von Händel, eine Arie aus dem „Elias" von Mendelssohn nnd biblische Lieder voll Dvorak mit prachtvoller Stinunentsaltung. K. Sämig Am 3. Januar veranstaltete Der Kulturbund der Juden in Danzig ein Konzert mit Paula L i n d - b e r g lind Georg L e r t r a m. Ter Jahreswechsel mit seinen geselligen Zusammenkünften mochte zum Teil daran schuld sein, daß die Berliner Künstler nicht von einem ausvcrkanften Halise erwartet wlrrdcn. Paula Lindberg gelvann schon bei ihren ersten Schubert-Liedern die Sympathie der kritischen Hörer durch ihr wundervolles Stimmatcrial und die schlichte Art ihres Vortrags. Aber dieser klangvolle Alt ist and] fähig, anmutige Liebeslieder und Echelmcrcien leicht hinznzaubern. Die jüdischen Volkslieder, vor allem das Wiegenlied „Schlaf scho, mein Vögele", waren von starker Wirkung. Georg Bertram brachte nach einleitenden Härldel-Bariationen die A-ckur-Sonate von Mozart nnd als köstliche Zugabe die „Deutschen Tänze" voll Schubert. Bei Chopin war er ganz in feinem Element. Tie Stimmung des Nocturna in Ls-clur, das Auf und Ab der Etüden, der grandiose Marschrhythmus der Polonaise wurden voll Bertram mit aller Kraft des Alisdrncks zum Leben erweckt. Es war ein großer Abend. Ter Kultur- Hund darf mit Stolz auf seine bisherigen Leistungen zurückblickew An den Tanziger Juden wird es liegen, durch ihr stetes Interesse die weiteren Veranstaltungen des Kulturbundes zu sichern. Ter Jüdische Kulturbund Rhein,Ruhr. Köln. LFchhaus, teilt mit: Zur Gründe W3/ii Mischen Orchesters werden Jnstrumcntalistcn jeder Gattung gesucht. Musiker, die sich für diesen Plan interessieren, werden gebeten, sich sofort zu melden. - BOys mh Brettl Kabarett statt Kleinkunst Das jüdische Kabarett „Bühne nnd Brettl" hatte zu einer Vorstellung mit neuem Programm eingeladen. Nachdem auf diese Weise der Wunsch nach kritischer Betrachtung auch auf seiten der Veranstalter feststand, und bei dem nun schon längeren Bestehen dieser Kleinkllnstbühne die ersten Kinderkrankheiten als überwunden angenommen werden dürfen, ist ein ernstes Wort über die Vorstellungen am Platze. Wenn wir dabei zu einer sehr negativen Beurteilung kommen, ist die Schuld aul wenigsten den beteiligten Künstlern zuzuscyrciben, denen die Möglichkeit eines Engagcnlents und der Betätigung heute mefjr denn je voll Herzen zu gönnen ist. Der Fehler liegt in erster Linie bei der Leitlmg deS Unternehmens, die sich damit begnügt hat, ein Programm ältesten und nicht besten Stiles zusammeilzustellell. das von dem Atem unserer Zeit auch nicht mit einem Hauch angerührt ist. Gewiß mag es schwer, wenn nirijt unmöglich sein, das zeitkritische Element des Kabaretts heranznziehen. Aber auch die harmlosere Aufgabe, in angenehmer und heiterer Weise zu unterhalten, wird keineswegs gelöst. Neben der sehr begabten Chansonette Beatricc Waghalter und dc>u ausgczeichneten Begleiter sind wenige überhaupt erwähnenswert. Gibt cs denn heute wirtlich keinen stellungslosen Humoristen von Rang unter den jüdischen Künstlern, leine Sängerin, leine Tänzer, die mau einem Berliner Publikuin präsentieren könnte? Ter einzige Könner in diesem Kreise ist Willy Prager, der in seinen Chansons ein paar überraschend echte Töne findet. Aber auch er verdirbt sich seine Leistung durch eine Conference, die neben uralten Witzen ein paar geschmacklose über Tel- Aviv bringt. Er könnte drüben lernen, wie man sich dort mit Niveau selbst persifliert. Aber hier enthüllt sich die eigentliche, wenn man null tragische. Problematik von Menschen, denen die tiefere jüdische Geborgenheit fehlt, die sich von ihren Sorgen in legitimem, distanzierendem Humor befreit. Judentum, nicht als Gegenstand des Spaßes, sondern des echten Humors wäre das eigentliche Thema eines jüdischen Kabaretts, das auch heute eine Existenzberechtigung hätte. Daß auch ernste jüdische Kleinkunst wirkungsvoll ist, zeigt N. B e r k o w i tz . der mit seinen Liedvorträgen in einem wirklich jüdischen Kabarett einen besseren Platz haben müßte, als die undankbare letzte Nummer, zu der er hier verurteilt ist. Fast noch erschreckender als die Darbietungen ist, daß das Publikum von den angestaubten Späßen und den Kunstformen einer versunkenen Welt sichtlich begeistert ist und für Niveauunterschiede unempsindlich scheint. Hier ist noch viel Erziehungsarbeit zu leisten. Die Einladung zu dem Abend ging der Presse von der Künstlerhilse bei der Wirtschaftshilfe der jüdischen Gemeinde Berlin zu. Dadurch bekommen unsere Betrachtungen, die einem Privatunternehmen gegenüber von geringerer Bedeutung sein nwchteu, den Charakter einer sehr ernsten Mahuung. Wenn eine Stelle, deren gewaltige Aufgabe darin bestünde, jüdische K u n st in Deutschland zu erhalten, zu pflegen und zu fördern, uns nur diese Auswahl zu vermitteln vermag, dann muß etwas nicht in Ordnung sein. Gute jüdische Künstler gibt es genug; Männer, die Erfahrung im Vermitteln von Künstlern haben, gibt es ebenfalls. Mag die Künstlerhilse aus die Leitung des Kabaretts nur einen mittelbaren Einfluß haben, auf die Auswahl hat sie ihn. Wenn es dem Kulturbünde gelungen ist, in kurzer Zeit ein sehenswertes Ensemble für Schauspiel und Oper zusammenzustellen und uns mit einer ganzen Reihe neuer Begabungen zu überraschen, dann stellt die Leistling der Künstlerhilse. die sich in diesem Kabarett zeigt, ihrer Arbeit ein großes Armutszeugnis aus. Wir üben diese Kritik nicht aus Freude am Tadeln. Aber die Werte, die hier einer unserer Aufbaunnd Hilfsorganisationen anyertraut sind, berechtigen zu der Forderlmg, daß zu ihrer Pflege die Besten gerade gilt genug sind. Br. werden konnten und viele später Kommende mnkehren mußten. Rechtsanwalt Dr. Franz Apt, der Vorsitzende des Landesverbandes Nieder' fchlesien des C. V>, eröfsnete den Abend mit dem Hinweis ans die im Jahre 1033 vom C. V. für jeden deutschen Juden geleistete Arbeit. Dr. Coldmanu sprach daun zu dein Thema: „Deutsches Judentum heute und inorgen." Keiner sollte am Ueberlommenen Kritik üben, solange er nicht sagen kann, wie es besser zu machen gewesen wäre! Heute müssen theoretische Erörterungen aushöreu. Wir haben größte Hochachtung vor den Idealisten, die sich in Palästina ein neues Leben gründen. Für uns ist Palästina der Diskussions-Sphäre entrückt. Aber wenn mau noch so großzügig rechnet: 500 000 Juden bleiben in der deutschen Heiinat, m ü sjeir hier bleiben, ja wollen hier bleiben. Für diese besteht G u g e n F u ch s' Synthese von Deutschtlnn und Judentum weiter. Sie führen ihr Deutschtum nicht auf den Lippen, sondern träger es im Herzen. Der deutsche Jude, der von seine? Vätern her auf deutscher Erde lebt, wird die seelische Festigkeit, die vor allem für die künftigen Tage nottut. nur erwerben, wenn er diese den siche Komponente hat. Wir aber besitzen eine Kultur, die sich i>r Natur, Kunst und Leben, in der ganzen Umwelt, ausprägt Hätten wir sie nicht, so wäre etwas leer inftms. Optimismus und Pessimismus sind nur berechtigt, wenn sie sich an unsere Seele wenden: Optimist kann nur der sein, der diese deutsche Kultur bejaht. Wir können nicht aus unserer Seele reißen, was Teil unserer Seele ist, was unsere seelische und sittliche Kraft erhält. Ztigleich muß sich der auf das Judentum gerichtete Wille tatsächlich ausivirken. Auch d a s I ü d i sche muß w i e d e r s e l b st v e r st ä n d l i ch e A u > * gäbe der Gemeinschaft werden! Nicht weil Ulan uns nicht >uill, mnjfeii wir uns zufainmenschließen, sondern weil unsere seelische Sicherheit das Wiedersinden zu unserem Judeuhtm fordert. Wir sind selbstbewußt in dem Gefühl, einer Gemeinschaft anzugehören, die der Welt unverfängliche Werte gegeben hat. In mühsamer Kleinarbeit, nicht in Proklamation rmd Deklamation müssen wir unseren Weg gehen. . Unsere Schulen, die keine Berechtigungsschulen sein werden, werden dafür sorgen, daß unser Zusammenhang mit der Bildung der Welt nicht verkümmert. So richtig es ist.' darauf hiuzuweiseu, daß der geistige Memch Handwerker werden muß. so richtig ist es. zu bclmchm. daß der Handwerker geistiger Mensch war. Tie deutsch-jüdische Jugendarbeit muß die Jugeirdlicheu zur Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft erziehen. Judentum beruht aus der verantwortungsbewußten Persönlichkeit; sie kann nur dort sein, wo der einzelne sich nicht in die Masse flüchtet. Deshalb kann jeder für Deutschtum und Judentum arbeiten: die Idee in ihrer Größe wird nur ausbemahrc, wenn sie iu jedem einzelnen wurzelt. Der C. V. wird au seiner Synthese Deutschtum und Judentum seslhnlteu, er wird beharrlich seine Kleinarbeit sortführcn, aber er wird die Menschen erfassen und mitreißen müssen, damit jeder die Lage der Gesamtheit als seine Lage erkennt. Wenn wir Festigkeit haben und unsere Festigkeit ausstrahlen lassen, daun dürfen nur getrost Optimisten sein. K. Srlnv. Mittwoch, 17. Januar, 20V5 Uhr Büro des C.-V., Emserstr. 42 Arbeitsgemeinschaft „Jüdische Geschichte" Referentin: Margarete Fried Einschreibegebühr RM. 1.—

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