Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 2 (11.1.1934)
- Date
- 1934-01-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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13 1.133 i Berlin,11. Janüa"rl934 £111. Jahrgang / Nr. 2 Preis 20 Pion erein-! BUTTE6 fllS DEUTSCHTUM UE3D JUDEKTÜEiCJ l r e Ä K « Fm "in gi 'W a'"a rf O £ ai ct s mWM Wm Von Karl Löwenstein, Aachen Ordnung im eigenen Hause ist das Letzte und Entscheidende für unsere Stellung in der Mt.' Diese Worte des Reichskanzlers Adolf Hitler waren Anregung zu einem Aufsatz in der „(L V.-Zeitung", worin es heißt: „Die Juden sind ein Element der Ordnung gewesen ... Revolutionen, die Zeiten der 'Unordnung, sind der Unstern Judas. Das Ergebnis der einen Revolution gibt den Juden Rechte, das Ergebnis der anderen vernichtet diese Rechte wieder. Vielleicht darf die Frage nach der Ordnung der deutschen Judenlage im Nahmen des totalen Staats einmal gestellt werden.' Diese beiden Aussprüche sind dem Buch „Ordnung in der Judenfrage', das gemeinschaftlich von dem bekannten sudetendeutschen Politiker E m m e r i ch C z e r m a k. früher mehrfach österreichischem Unterrichtsminister, und dem jüdisch-nationalen Schriftsteller Oskar Karbach im Reinhold-Verlag. Wien-Leipzig, herausgegeben wurde, als Motto vorausgefchickt worden. . Ter deutsche Katholik und der nationale Jude, die in getrennten Aufsätzen schreiben, begegnen sich in ihrer Grundausfassung, die dem extremen jüdischen Nationalismus entspricht und der Tendenz des. vorerwähnten tlünels'der'„C. B.-Zeitung" vom 16. August 1933, „Wo stehen wir im neuen Staat', durchaus entgegengesetzt ist. Dabei offenbart sich eine recht geringe Kenntnis des deutschen . und des westeuropäischen Judentums, das er als „Assimilationstyp' dem „völkisch in sich geschlossenen Ostjudentum' gegenüberstellt. Noch grotesker wirkt die Verwirrung der Begriffe, wenn Ezermak in einer unmöglichen Zusammenstellung z. B. den Satz ausspricht: „Das liberale, sozialistische, bolschewistische Judentum ist ... ein entartetes Judentum.' Liberales Judentum ist kein politischer, solidem ein religiöser Begriff. Es steht im Gegensatz zum Dogmatismus des orthodoxen Judentums. Ein sozialistisches und bolschewistisches Judentum gibt es gar nicht, höchstens kann es sozialistische und bolschewistische Juden 9eben. Daß auch die von ihm begönnerten Nationaljuden dem religiösen Liberalismus angehören können, scheint Ezermak gar nicht zu wissen. Wie wenig weiß Ezermak von den deutschen Juden, wenn er glaubt, daß sie dersuchen, „gute Deutsche zu mimen' und aus- In dieser Mammen beginnt Äe Änlsatzreihe |l®ü in dieser Zeit Von Rabbiner Dir« Mg# Wiener jfet daß sie ihre „richtige Heinrat' in Pa- ^inna hätten und nur einen Teil ihrer Liebe ..dem Gastland' schenken könnten, q. Trotz all dieser Mängel ist das sehr aktuelle ^uchlern wertvoll, weil es auf Grund einer' Pien Kenntnis der nationalsozialistischen in anregender Form zu den Gegen- , wartsprvblemen der deutschen Judenfrage! umg nimmt und vielfach zur Klärung der ' SS Hen Zielsetzungen beiträgt. Daher kann, > (v„ Büchlein jedem, der sich mit der Juden- ■ j beschäftigt, empfohlen werden allerdings. > Werves kritischem Verstand gelesen' ] Aufsätze werden durch den Abdruck : uer Reihe von interessanten Materialien und. •’ 9fS?!enten ergänzt. Ausgangspunkt sind die- ■ ^bchrungen Karbachs über die Wende. - ibe* * staatlichen Judenpolitik. ■ hpr § *m Jahrhundert lang, seit Beginn - l^anzipation, war das Ziel der staa tl /Hen Judentzolitik aus „Aussaugung', also restlose Assimilation des Judentums, gerichtet. Der Staat förderte bewußt das Aufgehen der Juden in ihre Umwelt. Er setzte eine Belohnung aus die Taufe. Der Jude, der durch die Taufe zeigte, daß die restlose Assimilation vollzogen^ hatte, erhielt dadurch das „Enträebillet", das alle Schranken, die ihm den Zutritt in die Gesellschaft und zu den Regierungsstellen verwehrten, wegräumte. Auch wo nicht völlige Aussaugung, als deren, letzter Schritt eben die Taufe galt, gefordert wurde, forderte man im Emanzipationszeitalter ledensalls entschieden nationales Mitsühlen mit dem Staatsvolk. Der Antisemitismus warf den Juden höchstens ein zu geringes Tempo in dieser Aufsaugungspvlitik vor. Hat doch — woran hier erinnert werden mag — Treitschke Zw Begum der antisemitischen Bewegung die Forderung aufgesteltt: „Was wir von unseren israelitischen Mitbürgern zu fordern haben, ist einsach: sie sollen Deutsche werden, sich schlicht und recht als Deutsche fühlen, unbeschadet ihres Glaubens und ihrer heiligen Erinnerungen, die uns allen ehrwürdig sind.' Diese staatliche Judenpolitik ist auch bis zum Ende des . Kaiserreichs und auch nach dem Weltkriege noch bis zur nationalen Revolution aufrechterhalten worden. Erst allmählich ist durch die Rassenfrage eine Aenderung in der antisemitischen Forderung aufgetreten, die nunmehr nicht Aufsaugung, sondern, im Gegenteil Ausscheidung oder Absonderung der Juden als „Fremdkörper" erstrebte und nicht aus Assimilation, sondern aus Dissimilation gerichtet ist. Was über ein Jahrhundert, als erste Bürgerpflicht des Juden galt, wird nunmehr von seiner Umwelt als „Einmischung" abgelehnt oder als „unehrliche Tarnung" bekämpft. Die Ablehnung des Juden sei nicht als Strafaktivn aufzufassen, so oft auch die antisemitischen Begründungen diesen Schein ----.- - : — l / , 1 | ' - . i h ' ) 1 -• 1 yf, S / 1 / t " f {( // [ « II1;// l mnh VMM-MW MhVMhSMNW, Das „Israelitische Familienblatt', Hamburg,!pcr|i3iirid^fcitcn ber t>ßrfcr;icdenen im deutschen Judentum wirkenden Organisationen uttb Richtungen mit ihre Ansicht zu einigen brennenden Fragen der jüdischen Gegenwart; in Deutschland gebeten. Es knüpfte dabei an eine Umfrage an' die es am 24. Mai 1933 vorgenommen hatte. Die „C. B.-Zeitung" hatte seinerzeit darüber berichtet. Auch diesmal war der Syndikus des Centralvereins, Dr. Alfred Hirschberg, um seine Stellungnahme gebeten worden. In freundschaftlichem Uebereinkommen mit der Schriftlcitung des „Familienblattes' bringen wir den wesentlichen Teil seiner Ausführungen gleichzeitig mit der Veröffentlichung im.„Jsraelitschen Familienblatt'. Zur gegenwärtigen Lage des deutschen Judentums und zur Analyse seiner Zukunft führt Dr. Hirschberg aus: Fundierter als eine Zukunftsbetrachtung, die in ihren nahen Ergebnissen im wesentlichen vom Temperament des Beschauers — ob er Optimist oder Pessimist, staatsbürgerlich oder weltbürgerlich, deutschverwurzelt oder nationaljüdisch gestimmt ist — abhängt, ist eine Feststellung, dessen was ist, möglich. In dieser Hinsicht freilich kann über das hinaus, was ich bereits aus Ihre Umfrage vom 24. Mai 1933 geschrieben habe, wenig grundsätzlich Neues gesagt werden. Heute wie damals ist der Wille des nationalsozialistischen Gesetzgebers dahin eindeutig bestimmt, daß die Juden aus der „Repräsentanz der Nation" ausgeschaltet sein sollen, und daß sie zunächst in stark vermmdcrtent, später in noch stärker reglementiertem Maße gewisse akademische Berufe bekleiden dürfen; der Weg miss Land ist durch den Grundsatz von Blut und Scholle noch enger geworden. Deutlicher als damals freilich ist sichtbar, daß die inneren Gesetze der Wirtschaft den wirtschaftsfremden Arier- Paragraphen nicht gesetzgeberisch Fuß fassen lassen. Ganz im Gegenteil ist bet den für diese Gebiete federführenden Ministerien, beim Wirtsckiasts- und Arbeitsministerium, soweit öffentliche Hand und öffentlicher Einfluß in fttW kommen, die prinzipielle Ablehnung des Arierparagraphcn in der Wirtschaft fest-, znstellen. Hier liegen die Grenzen, aber auch die Möglichkeiten und Aussichten, des deutschen Judentums. - Die Bemühiingen, die vom Centräl-Verein deutscher Staatsbürger indischen Glaubens im wesentlichen selbständig, teilweise ut ' Zusammenarbeit oder in Ergänzung mit an- '; beren Organisationen, insbesondere mit der Reichsvertretung der deutschen Juden angestellt wurden, um den Bestand des deutschen . Mntums wirtschaftlich nach Möglichkeit zu erbalten haben sich im Laufe der letzten Monate aus einen erheblichen Fundus positiver Voraussetzungen stützen können. Eine Fülle befriedigender Ergebnisse aus diesem Gebiete. sind zu verzeichnen. Aber letzten Endes betrachten wir das deutsche Judentum nicht als eine Liquidationsangelegenheit: Altbeamtenparagraph, Frontkämpfcrberechtigung und Sicherung der bestehenden Existenzen sind ja letzten Endes -nur Liquidatimisgesichtsvunkte. Aus die Einordnung des deutschen Judentums in den Ausbau des neuen Staates nach den allgemeinen Prinzipien der neuen Staats- und Wirtschastsauffassnng, ohne Minderung unseres Einvrdnungswertes durch unser Judesein, kömmt es an. Gegenüber dem, was an ordnenden Prinzipien sichtbar wird, gäbe e8, ohne das Arierprinzip, keine )ü dis che Einwendung, sondern allenfalls individuelle Hemmungen von Juden. Eine gesündere Struktur des gesamten deutschen Volkes, die der Nationalsozialismus anstrebt, würde auch die schon längst von einsichtiger jüdischer Seite als notwendig erkannte Umschichtung des deutschen Judentums zwangsläufig mit sich bringen — wenn' eben mir als gleichberechtigte Objekte von der formenden Idee und ordnenden Praxis ergriffen würden. Von der Verwirklichung dieser Voraus-' setzung hängt die Zukunft, des deutsclM Judentums ab. Denn nur dann wird für die jüdische Jiigend in ihrer überwältigen-; den Mehrzahl die Auswanderung keine Lebensnotwendigketzt sein, und auch nur dann wird es ein normal strukturiertes, d. h. der wirtschaftlichen Struktur des gesamten deutschen Volkes angeglichenes und deshalb in keiner Weise polemisch zu beanstandendes' deutsches Judentum geben. Unsere Menschen werden dann überall dort, wo sie stehen, und arbeiten,' eine' nützliche Ergänzung bedeuten.. Unser Selbsterhaltungstrieb, unser an das - Ueberblicken großer geschichtlicher Zeiträume gewohntes Denken und unser Vertrauen auf ' die organische Entwicklung Deutschlands nach der Konsolidierung des Nationalsozialismus - lassen uns eine Vorstellung ablehnen, daß etwa ein deutsches Judentum ohne Nachwuchs ein dürftiges Dasein in zwangsläufig ungesunder Struktur neben dem Weg des Prof. Franz Landsberger (Breslau) sprach im Berliner Kulturbund Phot.; H. Sonnen {cid (Berlin) BBBBBBBBBEaBBBBaBBBBBBBBBHBSBBH erweckten, sie sei die Konsequenz des Nassenprinzips; kein Wohlperhalten in der Vergangenheit sei vorstellbar, das ihnen das jetzige - Schicksal . zu ersparen oder zu mildern imstande-gewesen wäre, Das Rassenprinzip erfordere, daß alle Maßnahmen auch aus die „Mischlinge" ausgedehnt würden, da Ausnahmen das Zuströmen in die Assimilation zur Folge, hätten. Ezermak und Karbach lassen keinen Zweifeldarüber, daß sie grundsätzlich diesen Wandel der Ansfassungen begrüßen. Sie lehnen die Assimilation auf das entschiedenste ab; das „liberale" Jndentmu ist ihnen „entartetes" Judentuin. . Nur das Nativnaljudentum hat bei ihnen Geltung. Die Verfasser begrüßen daher eine ans Abdeutschen Volkes in ein zukunstsloses Später gehen muß. Sie lassen uns aus die Erkenntnis hoffen, daß wir ausgeschaltet und ungeordnet wenig nützlich, innerhalb .der Ordnung aber wertvoll beim Aufbau sein können. Auf die Frage, °k die Grundsätze des CV einer Aenderung bzw. einer Ergänzung bedurft hätten, lautete die Antwort: Das „Nein", das ich nach sorgfältiger Prüfung mir bekannter Einwendungen niederschreibe, sei kurz'begründet. Die Grundsätze deS Central-Dereins bedürfen keiner Ergänzung. Sie beruhen nämlich ans einerechten Idee und sind kein „ideologischer Ueberbau" über zufälligen und zeitbedingten Wirklichkeiten. Diese echte Idee des E. V. lautet: Die Erhaltung des Judentums in der Welt wird gewährleistet, und nur dadurch ist es bis heute vorhanden, daß Menschen, ihre jüdische Gläubigkeit unverlierbar in fici> tragen und pflegen tmd zugleich der Zeit und dem Raum, in die Judentuin und jüdische Menschen jeweils hineingestellt werden, lebendig, aufgeschlossen sind. Das Judentum ist keine nationale Gemeinschaft, die nur zentral um ein Land denkbar ist, sondern es ist eine Gemeinschaft um. eine geistige Vorstellung. Diese enthält religiös sittliche Forderungen, die. den Juden zu ' einem wertvollen Mitglied jeder menichlichen Gemeinschaft machen, in der Religiösität und ' Sitte ihren Platz haben. . Dadurch werden wir fähig, Bürger zu lein, die mehr. ' als formales Legalitätsbestreben, die beH ' Wunsch nach einer starken inneren. Bindung; und Verbindung mit Zeit, Ort. und Geistigkeit ihres Heimatlandes haben. Das ist die Idee der. Synthese von Judentum und'Ulywelt, und das ist für uns in einer einzigartigen Prägung als Ergebnis einer generationenlangen gemeinsamen äußeren und inneren Entwicklung die S y n t h e s e von Deutschtum und 'Judentum. In ihr liegt die Möglichkeit einer wertvollen mit jüdischer Ehre und jüdischer Würde zu vereinbarenden Lebensgemeinschaft m i t Deutschland, an Stelle eines jüdischen Lebens innerhalb der deutschen Grenzen, aber neben Deutschland. Auch die praktische Seite der E. V. - Idee, der Emanzipaüonsgedanke ist in seiner Völlen und grundsätzlichen Weite im Centralverein gewahrt worden. Der Standpunkt, daß Jude sein für einen Bürger in Deutschland grundsätzlich keine Minderwertung enthalten, und daß für den Zugang zum Staate in allen seinen Ausdrucksformen nur allgemein gültige, Voraussetzungen bestehen sollen, ist niemals ausgegeben worden. Der Centralverein erstrebt ein wertbewußtes Judentum in lebendiger Verknüpfung mit deutscher Geschichte, deutschem Land, deutscher Zukunft.