Seite der Jugend
- Journal
- Seite der Jugend
- Volume
- 1934
- Issue
- 1 (4.1.1934)
- Date
- 1934-01-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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jS:4JANUAß SnnVo 1 ^934 ^uu^ rBjTER DES BUNDES DEUTSCH-3ÜDISGHEfc 3UGEND^1 LAGE DER. CV.-ZEITUNG IMUMMEß Der Bund deutsch-jüdischer Jugend Von Martin Sobotker nie deutsch-jüdische Jugend ist endlich „ppint Aus allen Teilen Deutschlands Emen in diesen Tagen die Führer der Bünde und Gruppen in Lehnitz zusammen, um durch gemeinsame Arbeit den gemeinsamen Weg der deutsch-jüdischen Jugend ,„ suchen. Begann diese Tagung im Zeichen der Vielheit und Zersplitterung, so stand im Mittelpunkt von Referat und Diskussion das Bemühen aller Gruppen, auch organisatorisch eine einheitliche und' auf Dauer gegründete Basis zu finden. Dass diese nun geschaffen ist, das ist das Entscheidende dieser Tage, vielleicht der Wendepunkt der Geschichte deutsch-jüdischer Jugend. Uns, denen die Führung für diese neue deutsch-jüdische Jugend anvertraut ist, gibt dieses neue Geschehen ein tiefes Gefühl der Freude, dass unsere Bemühungen, die Jahre gedauert haben, nun endlich von Erfolg gekrönt sind. Ein neuer Bund ist geworden. Eine »rosse und gemeinsame Front deutschjüdischer Jugend ist heute in Deutschland ausrichtet, die in 13 Gauen über fünfzig Ortsgruppen mit etwa 6000 Mitgliedern umfasst. Mit den 00 Ortsgruppen des Sportbundes des RjF, der über 7000 Mitglieder zählt, ist eine freundschaftliche Vereinbarung getroffen worden, nach der der „Bund deutsch-jüdischer Jugend" auf Grund eines gemeinsam aufzustellenden Bildungsplanes mit der Durchführung der geistigen Schulung der Mitglieder dieser Gruppen beauftragt wird, während unsere Jugendbünde im Reiche ihre sportliche Ausbildung ausschliesslich im Sportbund des RjF erhalten. In Berlin allein ist durch die Vereinheitlichung ein Jiingerenbund (10—16 Jahre) entstanden, der mit über tausend Menschen bündischer Erziehung der grösste ist, den jemals jüdische Jugend schuf. Die Bedeutung dieses Einigungswerkes kommt gerade in der Tatsache zum Ausdruck, dass die grossen deutsch-jüdischen Jugendbünde, die z. T. historisch bedingt *aren, die „Deutsch-jüdische Jugendi?emeiuschaft", die „Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugeiidvereine", der «King", die „Deutsch-jüdische Jugend, Hamburg", die „Jüdischen Jugend- und Kinderscharen, Berlin" und all die vielen CV-Jugendgruppen im Reich, ihre Selbständigkeit in der Erkenntnis aufgegeben haben, dass nur die Einordnung in eine breite Front am ehesten zur Meisterung der 'ms obliegenden Aufgaben beitragen kann. °ie dem Führer beigegebenen Spartenhihrer für religiöse und bündische Arbeit und für die werktätige Jugend sollen die bestehenden Gruppen fachschaftlich nach ihren Tendenzen gliedern und so die ihnen eigene Ideenwelt in fruchtbare Arbeit um- , setzen, ohne einer alzu starren Abgrenzung "~ man denke dabei nur an die Bildimgsarbeit — das Wort zu reden. Quer durch a|le Gaue knüpft sich also heute ein gemeinsames Band von Gruppe zu Gruppe, Gemeinschaft zu Gemeinschaft. Es gilt, die *<jrni, die diese Jugend sich geschaffen hat, m't Inhalt auszufüllen, und dieser Inhalt S°H dieser neuen Gemeinschaftsarbeit Weg und Ziel bedeuten. Wir beginnen unsere Arbeit in der Erkenntnis, dass die Emanzipation uns keine Grundlage mehr gibt. Rechtlich seit dem Augenblick, da eine neue gesetzliche Re- »ungsgowalt nach Blut und Rasse unterschied, innerlich seitdem die Generation vor uns, die in das deutsche Staatsleben eingegliedert wurde, von ihrem Judentum jnuner mehr aufgeben zu müssen glaubte, «m ihr Deutschtum zü erringen. Eine i Synthese zwischen Deutschtum und Judentum zu nnden) ist abßr nur dann mö^ich}; wenn beide Pfeiler unserer deutsch-jü- ^senen Existenz, der jüdische sowohl wie deutsche, stark genug sind, um die die u m bRueu> die zu unserer nicht-jü- «iscnen Umwelt führt. Wir wollen eine neue Emanzipation deutscher Juden, aber das Entscheidende: dieser äusseren Emanzipation musseineinnere notwendigvorausgehen. (Kellermann, „Morgen" 1933, S. 176). Wir wollen das Deutschtum uns erhalten, aber wir müssen das Judentum uns neu erwerben; es muss neu gelebt und erlebt werden, auch ausserhalb der Formen, die Ritus und Kult bedeuten. Es muss die lebendige Form gefunden werden, die zwischen jüdischem Inhalt und jüdischem Menschen vermittelt. Es muss die jüdische Position gestärkt werden, um den jüdischen Menschen auf deutschem Boden geistig zu erneuern. Der Zugang zu den Quellen jüdischen Lebens ist vielfach für uns verschüttet, weil die Generationen vor uns nicht mehr den Inhalt jüdischer Lehre und jüdischen Lebens zu übermitteln verstanden. Wir suchen diesen Zugang neu, um neu die Kraft zu gewinnen für ein aufgerütteltes und neugestaltetes deutsches Judentum. Nicht Dogma und Parteigrundsatz, sondern Aufgeschlossenheit unseres jüdischen Lebens wird uns die Haltung geweit, so wie sie Ist und nicht wie man sie möchte, aufrechtzuerhalten. Darum muss das heutige Deutschland, wie immer es sich auch politisch, kulturell und Ökonomisch darstellt, uns Gegenstand unserer Bildungsarbeit sein. Unsere Schulung bleibt aber nicht allein beim Geistigen stehen. Auch der äussere Mensch muss umgeformt werden. Wir, denen die schwersten Kämpfe um Brot Und Arbeit nicht erspart bleiben werden, haben einen Typ zu formen, der, wenn irgend möglich, ein hohes Mass von Mut und Energie mitbringt: Das istder bündische Mensch, dessen erste und letzte Parole lautet: wirkliche Gemeinschaft. Nur die Ein- und Unterordnung aller Menschen unserer Gruppen im Bund und damit die unzertrennliche Verbundenheit und innere Verpflichtung jedes einzelnen dem Bunde und der Gemeinschaft gegenüber, sind Voraussetzungen für einen Erfolg unseres neuen Beginnens. Wir bekennen uns aus Ueberzeugung, aus abstammungs- und schicksalsmässiger Verbundenheit und. Zusammenihrer Wesensinhalte beraubt werden würde. -Eine bescheidene wirtschaftliche Grundlage wird sich eben nur gestalten lassen, wenn wir von der Erkenntnis ausgehen, dass die im Vordergrund der praktischen Arbeit und der Bundeserziehung stehende Berufsneugestaltung und Berufsumschichtung auf eine Berufsnormalisierung hinzielt. Wir begrüssen auf der „Seite der Jugend" den Nachwuchs, die Erneuerer und Fortgestalter der Idee, der diese Zeitung dient. Wir sehen darin, dass sich die geeinte deutsch-jüdische Jugend bei uns ihre Plattform schafft, von der aus sie ihre Menschen und die noch Fernstehenden ansprechen und gewinnen will, eino Bestätigung unseres Wissens und Empfindens: Deutsches Judentum endet nicht und will nicht enden, weil es um neue Formen und Inhalte seines Seins zu ringen gezwungen ist. Die junge Generation kapituliert nicht, weil sie es schwerer haben wird, als ihre Väter und Grossväter. Sie beginnt aus der ewigen Idee des Judentums und aus dem unverwandelten Raum unserer deutschen Geschichte die neue Einheit zu schaffen, in der junge Juden sich ein unzerbrochenos Leben formen können. Was auf dieser Seite gesagt wird, ist nur, wenn es besonders so gekennzeichnet wird, die Meinung der Schriftleitung der „C.V.-Zeitung" oder der Leitung des Centrai-Vereins. Das gleiche gilt auch für den Bund. Denn diese Seite soll, und das ist der Wunsch ebensosehr der Schriftleitung wie des Bundes, eine immer „neue Seite" sein, auf der sich das Leben der jungen Generation dos deutschen Judentums wahrhaftig und lebensvoll widerspiegelt. Die Schriftleitung. ben können, um eben aus diesen neu gestärkten jüdischen Positionen die neue Emanzipation zu beginnen. So werden wir, wenn wir die deutschen Werte pflegen, von unserem Judentum keinen Deut aufgeben müssen. Bleibt der Grossteil der jüdischen Jugend in Deutschland — er wird es schon aus wirtschaftlichen Gründen tun'müssen — so steht vor ihr die Aufgabe, sich neu in das deutsche Leben wieder einzuordnen. Aber nur von einer deutsch-jüdischen Bejahung (Hirschberg, „C.V.-Zeitung", Nr. 15 vom 13. 4. 33) her werden wir zu einer Wiedereinordnung kommen können. Eben weil wir das Leben im deutschen Kulturkreise wollen, fordern wir ein gesell i c h t s v e r b u n d e n e s, religiös positivesJudentum. So gehen wir den Weg unseres jüdischen Wollens und suchen den unseres deutschen Müssens. Von solchem Blickpunkt her sind, uns unsere Richtlinien nicht inhaltlose Theorien, sondern praktische Aufgabe. Wir bejahen unsere geschichtlich' entwickelte, im inneren Empfinden seelisch verwurzelte Zugehörigkeit zum deutschen K u 11 u r k r e i s und zu Deutschland. Wir wiederholen hier keine Bekenntnisse, sondern wir setzen sie 'voraus. Deutschtum und deutsche Heimat sind uns Tatsachen, aber sie müssen es uns auch bleiben. Aus diesem Grunde muss unsere Arbeit alle Gebiete umfassen: Literatur, Geschichte, Musik, Kunst, Philoso* phi'e und alle diejenigen Kräfte, zu deren Quellen wir uns heute eigenen Zugang verschaffen müssen. Aber das allein genügt nicht. In der Diskussion In Lehnitz kam aus unseren Reihen der Zwischenruf: Ein Ghetto hört nicht dadurch auf, Ghetto zu sein, dass man einen Hausschatz deutscher Klassiker mit hineinnimmt. Ein ebenso bitteres wie treffendes Wort. Die klassischen Werte einer Kultur mögen zwar die höchsten, aber nicht immer die zeitgernässesten sein, zudem ist Deutschtum nicht nur eine kulturelle Erscheinung. Wenn wir nicht ghettoisieren wollen, oder nicht veralten," wollen, gilt es, den Kontakt mit der Umgehörigkeit zum jüdischen Glauben und verlangen von jedem Mitglied des Bundes intensive Beschäftigung mit jüdischer Geschichte, Erlernung der hebräischen Sprache und persönlichen Einsatz bei der Mitarbeit an der Lebendigerhaltung des geistigen Judentums. Es darf keine jüdisch-geistige Arbeit geben, die sich nur in Apologetik erschöpft. Dass diese Arbeit ein anderes Gesicht haben muss als die übliche Religionsstunde, ist selbstverständlich. Wenn Judentum das sein soll, was es von Hause aus ist, nämlich nicht: Gegenstand unseres — auf wenige Stunden sparsam bemessenen — Interesses, sondern Gegenstand unseres ganzen Wesens, dann muss es auch an den Quellen geschöpft werden, dann darf jüdische Geschichte, jüdische Philosophie, darf Bibellektüre, Gottesdienst und Hebräisch nicht mehr Reservat des Theologen sein. Von der Warte des bewusst jüdischen Menschen werden wir die Sicheiheit gewinnen, die uns zur Duldung und zum Kampf befähigt. Damit erfüllen wir gleichzeitig eine Pflicht an Judenheit und Judentum. Darum muss in den Mittelpunkt die Schulungsarbeit gestellt werden, die in der „Schule der deutsch-jüdischen Jugend" ihren Niederschlag finden soll. Diese Bildungsstätte soll unsere Menschen schulen, so dass sie nicht oOprozentig deutsch und DOprozentig jüdisch sind, sondern von ihrem Deutschtum und ihrem Judentum als ihrem Wesen gemässe Selbstverständlichkeiten ganz erfüllt sind. Die Neugestaltung unseres Lebensraumes stellt uns vor wichtige Entscheidungen. Sie wird dou Mittelpunkt unsoror Arbeiten büdon müssen. Unsere berufliche Situation, die sich als schwer haltbar erwiesen hat, macht uns eine planmässige Neugruppierung zur Pflicht. Dass wir diese nicht allein von den eigens hierzu geschaffenen Stellen der jüdischen Institutionen leiten lassen können, ist schon daraus ersichtlich, dass die im Brennpunkt deutsch-jüdischer Erziehungsarbeit stehende Forderung nach einem neuen inneren Verhältnis zu Arbeit und Material dadurch \ X \ " t , < / :; ,\ , (;? V \ \ A / \ V\l /> /:> .. _J Martin Sobotker, der Führer des Bundes dctttich-jiidischet Jugend Folodienst Arno KikoUr, Berlin Inwieweit dabei die Fragen von landwirtschaftlicher Umschichtung und Siedlung berücksichtigt werden, wird nicht nur von unserer inneren Bereitschaft, sondern in erster Linie von Erwägungen abhängen, die ausserhalb unseres Machtbereichs liegen. Dieses grosse Aufgabengebiet bedarf unseres besonderen Einsatzes. Darum musste, ähnlich wie es der Hechaluz für die zionistische Jugend ist, für uns das „Land- und Handwerk" geschaffen werden, das, über die in unserem Bund vorhandene berufsständische und bündische Arbeit hinaus, die praktische Durchführung dieser von uns erzieherisch vorbereiteten Massnahmen zu gewährleisten hat. Mit dieser Tagung in Lehnitz steht die 'deutsch-jüdische Jugend am Wendepunkt ihrer Geschichte. Ein neues Wollen ist von der Tagung ihrer Führer, die den „Busd deutsch-jüdischer Jugend" schufen, ausgegangen. Es gibt nicht mehr die einzelnen Gruppen. Es gibt nur noch den einen Bund, in den alle Kräfte auf die gemeinsame deutsch-jüdische Arbeit konzentriert sind. Die Tage von Lehnitz Der Rahmen Von allen jungen Menschen, die deutschjüdische Jugendarbeit im Reich führen, brennend ersehnt — erwuchs die deutschjüdische Jugendtagung in Lehnitz bei Berlin, vom 24. bis 26. "Dezember 1933, die endlich die Einigung der deutsch jüdischen Jugend bringen sohte. Vor den Einzelfragen stand die Lebensfrage, vor dea Referaten stand die Aufgabe, zu der sich alle aus allen Teilen des Reiches zusammengefunden hatten: Der Bund. Es war hier wie überall: Auch in diesem Kreise standen noch Sonderwünsche, Gruppen in teressen, liebgewordene Traditionen in Form und Inhalt dem' allgemeinen Wohle entgegen! Deshalb waren die Debatten, die bis in den frühen Morgen hinein hin und her gingen, nicht immer leicht uud allseitig befriedigend. Aber es zeigte sich, dass in der Jugend der Drang zur Einigung doch viel stärker wirkte als alle Sonderbündeleien. Und so kam es, dass, als der neue Bund" deutsch jüdischer Jugend gebildet wurde und Martin Sobotker die Reichsführerschaft angenommen hatte, ganz spontan der Gesang des K a m e r a d - schaftsliedes aufklang und den übrigen Teilnehmern, die draussen auf das Ergebnis warteten, verkündete: Es ist ge-