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Central-Verein-Zeitung · 1933-12-21 · 49 (21.12.1933) · p. [Seite]

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
12 (1933)
Issue
49 (21.12.1933)
Date
1933-12-21
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 21. Dezember 1933 XII. Jahrgang / Nr. 49 Preis 20 Pfennig entraio wo Äw -ij W fei K '! \i\ GO' 11 HlTlii M fe H ,l\ G Ä w u) lj: jji \m. L LCS«MK^ «■ Daß das Erleben dieses Jahres in allen Schichten der deutschen Juden zu tausendfältigem Ausdruck gedrängt hat. sowie der («icijt fähig wurde, die Lähmung durch den ersten und stärksten elementaren Druck zu überwinden. ist nur allzu verständlich. Nie-- uumö will sich als das Opfer eines sinnlosen Geschicks empfinden; was er' leidet, will er ^jcht nur sageir, sondern auch erklären. Wer Hmtie: Beilage WssHsdkGBÜtl aasid Redkt mit Ucbershht über die BeraäangsstieBScfs des verems m Berlin und im Retdi btutcnb miterlebt, fühlt das Bedürfnis, Anbchßmg oder jedenfalls Einstellung zur Um» H'flt zu gewinnen, alte Bindungen zu prüfen, nach neuen zu forschen. Deutungen des Geschchens zu gewinnen und neue Wege zu suchen. Es hieße die Verneinung jedes innc' rcu Lebens der deutsch-jüdischen Gemeinschaft fordern, wollte man dies beklagen und Abstellung wünschen. Aber es ist ein anderes,!venn das bedrängte Gemüt nach bloßem Ausdruck ringt, nach Aussprache und Erklärung md damit letzten Endes nach Verbindung Md Vereinigung mit Gleichbetroffenen — rin anderes, wenn aus eben erst im Empfinden Geborenen, aus jüngst Gedachtem, ^ichtgeklärtem. kaum baß es Ausdruck geftutden hat. neue Gesetze, neue Formen herßrlcitet werden sollen, wenn Subjektivstes dllzn früh Objektivierung beansprucht. So verständlich und wertvoll das eine — so llrsährlich das andere. Von allen umcren Diahren, denen das deutsche Judentum auch ■ Jlfiitc m der 3eil seines schwersten äußeren ^wgens ausgesetzt ist, erscheint diese Gefahr dir größte: daß zu eilig, angeblich aus innerstem Verstehen der Zeit heraus neue Pro- Miiime. neue Ideologien geboten werden, bio statt der Gewinnung neuer, in Wahrheit uvch illusionärer Formen nur alte lebensllältige Bindungen zerstören können. — die Erfahr, daß wir cs. sagen wir es kurz, uus ausemanderredcn. Vor 100 Jahren hat Savtgny in seiner vttühinten Schrift den Beruf feiner Zeit für ßio Gesetzgebung bestritten. Sicher ist keine dort so wenig wie die Monate, die wir jetzt uirchleben. berufen dem deutschen Jrrdentum "me mnere Gesetze erkenntlich zu machen, ^vir erleben Geschichte: aber cs hieße die Schichte atomisicren, wollten wir in Borleimung unserer Distanz von den Ereignissen uns heute schon vermessen, ihr für uns gültige ssMe Normen abzulesen. Wer zu ungeduldig Hb die Gesetze seiner Gemeinschaft m der Zeit Kampfes, für die sie geschaffen sind, zu erproben, wird auch nicht fähig fein, neue zu finden. In der Stunde des Geenkens an meinen Vater, an Eugen Fuchs. 1? erinnert, daß er und die Männer 16 *n den Jahren vor dem Kriege Die Abll^enzung gegenüber dem Nationalzudentum genommen und damit Die begriffliche Klä> ,U"Q im deutschen Judentum herbeigesührl Mven. die in den darauffolgenden Jahren I andig an der Ideologie des deutschen Judenseinem „positiven Programm" ^e* ■ VSR §eSRz §Rchs arDeitet. haben, in den Zeiten des Kampfes um die-Erhaltung des deutschen Judentums unbeschadet aller ideologischen Treummgen das Primat der gemeinsamen praktischen Arbeit gefordert haben. Und als ans den Vertreter einer anderen Generation sei ans Ludwig Tictz hingewieseu, der ebenso wie viele seiner Altersgenossen dem ideologischen Kamps um das. Wesen des deutschen Juden wahrlich nie ausgewichen ist, und der doch die letzten, die größten Monate seines Lebens allein der helfenden Arbeit gewidmet hat. Damit soll nicht einer Erstarrung unserer Wesensfvrmen, einer Entwicklungsfeindschaft, die unserer Art nicht entspräche, das Wort geredet sein. Wohl aber der Pflicht zur Nachprüfung allzu schnell und willig angenommener. neuer, häufig nur allzu vergänglicher Erkenntnisse. Eine Zeit wie die unsere mag für uns deutsche Juden den Keim zu völlig neuen Lebensformen, Lebensinhalten und Bekenntnissen bergen. , Wir wissen es nicht, können es noch nicht wissen; der Blick ist noch nicht frei, die Sicht in die Zukunft durch das Erleben des Tages noch getrübt. Aber daß wir es noch nicht wissen können, das seiro nos nondum scire legt uns die Verpflichtung ans. uns als Treuhänder zu fühlen für das uns mitgcgebene Ideals für die uns' ausgegebene Arbeit. Was bedeutet, was. verlangt diese unsere Treuhandschaft? Daß wir uns in so unendlich bewegter Zeit nicht jedem neuen Eindruck hingeben, nicht ans jedem, ans dem Tage geborenen Empfinden programmatische und ideologische Konsequenz ziehen wollen. So mag eine Skepsis gegenüber den Idealen des 19. Jahrhunderts, für die unsere Bäter begeistert eingetreten sind, eine Skepsis gegenüber dem politischen Liberalismus, der sich gerade die im Kriege großgcwordene Generation schon seit langem offen gezeigt hat, heute, auch im weiteren Kreise der deutschen Juden begreiflich sein. Wer aber als deutscher Jude hierauf ein neues Programm gründen will, wer allzu begeistert verbrennen will, was er augcbetet hat. der wird an Wahrheit nicht gewinnen. Tenn wie will er verkennen, daß das. was den inneren Kern der Verbindung von Deutschtum und Judentum ausmacht, der freie persönliche Wille als Grundlage des Bekenntnisses zur Nation gerade im 19., im liberalen Jahrhundert geboren wurde? Daß der Nassegedanke heute auch die Gemüter im deutschen. Judentum innerlich beschäftigt. und zwar nicht nur. weil unser Schicksal zu seinem Objekt wurde, ist eine selbstverständliche Zeitcrschemung. Wer aber — und zivar gleich, in welchem jüdischen Lager er stehe — programmatisch gerade als Jude eintritt für den Nassegedanken als Grundlage des staatlichen Aufbaues, der wird bei der Umwelt kaum au Verständnis für unsere Lage und mnere Haltung gewinnen, er muß sich aber darüber klar sein, daß sein programmatisches Gebaren geeignet ist, den Anspruch auf Gleichberechtigung zu vernichten, auf die Gleichberechtigung, die nach einem Wort von Sokolow auch die Voraussetzung ledes zionistischen Kampfes ist. Hier wirkt die Ideologie nur als Werbungsmittel unk als Alibi. Und wenn wir als Treuhänder unserer Idee im Ringen die ideologischen Zeitströmungen fühlen, so werden wir auch unserem eigenen Ausdrucksverlangcu die gebotenen Grenzen ziehen können. Wer sicher seinen Weg geht, bedarf nicht der ständigen Erklärung, daß es der richtige Weg ist. Längst ist uns unser Deutschtum Celbsiverständlichkeit geworden. Und ist es uns geblieben. Ist es doch, wie Alfred Hirschberg sagt, „an diesen Boden geknüpft und nicht an die Idee, die das Land beherrscht". So bedarf es keiner immer erneuten Betonung. Wer diese immer wieder verlangt, erweckt nach außen nur den Eindruck der Unsicherheit und erregt den Verdacht, daß er gerade sein Deutschtum hervorheben, daß er differenzieren will, wo Einheit so dringend geboten ist. Einheit! Im Streit der zeitgemäßen und doch so unzeitgemäßen Programme ist sie selbst zu einem Streitpunkt geworden, ist von einer „Einheitsidcologie" die Rede, ein Schlagwort des Kampfes, das seine Erfinder nicht verstanden haben können, sie hätten sonst den klaren Widerspruch in sich gespürt, den dieses Wort birgt. Wer kann sich zur Treue au die Idee von Deutschtum und Judentum bekennen und gleichzeitig einen Gegensatz ausspüren zwischen der Gesinnung dieser Treue und der Einheit, der Einheit der Arbeit für die Gemein- G*zhvimer Juscizrat Eugen Fuchs Zum zehnjährigen Todeüage urucres unvefgettenen Führen und Vorkämpfen am 22. Dezember 1933 BBaBBBaBHSDcaQOBc^aBSBBBBEaissiRBE schast? Er mag die Geschichte der Bewegung des deutschen Judentmns, die Annalen des Centralvereins und die Schriften und Reden seiner Gründer lesen, und er wird die Unmöglichkeit dieses Gegensatzes erkennen. Er wird scheu, wie untrennbar immer Klärung und Festigung der Gesinnung und praktische Arbeit für die ganze Gemeinschaft die Linie des Centralvereins bestimmt haben. Nicht zufällig begann er als Ncchtsschutzverein; war es doch eine Zeit schiocrsten Kampfes, der dann in ruhigeren Jahren die erkenntnismäßige Besinnung aus das Wesen vom deutschen Juden folgte. Und wieder kamen — unmittelbar nach dem Kriege — Jahre des Kampfes um die Erhaltung des beutst wir Judentums. „Nicht Begriffs-, wohl aber Arbeitsgemeinschaft", wie es in einem Brief aus dem Jahre 1919 heißt, war das Postulat, das Eugen Fuchs für diese Zeit ausstellte. Es gilt auch heute. Es enthält nur ein praktischcs, aber darum nicht minder hohes Ideal. Möge cs im Kamps der Ideologien nicht vergessen werden! MM Von Julius Vrodmtz Zehn Jahre sind vergangen, seit wir Eugen Fuchs zu Grabe getragen haben. Es ist ein Prüfstein für den Wert dcS Menschen, wenn jedes Wort, das wir beim Heimgagge. unseres Führers in der Erschütterung des Tages geschrieben oder gesprochen haben, auch heute noch vor ruhiger Erwägung voll besteht. Eugen Fuchs war die Personifikation unseres CB-Gedankens in seiner Liebe zum Deutschtum und deutschen Daterlande und in seiner verehrungsvollen Treue zum Judentum. Seine Reden und Aufsätze „Um Deutschtum und Judentum" bestehen trotz aller Veränderungen, die wir erlebt haben, im wesentlichen, auch noch vor der Gegenwart. Es war eine Gnade, aber auch eine schwere Pflicht, das geistige Erbe von Eugen Fuchs zu verwalten. Wir dürfen sagen, daß nichts seit seinem Heimgange geschehen ist, bei dem wir uns nicht gefragt haben, wie würde Fuchs sich verhalten haben. Wenn. in dem Beratimgszimmcr der Vereinsleitung das Bild von Eugen Fuchs über uns hing, so war dies nicht bloß ein Zeichen ehrenvoller Erinnerung. Eugen Fuchs weilte geistig bei unseren Beratungen stets in-unseren Reihen. Es ist sehr vieles seit seinem Heimgange anders geworden, aber Eugen Fnchs war, unabhängig von seinen Jahren, ein Mann, der nicht, unentwegt alte Lieder sang, sondern in dauerndem Ringen beweglich der Entwicklung der Zeit Rechnung zu tragen „Es ist ein eigenes Verhängnis mit allen synthetischen Bestrebungen, mögen sie auf dem Gebiete des Rechts oder der Judenfrage liegen: Es dauert lange, ehe sie sich durchringen und ehe der Menge die Aufklärung kommt, dass sc einfach und unkompliziert die Wünsche, Interessen und Bestrebungen dei einzelnen sind, so kompliziert die Versöhnung der widerstreitenden Interessen is&f*' - . Ettgcn Fuchji «fl einem Brief an Minen Sohn im April 2918 wußte. Charakteristisch war — das weiß ein jeder, dem es beschieden war, ihm näher zu treten —. wie sein Wort von der unlösbaren Verbindung von Deutschtum und Judentum sein Leben beherrschte; so beherrschte, daß er diesen Gedanken und dieses Empfinden als etwas Selbstverständliches in sich beivahrte; niemals hat er es entweiht, indem er es zur politischen Phrase machte. Niemals auch hat dieses tiefe Empfinden ihn gehindert, dem iminer mächtiger hervortretenden Palästina-Problem gerecht zu werden und eine Lösung zu suchen, die den Palästina- Gedanken mit seiner deutschjüdischen Einstellung vereinigt. ' Wer, wie ich, mit Eugen Fuchs und unserem alten .Mitkämpfer Professor Schneider zusammengesessen, hat, nur die bekannte Zionisteuresolution vom Jafre 1913 zu redigieren, weiß, wie Eugen Fuchs selbst in den wichtigsten Beschlüssen niemc ls eine für die Ewigkeit bestimmte Lösung gesehen hat: in jeder Entschließring war für ihn auch die Mahnung, darüber zu wachen, daß sie nur solange Bedeutung hat. als sia dem wechselnden Leben entspricht. Selbst Engen Fuchs ist das in unseren Reihen so oft gebrauchte Wort von der Schaukelpolitik entgegengchalten worden. Eugen Fuchs war niemals der Vertreter einer Schaukelpolitik, sondern stets ein Bekämpser. verkalkter Selbstzufriedenheit. Sein Ringen mit den Problemen hörte niemals auf. Ich unterlasse es, in dieser Stunde des besinnlichen Gedenkens Konsequenzen für die Gegenwart zu ziehen, wiewohl es zuni Beispiel auch heute noch interessant ist, die Resolution von 1913 zu lesen, die auch heute noch volle Geltung hat. Vor mir schwebt in diesem Augenblicke des Besinnens die leuchtende Persönlichkeit dieses prächtigen Mannes, dir , uns vor Augen stehen muß und wird im ewigen Ringen-um die Probleme des'Tages.

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