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Central-Verein-Zeitung · 1933-12-07 · 47 (7.12.1933) · p. [Seite]

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
12 (1933)
Issue
47 (7.12.1933)
Date
1933-12-07
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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fPWSl^^. Nr. 48 t-J'w’sJUOUÜv; i 1' Beilage LK«r dMchM WlA? Line MSerreduu^ Mit dem Letter der LerufLrLmschrchtvmgsttelle der VerUner'Jüdischen Gemeinde Au den täglichen Söofabcfn, bic bei allen Unterhaltungen jübifcljcr Menschen in Teiitichlnnd angewaiidt werden, gehört bas Wart „Bern'ssmnschichtung". Viele Hoi; ihnen nieinen, ber Vegri,s^unb bas streben danach seien ganz neu, erst durch den Um-- stürz der letzten Btvnate entstanden. Diese Ansicht ist irrig, "Das Streben nach Umschiiütung unter den deutschen Iudeit ist, ivenn inan b;s in seine Uransänge hineingeht, schon viele D ezennien alt. Ader sie stiegen bei den jüdischen Menschen selbst — besonders bei den Eltern - immer auf Widerspruch. So blieb es denn meist bei der Theorie. In der Rachlriegszeit nnirde die Forderung non allen slidischen leitenden Stellen aber mit iinnrer größerer Drmgüchteit gestellt. Auch die „E. B.-Ztg." hat immer wieder auf die unzweckmästige Berufsgrnppierulig innerhalb der deutschen Inden hingewiesen, aber die Stimmung der indischen Massen ist erst in den letzten Monaten aus dem dringenden äuchreu Aivang heraus zugunsten einer solchen Bernfsumschichtung ,ungeschlagen. Um diesen plötzlich einsetzenden Drang nach der Erlernung eines neuen Berufes in die richtigen Bahnen zu lenlen. hat auch die Indische Gemeinde zu Berlin in ihrer Wirtschaftsstelle eine besondere Beratungsstelle für Berufsumsehichtuug eingerichtet. Einer der beiden Leiter der Abteilung für männliche Berufe, Dipl.-Ing. Friedrich Altmann, gab unserer Schristleitung Gelegenheit zu einer Anssprache über das Wirten dieser Stelle. „Was für Menschen nehmen Ihren Rat hauptsächlich in Anspruch?“ ch, jedem von uns tommen sagte Friedrich?llr;iann, etioa 30 Meusehen täglich, die hören ivvlu'n, ivelcher Beruf für sie der anssicht ev'chsle iü und wie sclmell sie ihn erlernen leimen. Es sind alles Menschen. die schon einen Berns erlernt haben, die meisten haben jl,,i auch schon ansgeübt. Biele von ihnen sind seit langen Ialiren erwerbslos, haben es znnächsl mit irgendeinem Wandel versucht, sehen mm ein. dag sie damit auch nicht weiterkommen und ivollen ein Handwerk erlernen. Manche sind auch noch in S'. Klungen, fürchten aber den Abban oder glauben, ans die Dauer keine Eristeuzmbglichkeit hier' mehr zu haben. Lieie Ratsuchenden gehören alten Alters' Wsteu zwischen 20 und 00 Jahren an. Die imchlen sind 30 bis 3b Jahre alt. Menschen, die schon ihren akademischen Berns ansübten, ivährend des Krieges zu jung Zinn Heercstienst wareii mrd durch den Frontparagraphen den Berns verloren haben. Bckele von ihnen sind schon verheiratet, haben junge Kinder und wissen nun nicht, ivas zuerst ansangen." „Wollen diese Leute auswandern oder in Deutschland bleiben?“ Bas ist ganz vcrschiedeii. Wir unterscheiden ch'i Gruppen: die hier bleiben wollen, die Ansivanderer und die Palästina-Wanderer. „Nach welchen Gesichtspunkten erteilen Sie Ihren Rat sonst noch?“ A'str siichen zunächst die persönliche und die semilienmätzige Eignung für irgendeinen Berns oder ein Land sestziistellen, indem wir irns mit dem Ratsuchenden über sein bisheriges Aden unterhalten. Wir lassen uns den Lebenslauf sagen, hören, aus was für einer Familie cr stalnmt. stellen fn die soziale Struktur, die Vorbildung und — dasäst vielleicht das Wich- — die seelische Stellung des Rtatsnchenl'Oi fest. Denn erst ans seiner seelischen Position tonnen mir beurteilen, ob er sich Zil einer biiiidarbi'it eignet, ob er die Schwungkraft be-!°>R die Voraussetzung zum Ausivandern ist. und ob er vor allem bereit ist. seinen Lebensstandard der Schicht anzupassen. zii der er r>ach feinem Znknnftsbernf gehören will. Da tvnnnen Blenschen zu uns, die ineinen, ivenn sie etwas Anschneideii gelernt haben, lönnteii y tich gleich selbständig machen, oder andere, me glauben, mit einem bißchen handivertlicher .mrhbildtmg gleich Betriebsleiter iverden zu tmnieli. und wieder andere, bei denen man datz sie das Handwerk nur ergreifen Mollen, um nachher in diesein Facli einen bmidel ansplmachcn. Aber wir ivollen doch Leute gerade vom Handel wegbelommen. äll diese Leute besitzen nicht die seelische Bereitisuaftz gir wirtlichen Berufsmnschiehliing. Wer [llu' sachliche Ansbildnng von ein bis anderttE' Jahren bei achtstündiger Arbeitszeit gesMot hat. kann iveder in Deutschland noch im 'lllslmid Meister sein oder sich selbständig in ^'»i Fach machen sondern er ist nur eilt aut J11 fl e l e r n t c r A r b c i t c r und muß willens .lu* üch in die Arbeiterschicht auch tatsächlich onznreihcn. Tie Jüngeren sind dazu fähig ">d haben auch den Willen dazu, aber häufig ^mmen Aeltere, die 50- und 60jährigen, die owar mit dem Gedanken der Berussnmschichnug spielen, aber den rvahren Ernst der Lage nicht richtig erfassen. Sie flüchten sich in einen merkwürdigen Optimismus hinein, der deshalb gefährlich ist, iveil er die Realitäten verkennt; aber nur der kann den äußerlich und innerlich schweren Schrill zur Berufsumschichtung mit Ersolgsanssicht machen, der 'ich der Tragweite dieser Entscheidung in ihrem ganzen Umsange bewußt ist. „Haben die Ratsuchenden schon irgendeinen festen Plan, wenn sie zu Ihnen kommen oder wollen sie auch von Ihnen erst die Art des Berufes gewiesen bekommen?“ Das ist verschieden. Viele kommen natürlich mit Vorgefecht er Meinung; da ist es unsere Ausgabe, zu prüfen, ob die Absicht durchführbar ist. Zum Beispiel kam neulich ein Mann, der erklärte, er wolle Ehausfeur in Amerika werden. Er hatte ganz große Rosinen. Ich unterhielt nuch einige Zeit mit ihm und mußte seslstelleu, das; er .weder für den Beruf geeignet, noch sonst irgendein Ansatzpunkt für die Auswanderung gerade nach Amerika vorhanden war. Wir halten deit Ehanffeurberuf überhaupt nicht für aussichtsreich, auch nicht für Deutschland. Die größten Aussichten be? stehen für Deutschland und für das Ausland iw allen Zweigen, die mit dein Baugewerbe Zusammenhängen, wie Tischlerei, Glaserei. Metallbearbeitung nsw. Aber wie gesagt, wer das in kurzer Ausbildung lernt, wird nur gelernter Arbeiter. Jüngeren Menschen schlagen wir natürlich vor, die richtige Lehrlingsausbildung durchzumachen. da gibt es auch noch immer gute Ilnlerbringnngsmöglichkgiten in Eiuzelstellen. Uebrigens ist auch für Schneider und Schuster, von denen eine ganze Menge ins Ausland gewandert ist, in beschränktem Maße Platz vorhanden. Denen,' die ins Ausland gehen ivollen, raten wir. die Landessprache zil erlernen; manchmal ltomuten auch Leute zu uns, die schon einen bestimmten Ans- oder Nüekwandernngsplan haben itnö einen gerade für dieses Land geeigneten Beruf erlernen wollen. So kam neulich ein Pole, der Seifensieder werden wollte, um darin in seine Heimat zurückzuwandern. Er habe iinr den e'nien Wunsch, das zu lernen — um nie wieder Händler werden zu müssen. „Und was halten Sie von Landwirtschaft und Gärtnerei?“ Wer kein Kapital besitzt, um später Land zu erwerben, der muß, auch ivenn er die Landwirtschaft gelernt hat. darauf gefaßt fern, daß cr hier oder im Anslande unter den harten Lebensbediugungen als Kriecht zu arbeiten hat. Sechzehn Stunden Arbeitszeit — in Frankreich häufig nur für Wohnung und Essen —, schwerste körperliche Arbeit! Dem ist natürlich nur ein junger, trästiger Mensch gewachsen. Dazu kommen dann noch die klimatischen Schwierigkeiten, falls er auswändcrt. Besser schon ist es mit der Gärtnerei, aber auch diese Arbeit ist sehr schwer. Wer Kapital besitzt, wird eine Handelsgärtncrci oder Blumenzüchterci eröffnen oder sich an einer solchen beteiligen können. Dazu ist aber eine sehr gute mid qualifizierte Ausbildung in guten Gärtnereien nötig. In Emropa besteht für Obst- und Gemüsebau bei sehr guter Ausbildung noch Zukunftsmöglichkeit. ■ ZOG Jaiftire Jüdisches ECmderkei css. fiflea’jms Vor genau hundert Jahren haben großherzige Frauen den Grundstein Zit diesem Heim gelegt; ' ursprünglich nur für WcnKmnädcheu gedacht, beherbergt da8 Institut heule 27 Schulkinder und acht junge Mädchen, die hier den Haushalt praktisch erlernen. Tie Kinder stammen zumeist auS wirtschaftlich schlecht gestellten Familien. auS zerrütteten Ehen. — einen geringen Bestandteil bilden die Waisenkinder. Dieses Heim. daS von „Tante" Rccha Löwp vorbildlich geleitet wird, ist Eltern oder Angehörigen, Kleine Stiche machen große Sorgen, uitb das kleine Mädchen prüft mit fachmännischem Blick die Arbeit seiner Kleinen Freundin. So fest wie durch F-amilienbav.de smd die Heimkinder miteinander verknüpft, und sie kommen später von überall her muncr wieder im Heim zusammen, um sich gegenseitig das Herz ouszuschütten und von ihren Freuden und Laden? „draußen" zu erzählen. — Es ist ein so schöner Geeilt wirkliches Zuhause für alle Kinder, die hier lernend, arbeitend und spielend ihre frühe Jugend verleben. Einige der Kleinsten seien hier vorgestellt. JlSchen ist in der Küche als Hilfs„kraft" sehr geschätzt — Tag für Tag putzen die kleinen Fingcrchen emsig daS Obst für die ganze Belegschaft. Rach dem Abendbrot geht'S zum großen Schuheputzen, — ordentlich blank müssen sie sein, mid man darf denke, daß viele Kinder, die durch widrige Umstände im Elternhaus ihre Jugend nicht froh verleben können, hier immer eia Zuhause im besten Sinne finden. Herbert 8onnea!eId. . * Die Vorstandsmitglieder be§ Heims haben wegen der Erhaltung und Fortführung große Sor4 sich dabei nicht schmutzig macken; jedes Kind bekommt zu dieser Arbeit ein Putzschürzchen umgetan. Das bevorstehende Ehannktahsest versetzt alle in große Aufregung! Selbst die Allerkkeinsten arbeiten an einem kleinen Geschenk für „Tante", für die gen gehabt. Die Stadt Berlin und die Jüdische Genieiiide Berlin können dem Heim niir be'ckxidene Alittcl zur Bcriügnng stellen. Anläßlich der Hundertjahrfeier wird an die jüdische Lcfsenllichleit der warme Appell gerichtet, durch reichliche und regelmäßige Spenden an der Erhaltung und Fcrtsnhrung des Heims mitzuhclfeu. „Sie machten vorhin einen Unterschied zwiseken Auswanderern und Palästina-Wanderern? Warum tun Sie das?“ Nach Palästina sollte nur gehen, wer es tvirklich mit dem Idealismus für die Sache tut. Es gibt heute Konjuiikturziouisteu, die uns nach einem Berns fragen, für den sie schnell ein Zertifikat bekommen können. Atanche möchten auch schon vor der Berussumschichtling vom Palästina-Amt die Garantie haben, daß ihnen, ivenn sie mit ihrem Lehrgang fertig sind, das Zertifikat gegeben wird. Das ist natürlich nicht möglich. Das Palästina-Amt verlangt für die Einwanderung bei Handwerkern ein bis anderthalb Jahre Lehrzeit, früher sogar zwei Jahre. Aber cs entscheidet nicht nur nach dem fachlichen .Können, sondern ailch nach den Sprachkcnntnissen, denn man will ja für Palästina die Hebraisiernng. Was ich.von der Landwirtschaft für Deutschland und das. Ausland sagte, qitt in verschärftem Maße für Palästina. Dort sind heute Sümpfe trockenzulegen. Bäume auszuroden und das alles in größter Hitze. Wer heute als Landarbeiter hinübergeht, lebt dort unter den Schw.erigteiten wie hier die polnischen Schult^ ter. Handivcrker und Gärlner haben es leichter. Tie Konjunktur ist natürlich hauptsächlich auch dort im Bailgewerbe. Die Wohnbedingungen, das Klima und alles andere sind aber für den Arbeiter, und das wird auch dort der umgeschichtete Akademiker und Kaufmann nur sein können, natürlich sehr schwer und eigentlich nur zu ertragen, wenn man mit dem Idealismus,' der auch die ersten Chaluzim beseelte, hinübergeht. Das alles sagen wir unseren Ratsuchenden; denn es hat keinen Zweck, ihnen die Zukunft leichter hinzustellen als sie wirklich ist. Wir wollen doch den Btenschen Helsen, nach ihren Kräften und nach den 'Möglichkeiten, die die Umwelt ihnen, sei es hier — und diese Möglichkeit prüfen wir natürlich vor allem — oder in Jugoslawien, in Frankreich oder Argentinien, in Südafrika oder Palästina bieten soll, ihr Leben neu aufzubauen. Ta darf es keinen niederdrückenden Pessimismus. aber aueü) leinen falschen Optimismus geben, sondern man muß den Tatsachen kühl und eiitschlossen ins Auge sehen. Dr.M.E. istiKKialKuH.! ' aü . BK i v 1

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