Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 12 (1933)
- Issue
- 46 (30.11.1933)
- Date
- 1933-11-30
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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-2.12.1S33 Berlin, 30. November 1933 XII. Jahrgang / Nr. 46 - Preis 20 Pfennig ereln j v. ü ii ü- ■li H.B. In Zeiten innerer und äußerer Not skl)l'jedcÄ Wesen instinktiv zu seinen natüröriinblflflcii zurück. So wird in der •i'cfimmnn einer schweren Krise wieder dentiiHcr sichtbar, daß die eigentliche jüdische üesinlichteit gar nicht der Einzelne, sondern iyaimlie ist. Wer viele indische Schicksale Hm- Zeit zu übersehen uevmafl, stellt mit ujuncr neuem Erstaunen fest, wie gleichartig -,j. sjlmktiott der Glieder einer Familie in gan; verschiedener Stellung und Umwelt vcr- Üufl. wenn sie einem cristcnzgesährdendcn 2rucf aufgesetzt werden. Wie der soziale Ausstieg sich im wesentlichen familienweise v.rgvg, so scheint jetzt auch Bewahrung oder lijiiticn tn der Gruppe, nicht im Individuum .utschiedcn zu werden, und es zeigt sich also, baß der Geist einer Familie von realerer Wirklichkeit ist als jede scheinbar noch so 'schere soziale oder wirtschaftliche Stellung/ ia. daß er. seitdem die Religion aufgehört liai die innere Struktur des jüdischen Men- ^Üllh fl (j rn* p rs u C.i V. 'S ii FJ|I L/wiU Llü vJJhi B " ’ | Unser© ChanüfcbGb«Ausgabe i i (No. 43 vom 14. Dezember, I bringt eine s. | ItisSdortG SeBßer-Osilage.: | I RAMbfrSsfe&Icbb J j Sr die WMs lm<m& | crzähU von Rabb!ner 1 [taub: der geringste Rückschlag mußte zu einer schweren Bedrohung führen. Die Jugendbewegung hat manchen dieser Schäden gemildert, aber schon die Inflation fand zu einem erschütternd großen Teil Menschen vor, die nur ,,Söhne ihrer Väter" waren — nicht lebenstüchtig genug, die rechte Antwort aus die Anforderungen einer veränderten Welt zu finden, da sie die vergangene für ewig hielten. Die Bereitschaft, auch innerlich. die Grundlagen des Lebens neu zu fundieren, ist auch heute noch lange nicht stark geuug; nach einem Jahrhundert, das die deutschen Juden im Kampf um den sozialen Aufstieg gesehen hat, scheint vielen die Fähigkeit verloreugegangeu zu sein, die erworbene Stellung zäh, ruhig und selbstbewußt zu h a l t e n. So kommen Ucbertreibuugeu nach beiden Seiten zustande: einer geistigen Starrheit. die überhaupt keinerlei Veränderung wahrhaben will, steht eine Haltung gegenüber. die man fast schon als Gnthustasmus zum sozialen Niedergang bezeichnen kann. So sind allzuviele Fälle übereilter Auswanderung kein Zeichen der Kraft zu neuem Beginn. sondern Ergebnis kopfloser Panikge- - wesen, und unter diesem Gesichtspunkt gewinnen auch manche Entschlüsse zur Berufs-' Umschichtung ein anderes Gesicht. Es ist, hier. — wohl verstanden! — nicht von > dem,bitteren Zwang die Rede, unter dem gerade/die/ Wertvollsten ihrem Leben neuen Sinn .und neuen Halt geben. Aber der Bruch mit der generationenlangen Kulturtradition einer Familie ist nicht für sich schon ein Wert, und Entschlüsse werden nicht nur für die Lage gefaßt, aus der sie hervorgehcn, sondern sollen sich ein Leben lang bewähren, sollen gar das Schicksal kommender Generationen begründen. Der räumlichen Trennung vieler Familien, die die Zeit mit sich bringt, steht eine entschiedene Festigung des inneren Gefüges der Familie gegenüber, die nicht nur einem äußeren Druck entspricht, sondern auch aus der gesteigerten Lebendigkeit des Judentums selbst neues Leben gewinnt. Die innere Ver- ' bindung der einzelnen Familienglieder untereinander und das Bewußtsein, Glied in einer Kette von Generationen zu sein, verantwortlich nicht nur der Vergangenheit/ sondern auch der Zukunft gegenüber — diese Haltung hebt und trägt über die Fragen des Tages hinaus. Denn wenn auch der einzelne vor den Jahrhunderten wenig, die Generation nicht viel bedeuten mag — die Folge der Generationen ist die Geschichte selbst.. Immer wieder stellt sich das Pro-' blem, wie der Einzelne sich dieser Folge, ein»; gliedert'.' wie er, selbständig, seine.Freiheit be- 'hauptend. eben ihren Anspruch erfüllt./ .Sol kann cinp feste Tradition sich gerade da erhalten, wo eS am wenigsten den Anschein hat:,' wo.Reichtum und Besitz, fragwürdige.'Wert-- Dr, Friedrich Brodnitz, Berlin, wurde vom Führerral da Rcichtaumcfiusscs der jüdischen Jugendverbände am 22. November ah Nachfolger da verstorbenen Dr, Ludwig Ticlz zum Fonilzcndcn des RclchsauuchwAcs gewählt Phot. Irma Cohn, Berlin BaBE!&iElBEHSGt3E3QSC3S3CnHE3E3aBElSEIi3a maßstäbe einer anderen Zeit, ihre Geltung verlieren, kann sich doch eine Kulturhühe behaupten, zu der sie einmal den Weg gebahnt hatten. Rur der Wille zu solcher Selbstbehauptung auch im Wechsel der Verhältnisse kann zu den neuen Wertordnungen führen, aus denen sich die Neugestaltung des Judentums ausbauen muß. Dieser Vorgang ist. wie mir wissen, in unserer Geschichte nicht neu. und auch die Umwelt kennt genügend Beispiele ganzer Schichten, die bei schmaler wirtschaftlicher Basis als Lehrer. Geistliche oder Offiziere Kulturträger von hoher Bedeutung waren und lange Generationen hindurch blieben. In der Familicntradilion, dje sich Kommenden Geschlechtern mitteilt — mehr.noch, in ambewußtem Einfluß.als in bewußter' Erziehung — liegt Bürgschaft und ' Ausgabe der Neugestaltung: ihre Lockerung ging dein Sturme voraus, ihre Festigung mag für neues Leben bürgen. , J 22» November bss 29. November | Or, Martin Swersens y. | •ü)m allein zu bestimmen, der letzte feste und bckndige Halt geblieben ist, der der Aus- ^hlung des Judentums widerstand. Allein auch diese Klammer hatte sich inletzen Generation schon gefährlich gc- ^Rrl: die jüdische Familie hat sich zwar.der langer Jahrhunderte, nicht aber . der <Ä weniger Jahrzehnte gewachsen gezeigt. Entwicklung beginnt mit den Groß- K'.crn, die in dem Jahrzehnt vor und nach Ist Neichsgründung aus den Land- und Aciipiadlgemcinden in die Großstädte üüer- ^A'lten. ungezogen von der politischen und ^vschaßlicheii Expansion, die Deutschland Zcn Rang einer Weltmacht erhob. Sie pflegten bescheiden, streng und fromm "ud bcv zunehmende Wohlstand er- Erlichte es. der zahlreichen Kinderschar eine E^ildung zu geben, die den sozialen Ansnächsten Generation gewährleistete. § ohne, schon in der Stadt aufgewachtonnten zwar harte Arbeit, aber keinen Entliehen Lebenskampf mehr: ihre Aufgabe Ausbau, nicht Aufbau. In dieser Genea-^n haben sich entscheidende Wandlungen ol!zogen: das strenge Religionsgesetz wurde nS- Ordnung zu subjektiver „Reli- ^,Uat" mit stark ästhetischer Färbung, reli- *0,ß Erziehung zu „Pietät" verflüchtigt, die ^lnugoge wurde zum „Tempel", wenn nicht? Gottesdienst überhaupt ein sonntäglicher ^ldipasiergang „ersetzte". Die Kinderzahl 'Mde. um die Zukunft des Nachwuchses wirt- ,!a lüch unter allen Umständen zu sichern, 'Wankt: damit zugleich setzte eine Ver- ' Wlchung^ ein. die die Kinder jeder ernst- / en ^CU)^runQ entzog, und eine Erweite- "g der Bildungsansprüche, die sie viel zu aus der Schulbank zurück und vom / 0" entfernt hielt. Zugleich stieg der per- % Anspruch auf Lebensgenuß noch I^er und starker als der allgemeine Wohl- Kerne Aussdialtung der bereite ' zuge.ass~nen jüdischen Kassenärzte in Gressstädten Nach der Verordnung des Neichsarbeitsministers vom 22. April 1933, RGBl, l, S. 222, ■ haben die kassenärztlichen Vereinigungen die Zulassung nichtarischer Aerzte für beendet zu' erklären, es sei denn, daß die.Aerzte bcrecks seit dem l. August 1914 niedergelassen sind, oder daß sie im Weltkrieg an der Front für das Deutsche Reich oder seine Verbündeten gekämpft haben, oder an der Front oder in einem Senchenlazarett als Aerzte tätig . gewesen sind, oder daß ihre Väter oder ihre Söhne im Weltkrieg gefallen sind. Auf Grund dieser Bestimmungen mußten auch Aerztinnen die Kassen entzogen werden, deren Ehemänner im Weltkrieg gefallen sind. Entsprechend der Neuregelung im Recht der' Beamten und Behördenangestellten hat nun-. inehr der Neichsarbeitsministcr durch Verordnung vom 20. November 1933 lNGBl. I, S. 983) bestimmt, daß auch die Witwen im Weltkrieg gefallener Aerzte ans der kassenürztttchen Tätigkeit nicht ansgeschaltet werden dürfen. Die Zulassung von .Aerztinnen, sowie die Tätigtest von Zahnärztinnen und Zahntechmkerinnen. deren Ehemänner im Weltkrieg gefallen sind, und deren Zulassung oder Tätigkeit nur wegen ihrer nichtarischen Abstammung für beendet erklärt worden ist. gilt als nicht beendet. Ferner ist als Endtermin für die K a sis e n e n t z i e h u n g e n der 31. Dezember 1933 bestimmt worden. Art. II, Nr. 6 der Verordnung über die Zulassung von Acrzten bei der Tätigkeit in den Krankenkassen vom 22 April 1933 (RGBl. I. S. 222) und die Verordnung über die Tätigkeit von Zahnärzten und Zahntechnikern bei den Krankenkassen vom £ Juni 1933 (RGBl. I, S. 350) treten mit dauf 31. Dezember 1933 außer Kraft. Soweit auf Grund dieser Vorschriften, eme Entscheidung der Kassenärztlichen Vereungung Deutschlands noch bis zum 31. Dezember 1933 mitgeteilt ist. bleiben tue Vorschriften zur ' Durchführung der anhängigen Verfahren m IV der Verordnung vom 20. November 1933 bestimmt Westlich: BorbehaMich einer endgültigen Regelung werden bis auf weiteres in Städten mit mehr als 100 060 Einwohnern Aerzte nichtarischer Abstammung, sowie Aerzte. deren Ehegatte nichtarischer Abstammung ift, zur Tätigkeit bei den reichsgesctzlichcn Krankenkassen nicht zugelassen. Diese Bestimmung ist an. manchen Orten mißverstanden worden. Cie trifft selbstverständlich nur eine Regelung f ü r d i e Z u k u n s t; d. h. n e u e Zulassungen'finden vorläufig — bis zur endgültigen Regelung — nicht statt. Die bereits zugelasienen Aerzte, auch diejenigen, bei denen ein Beschwcrdevcrsahrcn beim ReichSarbeitsministerium anhängig ist, werden durch die Neuregelung nicht betroffen. Niddarisshe Händler im wwttembergisdien Marhiverhehr zagelassen. In einem Erlaß an die maßgebenden Be-. Hörden ordnete der württembergische Wirt-. schaftsminister Dr. Lehnich an, daß nach einem Runderlaß des Ikeichswirtschaftsministers eine unterschiedliche Behandlung von arischen und nichtaeischeu oder nicht rein arischen Unternehmen oder Gewerbetreibenden innerhalb der Wirtschaft untunlich und undurchführbar sei. Aus diesem Grunde seien ans diesem Gebiet für Nichtarier auch keinerlei Ausnahmegesetze erlassen. Nichtarische Gewerbetreibende seien daher grundsätzlich auch zu Messen und Märkten mit den gleichen Rechten wie andere Besucher znzulassen. Es sei ■ ihnen der gleiche Schutz wie diesen gegen unberechtigte Eingriffe zu gewähren. Im Interesse des wirtschaftlichen Wiederaufbaues sei es dringend geboten, die Aufhebung von Messen und Jahrmärkten auf solche Fälle zu beschränken, wo sie aus zwingenden Gründen (z. B. Wegfall der Veranlassung. Zusammenfallen mit anderen Veranstaltungen) nicht zu umgehen wäre. Das Reidksarbeitsgeridsi zur Frage . der,Entlassung jüdischer Angestellter In einem Urteil vom 25. November 1953 - zRAG 224/83} Hat das Reichsarbeitsgericht, ausgesprochen, daß die Zugehörigkeit zur jüdischen Nasse für sich allein keinen wichtigen Grund zur Entlassung eines Angestellten geben kann. Wir kommen auf diese wichtige Entscheidung, sobald sie im Wortlaut vorliegft zurück. Keine Anstellung von Nichiariern in den Staatsbetrieben Lübecks In einem zwischen der Freien und Hansastadt Lübeck und dem in die Deutsche Arbeitsfront eingeglicderten Deutschen Büro- und Behördenangestelltenverband vor kurzem abgeschlossenen Tarifvertrag wird festgesetzt, daß Nichtarier in den Staatsbetrieben Lübecks nicht angestellt werden dürfen. Das Frontprinzip im Deutschen Autohlub Ter Deutsche Antoklub, der einzige nach durchgesührtcr Gleichschaltung in Deutschland bestehende Automobilklub, nimmt Nichtarier als Mitglieder aus. wenn sie Frontkämpfer waren. Es können somit jüdische. Automobilisten, die ehenialige Frontkämpfer sind, bei Fahrten ins Ausland wieder Carnets zu ermäßigtem Preis beziehen. Nichtarier, die keine Frontkämpfer sind, erhalten die erforderlichen Carnets, wenn sie eine erhöhte Derwaltungsgeüühr von 20 NM bezahlen und die Bürgschaft einer Bank über den Zollbetrag Nachweisen können. Der Arierparagraph im Rennsport Aus Hamburg wird der Jüdischen Tekegraphenagentur (31.^) gemeldet: Bei der Umbildung der Obersten Rennbchörde sind alle nichtarischen ORitglieder. in erster Linie der bekannte Nennstallbesitzer, Geheimrat Dr. A. von Weinberg, und sein Schwiegersohn. Graf Spretti, ausgeschieden. Der erfolgreiche Hindernisjockei W. Wolf erhielt die Erlaubnis, seinen Beruf weiter auszuüben, weil sein Later im Kriege gefallen ist.