Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1933-11-16 · 44 (16.11.1933) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
12 (1933)
Issue
44 (16.11.1933)
Date
1933-11-16
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2277379-2277993-2278037--08219-2289195
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

.Y"JU/ 'oj'PHfirP.C] Nr> *4' lOV&iiioklÜiwiiLJLjv'! 2. Beilage JOSGNN MWZ: Angezeig! vom Nabbiner Dr. mcrofgeö LrAaesensLy Die nachfolgende kritische Würdigung des Buches „Wir Juden“ von Joachim Prinz stellt — weniger in ihren sachlichen Feststellungen als in ihrer Gcsamthaltung — ein Bekenntnis dar, dessen schöne Geschlossemhcit wir durch die Feststellung unserer nur bedingten Zustimmung zu einigen darin vertretenen Standpunkten nicht zu beeinträchtigen wünschen. Nur weil wir glauben, dass die einseitigen und dadurch fehlerhaften Blickpunkte der Prinzschen Darstellung auch von der Schau Dr. Swarsenskys aus nicht mit voller Schärfe gesehen werden können, behalten wir uns ein nochmaliges Eingehen auf die bedeutsame Neuerscheinung vor. Die Schriftleitung. ,Seifen ber .Urije sind stets schöpferische Seilen. Die Fragen des Judentums, einst an die Peripherie unseres Bewußtseins gedrängt, sind wieder lebensnah ins Zentrum unseres Smis getreten. Aufs neue müssen alte Ent- Mcidungen durchdacht und geprüft werden. 2cm im Praktischen wie im Gedanklichen ist jctzl eine Zeit gekommen, „zu zerstören und nieder',ureigen. zu bauen und zu pflanzen". Ans die unübersehbare Fülle der Fragen, die mit elementarer Wucht ans den Inden unserer Tage einstürmen, sucht in. einem stcccn im Verlag Erich Rech (Berlin) erschienenen Buch „Wir Inden, Besinnung, Rückdlick, Zulnnst" Joachim Prinz eine Antwort geben. Wer jemals in der Welt die „Lösimg der Inden frage" zu seinem Thema gemacht hat, kann nur ein Werk „eum ira et sludio“ schreiben. Dein Zauber dieser mit ,Zvrn mw (vifer" geschriebenen, fast möchte man meinen, gesprochenen Worte wird sich niemand entziehen können, der gleich dem?l.ntor die ewige Problematik des Judentums ..wie ein verzehrend Feuer" in sich brennen. nützt, Man muß Joachim Prinz dankbar sein, daß er in dieser Zeit, wo viele, auf deren Äort man wartet, schweigen, mit rückhaltl»icr Dssenheit spricht und bekennt. Prinz entwickelt folgende Gedanken: Die Weltenivende mns; auch für uns Huden als Wende begriffen werden. Wie weit die „Entartung" des modernen Inden gestiegen ist, lehrt ein Rückblick aus die Zeit, da der Jude aus dein Ghetto in -die europäische Gesellschaft ging und im liberalen ^taat znm „deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens" wurde. Schritt für Schritt war eine Entfernung vom Judentum. Tie Emanzipation und ihre zersetzenden Einflüsse schufen den „Inden am Rande", der in der Auslösung die Lösung der Indenfrage sah. Eineinhalb Jahrhunderte waren zu einem guten Teil „Kranthcitsgeschichte". : Eine Gesundung kann nur durch den Blick zurück in die Geschichte eingeleitet werden. Tie Menschen der Bibel, nicht durch die Brille moralischer und theologischer Betrachtung gesehen, sondern als Bilder lebendiger, natürlicher, jüdischer Menschen. gebunden au Blut und Boden, können den Weg vom Rande zum Zentrum weisen. Als zur Zeit der Renaissance die nationale Form zerbrach, war. die Geburtsstunde des gebrochenen Juden. 'Mit dein Zusammenbruch des liberalen Staates ist die verschwiegene Judenfrage wieder ausgebrochen. Statt nach Mittelchen zu suchen, muß eine ■ konstruktive, ■ allumfassende Lösung gefunden werden. Die Kopernikanische Wendung bringt die Erkenntnis Herzls, daß die Iudenfrage keine soziale oder religiöse, sondern eine politische und nationale Frage ersten Ranges ist und als solche zu einer politischen Weltsrage gemacht werden muß. Die Theorie der Assimilation ist zusammengebrochen. An ihre Stelle muß „das Bekenntnis zur jüdischen Nation und zur jüdischen Rasse" treten. Nur so kann das Verhältnis der Juden zu einem ans dem Prinzip der Reinheit von Nation und Rasse ausgebauten Staat geklart und die Beziehung zu deutscher Kultur und Landschaft unproblematischer gestaltet werden. „Die Nationwerdung des Judentums aber bedeutet die Rückkehr eines Kernes derJudcnheit in die alte Heimat." Tie Schaffung einer „östentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina" ist heute die einzige konstruktive Lösung. Rur dort kann ein neuer Tpp des Juden sich formen. An die Stelle des Gesprächs über die Juden wird das Gespräch mit den Juden treten. 'Man v'nirde'diesem mit glühender Liebe zum jüdischen Schicksal geschriebenen'Werk nicht gerecht werden, wollte man auf Einzelheiten eingehen, die teilweise vortrefflich gesagt und gesehen sind, teilweise: Widerspruch hexansfordern; hier geht es vielmehr um eine grundsätzliche Sicht der Iudenfrage. Dem. in den beiden ersten Teilen Gesagten wird ein jeder, im Grundsätzlichen zustimmen können, auch wenn man eine gerechtere Würdigung der tieferen geistesgeschichtlichen Zusammenhänge des 19. Jahrhunderts vermißt. Denn bei aller Distanzierung vom liberalistischen Zeitalter, das heute auch sonst ein wenig ungerecht beurteilt wird, muß diese Epoche doch wie in der allgemeinen so auch in der jüdischen Geschichtsentwicklmig als eine notwendige und keineswegs nur unschöpferische, auflösende begriffen werden. Bei einem tieferen Eindringen in diese Zeit könnte wohl die Spreu vom Weizen geschieden werden. Selbst der Zionismus hat dem so geschmähten 19. Jahrhundert in seinen geistesgeschichtlichen Voraussetzungen manches zu verdanken. In so weiten Teilen die beiden ersten Teile des Buches Zustimmung verdienen, so fordert doch der dritte Abschnitt Kritik heraus, wo an Stelle der Assimilation das Bekenntnis zur jüdischen Nation und Rasse gefordert und als einzige gegenwärtig konstruktive Lösung das Leben in Palästina angesehen wird. Tie alte liberale Argumentation gegen den Zionismus ist ebenso töricht wie lächerlich, nicht minder die jetzt vielfach so beliebte Unterscheidung von Deutschjuden und Fremdjuden. Eine jüdische Frage darf man nur mit jüdischen Augen sehen, und ihr nur mit jüdischen Argumenten begegnen. Palästina aber ist eine jüdische Wirtlichkeit, nicht erst seit nenn Monaten, die durch keine Ideologie wegdiskutiert'werden.kann und soll. Palästina ans eine Stufe mit andern.Ländern, in denen Inden Lebensmöglichkeit finden können, stellen, kann nur eine Denkweise, die kein Verständnis für jüdische Lebens- und Geschichtsznsammenhänge besitzt. Palästina bietet ohne Zweifel Möglichkeiten anderer Art als Frankreich oder Holland, da es durch die Verbindung mit dem Boden der Väter einen neuen Typ des Inden sich formt, der einen besonderen Wert in der Mannigfaltigkeit der jüdischen Individualitäten der Erde darstellt, eine Hoffnung, die nach dem Tatsachenbericht über Palästina in den letzten Nummern dieser Zeitung schon jetzt ihre Erfüllung zu finden scheint. Auch ich glaube und hoffe, daß das Palästina der Zukunft nicht nur das Palästina der Maschinen und importierten europäischen Zivilisation sein wird, sondern das Land, in dem die schöpferische wirklich jüdische Kraft so stark sein wird, daß es — wie einst in alten Tagen — seine geistigen, religiösen, kulturellen Werte ansstrahlen wird ans die Judenschasten anderer Länder. 'Darüber hinaus vermag ich im Ausbau 'F Meinhart Maur, der zurzeit eine Rezitations-Tournee im Reich vorbereitet, spricht im Rahmen des CV, im Logenhaus Berlin, Kleiststrassc, am 22. November, sein Programm II des erfolgreich begonnenen interessanten Zyklus ..Das wahre Gesicht des Judentums im Spiegel seiner Dichtung und seiner Gedanken“. Man vergleiche das Inserat in der 3. Beilage dieser Nummer BHSHnBOHnnSEBaEnnaanEEBHBHHSHB Palästinas feine u m s a j s ende Lösung der Iudenfrage zu sehen, sondern kann mir dem zuslimmen. was Achad Haam in seinem Wert „Al paraschat derachim" schrieb: „Die Rettung des Judentums wird nicht durch Diplomaten. sondern durch Propheten kommen. Tie Wahrheit ist bitter, aber sie ist doch besser als der Leichtsinn. Wir müssen gestehen, daß die Sammlung des zerstreuten Volles un einem Punkt. ein übernatürliches Wert in. Wir werden vielleicht einmal ans natürlichem Wege die Schaffung eines Judenstaates erreichen: vielleicht werden sich die Juden im Lause der Zeit in Palästina vermehren und das Land füllen, aber auch dann würde doch die Mehrheit der Nation in fremden Ländern verstreut und zersplittert bleiben . . . Sind aber der Jndenstaat und das Ende der Diaspora nicht identisch, fiiuft alles nur ans die Ansiedlung eines kleinen Volksteils in Palästina hinaus, wie wird der Zionismus die materielle Not des Judentums befestigen c" Einseitige Lösungen sind bei aller icheinbaren Logik und Konsequenz doch immer falsch. An die Stelle des Entweder »Oder muß das wirklichkeitsnahere Sowohl - alsanch zur' Norm jüdischen Denkens und inbischer Arbeit werden. Was aber gegen die vorgeichlagene Po li - t i s i e r u n g des Judentums gesagt werden muß. iit der Einwand, der vom Judentum und seinem Wesen selber herkommt. Bon J?tai6f8r:ii Meile Von 2l1i«c Stcitt-Landcsmairn Eben setzte die Flut ein: der Fluß schien seine dunklen Wasser schon rascher vorwärts zu drängen. Bon der breiten Brücke her, die §>ch wie ein jnroelengeschmücktes Band über den River spannte, fielen glitzernde Lichter in den bewegten Spiegel. Der Lärm der Omuibujjc und Autos brach sich lvie eilte Echowelle an dem finsteren Userrand. Fast eine Stunde schon lehnte Ernst an dem steinernen Geländer: er konnte sich nicht Mijchiießen, weiter zu gehen. Was ihn erwnrtele, war eher eine Drohung als eine Lockung: dieses kalte, trübselige, fremde Zimmer, in dem sein Handkoffer das einzige mar. was an Heimat, Besitz und Vergangenheit erinnerte. Instinktiv faßte der junge Mensch nach dem braunen .Holzkasten, den er vor sich hingestellt hatte: da war die Geige — noch gehörte sie ihm - Inbegriff seiner Hoffnungen und seines Ehrgeizes. Vom Fluß kam ein kalter Hauch herauf — — fröstelnd wände Ernst sich ab. Was hielt ihn denn hier gebannt? Er entsann sich der Erzählungen seines Vaters, der aus London stammte, und der dem Sohn immer diesen rätselhaft reizvollen Strom geschildert hatte: heiter und brciil zwischen grünen Usern dahuissteßend und dann von schweren Kähnen und Ueberseedampfern belastet die Stadt durchkreuzend. Speicher und Docks bespülend, dis er ins Meer mündete, - dessen Ebbe und Nut er übernahm, eine ewige lebendige Verbindung bildend -- Wie oft hatte das Kind von diesem Fluß tzeträumtl Jetzt mar der Sehnsuchstramn erfüllt — er stand hier und sah aus die Fluten hinab. Ernst erinnerte sich der Dickens-Gestalten, scheuer Nachtvögel, die am Flusse lebten und starben! Mit welch .angenehmem Schauer hatte der Knabe das im warmen gesicherten Wiener Heim gelesen! Wie anders' schien nun. was ihn jahrelang gelockt hatte! Waren denn alle Erfüllungen Betrug? Seit sechs Tagen streifte Ernst nun vergeblich in dieser Riesenstadt umher: keine Möglichkeit, als Musiker eine Anstellung zu finden.. Einsam, wie verloren, ohne Anhalt — und, dennoch trug er einen Brief des Bakers mit sich herum, letzte, herzlich bittende Worte au dessen Schwester, die er ein Menschenalter nicht gesehen hatte, und die nun den unbekannten Neffen ausnehmen sollte. — Langsam ging Ernst zur Westminster- Bridge heraus. Gespenstisch leuchtete das Zifferblattdes Big Ben aus dem abendlichen Dunkel hervor. Es war gleich acht Uhr — wieder lag ein trostloser öder Abend vor ihm! Er überlegte zum hmrüertsten Male: mit dem Fanatismus seiner 20 Jahre sträubte er sich gegen das. was er Gesinnungslosigkeit nannte. Hatte man nicht jahrzehntelang diese englischen Verwandten vergessen? - War es nicht unwürdig, jetzt'im Elend als Bittsteller an ihre Tür zu klopfen? Sein Stolz lehnte sich ans. — in welchen Verhältnissen sie auch sein mochten,. es widerstrebte ihm, sie auszusuchen. Aber der-Gedanke, hungrig in das armselige Zimmer heunzukehren. .war, ebenso qualvoll. Da. ertrug er es noch eher, durch die Straßen zu schlendern. Diese UeberMe von' Verkehr. Lärm und aktivster Bewegung hatte etwas wohltuend Ablenkendes. Die wechselnden Lichtreklamen erinnerten, an Feuerwerk, an Filur -—- —: ' . Besonders häufig blieb er vor den Em° gangen der Restaurants stehen, aus denen'^die Musik kleiner Kapellen herausdrang. Er empfand cs als angenehm, ein Ziel zu haben: Da war ein Orchester mit einem besonders guten Geiger in Sobo — ein weiter Weg, aber er hatte Zeit -- Doch zu seinem Erstaunen hielten. heute keine Wagen vor dem Hause, es schien kaum besucht.. Ter Neger in seiner rotgoldenen Livree saß gähnend aus-den Stufen. ' „Warum so leer heute?" fragte Ernst in seinem etwas stockenden Englisch. Der.Neger erkannte ihn: er lachte-mit den weißen Zähnen: „Js heut Freitag abend. Keine Juden nicht kommen. Heut haben zuhause guten Essen. Mich schon wissen das. Alorgen wieder viele Leute! Freitag nicht gehen aus —" Ernst starrte den Mann an. Er grüßte mechanisch und machte kehrt: „Freitag abend-? V Ein Brennen im' Hals. Ein Flimmern vor den Augen. Ernst blieb stehen, zog den Brief heraus, ohne ihn zu lesen. ES war eine unbewußte Bewegung — er kannte die Adresse der Verwandten auswendig. Mer er hielt den Bogen in der Hand, und mährend er, ohne zu lesen, aus-das Papier blickte, überfielen ihn die Kindheitserinnerungen mit schmerzlicher Wucht: der Helle Ramn, der sorglich gedeckte Tisch, die Mutter im guten Kleid, mit ihren schönen Händen die-Lichter entzündend,, der Vater feierlich das Brot segnend — — diese Atmosphäre von Frömmigkeit, -Behagen und tiefstem Frieden!' Der junge Mensch begann zu laufen: „Tante Esther —", stammelteer und lief rascher. ' Wenn sie nur noch lebte, wenn sie nur noch da wohnte, wo. der Vater sie'vermutet hatte! - ■ * " ' ‘ , . „Familie — Freitag abend -T— lieber Gott- —. laß sie. da sein/— — —'* Er wußte gar nicht, daß er vor sich hin sprach. -Eine enge Gasse, ein schmales .Hans. zwei Fenster Front, hinter denen Licht schimmerte. Ohne zu zögern berührte Ernst den Mcssingklopser an der grünen Tür. Er wartete: die Sterne schienen stärker zu leuchten. Wieder klopfte er — jetzt kamen Schritte, die Tür öffnete sich, es wurde hell im Eingang. Ernst richtete seinen bittend fragenden Blick auf die junge Frau, die ihn schweigend, aber nicht ungütig, musterte. Vielleicht sah man ihm an, daß er seit zwei Tagen hungerte. Denn nun kam ein einfaches Wort, entwaffnend, erlösend und mit, unpathetischer Wärme gesprochen: „Können wir Ihnen helfen?" „Ich bin-" Ernst stockte. „Wohnt hier Mrs. David?" „Das ist meine Mutter." Die junge Frau machte eine einladende Bewegung. „Aber ich glaube, ich darf Sie schon bstten, mit heraufzu kommen?" --Rach drei Minuten saß Ernst am Tisch. Noch hatte er kein erklärendes Wort gesagt. Die ernsten Augen eines alten Mannes hatten ihn geprüft, das liebe Lächeln einer weißhaarigen Frau hatte ihn willkommen geheimen, und die heiteren Blicke eines jungen Paares hatten ihn ermutigt. „Die Suppe wird kalt —" sagte die alte Frau.- -.Essen Sie in Ruhe. Nachher können ^ie erzählen! Was braucht man viel zu fragen?' Das Elend ist heutzutage überall groß! Wir sind froh, daß wir gastlich sein können. Sie sind.Jude. Sie sind in Not. Ich will nichts weiter wissen —-" / Ernst konnte nicht reden. Schweigend zog' er den Brief-heraus. Während er auf-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.