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Central-Verein-Zeitung · 1933-11-09 · 43 (9.11.1933) · p. [Seite]

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
12 (1933)
Issue
43 (9.11.1933)
Date
1933-11-09
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Jt Maßstab über alle Politik hinaus emp. NF On Maßstob der Atenschlichwlt und der l^o'ic'n Verbundenheit und Nähe. Diese!n,i>'nd liebte er wohl, weil sie die Trägerin Neuen war. Und dies haben wir immer '•V,*. l'ei ii)iH bcmcvft. jenen Sinn, da<5 ne.1i'e ich sagen. jenen Instinkt für das Nene. Üroße. das Bindende. Wir haben in den!W drei Jahren bei ihm gejehen. wie seine ii'chjche Mittung immer tiefer sich verinner- und oft haben wir uns gefragt. Jjh'inimmt er nur bei aller Fülle der Prakdcu Aufgaben die Zeit, die -Urast. Ltzohev '„„'l ftnimt ihm diese zu. Wir glauben, eben m gegebenen Sinn für das Graste tont, er früher die innere Verbindung als die nirj[tcn, Hörle er die Stimme, die Zil seinem stiN^tum riej. früher, als die Nut sie ranh Mi außen in sein £hr schrie. Gr gehörte -ui Grunde allen deutschen Juden. konnte weiter sein als die Parteien, weil fr a(‘. P^viou. als Ate lisch viel weiter war, ,;n!i weil ihm ich er alles Parteigebiindene Giiaus das Einzclmcnjchliche dach stets das döchile blieb. ■ Wir. denen es vergönnt war. >'ng mit ihm zusammen zu leben, mir merkten in*Dir Gariebeuheil. in der sein. Leben vor sich stne, die Tragik. Wir merkten sie und dem iiaeca sie auch nicht m jenen unbergestlichen ^iuudeu. uw er im Greise der Freunde, an sicher >! rach enden, fast jungenhaften Art von Men Auseinandersetzungen berichtete, die er so lmtie. Wir merllen. wie er immer wieder liech'-ü und immer mehr ahne Aast leben inuchw. Und heute erst verstehen wir, was wir mancher Andeutung schon früher hätten iiFßchen können, daß er wusste, wie früh das (vjitie drohte, und da st er dieser Drohung möglichst viel noch abgewinnen wallte. Sa;,äi er sich verzehrt. Aber er hat sich verzehrt on Deutz. und dieser war für ihn das Höchste: Ar Deutz an der Gesamtheit. Wenn er ,!Mistlam van den Reisen, und weiin er uns reu diesem und sencm Astigebot berichtete, das wen ihm gemacht haste, wo er hingehen sollte ,ils Arzt, und wir ihn fragten: „Und wie denken Sie darüber?". dann war seine Antwva stets ein Lächeln. Uiid danach: „Sie wissen ja. dast ich lsierüleibe, solange ich zeotaucht werde, abgesehen von dem, was mit mir dann wird." Gr sagte cs noch schlichter, jchlichter. als wir es vermögen. Diese Treue zur Euche und diese Treue zur einzelnen Perlen. die sich an ihn wandte, die hat uns alle verpflichtet. Wir alle stehen seinem Leben in Ar Lchuld. Und wir wollen sie bezahlen. Treue. .-TE M...Sache der die in seinem Sinne. , nUc. ^^ulichen Parteigesichtspunkte werden soll. Aber Treue Tietz. deinem Andenken, un Am. einen des ansapsernden Freundes. Gebet und Orgelrlang. Durch die Tore w xj* ^.uc<^ l:in Spalier von trauernden Uienschen, zieh! Ludwig Tietz den letzten Weg, „ *au5c uoch fällt immer leiser die handvoll Erde in das Grab. Und es ist wohl keine yano. die nicht einmal im Leben Ludwig Aieh - Hand gefaßt hätte. z Ans der^inilberschbaren Fülle der Persönlichketten^ der Tranergemeindc nennen wir die. die wir sahen: N c i ch s n e r t r e t n n g der d e u t* s ch e n Juden: die Vorsitzenden Dr. £tto Hirsch und Dr. Siegsried Moses, dieser auch für _ die st ioni st i s ch c B <> r e i n i. 6 u n g sch v D e il t s cl) land . sowie Dr. Julius L. Seligsohn. P r e n st i s ch e r L a n d e sverband jüdischer Gemeinden: Kam. wergerichtsrat Wolfs. Adolf Schober, Bruno Wohda. Dr. Arthur Lilienthal. B o r st a n d d e r I ü d i \ ch e n G c in einde Berlin: Wilhelm Graetz. Moritz Roscnthal, Dr. Walter Breslauer. Re i ch s b u n d jüdischer Frontsoldaten: Dr. Leo Löwenstein, Tr. Ernst Frankel. K a r t e l l. C o n v e n t deutscher S tu die. r e n d e r j ii d i s et) c n G lanb e n s (AUS): Dr. Hermann Berlacl. Initiativkomitee der I e w i s h AZ g e n c h : Direktor Oskar Wasser, mann. Jüdischer Frauenbund: Minna Schwarz. Zc n t ralwöh l sah r ts skell e d erde u t s ch e n Juden: Dr. Friedrich Lllcndorfs. H i l f s v e r c i n der d e u t s ch e n I u den: Dr. Mark Wischnitzer. P a l ä st i n a a m t - Dr. Eli Ascher. N e i ch s a u s schuf; der I ü d i * s ch c n I u gendve r b ände Deutschland s: Tr. Georg Lubinsti, Dr. Hermann Gcrson, Fritz Schwur zschild. Verschiedene Jugendbünde: Atartin Sobotster, Norbert Wollheiw, Günter Fricdländer, Lein Westphal. Der C c n t r a l v e r e i n deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens war selbstverständlich durch zahlreiche führende Persönlichkeiten aus Berlin und dem Reiche vertreten. Die Beamten und Angestellten der Hauptgeschäftsstelle des Ccntralvercins erschienen geschlossen. Besonders zahlreiche Besucher des früheren C..B.°Heims für indische Werktätige in der Magazinstraste, das Ludwig Dich' Initiative seine Errichtung verdankt hatte, waren erschienen. Die Namen der Menschen des Kreises um Ludwig Tietz zu erwähnen, ist überflüssig; nur einer sei genannt. der Treueste der Treuen. Poldi Kuh . . , n h "st c?x r.a [UfidkfJ'og ¥i©£:2 .Ein - Posten ist vakant! — Die Wunden ffniicn . . ." Diese Worte des jüdischen Dichters. den er über alles liebte und in dem dr ws eigene Sein in vielfacher Beziehung widergespiegelt fand, klingen heute in uns an. da es gilt, von Ludwig Tietz Abschied zu nehmen. Ein unendlich großer Kreis von Menschen. denen er den Weg gewiesen und llilse erteilt hat. steht nun vor der unfaßbaren Tatsache, daß cs leinen Ludwig Tietz mehr gibt. ..Man müßte darliber mal mit Tietz jprcdjcn . . So manche UmterhWtung und so manche Uebcrlegvmg endete mit diesem Ergebnis. Und dann sprach man mit ihm.. Man saß ihm gegenüber, und fühlte sich geborgen in der Atmosphäre eines Menschen, Mr m die Tiefen der Seele hineinsah, der Verständnis hatte, der Helsen wolllc und half. Nichts gab es, was ihm etwa unwichtig erschienen wäre, alles lebte er mit. Er sagte mir einmal, das Geheimnis jeder erzieherischen Arbeit liege darin, im jungen Menschen. und sei er noch so unerfahren und unbeholfen. das Bewußtsein zu erwecken, daß er crnst genommen werde. Aber es war nicht bie Besotgimg dieses Grundsatzes allein, die ihm den Weg zu anderen Menschen bahnte. LGbGiriisdiSäU'Girä Ludwig T i e tz wurde am ä. Mürz 1897 in Berlin geboren. Nach Absolvierung des Wilhelm-Ghminislums begann er das Studium der Medizin. Diescs wurde durch den Krieg unterbrochen, den Tietz m vorderster Front im Osten und Westen mitststichle. wobei er eine schwere Verwundung erhielt, stach erfolgter Approbation widmete er sich jahrelar.z der Spezialan-ülldung für Lungenkrankheiteu Mid genoß bald auf diesem Spezialgebiete einen hervorragenden Ruf. Nach dein Kriege betätigte sich Ludwig Tietz in rK chdischeu Arbeit zunächst beim Ausl»au des st e, ch s p e r b a n d e 8 deutscher Studie- Sender jüdischen Glaubens, dessen Freiburger Ortsgruppe unter: seiner Führung besondere ^cdemung hatte. Im Zusammenhang mit dieser -vliügkeit wurde er 1021 in oen H a u P t v o r st a n d E e N tral. Vereins berufen. Die Schasung des R e i ch tz j u g e n d a u s s ch u s s e s des Ü u t r al - Vereins. ebenso wie die Gründung dcs N e i ch s a u s s ch u s s e tz der Jüdischen st u g e u d p c r b ä n d e T e u t s ch l a n d s war sein m.crt Mg wurde Ludwig Tietz StellvertrehKz d e s B o r s i tz e n d >; n des Central-Bereins. Als T^stiglled des Präsidiums wurde er bei Gründung s>^3entralauSschusseS der deutschen für Hilfe und Ausbau in desien Vorstand delegiert. Entscheidend war die Liebe, die ihn zu dieser Hingabe trieb. Hingabe an den Btenschen — und Hingabe an die Sache, an die jüdische Sache. Das war jür ihn eins. Sein spontanes jüdisches Lebensgesühl übertrug sich auf jeden, mit dem er sich verband. Er konnte sich in Hilfe verzehren, wenn es galt, der Sache zu dienen. So unerbittlich er dort war, wo er Ilnechtheit und menschliche Unzuverläßlichkeit zu sehen glaubte, so stark war er anderseits im Ausgleichen von Gegensätzen dort, wo eine saubere Frontenstellnng vorhanden war.Dann verstand er es meisterhaft, die auseinanderstrebenden Kräfte zusammenzufassen, nicht, indem er zwischen den Partnern „vermittelte" und ihnen Kompromisse abrang, sondern indem er die verschiedenen Töne in einen harmonischen Akkord verwandelte. Seine heiße Liebe zur jüdischen Sache setzte sich in eine Aktivität um. die ihresgleichen nicht findet. Von dem sicheren Gefühl ausgehend, das; Nenformung einer Bewegung nur durch Formung neuer Menschen erfolgen kann, wandte er sich auch innerhalb seiner E. Ä.-Tätigkeit in besonderem Maße der Jugenderziehung zu. Seine Arbeit erschöpfte sich hierbei nicht in dem Verwalten formaler Aemter, sie bedeutete ihm eine Aufgabe, die er mit seinem Fleisch und Blut erfüllte. Deshalb ist die „Richtung Tietz" nicht nur eine Sache der Ideologie, sondern vor allem eine Sache der inneren Haltung. Seine Einfühlungsgabe und sein unbändiger Drang, aus Jüngere einzuwirken, machten ihn zum gegebenen Führer der gesamten jüdischen Jugend Deutschlands. Von Anfang an lag die Führung des Reichsausschusses der jüdischen Jngendverbände Deutschlands in seinen Händen, und es war die letzte Freude seines Lebens, daß er am Tage vor seinem Tode die Anerkennung des Reichsausschusses durch die zuständige Stelle des Deutschen Reiches erfuhr. So wurde die letzte öffentliche Aenßerung seines Lebens ein Aufruf an die jüdische Jugend, nunmehr mit allen Kräften an die verantwortungsvolle Arbeit zu gehen. Seine umfassende Auffassung von jüdischem Sein kannte keine Grenzen an organisatorischen Begriffen. Ebenso wie er in den verschiedensten Lebensbezirken innerhalb der Judenheit Deutschlands tätig war, so war ihm seit Jahren die Mitwirkung am Palastinaaufbau eine Selbstverständlichkeit. . Nichts war ihm verhaßter als ein Kleben an überholten Formeln und organisatorischen Kleinlichkeiten, und wenn einer ans dem eigenen Kreise einmal zu versacken drohte, dann pflegte er zu sagen: ..Wie sagt schon Mathenau? Es kommt für alle der Bezirksverein." Für ihn kam er nicht, bis zum letzten Augenblick ging er voranssetzungslos an die Probleme heran, kannte kein Prestige und leine taktischen Verdrehungen, wenn es um das Ganze ging — war er jung. Aus dem Führer der einzelnen Organisationen wurde Führertum der deutschen Judenheit. Und als es galt, in dieser für die Inden bitterschweren Zeit für Hilfe und Aufbau Sorge zu tragen, da stellte Ludwig Tietz seine ganze Kraft an zentraler Stelle zur Verfügung. Ilnermüdlich, im wahrsten Sinne des Wortes, wirkte er, vom At'orgen bis zum nächsten Morgen. Nun gab es keine Rücksicht mehr ans gesundheitliche Notwendigkeiten. Hatte er sich in den vergangenen Jahren wenigstens dann und wann kurze Pausen gegönntem denen er unbeschwert und von Freunden des Kreises begleitet, des Sonntags außerhalb Berlins Erholung suchte, dieses Jahr gab es für ihn nur die Arbeit und nichts weiter. „Zum Ansspannen bin ich bisher nicht gekommen; aber solange man noch mit unverminderter Kraft arbeiten kann, muß man zufrieden sein", schrieb er in seinen letzten Briefe an mich. Jetzt ist diese Kraft verzehrt, und was uns bleibt, ist die Gewißheit, daß sie sich nicht nur in ungeheure Leistung umgesetzt hat. sondern daß sie auch anderen Dttit und Ansporn und Vorbild gewesen ist und immer bleiben wird. Das Erbe, das er der deutschen Judenheit hinterläßt, ist unermeßlich. Der „vakante Posten" wird nie durch einen einzelnen Menschen neu ausgesüllt werden, und die „ltasfenden Wunden^, dre sein Tod geschlagen hak, können wohl vernarben, sie werden aber niemals verheilen. Das Bild einer geschlossenen jüdischen Persönlichkeit, das er uns bot, steht so deutlich vor uns, daß wir das Fehlen einer systematischen Nicderkegung seines „Standpniiktes" leicht verschmerzen können. Daß er — wenigstens in der letzten Zeit — keine grundsätzlichen Anssätze verfaßte, ist vielleicht auch kein Zufall. Tie tägliche prattische Arbeit lies; ihm keine Ruhe dazu; aber wir haben genug Erinnernngsgnt im Gedenken an manche spontane Diskussionsrede und manche epigrammatische Redewendung. Sein Leben loar einer Sache geweiht. Ties war bestimmend für seine Grundhaltung, „Man kann nicht einem gehören, wenn mail allen gehört", heißt es in einem Nathenau- Briese, den er gern zitierte, ivcnn er, was selten gesäzah, einen tieferen Blick in sein Inneres gewährte. Und er gehörte allen. Uneiid-- lich ist die Zahl derer, denen er Besitz war und die durch seinen Verlust arm getvorden sind. Kaum jemand hatte tvie er zu so vielen eine so unmittelbare menschliche Nähe, kaum jemand empfing das Geschenk eines so umfassenden Vertrauens. Ans der großen Zahl derer aber, denen er bals, hebt sich die Schar der Älenschcn, die il;re gesamte geistige Eristcriz der Begegnung mit Ludwig Tietz verdanken, in denen er Keime gelegt und ruhende Kräfte ausgelöst hat, denen er sich als Führer genähert hatte und die er nun als Freilnd verläßt. Ein Leben ist dahin, das unter einem Leitwort stand: Helfen, helfen, helfen. Uns aber, die wir jetzt Zurückbleiben, ist eines Pflicht geworden: danken, danken, — und nachstrebcn! Werner Rosenstock. Kl cidhi rille Jin .Hamburger ,,J sr a eli tis ch en »y rt m i l i c it ö i a t t" schreibt Tr. Alfred Hirschberg in ,,Ludwig Tietz, Bollcndrmg eines jüdischen Menschen" n. a.: Jakob Wassermann schildert solche Vtenschen. die vom Schicksal mit aller Gunst bedacht in Sorglosigkeit und Wohlleben ihren Weg dahingehen, bis sie irgendeine Begegnung, Wendung aus ihrer Ruhe aufsahren läßt; sie können nicht anders, als dem neuen Ruf zu folgen, und kennen von da an keine Bequemlichkeit, keine Eigensucht mehr. Wann Ludwig Tietz, diesen mit allen Vorzügen des Geistes und der Erscheinung begnadeten Menschen aus altem Kansmannshaufe erstmalig eine Frage anrührte, auf die er antwortete „Ich bin ein Jude", weist man nicht. Ob eS ein Augenblick im Religionsunterricht seines verehrten Lehrers Leo Baeck, ob es die Begegnung mit jüdischen Massen während des Kriegsdienstes im Osten oder die tiefe Enttäuschung des verwundeten Frontkämpfers war, der heimgekchrt, ans der Universität auf eine Hochflut des Judenhasses stieß — die Antwort Jivri onauchi „Ich bin ein Jude" war einmal gegeben, und vierzehn Jahre hindurch war jeder Tag bis tief in die Nacht hinein, jedes Wort, jeder Brief, jeder Gedanke von diesem Klang durchdrungen. Von diesem Punkt aus muß man Ludwig Tietz verstehen und in sein Wesen eindringen. Denn wie sollte man ihn sonst begreifen, ihn klar darstellen vor der Fülle der Gesichte, die sich um uns drängen, seit jener erschütternden Minute der Todesnachricht. Wie sollen wir entscheiden, wann er mehr er selbst war: als leidenschaftlicher Tebatter. dem tiefe Kenntnis der deutschen und jüdischen Probleme zur Verfügung stand, oder als überlegener Präsident langer, verwirrend arbeitsvoller Tagungen voll Energie und Sarkasmus, als Referent über sozialpolitische Probleme oder als Gesprächspartner von unermüdlicher Lebendigkeit, gleichgültig, ob der andere belanglos oder bedeutend, befreundet oder gegnerisch, dem lediglich die Wichtigkeit des Stoffes für den anderen Maßstab seiner Aufmerksamkeit war. Oder als ansgelockerter Gesellschafter in engem Freundeskreis, der mit einem Scherzwort, einer Anekdote Menschen, Fragen. Schwierigkeiten unwiderlegbar, treffsicher charakterisierte und erledigte — in allem war Ludwig Tietz er selbst und sich treu. Sachlich im Denken, voll brennendem Gefühl der Verantwortung für Menschenschicksale, ein ethischer Vtensch, der sich vom Schicksal der Betreuten nicht trennte, wenn sie gingen, sondern dem Schicksale scharenweis die Jahre hindurch nachgingen, jeder ihm gleich wert, gleich gegenwärtig. Bohrend, vordringend.. durch Schein und Schlacke znm Kern, mit dem Blick stör Echtheit und Wahrhaftigkeit. Und mit einer Treue zu seinem Kreise, wie David zu Jonathan. Dieser souveräne Beherrscher der Theorien war ein Feind der Theorie. Lebendige Menschen sah er vor sich und um der lebendigen Menschen willen war er immer in Opposition zu Erstarrung und Ideologie. Die Berufung aus der Opposition auf die Regierungsbank bestach ihn nie, sondern bestärkte ihn nur in seinem Standpunkt.. Menschenformung. So war sein Ausgang in die jüdische Arbeit Jugendarbeit und so schloß mit seinem Leben seine jüdische Arbeit im Betreuen und Sorgen vor allem um junge Menschen... Ein vollendeter Mensch, d'er Jdeoltvpns des jüdischen Menschen deutschen Kulturkreiscs —so sehen wir LndivigTieß. ..Es gibt nichts, was so stark wirkt und alte Menschen in die gleiche Stimmung zwingt, ioie ein Leüenswerk mld zuletzt ein ganzes D-'enschenleben" schreibt Leo Tolstoi in sein Tagebuch. Von Ludwig Tietz' Leben und Lebenswerk soll das deutsche Jndentiim überall wissen, in dieser Stunde, da sich der frische Hügel über seinem Grabe wölbt, um gleichgestimmt wie er und erhoben durch das Miterleben dieses Men scheu megs die Zeit und ihre <chivere bewußter zu tragen. * Tie ,,Jüdische Nundschair" widmet' ihren LeiLartikel in Der VLunrnrer vom. 7. November Lndwig Trctz. Gr beginnt: „Es ist ein empfindlicher Schlag für eine Gemeütschaft. wenn mitten in einer Notzeit, wo die Arbeit schier nicht zu bervältigen ist, in einer Zeit, wo der Zusammenhang dev Mitarbeiter und das Bewußtsein der gemeinsamen Verantwortung besonders stark ist, einer der zentralen Träger dieser Arbeit da-- hinscheidet. Ein Alcnsch ist mitten ans seiner Bahn gerissen worden, von seinem Arbeitstisch wurde er abbcrnsen, seine Pläne sind unvollendet, die tätige und verbindende Kraft seiner Person ist ausgelöscht. Das deutsche Jndenlnm ist in tiefe Trauer versetzt. Wenn in der letzten Zeit immer wieder, die Hoffnung ausgesprochen tvnrde, daß eine neue Führergeneration aus der Jugend des deutschen Judentums hervorgehen und die Leitung der jüdischen Gemeinschastsausgaben übernehmen möge, so waren es nur wenige Gestalten, die die Voraussetzung mitbrachten, diese Hoffnung zu erfüllend Zn ihnen gehörte Ludwig Tietz". . . . Der Nachruf schließt: „. . . Ludwig Tietz. seit einiger Zeit einer dev Vizepräsidenten des Eentralvcreins. war eine der wenigen Gestalten im deutschen Judentum, die Parteigegcnsätze überbrücken, und daher hätte er trotz seiner Jugend an einem schöpferischen Neuaufbau des deutschen. Judentums führend mitivirken können. Tenn bic neue Generation — in einer neuen Zeit lebend! — bedarf anderer Formen als die alte, und jemand muß den Atut haben, diese zu prägen. In Tietz sehen wir gewissermaßen eine Vorstufe desjenigen jüdischen Typus, der aus dem Ringen unserer Tage entstehen muß. Er hätte es vermocht, diesem Typus den Weg zu bereiten. Die Einmütigkeit, mit der alle Richtungen des deutschen Judentums sich trauernd um sein Grab versammeln, mag — und dies ist vielleicht der letzte große Dienst Tietz' am deutschen Judentum — wegweisend sein für jüdisches Fühlen in einer Zeit der; Wende." Tentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e. 93., Berlin W 15, Emser Straße 42. Tel.-Adr.; '.'>^?N^6lauben Berlin." 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