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Central-Verein-Zeitung · 1933-11-09 · 43 (9.11.1933) · p. [Seite]

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
12 (1933)
Issue
43 (9.11.1933)
Date
1933-11-09
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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1111.1333 ■feil' lli.f),- Hilft hvu •:n Berlin, 9. November 1933 XII. Jahrgang. / Nri''43 Preis 20 Pfennig anfcraleretnowo L-L L^LL L K .L. r tn y rerods3 V FvTV> M3 r~lO P: T7 LUZ3 Mit dem Tode von Ludwig Tiefz ist einer der Besten, Treuesten und Grössten im deutschen Judentum dahingegangen. Seit seiner Studienzeit hat er dem Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens im Hauptvorstande, seit zwei Jahren im Präsidium mit beispielloser Hingabe gedient. In ihm brannte ein heiliges Feuer für Judentum und jüdische Menschlichkeit, in dem gestählt wurde, wer in seinen Bannkreis trat. An seiner ehernen Unbedingtheit schied sich das Echte von dem Unechten. So wurde er uns, dessen vorwärtsdrängende Kraft unsere Hoffnung war, dessen Unerbittlichkeit im Dienste seiner Idee ihn zum begeisterten Kämpfer machte, zugleich zum Massstab und zum Half. Jüdischer Stolz und jüdischer Ewigkeitswert haben Ludwig Tiefz’ edelste Verkörperung erfahren. Seinem an. Goethe geschulten deutschen Humanismus ist er unbeirrt durch die; Wandlungen der Zeit treu geblieben. Im Ringen um die Vollendung seines Wöilens werden sich in Zukunft unsere Kräfte zu bewähren haben. Central-Verein-deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens E.V. Dr. Julius Brodnfrz* Vorsitzender. n et um Mimmmm Di« Lehren Der letzten fünfzehn Jahre A. H. An einem dieser grauen Novembertage begann vor anderthalb Jahrzehnten unsere Schicksalswende als deutsehe Juden. Tie Erschütterungen des Kriegsendes unterbrachen die Stetigkeit unserer Einfügung in die deutsche Volksgemeinschaft — weniger in unserem Wellen und Bewußtsein, denn in der Verstellung der Umwelt.. Wir hatten sie im Gegenteil in den klirrenden blutigen Jahren lei: 1914 erst recht zu leben und zu bewähren geglaubt. Vorgänge wie die Judenzählung erschienen nur als ein letzter, fast möchte man faften. vorausahnender Versuch, die Echtheit unserer deutschen Blutsprobe anzuzweifeln. Tenn der Nachweis, daß nicht dieser oder jene Ausnahmefall opferbereiter Vaterlandsliebe Vorlage, sondern ein ausnahmsloses Bereitem aller deutschen Juden bis zum lohten, mußte unsere Zugehörigkeit zur deutschen Volksgerneinfchaft für die Dauer stabilisieren als einen roehcr de broncc. Eine Fortführung kev Linie von 1914, jener großen nationalen Erhebung Deutschlands, mußte uns immer inniger und fester der deutschen Volksgemeinlchast verknüpfen. Tie getrennten Wege, aus denen unsere formale und unsere tatsächliche Gleichberechtigung seit 1810, 1869, '1871 vermusen waren, hatten sich immer stärker geuähert, bis sie sich 4914 zu einer breiten sicheren Schicksalsstraße vereinigt hatten. Was die Revolution an Verbriesung dieser Tatsachen brachte, galt für die Freiheitsrechte ganz allgemein. Nirgends in Verfassung oder Gesetz ist das Wort Jude, Judentum, jüdisch zu finden. Niemand, dessen Stellung im deutschen Judentum ihn zum Sprecher unserer Gemeinschaft bevollmächtigte, hat den November 1918 erstrebt oder gefordert, damit die Beseitigung alter, unsere Rechte einongender Regeln einträte, oder um etwa Rechte oder Vorrechte für Juden zu gewinnen. Niemand freilich wird bestreiten, daß jüdische Menschen an der Revolution mitwirkten, weil sie a l l g e nt e i n politische Ideale verwirklichen wollten, die allen ein höheres Maß persönlich-menschlicher Freiheit gewähren. Man macht uns die starke Beteiligung an diesen Bestrebungen zum Vorwurf. Vergißt mau, daß in der.Nationalversammlung, nur wenige Stimmen an einer marxistischen. Mehrheit fehlten, und daß die Verfassung von Weimar 262 Stimmen für sich und nur 75 — die Rechte und die äußerste Linke — gegen sich hatte? Sind das nicht Beweise für die elementaren Rückwirkungen von Krieg und Kriegsende, die nicht von Menschenkrästen/sondern von Geschichte geformt wurden? 'Macht, man uns zum Vorwurf, daß unter den 75 Gegnern von Weimar keine Juden zu finden gewesen seien? Sollten sich die deutschen Juden etwa einer deutschen Schicksalswende entgegenstemmen und dadurch ihr Sonderinteresse erweisen? kannten sie aus den Bänken der Rechten sitzen, von denen man sie fortgewiesen? Wäre es etwa vor der Geschichte wahrhaftig, wenn später , einmal. von Deutschlands Kamps um seine Gleichberechtigung in der Welt im November 1983 gesagt würde, kein deutscher Jude habe sich aktiv an der Aufrüttelung der Massen beteiligt — so wenig-deutsches Ehrgefühl besäßen die deutschen Inden — und verschwiegen würde, daß wir Juden von jeder aktiven Mitgestaltung am Schicksal Deutschlands bewußt und vollständig ausgeschaltet gewesen seien? Niemand ist vergeßlicher als die große Masse. - Man weiß vom-November 1918 in seinem Zusammenhänge mit uns Juden nichts objektiv Nichtiges mehr — und das schlägt gegen uns aus. .Darum müssen wir den Sachverhalt vom November 1933 klar seststellen, damit er niemals und nirgends uns ent- -gegengehalten werden kann, wenn wir unseren unverlierbaren Emanzipationsanspruch immer wieder arnnelden. Es ist völkerpsychologisch einleuchtend und natürlich, daß Kriegsende und Repolutions- 'wirren vom deutschen Volke „verdrängt" worden sind. Welcher Einzelmensch erstrebte nicht Vergessen oder.Verdünnung von Geschehnissen, dessen er sich nachträglich schämen zu müssen glaubt. Oder/, wenn sein eigenes Tun zu deutlich, rekonstruiert werden.- könnte. 'dedeßkrecüesi von Leo Baeck, Julius Brodnifz, Hermann Gerson Trauerkundgehungen und Nachrufe Hauptblatt und 1. Beiblatt daß diese Verwischung gelingen könnte, bemühen sich zum mindesten die Kinder, den dunklen Punkt in der Familiengeschichte versvhnlicher in eine Familiensage zu formen, m der Licht unb Schatten, Lümmel und Hölle, Gut und Böse sagenhaft nnbermittelt nebenernanderslehen, weil die Verteilung von Gilt und Böse allein nach dem Gefühl geschieht. Em neuer Abschnitt innerer deutscher Entwicklung nahm damit seinen Anfang Ein Nenbeginn unseres Strebcns um die Gleich, berechtcgung wird uns dadurch auferlegt, das Verwirklichung unter Bedingungen sucht, tute ftc niemals während unserer tausendjährigen Geschichte aus deutschem Boden bestanden. Wo die herrschende Weltanschauung bei ihrer ruckbllckenden Deutung des deutschen Werdens Geschehnisse ablehnt, behauptet sie, jüdische Menschen seien führend beteiligt gewesen. Wo deutsches Schicksal hell erstrahlt, waren jüdische Menschen nach dieser Ansicht besten-- lalls wider willen mit dabei. So formte sich eine Vorstellung vom Wesen des Jahrzehntes nach 19l8,^alZ ob das Recht der Juden, anr deutschen Schicksal mitzuarbeiten, den Niedergang Deutschlands bedingt habe. So wird die Berechtigung der deutschen Inden an der Mitgestaltung deutscher Geschichte zum Symbol für den deutschen Ausstieg oder Niedergang gemacht. Es entsteht die Vorstellung, als ob nurgegen die deutschen Juden Deutschlands Wiedergeburt möglich sei. Und so steht bald nicht mehr das Verhalten einzelner indischer politischer Persönlichseiten zur Kritik, ob die von ihnen mit Millionen Nichtjuden' vertretene politische Anschauung bekämpft vdcr^ vernichtet werden solle, sondern das deutsche Judentum, jn das ganze Judentum als sittliche Idee ist in die politische Arena geworfen. Und unsere Gleichberechtigung wird vom Objekt der Politik einer stürmischen Epoche zum Objekt einer Weltanschauung, die die Fähigkeit der Juden zur staatsbürgerlichen Gleichberechtigung verneint. _2)ie|e Erscheinung bedeutet zugleich eine Hoffnung wie eine Zukunstsversperrung. - Emanzipationsgedanken a u ß e r halb des politischen Geschehens waren die Ausgänge unserer ersten Emanzipation. Wirhaben als Ziel unseres Strebens niemals politische Macht des Judentums angesehen. Emanzipation bedeutet für uns: Innerhalb der Grenzen, die Gräber und Wohnstätten von Juden seit 40 Generationen bergen, Arbeitsplätze und Ruhestätten für lebende und kommende Geschlechter zu besitzen, um inmitten von Menschen, mit deren Denken, Wollen, Empfinden sich das unscrige zu wertvoll untrennbarer Einheit .zusammenfügte, nach unserem Sein und nicht nach Vorft e 11 u n (5 c n unseres Seins bewertet leben, denken, fühlen zu können. Es ist nun heute ganz gewiß, daß wir mit dieser Zielsetzung nichts Politisches wollen. Gerade weil aber jefct biefe Forderung außerhalb des politischen Krästespieles erhoben wird, kann sie ursprünglicher gestellt werden. Tenn wir fordern damit nichts, was Grundsatz irgendeiner Partei Ware, deren Verhakten zu deutschen Lebensfragen kritische, vielleicht ablehnende Beurteilung erfahren könnte, tvomit neben anderen auch unser Anspruch an Berechtigung verlöre. Ganz im Gegenteil: als einzige objektiv sichtbare Gemeinschaft außerhalb der herrschenden Partei erheben wir unsere Forderung, nicht, um darnit Politik zu machen, sondern um die Kontinuität der deutschen Geschichte in ihrer Beziehung zu den deutschen Juden wiederherzustellen. Jede deutsche Epoche hatte ihre Judenfrage,' ob sichtbarer oder weniger deutlich, ist belanglos. In jeder Epoche gab es dafür eine politische und eure weltanschauliche Betrachtungsweise. Tie christliche Idee als Weltanschauung in den ^^/??luvgen des protestantisch und des katholisch erfüllten Staates bestand neben der Polüstchon Form des Absolutismus, des Konsntutionalismus, der Demokratie. TieJudenfrage i|t im Gegensatz oder im Gefolge d zur Lösungsform \ .if* Jahrhunderts gekommen; denn die Bewältigung des jeweiligen deutschen FormpEems war seit dem Mittelalter ohne Beruckstchtigung der Judensrage niemals orgamsch möglich Wir haben jetzt in Deutschland Politik und Weltanschauung in einem unb fehen uns einer Betrachtungsweise gegenüber, der unser Sern an sich schon als Entrechtunasgrund ausreicht, das sogar unverlierbar bitz

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