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Central-Verein-Zeitung · 1933-11-02 · 42 (2.11.1933) · p. [Seite]

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
12 (1933)
Issue
42 (2.11.1933)
Date
1933-11-02
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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idven ^oiiruaTifUni, 9}lr. Ohrnsteen. bei*, wie von (vimcjraiilcit bestätigt, sich in aktivster Fürsorge um die dorthin kommenden deutschen Juden bekümmert. betlagt sich sehr über die mangelnde Unterstützung durch die ansässigen Inden. Bei einer Zahl von ](> 000 Inden Hut er Ntühe, die cüva JOO Emigranten zu, nnterynlten. Aus Emigrantenmnnd hören wir mehr über die Schwierigkeit der Lage. Feste Arbeit ist nicht zu erlitten. Das Dasein des Unterstützten ist allen verleidet. Die -Hvssimng aller ist Palästina. Die Abfahrt des Schiffes kommt heran. Dem Seereisegen'ohnken bietet sich ein in vielem neues Bild. Schon das Gepäck ist nicht das von Erholungssuchenden. Kroge, unförmige Koffer tverden verladen, kleine Einrichtungsgegenstände, an die der Mensch sein -m'.; luolnzu hängen pflegt als au lebcusivichtige Dinge, verraten die Nebersiedlnngsabsicht. Ein mitgenommenes Eello soll drüben die ktinstlerische Erholnngsstnnde sichern. Ausgeschnallte Reisischienen gehören znm Gepäck eines Architetten. Der Dampfer — ein alter Kasten l)at den Hasen verlassen, man richtet sieh ein. Wieder ein sehr ungewohntes Bild: statt der üblichen Ata gast ne oder Kriminalromane liegen auf fast allen Deckstül)len liebräische Grammatiken oder Jnformationsbücher über Palästina., Born Bonne bis zu den kleinen Werbeschriften des -Ucvcit Hajessod ist alles vertreten. Eine Gesellschaft von A'onnen. die unberührt von den Schönheiten des 'Meeres betend zusammensitzen, wirkt fast fremd in dieser Umgebung. Die Fahrt bringt herrliches Wetter. Bei ruhiger See entwickelt sich das übliche Bild einer Seereise. Wer aber einmal durch die Decks von Gruppe zu Gruppe zieht, an den Gesprächen leilnimmt, findet auch hier eine ganz aridere Situation. Nicht die gewohnten Gespräche über das Wetter, über den nächsten Hasenausslug werden hier geführt. Sind es doch fast alles Menschen, die das Bestiinnnmgsland der Reise entweder schon endgültig zu ihrer zukünftigen Heimat crlvählt 'haben, oder die hinübcrfahren, um dort nach Möglichkeiten für sich oder andere zit suchen. Da sind alle Typen vertreten. Junge Menscheu, die noch am ersten Beginn ihres Lemmsweges stehen, Reisende mittleren Alters, nie schon jahrelang einen liebgewordenen Berns ansgeübt haben und die nun sorgenvoll -hre Anlagen und Fähigkeiten auf neue Arvecksmögli'chkeiten hin überprüfen; Einwanörrer in'Höheren Jahrgängen, bei denen man sich mit Bedeuten fragt, ob sie wohl noch imuaude sein tverden, sich ans eine so ganz an» i-eve Umgebung einzustellen. Erschreckend manchmal die große Unwissenheit in jüdischen und palästinensischen Dingen. Wer in ein fremdes Land steht, sollte sich wenigstens vorher über die wichtigsten soziologischen, kulturellen und politischen Gegebenheiten : informieren. Nicht einmal die üblichen Baedeker-,stenntuisse sind bei manchem vorhanden. Und daneben eine naive Uuvertrautheit mit den Bedingungen einer yandarbeitenden Lebensweise.' Ein Mann von etwa 45 Jahren, der über seinen Bauch nur schwer herübersehen kann und schon ächzt, wenn er in das Oberbett seiner Kabine klettern muß, erklärt, in eine Kwuzah gehen zu wollen. Abgesehen davon, das; er vom Ausbau und Wesen einer Kwuzah keine Ahnung hat, ist er sehr erstaunt, als man ihm prophezeit, daß. er schon nach einem halben Tag schwerer Arbeit in heißer Sonne zusammenbrechen würde. Dann gibt es die Menschen mit der naiven Begeistcrnng. Nüchterne Geschäftsleute fahren herüber, um in irgend einem Artikel große Abschlüsse zu tätigen. Fragt man sie aber nach den sachlichen Unterlagen ihrer Pläne, so entweiche» sie in einen diffusen Optimismus von den ungeheuren.Möglichkeiten des Landes, ohne sie näher studiert zu haben. Es fehlt auch nicht der Typ des smarten Amerikaners, der in Palästina eine neue Möglichkeit surgroße Spekulationen sieht und phrophezeit, daß es bald in Palästina mehr Millionäre als anderswo geben werde. Alle diese Reisenden würden zusammengenommen einen wenig erfreulichen Eindruck l fl /> c> /1 ‘ <y 0^ L> v is-sj'■ hi eröffnet Jeder C.V.er kaufi Gosdraerckwcrfc© FadhUsttoiraflur Jüdakcü afa finP/fh/r^ßyf oder bestellt sie durch die Post. — Beratung und Besichtigung unverbindlich. Philo Verlag u. Buchhandlung W 15, Pariser Str. 44 Tel. J 2 Oliva 1375 vermitteln, wenn nicht als ihr Gegenstück die Gruppe der ernsten zukunststrächtigen Menschen da wäre. Wer das Schiff an einem der sonnigen Vormittage durchwandert, der stoßt schließlich vorn au der Spitze auf eine kleine Gruppe junger Menschen, die mit einem freudigen Ernst, der den Gesichtern etwas über ihre Jahre hinaus Geformtes gibt. Hebräisch lernen.- Es ist eine Gemeinschaft, die aus der deutschen jüdischen Jugendbewegung hervorgegangcn ist. Bestens vorbereitet, des Großen, das vor ihnen liegt, und der Schwierigkeiten. die sie erwarten, gleicherweise bewußt, ziehen sie als geschlossener Freundeskreis hinüber. Sie werden eine Bereicherung des Landes sein. Keiner von ihnen spricht von den Menschen und Dingen, die er hinter sich gelassen hat, keiner grollt mehr mit seinem Geschick. Alles Schwere, die Trennung von ihrer Familie, von ihrem Berus, der 'Entschluß zur Umstellung auf eine ganz neue Lebensführung liegt hinter ihnen. Sie machen sich keine Illusionen über die Tiefe und die Probleme dieser Umstellung. Sie sind aber auch diejenigen aus dem Schiss, denen man die beste Prognose für die Zukunft stellen möchte. Und sic stellen den Typ des deutschen Juden dar, durch den man das deutsche Judentum am liebsten repräsentiert sehen möchte. An die Welt eines aufbauenden Judentums drüben werden sie sich leicht angleichcu können. Was sie viel beschäftigt, ist die Frage, wie sie sich bei allen Kenntnissen und bei dem ehrlichsten Willen zu absoluter Einordnung mit den Inden osteuropäischer Herkunft tverden zusammenfügen können. Es ist das das entscheidende Problem für den wertvollsten Teil deS eiuwandcruden deutschen Judentums, denn unsere besondere Aufmerksamkeit gelten soll: werden sich die beiden Ströme europäischen Judentums zu einem Strome vereinigen, sv daß die lebenSwerten kulturellen Errungenschaften beider 31t einem größeren Ganzen znsammenfüeßen können? Und ist die Idee Palästina — nicht für den Inden Europas oder Amerikas, sondern für den. der dort leben wird — in harter Wirklichkeit so stark, daß sie die zerstreuten Teile zwingend zusammenführen kann? Bald werden tvir mehr wissen. Das Schiff liegt im Hafen. Die unangenehmen Landnngssorrnalitäten, die Ausbootung. die Zollrevision sind überwunden. Der Wagen verläßt Jaffa und fährt nach Tel Aviv hinein. Ein oft geschildertes Bild und doch für jedett. der es zum ersten Male sieht, ein großer Eindruck. Eine Stadt, von Juden gebaut, von Juden bewohnt. Als der Wagen die Hauptstraße einbiegt, steht ein alter Mann am Straßenrand und bläst auf einer Trompete das Zeichen zum Beginn des Schabath. Die Stadt geht zur feiertäglichen Ruhe. Uö,mm<iMmfairtt iSaas'^ffas ILaasnaU Tcl-Aviv, 21. Oktober 1033. Wer zum erstenmal palästinensischen Boden betritt, braucht zunächst einige Zeit, um mit all den neuen Eindrücken fertig zu tverden. Die Fülle der Bilder, die sich dem Neuling darbieten, die Menge der Gedanken und Probleme, die durchdacht werden müssen, ist so groß, daß es einiger Zeit bedarf, bis sich die „Anschauung" zu Erkenntnissen verdichtet hat. Nichts hat bei Freunden und Gegnern dem Palästina-Gedanken mehr geschadet als die begeisterten oder ablehnenden Berichte von Menschen, die nach einem Sechstagerennen durch das Land ihr fertig klischiertes Urteil abgaben. Betrachtung wird am besten unmittelbar nach dem Eindruck des Gesehenen wiedergegebcn, Erkenntnis bedarf der ruhigen Abwägung. Daher soll der erste Bericht aus dem Laude noch nicht dem Urteil, sondern dem unvorgenommenen und unkritischen Eindruck gewidmet sein. ' Was zunächst überrascht, ist die außerordentliche Schönheit des Landes. Nicht nur in. .seinen landschaftlichen Höhepunkten, die aus vielen Beschreibungen her bekannt sind und erwartet werden, sondern auch dort, wo mau ästhetisch Gleichgültiges erwartet hätte. Man erlebt erst die bekannten Landschastseindrücke, wenn man nach Jerusalem hinaufgefahren ist und den Zauber der Stadt, einer der schönsten der Welt, aus sich wirken läßt. Man erlebt ihn um so stärker, wenn inan ans Telawuv kommt, das als jüdische Schöpfung imponiert, das aber in seiner fieberhaften Entwicklung unharmonisch und unkultiviert wirkt und unter manchen Erscheinungen leidet, die nicht der Stadt, sondern der über, stürzten und qualitativ sehr verschieden, wertigen Eimvauderung zur Last gelegt werden müssen. Haifa bezaubert durch sting einzigschöue Lage, hat aber auch bei dem pip, artigen Aufschießen flüchtig und oft unschön gebauter Häuser seinen Stil noch nicht gesunden. Demgegenüber ivirkt Jerusalem in seiner zurückhaltenderen Ruhe, der Buntheit der Bilder und Schönheit. seiner Sanbfdjait ganz stark. Wobei allerdings zu sagen ich daß sich entwickelndes Leben in seiner Gärung immer weniger „schon" wirken wird. Wir sprechen aber hier.zunächst nur vom Eindruck der Augen; über die Bedeutung und die Znkunftsaussichten der drei Städte wird noch viel zu sagen sein. Hinzu kommt, daß jeden: kulturhistorisch beeindruckbaren Menschen eine Stadt uüe Jerusalem mehr als irgendein anderer Ort der Welt sagen muß. Ter Neuling ahnt hier, watz es für einen Juden bedeuten muß, in einem Lande zu leben, in dem unsere biblische Vergangenheit reale Geschichte gewesen ist. Wer jahrelang die Bibel nicht mehr in der Hand gehabt hat, fühlt sich gedrängt, diese Lücke möglichst bald wieder zu schließen. Fährt man durchs Land, mahnt jeder Stein, jeder Berg an Tinge, die früher im Unterricht oder der Lektüre nur Namen waren. Man sitzt in später Abendstunde in durch Neiseupauue erzwungener Ruhe aus einem Stein in einsamem Bergland. Ein Hirt treibt seine Herde vorbei. So sind hier seit Jahrtausenden die Hirten mit ihren Herden gezogen, so ist auch vielleicht Jakob. Joseph oder eine der uns vertrauten Gestalten hier mit seinen Schafen im Abcndlicht über die Felder gegangen. Und dann kommt man auf der Fahrt hinab in die große Ebene, in das Emck und -erlebt die große landschaftliche Ueberraschung. Hier, wo mau reizlose Fläche in grauer Sonnenhitze erwartete, findet man eine'Landschaft voll feinster Reize der Farbe und der Form. Gerade dem norddeutschen Menschen, dem weite Fläche mit viel Himmel darüber Voraussetzung starken Natureindruckes ist. ist die innere Einfügung in diese Landschaft leicht. Nicht, als ob sie in irgend einer Einzelheit an gewohnte Bilder erinnerte. Aber der Grnndcharakter dieser Bilder rm Emet. weite Freiheit des Schauens, die den Blick schlvcifcn laßt und eine Zartheit der Farben, die die Härte der Steine und der Baumlosigfeit mildert, bewirken cs, daß man gerade diesen Teil des Landes, der an Großartigkeit mit den Berglandschaften nicht wetteifern Tann, am schnellsten liebgewinnt. Ich sprach , junge Freunde aus Deutschland, die aus einer Kwuzah seit kurzem sitzen. Sie waren beglück!, hier leben zu dürfen, wo sie glauben, sehrschnell zur umgebenden Natur „mein Land" sagen zu können. Es kommt die unglaubliche Mannigsaltigkeit der verschiedensten Landschastscharakterc hinzu, die hier auf engstem Raume nebeneinander liegen. Man sagt hier scherzhaft, man könne ein Auto nehmen und dem Chauffeur sagen: „Fahren Sie mich in ein anderes Klima". Das stellt körperlich starke Anforderungen, die der Ankömmling deutlich merkt. Aber es macht auch die ungewöhnlichen gcisti- Tunnel, schon standen sie im Lift und flogen empor zum gläsernen Rundgang. Ta lag die Stadt . . . Er wandte sich ab, hatten sich seine Augen nicht gefeuchtet? „Das war die Heimat!" sprach sie leise, „und das bleibt sie — kann mau eine Mutter tauschen?" Hagel und Regen hatten ausgehört; durch eine Lücke der stürmenden Wolken brach grell und schräg ein Lichtstrahl herab und führ über Dächer und Plätze und Gärten. ..Wie ein Lichtsinger!" murmelte er. „Wie In Gottessinger!" Jlüsterte sie und zwang ein Lächeln in ihre Stimme. Jetzt lag der Licht- -reis über einem Ort mit steilen Bäumen wie gliperndcn Säulen. „Zypressen!" entc.eckte' sie, „dort ruht unser Ahn. Eines der ältesten Gräber der Stadt" . . . jGr: „Den sie als Kind beinah erschlugen." Sie: „Und den mit 92 Jahren die ganze Stadt mit allen Geistlichen zu seinem.Grab geleitete" . . Er, nach einer Weile, bitter lachend: „So alt, 'Zo'sy, werde ich nicht . . . Uebrigeus: warum bl i e b e n diese Leute, wie f 0 nute n sie" ... Sie nach Ueberlegung: „Jedes Ding hat Gründe rundherum. Kennst du die Scherzfrage. wieviel Juden cs in Deutschland gibt? ,.0 Millionen, weil jeder Deutsche einen Juden rühmt! Alan wird nirgends bloß gehaßt, Joseph, nur: Haß handelt sichtbarer wie Liebe und er verdunkelt sie." Da brach es mit so heller Angst aus ihm: „Ich will zu meinen Brüdern!", das; sie erschüttert wie schon mehrmals im Leben eine Gesichtstäuschung hatte: sie sah ein haßverzerrtes Beduinengesicht dicht vor sich mit entblößten Zähnen aus einem hellgrün wallenden Hintergrund... Was i st dir?!" fragteer erschrocken. Langsam faßte sie sich: „Zu deinen Brüdern, sagst du . . . Joseph will zu seinen Brüdern" . . . Er schwieg und drückte seine bleichgewvrdeue Stirn wider die Scheibe. Sie aber errötete vor Freude, denn zum ersten Male fühlte sie. hatte sie vermocht, den Bruder aus seiner Selbstverhärtung zu reißen. „Und dein Lebenswerk, dein Buch der Schicksale — was wird aus ihm,?!" Gequält winkte er ab: „Wie kann ich noch gerecht sein? Und wozu beschreiben, was nun vor aller Augen sich neu entrollt? Und wie bliebe mir Zeit dazu dort unten, der ich Orangen züchten („pflanzen!" verbesserte sic) muß, um zu leben. . Dem Deutschenfreund wird man dort keine Professur antragen. ." „Unter Brüdern." Sie sah ihn fest au. „Wer ich kenne dich, Josef: auch im fernen Laude wird dich nichts anderes bewegen als dein Geheimnis, dein Problem; und in der klaren, kühlen Frühe dort, bevor noch die Sonne herüberblitzt über die kahlen, zackigen Berge wirst du sitzen und schauen und schreiben, so gerecht wie je, für das Land deiner Ahnen, dem deine Liebe und dein Zorn gehört, für dein Deutschland, das du einmal das Ohr und Herz und Hirn der Welt genannt hast, den Mittler zwischen ihr und Gott, und cs bleibt — trotz alledem. Glaubst du wirklich: Ubi bene, ibi patria? Gehört man nicht vielmehr dorthin, w 0 mm n liebt, als wo man geliebt wird? Aber, fuhr sie schnell fort, du hast anders gewählt und hast den zum Tode verurteilt, der du gewesen bist. Und — sprach sie langsam und mit Bedeutung weiter — es ist auch besser, du läßt die Hände von deinem Werk. Denn sich. Josef, wenn d u fliehst, der das Heimatrecht nicht nur ererbt, sondern auch erworben hat, dann gibst du dies dein Recht auf, dann hast du das Urteil angenommen und e n t w e r t e st dein Werk —" Unwillkürlich wehrte Josef heftig ab- und wich einen Schritt zurück. Seiner Schwester aber waren die Tränen nah, als sie ihn abermals ins Herz getroffen sah, und m ußte doch seine schwarze Dumpfheit ausreißen und ihr Wort als Samenkorn in seine Seele senken und hatte noch den dritten, den spitzigsten Pfeil im Köcher. > . Um nur etwas zu sagen, murmelte er, in die Tiefe blickend: „Dein Finger Gottes ist nicht mehr sichtbar!" In diesem Augenblick rief es hinter ihnen vom Lift her: „Fräulein Doktor!", und, sich umwendend, sahen dis Geschwister ein blondes Kind, seine Mutter am Kleid fassend, mit ausgestrecktem Händchen aus Josephine deuten. Diese glaubte durch ihre Tränen ein Mädchen zu erkennen, dem sie vor Jahresfrist wegen eines kennenden Leidens trotz des Widerstandes der Eltern Befreiung von der Schule, und Aufnahme in ein Landheim erwirkt hatte. Die Mutter trat heran: „Fräulein, Sie erkennen sie wohl gar nicht wieder. Jetzt sehen wir erst, w i e krank sie war. Sie wollten sie Heuer nachuntersuchen." „Wissen Sie nicht, ich bin als Schulärztin entlassen." Die Mutter sah sie erstaunt an. „Wer das macht ja nichts!" rief das Kind jubelnd und hüpfend. „Darf ich sie dann in Ihre Wohnung bringen?" Josephine wandte sich ihrem Bruder zu, und da sie jeden seiner Gedanken fast schon im Aufsteigen erriet, las sie in seinen Zügen, halb schmerzlich-widerwillig, halb erlöst gewährt, Duldung und Einverständnis... Und jetzt war sie sich ihrer sicher: ich tue recht an ihm, ihm nicht zu folgen; er wird reisen, aber er liebt mich, und er wird erwägen.... Und zwei Seereisen werden ihm wohltun... „Wissen Sie", erwiderte sie der Mutter, „ich habe noch keine neue Wohnung, ich komme heute nachmittag zu Ihnen!" Mutter und Kind bejahten und entfernten sich dankend. „Ich kann dir dein Gepäck erst von Genua Zurückschicken", erklärte er sachlich. Heiß stieg es in ihr auf: jetzt mußte sie's ihm -sagen. Mitleid und Scheu, ihm wehzutun, schnürten ihr die Kehle zu, aber Schwesterliebe - öffnete ihr den Mund: „Joseph, du frugst, warum jene damals nicht auswanderten. Ich sagte, sie fülüten sich, wenn sie gute Menschen waren — und das war immer die Mehrzahl — auch geliebt. Sie standen auch alle noch . . .-vor Gott... Wer es war da noch etwas. Wenn .sie, wie wir, die Summe zusammenkratzen konnten, die zur Flucht und Siedlung nötig war, so zitterten und stockten ihre Hände; denn — konnten das auch all die andern ,.. Brüder?! — Aber rasch nun, es ist Zeit geworden!" Und sie zog den Bruder zum List: doch der stand und starrte sie an wie ein Blinder, der jäh sehend geworden und noch nicht sieht, was er sieht... Doch: „Abfahrt!" ries der Listsührer und zwang sie in sein Glasgehäuse, das schon übervoll war. Ter verspätete lLchnellzug schoß mit leisem Donnern in die Halle, dann, wie von einem Zauberstab berührt, blieb er lautlos stehen. Doch jetzt grollten aus dem Triebwagen die 'Motoren laut aus wie vor Unmut über diesen Aufenthalt. Hurtig vollzog sich alles wie in einem Geisterspiel. Eine Umarmung unter Aufschlnchzen; Einsteigen. Anfahren; ein aus -dem Fenster gestreckter Arm, au dem ein anderer Mensch eine Strecke mitlicf... Tann, ohne noch zu stehen und zu winken — denn tiefes Gefühl hat Scham vor lauter Aeußerung —, kehrte die Schwester um, schritt wie im Traum durch die Halle zum Schalter hinaus. aus dem Bahnhof — allein. Und durch die lange Allee langsam heim zur Stadt, dahin sie gehörte. 0 I AM lieft feine im Bedmee Kulturbund Die Klänge der schönen Gedichte, die wir scheu wft von^ Hardt gehört haben, nehmen uns wieder ganz gefangen, lind sie berühren uns stärker als je. „Prinzessin S-abbath" steht uns heute näher, „2> tnb" und „Salomon" sind besser zu verstehen, und der arme kleine „Simjon" spricht unseu Worte, kämpft unseren Kampf. Auch die ..Königin h^t in diesem Nahmen eine Beziehung zu jüd'.su)em Schicksal gefunden. ' Wenn Ludwig Hardt im zweiten Teil den von ihm oft vorgetragenen Peter Altcnbcrg wieder eim mal zum Leben erweckt, so dürfen wir ihm dankbar sein. Dankbar auch dafür, daß seine hohe Kunst, fein feines Gefühl uns jüdischen Geist lcben-5nah darzuüringen weiß. Ar. Ludwig Hardt wird im Nahmen der 2. Veranstaltung des Jüdischen Kulturbundes Rhein- .Ruhr m der ersten Novemberwoche, sprechen.

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