Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 12 (1933)
- Issue
- 42 (2.11.1933)
- Date
- 1933-11-02
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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jBerlfri, L. ffovemlb'es’ 1933 XII. Jahrgang / Nr^4£^ 'Preis 20Pfennig Mit dem ganzen deutschen Volk sind auch wir Juden als Staatsbürger auf gerufen, zu der auswärtigen Politik der Reichsregierung unsere Stimme abzugeben. Sie wird gefordert für die Gleichberechtigung Deutschlands unter den Völkern, die Versöhnung der Nationen und die Befriedung der Welt. Trotz allem, was wir erfahren mussten: Die Stimme der deutschen J u d en kann nur ein Ja sein. Die Reichsvertretung der deutschen Juden §E Meer H. R. In den letzten Wochen haben sich miGccholt Mitglieder der Neichsregieruug qrilitdsätzlich zur Judenfrage geäußert. Als sine solche Erklärung muß auch die Aeußcrmig betrachtet werden, tue Reichsminiftcr Tr. Goebbels nach dein „Berliner Tageblatt" vom ‘As. Oktober in einer Siebe in Dresden ab» Weben hat. Der Minister sagte, auf die chidensrage eingehend: „Wir haben an dieser ,frage das gelöst, was zu lösen war und sie b;jim ad nein gelegt." In ähnlichem Sinne hat Reichsjusiizkom» missar Tr. Frank kürzlich erklärt, „es sei der teste Wille der Reichsinstanz, daß in der Weiierverfolgung der Auseinandersetzung mit den Juden eine gewisse Beendigung jetzt ein- Meten habe". soweit diese Auseinandersetzung mit den Juden in Form gesetzlicher oder verwaltungSreehtlicher Anordnungen erfolgt ist, sind ihre -Grtimgeii in jeder jüdischen Familie spürbar. zuün Haus, in dem nicht die Sorge um die Einstige Entwicklung der Kinder die Eltern belastet, kaum eine Familie, in der nicht Wrusünuschichtung meist im Sinne sozialen "lt'ilieg.? für den Vater oder Gatten notwendig wird. Taß die einschneidende Gesetzgebung tragitche Einzelschicksale schasst, wird auch von Aren Schöpfern zugegeben. Die deutschen Eiben tragen ihr Geschick, so hart eS sic auch nott. mit Würde und Stolz. Sie fühlen sich tn'i von individueller Schuld — von den aso- 'ialen Elementen, die in unserer Gemeinschaft ck'ensa wie in jeder anderen leben, sprechen Unr sucht. Sie suchen noch tastend den Weg in die Zukunft: sic wollen vor der Ungewißheit ihrer künftigen Schicksalsgestaltimg nicht süpitulieren, nicht mutlos und verbittert nn° lergehen. Sie wollen ihren Lebensanspruch verwirklichen, mag der Lebensraum auch Kijnirtl fein und der neue Beruf scharf nur dem Milieu kontrastiereil, aus dem sie und ihre Familien stammen. Aber wenn der einzelne, der mm Handwerker oder Bauer ^sird. der den Anwaltsschreibtisch mit der nasche des Reisevertreters tauscht, diesen neulln schmalen und steinigen Weg geht, so be- ^^t ihn der Wunsch, das; sein Anspruch auf Hu Leben in Ehre anerkannt und dieser An» Iprnch auch durchgesetzt wird. „Wir sind Antisemiten", erklärte Neichsjustizkommissar ^r. Frank, „wir betonen aber auch: wir sind c* nicht aus Haß gegen den Juden, sondern aus Liebe zum deutschen Volk!" Und alle Miuistererklärungen stimmen in uiesem Grundton überein. Die deutschen Inden beklagen tief die Auswirkungen dieser chlffassung. Sie fühlen sich als Glieder des Zutschen Volkes und würden ihm gern auch ln der politischen und kulturellen Sphäre mit innerstem Einsatz dienen. Dieser Wunsch soll unerfüllt bleiben. . .^r wenn er. ihr höchster, ihnen schon ^sagt bleiben soll: den Anspruch, im Rahwen des verbliebenen, Lebensraums in Ehre zu leben, werden sie nie ausgeben. Den maßgeblichen Staatsmännern und Politikern dürsten Aeußerimgell, die im Widerspruch zu diesem, jedem Menschen eigenen Einspruch stehen, fernliegen. Wenn Dr. von Leers, dessen scharf judengegnerische Auffassnngen wir gewiß nicht teilen, sich in .seinem schon kürzlich, hier zitierten Buch „W Jahre Jüdeurepublik", gegen „kleinliche Racheempsindungen" und „kleinliche Gehässigkeiten" wendet, wenn n es für „zwecklos" und „kleinlich" hält,- •;,bicverbliebenen Juden im privaten Verkehr ma: besonderer Feindseligkeit oder verletzender Gehässigkeit zu behandeln," so stimmt diese Einstellung, eines führenden nationalsozialistischen Schriftstellers ganz mit unserm Empfinden und unserem Anspruch aus ein Leben in Ehre überein. Aber wenn ein „Juden- und schweinesreier Viehmarkt" vom Bürgermeister eines hessischen Städtchens angekündigt wird, wenn die „Nordschlesisehc Tageszeitung" aus Anlaß eines an sich sehr bedauerlichen Vorganges uns als „pestilenz- Keine Bescheinigungen: „Deuisdws Unternehmen“ mehr Im Anschluß an frühere Erlasse geben der preußische Ministerpräsident und die Staatsminister wichtige Richtlinien des Reichswirtschastsmimsters über die Vergebung öffentlicher Aufträge bekannt. Diese Richtlinien gelten sowohl für sämtliche Zweige der preußischen Staatsverwaltung wie auch die Gemeinden und Gemeindeverbände. Es heißt im Schreiben des Reichswirtschasts» ministers: Mehrere amtliche Stellen und berufsständische Organisationen haben mir in der letzten Zeit mitgeteilt, daß sie nach wie vor von amt< lichen Beschafsungsstellen mit Anfragen, die sich aus die Kapitalzusammensetzuug bei Firmen, auf den deutschstämmigen Charakter ihrer Inhaber usiv. beziehen, geradezu überschwemmt werden. Unter Hinweis auf früher mitgeteilte Richtlinien erklärt der Reichswirtschastsminister auch neuerdings, daß eine. ausländische Kapitalbeteilignng, für sich allein keinen AuSschließungsgrund für die Beteiligung an öffentlichen Aufträgen darstellt; es könne sich stets nur um-AuS» nahmefälle. handeln, in denen die Kenntnis von der ausländischen Kapitalbeteiligung für eine öffentliche Beschafsnngsstelle von Interesse sein wird. Unbeschadet der grundsätzlichen Bevor-, zugung dcutschstämmiger Firmen solleii die Beschafsungsstellen davon absehen, ohne besonderen Anlaß weitschweifige, oft kaum durchführbare Ermittlungen nach der Arier» Eigenschaft der in Betracht kommendey Zerartigen Auswurf der Menschheit", als An- > gehörige einer „Köterrasse" (das soll keine Beleidigung für unsere Hunde sein) be- ) zeichnet, wenn Organe, wie die Zeitung „Der deutsche Tertilarbeitcr", die Judcnheit „Ahasver, den elvigen Mordbrenner", zeichnet und sogar mit dem Reichstagsbrand in Beziehung fetzt, wenn das gleiche Blatt uns „Freude an der Rot der Arbeitslosen" unterstellt und „Aerger darüber, daß luit sie nicht beim Einkauf betrügen können," so sind das überflüssige Ehrverletzungen. Gewiß berühren sie uns nicht: denn wir wissen uns frei von einer moralischen mW geistigen Haltung, die solche Reaktionen zur Voraussetzung hätte. Aber unser Anspruch auf menschliche Achtung wird nicht gewahrt. Ms bei Ausbruch des Krieges sich eine ganze Industrie entwickelte, die Tpottpost-, karten gegen Deutschlands Feinde verfertigte, griffen die Reichsinstanzen ein. Es schien ihnen mit der Würde des deutschen Voltes nicht vereinbar, daß inan den Gegner verhöhnte und gehässig karikierte. Wir betracht Wegearbeit in Ahlem (zu dem Auf salz in der 1. Beilage) ritoi. Herberl Fniniriifih!, Berlin EESI3H3aDaE13S]GßCnCaS3aE!ÜGaGE3ÖE3flff ton UNS nicht als Gegner des deutschen Volkes, sondern als seine Glieder, und wir können uns ans eine gemeinsam durchlebte und durchkämpste Geschichte berufen. Um wieviel mehr sollten mir Anspruch aus eine würdevolle Behandlung, und sei es zu unserm Leidwesen auch nur eine würdevolle Distanz, haben. Das nationalsozialistische Deutschland,'dessen hohe Ehrbegriffe auch die unfern sind, sieht in uns einen Gegner, einen überwundenen Gegner. Wenn wir in diesem Bilde bleiben, so tritt vor unsere Augen das Bild des besiegten Gegner, dem der Sieger den Degen znrückgibt. im ra K--HM Zur Einführung -von -Rechtsanwalt Dr.- Brock/ dein muten Führer wes'Landesverbandes Pommern, war der Vorsitzende des E. 93., Justizrat Dr. B r o d u i tz, nach Stettin ßefommeu. 60 Freunde aus Stettin und' vielen Orten der Provinz hatten sich am 28. Oktober zu einer erweiterten Vorstandssitzung eingefunden. Jnstizrat Tr. Lrodnitz gedachte eingangs unseres unvergeßlichen Führers Dr. Heinrich .M a r c n s e, Stettin, seines segensreichen Wirkems für die pommerscheu Glaubensgenossen und alle deutschen Juden. Er gab seiner Zuversicht Ausdruck, daß das dem Eeutralvereiu eutgegcngebrachte Vertrauen der Pouunerichen Juden der neuen Leitung zu wahren gelingen werde. Justizrat Brodnitz sprach dann über die „Grundhaltung des Centralvereins". Er betonte, daß sich unsere Einstellung zu Deutschtum und Judentum nicht gewandelt habe, daß aber unsere Praktische Arbeit sich nach den Erfordernissen der Gegenwart zu richten habe. Tr. Fritz G 0 l d s ch m i d t (Berlin) berichtete über die der Erisienzsicheruiig der deutschen 26. Oktober bis 2. November souen anzustellen, weil ein derartiges Vorgehen nicht den vordringlichen Interessen der Arbeitsbeschaffung -diene. Mit diesen Richtlinien sei es unvereinbar, wenn einzelne Bcschassimgsstellen an die Industrie- und Handelskammer svrmular- und listenmäßige Anfragen mit teilweise Hunderten von Firmennamen richten. Der Reichswirtschastsminister weist schließlich daraus hin, daß Bescheinigungen, in denen Firmen als „Deutsches Unternehmen"' qualifiziert würden, nicht mehr ausgestellt werden, und zwar schon aus grundsätzlichen Erwägungen, besonders wogen der stets vorhandenen Gefahr des reklamemäßigen Mißbrauchs. Abgesehen davon, daß solche Bescheinigungen von amtlichen Stellen nicht erteilt werden sollen, sind alle bis zum Erlaß der amtlichen Richtlinien früher erteilten derartigen Bescheinigungen gegenstandslos geworden, gleichgültig, wer sie gegeben hat. Die Handelsvertreter gehören in die Verbände ■ In einer Versammlung des Berliner Vereins der Handelsvertreter sprach der stellvertretende Vizepräsident des Reichsstäudes des Deutschen Handels von Dewitz. Er wandte sich zunächst gegen jene, die dem Verein der Handelsvertreter einen Vorwurf daraus machen, daß er seine jüdischen Mitglieder behalte, und erklärte:-.,. „Ich betone nochmals, daß ich unabänderlich daran fest halte, daß die Juden in tziü .Verbände hineingetzören. Wenn wir den gesamten Handel -erfassen wollen, dann kann Glicht ein Teil der Handelstreibenden außerhalb der Verbände fein Wesen treiben. . ." Der Reidisarbeitsminister für erbbiologische Gedanken im Wirtschaftsleben Ter Reichsarbeitsminister hat an die So-, zialministerien der Länder ein Handschreiben: zu der großen bevölkerungspolitischen Aus-' klärungsaktion der Reichsregierung gerichtet, in dem er hervorhebt, daß einer der wichtigsten.Programmpunkte der nationalsozialistischen Bewegung die Durchdringung des politischen und wirtschaftlichen Lebens mit erbbiologischen Gedanken sei und daß die nationalsozialistische Negierung gewillt sei, auch diesen grundlegend bedeutsamen Programm- Punkt zum Siege zu führen. Ein neues jüdisches Lehrhaus in Frankfurt a, M. Am 19. November wird in der Frankfurt- Loge zu Frankfurt a. M. das unter dem Protektorat der Israelitischen Gemeinde Frankfurt stehende Jüdische Lehrhaus nut einem feierlichen Akt eröffnet. Tie Leitung hat. Professor Dr. Martin Buber übernommen. Ihm stehen zur Seite: Professor Dr. jur. Ernst Kantorowicz, Dr. Eduard Strauß und Professor Dr. Gotthold Weil. Das Lehrjahr soll aus Trimester-Lehrgängen bestehen, die Anfang Januar beginnen. Ihnen geht ein vier» tvöchiger Eröfsnungslehrgang voraus, der vom 19. November bis zum 16. Dezember dauert.