Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 12 (1933)
- Issue
- 41 (26.10.1933)
- Date
- 1933-10-26
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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r-jr, ^0- Berlin, 26. Oktober 1933 XII. Jahrgang / Nr. 4V" FreSs.20 Pfennig entralerein 7 -iU'L.. \JJUl Eli DEUT - .i' Ä!i i) (jj' iu rj tjji m // / Lü llJ .JQ' lf m "ia sil O Oc3 < 'j WWM X In den ersten Monaten des neuen Staates setzte eine starke zurückdrängende Welle gegen die Frauenberufsarbeit ein. Deshalb glaubten viele, das; die Frauen allmählich in immer größerer Zahl „zurück ins Hans" verwiesen werden sollten. Heute kann man sich auf eine amtliche Anordnung berufen, wenn man be- hemptet, das; die weibliche Erwerbstätigleit nicht ausgeschaltet, wohl aber in bestimmter Weise reguliert werden soll. Ter Reichsminister des Innern hat am Ich Oktober in einem Erlas; „nachdrücklich" darauf hingewiesen, das; weibliche Beamte und Angestellte nicht allgemein und grundsätzlich aus dem öffentlichen Dienst entlassen werden dürfen. Bei gleicher Eignung männlicher und weiblicher Kräfte, heißt es weiter, ist dem männlichen Bewerber der Vorzug zu geben. „Andererseits erfordert auf bestimmten Gebieten, namentlich der Jugendfürsorge und Jugendpflege, zum Teil auch in dem des Unterrichts das dienstliche Bedürfnis die Verwendung weiblicher Kräfte im Beamten- und Auge stelltcnverhält ni s." Ter Minister hat also ein Leistungsprinzip veAündct: bei besserer Leistung soll die Frau de.l Vorzug vor einem männlichen Bewerber erhalten. Ferner werden Reservate der Frauenarbeit anerkannt: auf bestimmten Tätigkeitsgebieten sollen die Frauen ein Recht auf Arbeitsplätze haben, ohne das; ein Vorrecht des Mannes eintreten kann. Im Schlußteil des Erlasses heißt es dann: „Auch verheiratete iveibliche Beamte und Lehrer sind nach den gesetzlichen Vorschriften nur dann zu entlassen, wenn ihre wirtschaftliche Versorgung dauernd gesichert erscheint. Diese Voraussetzung muß zw c i f e l s f r e i vorliegen." In diesem Satz wird, über Leistungsprinzip und Reservate der Frauenarbeit hinaus, ein Anrecht der Frau auf. ihre Stellung anerkannt, sofern nicht dauernd auf andere Art für sie ausgesorgt ist. Wenn es sich in diesem Erlas; auch lediglich um Beamtinnen und Angestellte im öffentlichen Dienst handelt, so darf man wohl folgern, das; die gleichen Grundsätze auf die Privatwirtschaft übertragen werden sollen. Wir stellen nun die Frage, ob die jüdische Gemeinschaft verpflichtet ist, ihrerseits darauf hinzuwirken, daß sich eine Regulierung der jüdischen Frauenarbeit im Sinne der ministeriellen Erklärung vollzieht? Diese Frage ist zu bejahen. Der Rhythmus des deutschen Arbeitslebens ist der Rhythmus, in dem die. deutschen Juden leben müssen. Außerdem muß innerhalb der deutsch-jüdischen Gruppe das Gemeinschafttzwohl weitgehend berücksichtigt werden. Auch diese Forderung führt, wie wir sehen werden, zu einer Steuerung der weiblichen Erwerbstätigkeit von verantwortlichen Stellen aus. ' ' Aus wirtschaftlichen Schriften der letzten Jahre kann man entnehmen/ das; die jüdischeu Frauen in verhältnismäßig großer Zahl in den akademischen Berufen und als Angestellte in kaufmännischen Betrieben tätig gewesen.sind. Sie haben sich also — aus Gründen, die hier nicht zur Debatte stehen — in ohnehin schon übersetzten Berufen angesam- . Ernst Lissauer, der Dichter, der Marlin Luther, Johann Sebastian Bach , und York gestaltete Zu dem Aufsatz in der /. Beilage ES3HEB03Ea3SnSiBISÖiaEEaaQSSÖHSE]3H0 melt. Kein Zweifel, daß versucht werden muß. ' die Stellungslosen und die Berussanfängerinnen von den Häufungsberusen abzulenken und auf andere Arbeittzdistrikte zu zerstreuen. Als Zerstreuungsgebiete kommen bis große Gssiruwwgsistiö ZweEveeeiNigung der deutschen Juden NI. E. Rach siebenmonatiger Pause ist am Sonntag. der Arbeitsausschuß des Eentralvereins deutscher Staatsbürger ' jüdischen. Glaubens in Berlin zusammengetreten. Mit-' arbeiter aus allen Teilen des Reiches nahmen an dieser Besprechung teil, die nach vielmonatiger schwerster Arbeit auch den mit ihr Vertrauten ein überraschendes Bild gewaltj- .ger Leistung geben konnte. Es ist selbstverständlich. das; der Aufgabeukreis des Eentralvereins von dem großen Wandel der deutschen Umwelt nicht unberührt bleiben konnte. Wie in diesen Blättern schon häufiger dargelegt wurde, trat die große Wirtschafts- und sozialpolitische Arbeit, die sich in dem Motto „Eristenzsicheruug der deutschen Inden" am besten Zusammenflüssen läßt, in den Mittelpunkt der Tätigkeit. Den Umfang der hier nicht nur in der juristisch-nnrtschastlichen Beratungsstelle der Zentrale, in der Zusammenarbeit mit anderen jüdischen Organisationen und in dauerndem Einvernehmen mit staatlichen Behörden, sondern auch in jedem LandcsverbandssyudUät und in allen größeren Ortsgruppen geleisteten Arbeit, zeigten die einführenden Geschäftsberichte der Syndici Dr. Alfred Hirschberg und Dr. Hans Reichmann. Die Fülle des Tatsachenmaterials erwies . die totale Ausschöpsung aller Möglichkeiten, die es für die Bewältigung unserer Aufgaben In der großen Rede, mit der Reichsk a n z i e r Adolf H i t l e r : im Berliner Sportpalast am 24.'Oktober seine Deutschlandwahlreise begann, hat er sich in folgenden Sätzen mit dem jüdischen Problem befaßt: „... In England erklärt man, man habe offene Arme für alle Bedrängten, insonderheit für die aus Dclltfchland herauSgeheuden Juden. England kann das auch! England ist groß. England hat ungeheure Gebiete. England ist reich. Wir sind klein, sind übervölkert, sind arm, haben keine Lebensmöglichkcit. Aber es würde noch schöner sein, wenn daun England seine große Geste nicht abhängig machen würde von 1000 Pfund, sondern wenn es sagen würde: Es kann jeder herein! — so, wie wir das leider 30 und 40 Jahre getan hatten. Wenn auch wir erklärt hätten, nach Deutschland könne man nur herein unter der Voraussetzung, das; man 1000 Pfund mitbringt oder gar bezahlt, dann gäbe es bei uns überhaupt keine Judenfrage. Da sind wir Wilden Wieder einmal bessere Menschen gewesen! Weniger vielleicht den äußeren Erklärungen, wohl aber unseren Taten nach. Wir sind jetzt noch so großzügig und geben dem jüdischen Volke einen viel höheren Prozentsatz als Anteil an Lebensmöglichkeit, als er uns selbst zur Verfügung steht. Allerdings vertreten wir neben dein Rechte des auserwählten Volkes audj noch die 'Rechte' des unterdrückten Volkes, nämlich des dentscl)en Volkes^ denn dafür sind wir letzten Endes da! Das aber ist durchaus kein Greuel..." Die Altsführuugen des Kanzlers sind mit der Aufmerksamkeit zu prüfen, die jeder Auslassung der höchsten Autorität der Herrschenden Bewegung zu widmen ist. und in diesem Znsarnmenhange besonders, da der Kanzler ex cathedra seit langem zur deutschen Judenfrage keine Stellung genommen hatte. Wir finden dann eine sehr bemerkenswerte Unterscheidung in der Beurteilung der zngewanderten und der bodcnständig-.ein. geborenen Juden. Und wir dürfen in den Worten des Reichskanzlers doch wohl auch die Erklärug finden, daß die bodenständigen Juden Lebensraum in ihrem deutschen Vaterlande finden müssen. ficutc gibt, und schuf ein Bild von der geistigen Elastizität der Organisation und ihrer Mitarbeiter, wie sie die Zeit erforderte. Damit waren die von Unwissenden, Böswilligen oder Defaitisten in gewissen Kreisen propagierten Zweifel an der Existenzberechtigung' des Zcntralvercins in dieser Zeit von vornherein zerstört. Auch eine andere Legende fand auf dieser Sitzung ihr Ende: die Behauptung von der Preisgabe der ideologischen Grundlage des Eentralvereins. Ein stures Festhalten an Aeußerlichkeiten und Wortprägungen ist freilich im Eentralvercin nicht zu finden. Aber der mehr als 40 Jahre überdauernde 8 1 der Satzungen des Eentralvereins ist stark und breit genug, um eine lebendige Entwicklung der Idee wie der Praxis zu gestalten. Bejahung der deutschen Gesinnung, Erhaltung und Mehrung des Gefühls für jüdische Werte und Arbeit — das ist ein für allemal die ideologische Grundlage des Eentralvereins. Das sagten eindeutig nicht nur die Referate der Syndici, sondern auch die glanzvollen Reden des Stellvertreters des Vorsitzenden Dr. Bruno Weil und die von schlverster Verantwortung erfüllten Ausführungen des Vorsitzenden, Jnstizrat Dr. Brodnitz. Und ihnen ■ stimmten die Diskussionsredner aus Bayern und Württemberg, aus Ostpreußen, Westfalen .und allen anderen Landesteilen zu. Der Centralverein hat im Grundsätzlichen sein Banner durch all die Schwere der Zeit hochgehalten. Diese Grundstimmung des Vereins, seiner Führer und Mitglieder wird durch Realitäten, die aus der Zeit geboren und erzwungen sind, nicht berührt. Mit letzter Offenheit wurden Fragen behandelt, die anderwärts leicht zu Streit und Kampf- ' diskussivncn'werden. Wenn einige Mitglieder erklärten, kein deutscher Jude, der führend im Eentralberein gewesen sei, dürfe an Auswan- ' dern denken, so wurden andere, gleichwertige - Stimmen laut, die energisch verlangten, daß niemand, der unter dem Zwange Wirtschaft» licher Notwendigkeit schweren Herzens die Heimat zu verlassen gezwungen sei, deshalb der Treulosigkeit gegen den Eentrakverein ge- . ziehen werden dürfe. Und wenn stärker als - früher Palästina vor allem als Lebensraum für jüdische Jugend in den Vordergrund der Betrachtungen gestellt wurde, so wurde damit der alte Centralvereinsgrundsatz abgcwandelt, der Palästina als die Zufluchtsstätte aller Juden begrüßte, die aus politischen oder Wirt- , schaftlichen Gründen heimatlos seien oder würden. Palästina, ist heute/ so ^wurde ge- : sagt, keine Ideologie, sondern eine Tatsache.; Genau so .ist für den deutschen' Juden, dev seit Generationen.in. Deutschland: beheimatet und mit. ihm verwurzelt ist, Deutschland keine Ideologie,, sondern die tatsächliche Heimat — Heimat auch dann noch, wenn er sich in einem anderen Lande eine wirtschaftliche Existenz aufbauen muß. Diese Feststellungen bedeuten kein Verschieben der Grenzen zwischen den jüdischen Parteien, keine Verkleisterung der verschiedenen jüdisch-politischen Weltanschauungen; sie bedeuten höchstens eine Auflockerung der Parteiinhalte, und diese ist nicht nur bei uns erfolgt, sondern in gleichem Maße bei den Zionisten, die heute in den Lebensfragen des deutschen Judentums sehr häufig genau den gleichen deutschen Standpunkt einnehmen wie mir. Tiefe Erweiterung des Blickfeldes bei den großen innerjüdischen Gruppen ermöglichte auch erst das Zustandekommen der Reichsvertretung, über die Jnstizrat Brodnitz berichtete. Rechtsanwalt Dr. Julius L. Seligsohn. Mitglied des Ausschusses der Neichsvertretung, nahm an der ArbeitSausschnßsitzung teil. Er bestätigte den hier schon früher dar- ' gelegten Grundsatz: daß die Neichsvertretung gewissermaßen das Haupt, die Gemeinden und die Organisationen die Glieder seien, daß die Arbeit des Eentralvereins also nicht etwa durch die Neichsvertretung ersetzt oder eingeschränkt werden solle, sondern daß die au Erfahrungen reiche, schlagkräftige Organisation des Eentralvereins noch zusätzlich zu ' ihren ' eigenen Aufgaben Funktionen dev Neichsvertretung wird übernehmen müssen. Ter Arbeitsausschuß nahm schließlich deu 'Bericht der Revisoren Rudolf Herzberg (Han- 'nover) und Dr. Feldmann (Stuttgart) entgegen. Unter, begeistertem Beifall sprach Dr. Weil dem Vorsitzenden, Justizrat Dr. Brodnitz, den Dank für seine heroische Haltung aus, 'die in den ereignisreichen letzten Monaten ' eine moralische Stutze für seine Freunde und 'Mitarbeiter gewesen fei. Ans Vorschlag des -Vorsitzenden wurde Rechtsanwalt Tr. Ru- ' dolf Callmann. (Köln) einstimmig zum; weiteren Stellvertreter des Vorsitzenden gewählt-und das Präsidium durch die Zuwahl ' eines Beirates erweitert, der in -Fragen, dio ' dringende Entscheidungen notwendig machen, -von dem Vorsitzenden znsammengerufen werden kaum Nack/zehnstündiger Verhandlung 'ging der Arbeitsausschuß auseinander, bereit, -den stärken Eindruck von dem Arbeitswillen : des . Eentralvereins, von der Notwendigkeit ' seines. Bestehens und von dem Existenzwilleu -der deutschen Juden,! der sich in der starken ^Inanspruchnahme, des Vereins nicht nur durch 'seine Mitglieder tagtäglich kundgibt, in das Land'hinaüszütragen 'und dafür zu sorgen, ' daß-' die Fahne :des Eentralvereins auch .'weiterhin ützer'den deutschen!Juden weht. -/