Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 12 (1933)
- Issue
- 40 (19.10.1933)
- Date
- 1933-10-19
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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s*- /r^vl/nnfriQ Nr,4° 'OoVsL^OUüUjliü'vj 2. Beilage SMS f /f€k MKMMWWSN /m Rahmen unserer Auf satzreihe „Umwelt im V/erden“ bringen wir heute eine Zusammenstellung der mannigfachen slaatsthearelischen Erörterungen, die in Zeitschriften über die inneren Entstehungsvor. gänge des neuen Staates erschienen sind. Der JSöi’Jetenffoaf Das Wesensgefüge bcS neuen Staates läßt sich nur begreifen, wenn man die Zerftllserf'cheinmigen des überwundenen Staatsßi-iems einer eingehenden Prüfung uuterziehü Tiefe Aufgabe hat sich S. Sa eng er ui einem Aufsatz über das „Ende des Partcienstaats" („Neue Rundschau", Aug. 1988) Mellt. Seiner Meinung nach lag eine der Todesursachen des Weimarer Parteienftaats in der bölligen Berteuniuig der parlameutorischen Demokratie Westeuropas. die im Gegensatz zu der Weimarer Demokratie auf einer Vlutnähe von Regierung und Volk b» ruht, Es war das Unglück des Weimarer PmteienstaalS. da»; ihm im deutschen Antoritätsitaat bismärckischeu Gepräges die An sä sie zu einer parlawr itariseludcinokratischen Vor» jcbulung fehlten. Racl; dem Umsturz von 1918 wurden die deutschen Parlamentsparteien ein Hpfer der hiermittschaftlichung, sie entarteten zu guteresjcntenhaufen. Die große historische Leistung des Liberalismus lag in der Verkündung des Reickiseinheitsgedankens, dem Minier, wie Friedrich Raumann und Paul Rohrbach, eine höchst nationale Färbung gaben. In gemeinsamer Frontstellung gegen diesen Liberalismus standen Zentrumskatholikeu und Teutschuativnale. die aus antilibclalcm, antiparlamentarischem, antimvdernistischem Instinkt sich aneinanderlehnten. Bei den konservativen Rcbenvarteien nur Ende des borigen Jahrhunderts stand der Kampf gegen das Judentum bereits im Mittelpunkt des Programms. Wenn der Weimarer Parteienstaat eine so kurzlebige Episode der deutschen Geschichte gewesen ist, so liegt dies „an der von den Sozialdemokraten, den angeblichen Marx-Jüngern, eifrig untgemachten Anfpolsternng der paulskirchlichen Verfassung von anno 48". Und gerade Männer, die allgemein als geistige Führer der demokratischen Staatssorm gelten, sind die schärfsten Kritiker gewesen. Abgesehen von Mar Weber sprach Walther Rathenan von dem krankhaft svrmaldemvkratischen Aufbau des deutschen Staatswesens. Sein Endurteil über das Werk von Weimar war prophetisch: das deutsche Staatswescn könne nur durch Zellcncrneuernng aus der Tiefe gesunden. Mit dem Parteienstaat ist zugleich der indibibnalistische _ ctaatsbegrifs dahingesrhwunbi'it. Sowohl im Faschismus wie im Ratioualsozialisunis sind die „gemrationsdynamisehe" Weltanschauung und Sinndeutung des Lebens zur Herrschaft gelangt. In ihnen soll die indibidnelle und persönliche Freiheit nicht mehr der oberste Zweck das Staates sein. Denn das Individuum soll hinfort nur ein „Verwirklichungsnüttcl" der im Staate verkörperten Ration sein. Sowohl in Italien wie in Deutschland hat die „organologische" Staatsanschauung triumphiert: die Nation ist die Grundzelle der menschlichen Gemeinschaft. Der Reichseiuheitsstaak Den tiefgreifeudeu „Versuch einer histo-- risch-spstematischen Erfassung der deutschen nationalen Revolution" unternimmt Otto Hoch sch, der bekannte Berliner Historiker und frühere dentschnativnale Reichstagsabgeordnete (Vergangenheit und Gegenwart. 28. Jahrgang, ' Heft 7/8). Er erblickt in dem Tag von Potsdam, dem 21. März, einen sinnbildlichen Akt der Anknüpfnng an die Vergangenheit: der Donaudeutsche Adolf Hitler bekannte sich zu der Ueberliefcrung des großen Preupenkönigs Friedrich. Die totale Revolution, deren atemberaubenden Ablauf wir erlebt haben, ist als ein Durchbruch und Sieg der Jugend aufzusassea. die das Problem der Generationen zu ihren Gunsten gelöst habe. Obwohl das dynamisch Gewaltige einer Revolution an und für sich unvergleichbar ist. lös; sich dennoch die deutsche nationale Revolution am ehesten uüt der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert vergleichen. (Wie unten ersichtlich, zieht auch Wilhelm Stapel überraschenderweise denselben Vergleich.) Durch die nationale Revolution hat das Zeitalter des Kapitalismus, der Bourgeoisie und des Liberalismus ein Ende gesunden. Aus der Krise des Systems des freien Kapitalist tnus und d'er freien Wirtschaft, aus dem unhaltbar gewordenen Verhältnis von Mensch und Maschine hat sich ein neues Verhältnis von Arbeit und Kapital sowie das Problem 'der Autarkie und der Groß-Binneuwirtschaft ergeben. Während das politische Prinzip des Marxismus den nationalen Staat verneint, wendet sich Hitler gegen den bewußt internationalen Klassenkampfgedanken und gegen den atheistischen, rein diesseitigen Materialismus. Seine Gedankenwelt steht auf dem Boden einer idealistischen, religiösen, transzendentalen Anschauung von Leben, Menschheit und Welt. Der neue Arbeitsbegrisf betrachtet unter dem Gesichtspunkt der Ordnung und Planung die Arbeit als Dienst. Der Neuaufbau^ der sozialen Gliederung geht von der Tatsache ans, daß der Gegensatz von Bourgeoisie und Proletariat infolge der Proletarisierung des Mittelstandes und der Zerreibnng der Bourgeoisie aufgehoben ist. Die Begriffe konservativ und liberal sind gegenstandslos geworden. Der neue bcrufsständische Korporativstaat ist ein Neichsernheitsstaat, der durch seine zeutralistische Totalität auch die Wirt'- schastsversassimg bestimmt. Auf dem Gebiete der Außenpolitik stehen die Wehrsrage und das Problem der Großranmwirtschaft und der internationalen Zusammenarbeit im Vordergrund. Im Hinblick auf den Bolschewismus, der in Rußland auch national gebunden ist, bildet Deutschland einen Wall gegen die Weltrevolutwn. Der ihrisMche Starrt Die Frage nach dem Ziel der deutschen Revolution stellt Edgar I. Jung in einem Aufsatz „Die chrisllicye Revolution" (Deutsche Rundschau, 59. Jahrgang. Seplember 1988). Der Münchener Rechtsanwalt ist der Verfasser des bekannten Buches „Tie Herrschaft der Minderwertigen", das durch seine Kritik am vergangenen Süßem die nationale Revolution geistig vorbereiten hals. Ans' dem leidenschaftlich-feierlichen Tonfall seiner Ausführungen spricht nicht, loie bei Hvcsisch, der kühl wägende Verstand des kritischen Gelehrten, sondern der spekulative Staatsphilosoph. der etwa mit Julius Langbehn, Friedrich Hiclscher. Spengler, Mvellcr van den Bruck artverivandt ist. Liberale Revolutionen (wie die von 1780), meint Jung, lassen Ideen gegen die Ueberlieserung aufmarschieren. In konservativen Revolutionen empören sich die Kräfte der Ueverlieserung. Blnt und geschichtlicher Geist gegen Intellektualismus und Doktrin. Tie deutsche Revolution ist Ausbruch des Volkstums. Sie iß von dem Gefühl getragen, daß die Völker die Träger der Menschheitsgeschichte find, daß die Vergangenheit die Staaten überschätzte. Ter Staat ist zeitlich, die Völker sind ewig. In der Sehnsucht des deutschen Volkes lebt nicht nur der wahre Staat der Deutschen, sondern auch das dritte Reich. In der deutschen Jugend lebt der Gedanke an das Reich, das mehr iß als der Staat: das. über Staatlichkeit und nationalen Stolz hinauswachsend, den Deutschen als Berufung ausgegeven ist. Jede echte Revolution iß Wettrevolution. Soll die deutsche zu solcher Höhe empvrwachsen, dann muß eine deutschgeborene Idee den geplagten und Zersplitterten Erdteil erlösen. Ter Aufstand detz deutschen Volkes gegen den Votschewrs'' mus ist nichts anderes als die Rückbesinnung auf die große geschichtliche Aufgabe der Deutschen: Schützer der christlichen Heilslehre zu sein. Aus der Gegensätzlichkeit der christlichen Konfessionen folgert Jung die Unmöglichkeit des totalen Staates für deutsche Verhältnisse. Nach seiner Ansicht führt die protestantische Linie der deutschen Revolution zum starkem deutschen Staat, die katholische zum Reich der Deutschen. ■ ■ Der Z'ührerftQat Einen Beitrag zur Erkenntnis des nationalsozialistischen " Staates will Wilhelm Stapel in dem Aussatz „Führertum und Mannszucht" (Deutsches Volkstum, 1. Septemberheft 1988) liefern. Stapel weist daraus hin, daß nicht der grübelnde Staats- Philosoph, sondern nur der machtvolle Staatsmann eine neue Staatsverfassuug schassen könne. Er vergleicht Hitler mit Luther, weil er ebenso zum Mittelpunkt der neuen Bewegung, zum Sinnbild des Ganzen geworden sei. wie einst der Reformator zum Inbegriff der Glanbensninwälzung. Zwei für den nationalsozialistischen Staat entscheidende Ursprungsbegrisfe hebt er hervor: Führertum und Mauuszucht (Disziplin). Beide bedingen sich gegenseitig. keines von beiden kann ohne das andere leben und wirken. Sie zusammen bilden die dem neuen Staatswesen eigentümliche ethische Atmosphäre. Am 5. März, sagt Stapel weiterhin, wurde Hitler aus einem legalen Beamten der vom Volke durch Zuruf '(Aktlanraüon) bestätigte Führer des Reiches. Damals geschah die entscheidende Wendung vom Beaintenstaal zum Führerstaat. Beamtentum rnid Führertmn sind völlig verschiedene Eharattere. Ein Beamter kann in abgeschlossener Gesellschaft jenseits des von ihm regierten Volles leben: wn Führer muß mit seinen Geführten leben. Ein Beamter ist nur während seiner Dienststunden im Dienst, ein Führer ist unbegrenzt im Dienst. Das Schicksal des werdenden Staates hängt davon ab, das; das deutsche Volk eine genügende Anzahl von Führernatnren hervorbringt und das; sie an die für sie geeignete!; Stellen kommen. Der Staat alten Stils bestand durch den Gehorsam, der Staat neuen Stils besteht durch Mannszucht. Der srändestaak Aus einem Dreitakt der geschichtlichen Entwicklung leitet G e o rg W e ip p e 11 die Entstehung des gegenwärtigen Ständestaats ab („Deutiche Rundschau", Scpt. 1988). Die erste ständische Epoche im europäischen Raum ging mit dem Mittelalter zu Ende. Tie erste Epoche ist charakterisiert durch das nattirhaste Hineimvachsen des Aienscheu in einen Kreis von Bindungen. Das bindungslvse Leben ist hier unvorstellbar. Diese „Epoche der Gebundenheit" ist bestimmt durch den Glauben an die Uuverrückbarkeit der gegebenen Ordnung. Tie zweite Epoche — die des „autonomen Ich" — ist eine Zeit der Auflösungen aller Bindungen. Das Ich bestreitet seine Abhängigkeit und erkennt nur die Vernunft an. X Ä GMUmZÄ Thomas Manns neuer TLoman Von Julius DaS Es bleibt ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß in eben dem Zeitpunkt, wo Temschtauds herrschende Macht sich anschickt, die Juden von der Mitarbeit an der nationalen Kultur weitgehend auszuschließen, ein Buch erscheint, m dem ein deutscher Autor von Weürns es unternimmt, ein Grundmotiv der iüda'cheu Tradition neu zu gestalten. T h o ni a s M a n n, der Dichter der „Buddenbrooks" und des „Zanberberges". Nobel- Preisträger des Jahres 1929. arbeitet seit dielen Jahren an einem Nomau „Joseph und seine Brüder". Und mm ist ein Land erschienen, ein Buch von nahezu 590 Seiten, im Berlage S. Fischer, mit einem iehr schönen llmschlagsbild von Walser, und dieses Buch ist nur das erste von drei Bändert. Re zitsammen diesen Roman bilden sollen! Ter erschienene erste Band aber führt den Titel „D i e Ges ch i ch t e n I a a k v b s". Weshalb Thomas Alaun sich in die Gestalt des Joseph verliebte, — oder, ernster besprochen, weshalb er sie so leidenschaftlich erlebte, das; in ihm der Trieb entstand, sie uns non erleben zu machen, das ist für einen W"m,r dieses Autors nicht schwcw varzustellen: Thomas Alaun erlebt in den; Joseph, wie die. R'Rude ihn zeichnet, den ästhetischen Menschen, den Menschen, der „beides hat. Verstand und Träume", dessen Masse nicht mibe Raturkraft. rohe Gewalt ist. der Phauiafie und List und Ahnungsvermögen sein eigen nennt, und der seine geistige Natur bis Pi die gefährliche Grenze der Entrücktheit, der Irance, zu steigern vermag. Geist aber zeigt sich hier, wie immer bei Thomas Mann, in 1ciucv_ zweischneidigen Natur, dem Leben feindlich, und dem Tod verwandt —, höchste Steigerung des Lebens auf dem Weg zur Schönheit und doch zugleich seine Bedrohung,. ,st seine Auflösung im Bewusstsein. Joseph »r Schöne,.der Geistreiche, der Träumer, aber igkeich auch der Eitle, der Prahler und ügner — der natürlich Gehasste seiner kraft- Kl unschönen Brüder — Joseph, der erst ans zrecklicher Todesnot und Erniedrigung zu lauz und Herrschaft aufstcigt. um dann die rast seines gereinigten Geistes strahlend zu wbreiten — er mußte wohl als eine innerst wwandte tind verlockende Gestalt vor den ugen des Thomas Alaun stehen. Der große Josephs-Roman beginnt (aber as ist, wohlgemerlt. eigentlich erst auf der 5. Seite des Buches!) mit einer sehr auschauch, sehr konkret, sehr dichterisch gegebenen Feite: In orientalischer Mondnacht sitzt iln- »eit der Zeltstadt Israels am Brunnen der hätte Knabe Joseph, der Sechzehnjährige, in alb spielerischer, halb frommer Entzückung em Gestirn zugewaudt. Und zu ihm tritt, esorgt und liebevoll zürnend, der Vater (aakvb, ein Sechziger, fast schon ein Greis. V* Wesen von Vater und Sohn, ihr merku'irdig inniges Verhältnis, die empfindsam esteig'erte Welt, in der sie leben, das alles ritt im Gespräch dieser Mondiracht sehr klar, ehr einprägsani vor uns hin. Der Josephslomcm hat begonnen. — Aber nun übereältigt den Dichter die Teilnahme sür Iaakob, »en Vater seines Helden, in dem ja mit Notoendigkeit dessen innerstes Wesen schon vorlebildet ist — nur daß die äußere Anmut einer schölten Mutter Rsthel in Joseph hinzurar und die mehr problematische Schwere des Üaters ins Beweglich-Spielende wandelte. — thomas Mann blättert mm die „Geschichten laakvbs", die große Legende seiner Herkmtst -ückwärts auf und verweilt so eingehend und iebevoll bei der Geschichte des Vaters, daß neser ganze erste Band nur dieser -Vorzeschichte des Iosephs-Schickfals gehört, daß mr erst am Ende wieder die Ausgangsituation: den sechzehnjährigen Joseph nnt einem Vater, erreichen. So erbaut sich vor uns. nicht ganz in der historischen Folge, sondern an einigen -Hmundhcrsprüngen. die die Erzählung cüvas schtverer verständlich aber freilich auch lebhafter machen, die Geschichte Iaakvbs, die Geschichte des Mannes, der als ein Träger des Geistes, des frommen und listigen Sinnes, der Liebling seiner Aftltter wird und durch sie deu Segen des Vaters erbeutet, der dem Acl° teren. dem naturhast rohen Ef'ail. gebührte. Iaakob, der dann beim Oheim Laban um die Tochter Nahet sieben Jahre dient und von ihm betrogen nstrd, und die ältere häßliche Lea statt der schönen Schwester erhält, und noch einmal sieben Jahre um Rahel dient. (Uebrigens ist es weder bei Thomas Mann noch in der Bibel so. wie die meisten Leute es im Gedächtnis haben, daß nämlich Iaakob noch eintnal sieben Jahre dienen muß. ehe er Rahel erhält — vielmehr gibt ihm Laban gleich nach entdecktem Betrug, schon am Ende der Hochzeitswoche, auch Rahel und er muß sie nur in den kommenden sieben Jahren abverdienen!) Dann überlistel Iaakob den Laban durch den Vertrag über die fleckigen Schate und wird sehr reich, dann flieht er mit seinen Frauen, Kindern und Gesinde und dem vielen Vieh vor der Feindschaft des Schwiegervaters in sein kaanauitisches Ausgangtzland zurück. Dann hat er das schreckliche Abenteuer mit der Stadt Sichern, die seine Söhne wegen des Mädchens Dina verheeren: dann zieht er davon, und unterwegs, am Wege, stirbt bei der Geburt ihres zweiten Sohnes die über alles geliebte Frau: Rahel. Das etwa sind die wesentlichsten der Geschichten von Iaakob. die die Geschichte^ eines merkwürdigen Menschen zusammensetzen. Die Geschichte eines Menschen, der aus geistiger Leidenschaft lebt; die zeigt sich bei ihm in zwiefacher Gestalt: „er hatte zwei Leidenschaften: Gott und Rahel". Das heißt, der gleiche Trieb, mit dem sich Iaakob grüblerisch in das Geheimnis, des Gottes versenkt, der seinen Vätern sich offenbart hat. und der der alleinige, unsichtbare Gott ist, der allgegenwärtige, vor dem alle anderen' Götter zu Götzen wer- Pen.—i dieselbe Leidenschaft ist es,.mik der dieser Iaakob (ein immer merkwürdiger Zug der Legende!) ein einzelnes Wesen unter allen Menschen liebt, bevorzugt^ erwählt, eben die Rahel, der er mit einer Stärke anhängt, die die rein traditionelle Verbundenheit der Geschlechter im Sinne der Tippe sprengt. Mit einem Wort: Jaalvb ist innerhalb einer noch ganz stammesmäßig gebundenen Welt ein erster I n d i v i d u a l i st tind gerade dadurch ein mächtiger Detveger — und gerade auch darin der Ahnherr der Israeliten. Sie heißen ja bis heute nach dem Namen, den der dunkle. Genius dem Iaakob gab, als er eine lauge Nacht leideitscbastlich mit ihm gerungen hatte: Israel — Gott führt Krieg. Wenn die Geschichte Iaakvbs aber auf solche Art merkwürdig in die Zukunft führt, so sind die Geschichten, aus denen sie besteht, sehr tief und fest in die Vergangenheit gebettet. Tenn dieses gerade arbeitet Thomas Mann mit immer wiederholter Atühe heraus: Iaakob lebt, wie alle Menschen seiner Epoche, in Analogien: sein Geist arbeitet fast ausschließlich in Assoziationen. Das heifst: alle Geschichten, die er erlebt, erlebt er im Grunde genommen nur wieder, und sie werden in ihrem Ansgang durch das Gefühl der Wiederkunft stark bestimmt: Kain und Abel, Ismael und Isaak, das wiederholt sich, wenn auch mit Variationen, in dein Verhältnis Esan und Iaakob, so gut. wie sich Noahs Fluch über Hamm wiederholt in Iaakvbs Zorn über Rüben, der sich mit des Vaters Kebsweib Bilha^ vergaß. Und Thomas Mann ist sehr darauf bedacht, uns klarznmachen: für bm Menschen dieser frühorientalischen Welt — keineswegs ein Urmensch, sondern Träger einer jahrtausendalten babylonisch-ägyptischen Kultur! — für diesen Menschen ist der Vergleich etwas ganz anderes als für uns külst^ distanzierende Abendländer. Er ist dort für einen jeden das, was er im Europa von heute etwa noch dem Dichter in seinen höchsten Angenblicken wird: er ist ein vollkommen gleichsetzendes Erlebnis,' er macht die Schranken des Jchs unsicher, und Iaakob ist, wem;