Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 12 (1933)
- Issue
- 40 (19.10.1933)
- Date
- 1933-10-19
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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2Q10.1S33 Berlin, 19. Oktober 1933 XII. Jahrgang / Nr. 40 Preis 20 Pfennig \Hmmk Ä. H. Die Tage seit dem letzten Wochenende tragen geschichtliches Gepräge. Reichs» kanzlcr Adolf Hitler hat der Welt um Deutschland eine Frage von entscheidender Wichtigleit für Deutschlands und des deutschen Bolle-- Zukunft zugerusen; und er hat sich im Namen Deutschlands und des deutschen Vollevis zur befriedigenden Autrvort aus dem Völkerbund herausbegeben. Das Echo der Nell und der Widerhall in Deutschland sind gleichmäßig stark. Ueberall fühlt man iu Härterer oder schwächerer Bewußtheit, das; irgendwie die historische Verknüpfung mit den Augusttagen von 1914 hergestellt sei, wo sich die deutsche Nation, einig in all ihren Ständen, Stämmen und Konfessionen zur gemeinsamen opferbereiten Antwort auf eine Schicksal-fra ge zusammensand. Nichts kennzeichnet die vorstellungsmäßige Kürze der Epoche seit 1914/ geschweige denn der Entwicklung seit dem 30. Januar d. I. starker als die instinktive Gefühlsäußerung der deutschen Juden zu diesen Vorgängen. Sie fühlen, wie die deutsche Schicksalsfrage sie im tiefsten als deutsche Menschen aufrührt, und sie empfinden —. man mag es noch so sehr bezweifeln, sie empfinden es echt —, daß die schwere ihres persönlichen Erlebnisses und tzrduldens seit dem 30. Januar von einem greßen deutschen Gemeinschaftserleben so stark ausgenommen und ausgesogen, wird, daß demgegenüber Vorbehalte irgendwelchen Gruppen gegenüber verschwinden müßten. Sie sehen in den Ausführungen des deutschen Kanzlers Eedankengänge, die ihnen als Juden selbstverständlich und vertraut von Urvätern her sind. Sie hören aus der Forderung Deutschlands den Rrif nach Gerechtigkeit, einer einzigen und unteilbaren Gerechtigkeit, die unterschiedslos für alle Volker Anwendung sinden müsse. Sie hören den Ruf nach einer all die Jahrhunderte durch arlfgchänften Vorurteile beseitigenden ■ Verständigung zwischen Feinden, die das Blut ihrer Besten gegeneinander vergossen haben, und sie empfinden, um wieviel mehr selbst Jahrhunderte alte innere Gegensätze hinweggeräumt werden müßten, nachdem das Blut der Vesten jeder Gruppe im Volke s ü r die größere Gemeinschaft geflossen ist. . Je stärker sich der nationalsozialistische Staat in seinen Erscheinungen verwirklicht, um so unbedenklicher für seinen Ausdruck und für feinen Bestand kann dann die Eingliederung eines Bevölkerungsteils werden, in dem die Herzen der Menscher; stets für Deutschland geschlagen haben. Das internationale Zusammenleben der Völker ebenso rvie das Gemeinschaftsleben innerhalb eines Volkes wandelt sich und schasst nerre Ordnung. Aber beide stützen sich, und beide versprechen sich H. R. Unser unvergeßlicher Führer Engen Fuchs leitete seine gesammelten Reden und Anssätze, die unter dem Motto „Um Deutschtum unb Judentum" erschienen sind, mit 'einem Bericht „Rechtsschutz und Recht-srieden" ein, den er, kaum ein Jahr nach der Gründung des Eentpal-Vercins am 16. April 1894 erstattet hatte. Wie zu Beginn unserer Arbeit vor vierzig Jahren steht bei uns heute unb'' gerade heute die Rechtsschntztätigkeit im Vor-' dergrund. Ihr Ziel ist die Existenzsicherung im Rahmen der Gesetze unb der Ge setz es anwcndnng in Rechtsprechung und Verwaltung. Als in den Märztagen die ersten gesetzgeberischen Maßnahmen eine Fülle von Rechtsfragen auswarsen, wurde das Rcchtsschntzdezernat des Eentral-Vereins so ansgebaut. daß die juristisch-wirtschastliche Beratungsstelle mit einer erheblichen Zahl von Spezialsachkennern beit Tausenden von mündlichen und schriftlichen Anfragen gerecht werden konnte. In den sieben Monaten ihres Bestehens dürste sie fast 11 000 rechtsuchende Mitglieder und Nichtmitgliedcr mündlich und nur dann Bestand, wenn sie nach den Maßstäben einer absoluten Gerechtigkeit geformt sind. Wenn Stunden von historischem Ausmaße überhaupt einen Sinn haben, so kann er nur in der Vertiefung der letzten Fragen bestehen, die den Menschen mit seinem geschichtlichen Raum verbinden. Für uns ist Deutschland unser geschichtlicher Raum, und wir sagen in solchem Augenblick von geschichtlicher Bedeutung deshalb aus, was wir mit Ernst und Verantwortung über diesen historischen Augenblick und unsere Beziehungen zu ihm empfinden. eine noch größere Zahl schriftlich beraten haben. Als im Zuge des ersten April die ersten Angcstelltenentlassungen einsetzten, inachte sich insbesondere eine großzügige Beratung der Angestelltenschaft notwendig. In Einzel- und Kollektivberatungen wurden die arbeitsrechtlichen Fragen der Angestelltenschaft geklärt,.eine Fülle arbeit-rechtlicher Ent- . scheidungengesammelt und ihre Grundsätze Miseren Verhandlungen mit Wirtschastsvcrbänden und Arbeitgebern nutzbar gemacht. Wo gegen den Willen amtlicher Stellen übereilte Maßnahmen jüdischen Angestellten das Recht auf Arbeit verwehrten, gelang es unter Darstellung der Rechtslage < wiederholt, Angestelltenexistenzen zu erhalten. Auf dem Gebiet des Sozialrechts sind in Verhandlungen mit Verwaltungsstellen die Fragen der Erwerbslosen- und Wohlfahrt-- Unterstützung erfolgreich erörtert worden, und es konnte hierbei sestgesicllt werden, daß eine grtmdsätzliche unterschiedliche Behandlung zwischen Ariern und Nichtaricrn nicht zu erfolgen hat. .tf. GMiMMW Sieben Monate juristisch - wirtschaftliche Beratungsstelle des Cenkral-Bereins I/kihtr 11. Oktober bis 18. Oktober Gegen Belästigungen jüdischer Siaaisbürger in Öhersdktesien Der Polizeipräsident für daS oberschlcsisiho Industriegebiet, Brigadesührer R a m s - bvrn, hat folgende Bekanntmachung erlassen: Es ist mir in letzter Zeit gemeldet worden. daß Staatsbürger jüdischen Klaubens durch Rowdys und unkontrollierbare Elemente nachts belästigt und teilweise auch geschlagen worden sind. Ich warne jeden, sich auch nur int geringsten an Staatsbürgern jüdischen Glaubens zu vergreifen, und mache sie darauf aufmerksam, daß ich solche Personen, die bei derartigen Handlungen betroffen werden, in ciu Konzentrationslager schaffen werde. Allen CA-Atänuern befehle ich daraus zu achten, daß derartiges nicht geschieht, und solche Leute sofort festzunehmen und dem nächsten Polizeibeamten zu übergeben. Äricrparagrapk im V DJ and BDÄ. In den „VDJ-Nachrichtcn" (Mitteilungen des Vereins Deutscher Ingenieure und des Deutschen Verbandes technisch - wissenschaftlicher Vereine) vom 11. Oktober 1933 ist ein Bericht über die außerordentliche Hauptver sammlung des BDI vom 11. Oktober 1933 in Eisenach veröffentlicht. Darin, heißt es lü a.: „Die neu eintretenden reichsdeutjchen Mitglieder des Vereins müssen arischer Abstammung sein." Ende September fand in München die 30. Buudcstagung des Bundes Deutscher Architekten (B. D- A.) statt. Die Satzungen wurden grundlegend geändert. Es wurde u. a. einstimmig beschlossen, au die Mitgliedschaft im B. TX A. die Bedingung arischer Abstammung zu knüpfen. Auf Grund dieser Satzungsänderung ist die Löschung der bisherigen jüdischen Mitglieder verfügt worden. Sie dürfen die Bezeichnung „Architekten B.D. A." weiterhin nicht mehr führen. Die Berliner jüdischen Optiker za den Krankenhassen wieder zugelassen Im Juni dieses Jahres wurde den Berliner Ovtikcrfirmen, deren Inhaber jüdischen Glaubens sind, durch den Reichskommissar für den Verband der Krankenkassen mitgetcilt, daß ihre Firmen als Lieferanten für Sehhilsen für die bei dem Verband der Krankenkassen angeschlossenen Krankenkassen mit sofortiger Wirkung gesperrt worden sind. ( Diese Maßnahme war für die indischen ' Optiker von außerordentlicher Bedeutung, da sie damit die Berechtigung verloren. Lieferungen gegen Krankcukassenrczepte aüszujützren und auch die Freien- und Ersatzkrankenkasscn und die Stadt Berlin für ihre Wohlsahrtsempfänger sich zu den gleichen Maßnahmen entschlossen. Die jüdischen Optiker unterbreiteten diese Umstände den zuständigen Behörden. Erfreulicherweise hat der Reichskommissar für das Krankenkassenwesen die gegen die jüdischen Optikerfirmcn ausgesprochene Sperre nunmehr aufgehoben. Die jüdischen Optiker Berlins sind daher nunmehr' wieder in der Lago, Lieferungen für die Orts» nnd Betriebskrankenkasscn auszuführen. Es ist zu hoffen, daß auch die Freien- und Ersatzkrankcnkassen die Belieferung wieder zulassen werden. Professor Bernhard Zondek Nobelpreisträger? Wie wir erfahren, ist der bisher in Berlin, tätige Professor Dr. Bernhard Zondek für seine Hormon-Forschung als Träger des medizinischen Nobel-Preises in Aussicht genommen worden. Professor Dr. Bernhard Zondek war zuletzt dirigierender Arzt der gynäkologischen Abteilung des Spandauer Krankenhauses und ist durch seine Arbeiten auf dem Gebiet der Hormon-Forschung besonders hervorgetreten. Gegenwärtig hält Professor Zondek Vorlesrm» gen in Stockholm ifi Maschinenschlosser am Ambos Phot.: Sonnen fehl Zu dem Auf salz: Das jüdische Handwerk /. Beilage 2. Serie Das Beamten- und Anwaltsgesetz und das Gesetz über die Zulassung der Aerzte zu den .Krankenkassen warfen eine so große Zahl von Zweifelsfragen auf. daß für ihre Behandlung besondere Dezernate gebildet werden mußten. In regelmäßigen mündlichen Verhandlungen mit den zuständigen Ministerien wurden hunderte von Eiuzelfätten behandelt. Allein die Beratungsstelle für Beamte und Vehördenangestellte dürste von 3000 Personen einschließlich der Großbank-Angestellten in Anspruch genommen worden sein. Tie schriftliche Beratung gerade ans dem beamtenrcchtlichen Gebiet erforderte eine besonders intensive Tätigkeit, da säst in jedem Falle ein Rechtsgntachten erstattet werden mußte. - Die Ausschaltung-Maßnahmen gegenüber einzelnen Berufsständen machten eine ge- ' meinsame/Beratung der Berussaugehörigcn notwendig, schon um sachgemäße Kollektivschritte bei den maßgevlichen Behörden zu erzielen und übereifrige Einzelgänger von juristisch unzulänglich begründeten Schritten bei den Zentralbehörden abzuhalten. Die besonderen Sorgen jedes einzelnen Berns-staudes und die mit ihnen zusammenhängenden Recht-- und Wirtschaftsfragen sind in Einzelabhaudlungcn erörtert worden, so daß sich ein Eingehen ans sie im Rahmen dieser Gesamtübersicht erübrigt. Zusammenfassend kann jedoch gesagt werden: Es gibt keinen Bernssstand, dessen durch die Gesetzgebung oder die Maßnahmen der Wirtschaft-verbände geschaffene Probleme nicht da- Interesse de- Rechtsschutzdezernats de- E> V. gefunden hätte und zu dessen Nutzen ' nicht die notwendigen Schritte eingelcilet worden wären. Wurden wir heute für jüdische Schau-. bndenbesitzer oder Dompteure und ambulante Gewerbetreibende vorstellig, so waren es morgen Industrielle oder Großhändler, die wir in ihren Sorgen berieten. Zahlreiche Anregungen sind in Form von - Eingaben an die Zentralbehörden geleitet - worden. Selbst ein so grundsätzlich judengegnerisches Werk wie das von Dr. von Leers. „14 Jahre Judenrepnblik" zitiert zustimmend.' die „E. V.-Zeitung", die die Anregung,, jüdischen Kriegerwitwen in die Ausnahme-, bestimnumgen des Beamtengesotzes mit aus-- zunehmeu, gegeben hatte. Erfreulicherweise ist der Anregung-in den-' Durchführungsbestimmungen zum Beamten-: ge setz Folge gegeben worden, und zahlreiche, Aerztinnen, Krankenschwestern, Wohlsahrts». sürforgerinnen und Lehrerinnen werden so' ihre Existenz erhalten können. Es entspricht dem Eharakter unserer Rechts»' schutzarbeit, daß sich der Verein bei der Durch--' führung aller Wirtschaftsmaßnahmen zu«' Wirtschaftsbefriedung und damit zur Wirtschastsbelebung mitzuwirken für verpflichtet i hielt. Wenn gegenwärtig noch Klagen erhoben werden, daß Maßnahmen neben dem Gesetz oder auch gelegentlich gegen das Gesetz die Tätigkeit jüdischer Wirtschaftler erschweren und damit die Wirtschaft selbst beeinträchtigen, so muß jeder einzelne Beschwerdeführer den gewaltigen Vorgang der Staatsumwälzung- und die Nachwirkungen in Rechnung ziehen, ditz ein solches Ereignis nüt sich bringt. Datz