Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 12 (1933)
- Issue
- 39 (11.10.1933)
- Date
- 1933-10-11
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Beitrag für das Tl (fe ^fciaffwkl Labil ist fällig. Wer dem 0. V. unproduktive Ausgaben ersparen will, überweist seinen Beitrag sofort ohne besondere Aufforderung 1 Ccntralvercin deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Landesverband Gross-Berlin. Postscheckkonto: Berlin 115 501. nbfinben, sie als minderwertig anzusehcn. Aber hie sie o ge l- Strau snP olitik treiben, wollte mau glauben, der Kampf um eine neue Emanzipation könnte so geführt werden, wie man ihn im 19. Jahrhundert geführt hat. Man würde die Zeichen der Zeit schlecht verstehen, wenn man nicht begreifen wollte, daß sich die Welt um un8 verändert hat. Die neue Revolution ist nur daS Spiegelbild all der Spannungen, die sich jahrelang vorher augesammelt hatten. Sie entspricht dem Wandel deutschen Lebens und den Strukturveränderungen der deutschen Wirtschaft. Es gäbe gewiß zwei radikale Lösungen, die keine Emanzipation erforderlich machten: die freiwillige Auswanderung aller Juden aus Deutschland oder ihre Vertreibung. Da beide Lösungen unmöglich sind, wird der neue Staat, werden aber auch wir versuchen müssen, ans die Frage nach der Zukunft eine Antwort zu finden. Man hat in diesen Blättern auch davon gesprochen, daß im Gegensatz zu der (Stirnn» zipation von einst die neue Emanzipation nur eine G r it Pene nt anzipativn sein könne. Man will mit diesem Begriff in einer Zeit, die wieder zum kollektivistischen Denken znrückgekchrt ist, betonen, daß das detttsche Judentum eine Gruppe für sich bedeute, daß also jede Emanzipation, wie sie auch Michaile, dieser Gruppe nur gemeinsam zugute kommen könne. Auch wenn wir auf Grund gemeinsamer biologischer Grimdzügc das Judentum ähnlich wie den Adel als eine Gruppe anerkennen wollten-, Hütte er dann nicht vor 120 Jahren weit eher eine Gruppe gebildet? Damals nahm der Staat mit den Inden eine an sich ziemlich homogene Schicht in sich atif, die, soziologisch gesehen, aus kleinen Händlern und Handwerkern bestand, und ans der mir wenige durch ihre berufliche Stellung herausragten. Damals aber war die Tendettz der Zeit die A tt f I ö s it n g der Gruppen. Und heute? Jpeutc sind in den Reihe n dieses I u ö c n t tt m s z ah 1 rei ch e Difserenzieru n g e n cingetretett. Mit der vielfältigen Entwicklung der deutschen Wirtschaft haben sich auch die Inden in die verschiedensten Lager begebett. Trotzdem wird man hier den Angelp tt it ft" f ii r eine sJi e tt g c st a l t u tt g d e s S ch i ck s a l 8 der d e tt t s ch eit Jude tt zu sehen haben. Die berufliche und soziale Schichtung der Juden in Deutschland weicht noch erheblich von der übrigen Bevölkerung ab. WD' dürfen in dieser Tatsache keine Schuld, sondern ein Schicksal sehen. Wir glauben auch nicht, _ daß dem Staate mit einer völligen Gleichschalinng der deutschen Inden gedient ist. Gerade als Shnthetikcr tvird man versuchen ntüssen, einen neuen Weg zn weisen. Hierbei wird sich zeigen, das; dieser nette Pfad in dieser Zeitung seit Jahren vorgezeichnet worden ist. Wer als Synthctiker die restlose Normal! siermth der detltschcn Jtidett bekämpft, tvird ans die Erhaltung ihrer wirtschaftlichen Svttderstellnng kein allzu großes Gewicht legen. Denn weder die Synthetirer noch gar die Assititilanten, die heute im rechtesten Lager des deutschen Judentums besonders laut ihre Stimme erheben, konnett, ohne die historische Entwicklung zu verkennen, die besondere H c r k tt tt f t der Juden leugnen. Sie können auch nicht an dem Getto und der bewußlen Fernhaltung der Juden von der deutschen Wirtschaft und der deutschen Kultur Vorbeigehen. Schon diese Faktoren haben die Atn'rcchterhaltung einer gewissen Sonderstellung der detitschett Inden in der deutschen Wirtschaft betoirkt, tonnt auch ihre Angl eich tmg an die Umwelt in der letzten Zeit immer stärker geworden ist. Gerade diejenigen, die eine Cyitthese zwischen dem Dentschttntt und dem Inden tum herbeisühren wollen, verlangett, daß die Erhaltung der. besonderen jü dis ch ett Eigenart sich tu ch t ansschließli ch a u f d i e w i r t s ch a f t l i ch e Sphäre kouzentriert. Die Pflege der jüdischen Tradition und der Dienst an der jüdischen Religion ließe sich auch dann noch wahrnehmen, wenn keine einzige Besonderheit auf wirtschaftlichem Gebiete zwischen Juden und Christen tnehr existierte. Diese Verschiedenheit der soziologischen Gruppierungen gilt hetite als Vorwurf. Händler, Händler, Händler seid ihr!, so schallt es den deutschctt Inden entgegen. Wir könnten anttvortett: Handtverker, Handwerker, Haudtverker, nätnlich in Polen, oder Bauern, Bauern, Bauern, nämlich in Palästina. Die Umwelt ist maßgebend für die Einordmtng der zn ihr gehörigen Jndeitheit. DieUeber - s e tz tt n g d c s H andels und der a k a - d e nt i s eh c u Berufe d u r ch Juden, die wir niemals geleugnet haben, ist das Resultat zweier Komponenten: der historischen Entwicklung und der Begabung des Inden, vielleicht' mehr einer Züchtung. Der deutsche Jude von heute bildet durchaus einen Typus für sich, das merken zu ihrer Ucberraschung die Emigranten, nicht nur in Frankreich oder England, sondern vor allem in Palästina. Folgen wir einmal der Annahme, die Juden seien eine Gruppe, dann wird man von ihnen nie die völlige Assimilierung verlangen können, wie man auch ans einem Bauern des Schtvarzwaldes keinen friesischen Fischer machen kann. Wenn auch dieses Beispiel hinkt, da wir durchaus die nähere Verwandtschaft dcS BlnteS ztvischen dem Alemannen und dem Niedcrsachsen zngcben wollen; ein Volk hat viele K o m p v n e n t e n. Es kommt nur darauf an, o b e s s i e verdauen kan n und w i l l. Wenn es diese Verschmelzung nicht tvill, müßte der unterlegene Teil die Konsequenzen ziehen. Daß diese Anssangnng und Anpassung nicht möglich sein sollte, können wir nicht glauben, da der Verschmclzungsprozeß im besten Fortschreiten war. Andere Völker, viel bunter znsattunengesetzt als das deutsche, haben die Angleichmig der verschiedensten Faktoren durchaus reibungslos vollzogen. Gerade der Shnlhetiker, der das Wesen einer Ration nicht ans der rassenmäßigen Zusamtnensetznng, sondern aus der kulturellen Verbundenheit der V o l k S s ch i ch t e n erklärt, glaubt, daß der Staat die spezielle Begabung des Inden zu seinem eigenen Nutzen verwerten sollte. Die E m a n z i p a t i v n 8 b e st r e b u n g e n gehen also zum a l t e n Z i e l, aber a u s n e u e n W e g e n zurück. Dazu bedarf es auch aus jüdifcher Seite der Selbstbesinnung. Wir sollten alles daran setzen, die Reibungen, die sich ans der sozialen und beruflichen Dissercnziernng erklären, zn beseitigen. Der deutsche Jude ist honte noch gleichsam ein Diluvial- Produkt des Liberalismus, hält also an einer Epoche fest, die sich zum mindesten in der Wirtschaft bereits überlebt hatte. Dies erscheint um so verwunderlicher als gerade deutsche Inden die Deutschen zum kollektiven Denken hatten erziehen wollen. Aber tvenn der Jude dieser individualistischen Einstellung huldigte, war dies erklärlich, wenn man sah, das; bis zn dem Umschwung unserer Tage in allen Lagern der Wirtschaft die Wiedereinsetzung des kapitalistischen Unternehmers in seine alten Rechte gefordert wurde. Eine freie Wirtschaft wurde als daS erstrebenswerte Ziel proklamiert in einer Zeit der ständigen Staatseingrifse und Subventionen. Man betete an, was man am Juden als Jdealtypus kapitalistischen Denkens verdammt hatte. Diese Feststellungen geben ztvar eine Erklärung der Lage, bringen uns aber nicht weiter. Die zweite Emanzipation, die wir erstreben, kann nur auf der Umgestaltung der soziologisch-ökonom i s ch e n Basis erfolgen. Die deutschen Inden einst als Anreger berufen — der Große Kurfürst holte Wiener Inden herbei —, füllten winen, daß mit der Erringung völliger Politischer Gleichberechtigung die wirtschaftliche Emanzipation vom Inden begonnen hat. Dieser Tatsache eingedenk, müssen sie dazil übergehen, die 6 c r n f 11 ch c tt n d foziale Angleichung, eine Parallelschichtnng an die übrige Bevölkerung durchzusühren, für die in diesen Blättern seit langem gestritten wird. Diese Umschichtung, von einigen wenigen seit Jahren gefordert, die das Werk sorgfältiger Vorbereitung sein sollte, muß jetzt in kürzester Zeit erfolgen. Klar geht aus allen Reden der leitenden Männer hervor, daß bei aller Anerkennung der privaten Initiative und des Prinzips der Konkurrenz, dem wirtschastkichen Liberalismus der Kampf angesagt worden ist. Die soziologische Umstellung der deutschen Juden — des Unternehmers und des Arbeitnehmers — mußte in dieser Zeit des Kollektivbewußtseins von dem Verantwortungsgefühl getragen sein, daß das persönliche Wohl hinter bem der Allgemeinheit zurückzutreten hat. Wir denken dabei an Walther Rathenau: „W i r t s ch a f t i st nicht P r i v a t s a ch e, sondern Gemeinschaftssache, nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Absoluten, nicht Anspruch, sondern Verantwortung." Und mit dieser Wirlschastsgesinnnng beginnen wir unseren Weg zur neuen Emanzipation. 1! ü 5ss Hschf- [fi]bhg fff? rf) «* || 16A V V w bvrijjj Zu einem Zeitpunkt, in dem der Wunsch der gcsatnten deutschen Judenheit nach Blldttng einer überparteilichen Spitzcnvrgamsation seine Erfüllung erfahren hat, ist Dissi. plin der einzelnen jüdischen Gruppen mehr demz je notwendig. Es bedeutet einen bedauerlichen Verstoß gegen diese Disziplin, wenn die Zionistische Ortsgruppe Königsberg i.Pr. ein Rundschreiben versendet, in dem der Beitritt zur zionistischen Organisation geradezu unter Drohung gefordert wird. Das Rundschreiben trug insofern den Stempel der Taktlosigkeit schonäußerlich ausgeprägt, als es am Morgen des Jaum Kippur in die Hände seiner Empfänger gelangte, was nicht etwa einem unerwünschten Zufall, sondern, wie aus dem einleitenden Himveis aus die Muße des Feiertages hervorgcht, der Absicht seiner Abseuder entsprach. Schlimmer als dieser Geschmackchehler ist der Inhalt zweier besonders unglücklicher Absätze, die folgendermaßen laute len: .Wir bitten zu überlegen, ob Sic erwarten dürfen, das; die Umwelt Ihnen Ihren deutscheu Patriotismus glauben kann, wenn 2ie Ihre Pslichlen gegen das jüdische Volk, dem äie angehören, verleugnen. ... Fürchten Sie nicht, daß eines Tages auch das jüdische Volk sich gegen diejenigen abschliehcn wird, die ihm gegenüber keine Pflichten anerkennen, nicht einmal bereit sind, sich zum jüdischen Volk zu bekennen, und sich in die Organisalion, die ihm eine Heimstätte schassen will, cinzureihen? ..." Wir versagen es uns, ans die Argumente dieses WerbeverfahreuS, von denen man nicht weiß, ob man ihre Harmlosigkeit anstaunen oder ob man sich gegen ihre Plumpheit zur Wehr setzen soll, inhaltlich einzugehen. Wir veröffentlichen sie lediglich, um diesen unsachgemäßen und dummen Ueberrumpelungtzver-- such dem verdicnlcn Urteil der Oesfentlichlcit zu übergeben. Es wird hier nicht allein der Versuch der Verdächtigung deS Teutschbewnßtseins gemacht, der doch wirklich besser andern jüdischen Richtungen, die darin eine weder beueideuSnoch nachahmenswerte Tradition besitzen, überlassen bliebe; es wird darüber hinaus bei Nichtbeachtung des Werbernses eine Gegnerschaft von Juden gegen Juden anaedroht, die doch endlich, endlich in solch häßlicher Gestalt begraben sein sollte! Die Zionistische Organisation wird selbst ein Interesse daran haben, ihren durch den Fortgang bewährter Führer nunmehr zur Verantwortung gelangten Nachwuchs zu politischer Einsicht zu erziehen, um den allzu uottvendigLn inneren jüdischen Frieden nicht zu stören. Derciniguna für daS rciigiöö-libcrale Judentum. Tie Aerciniquiig jur das liberale JuLeMuiu hat am 2. Llwbcr eine anhererdenllichc H.my!v.-rscunmluna abqchalien, in der emflimmta besihwssen wurde, den Namen der Vcrciniauuq in „Lercinigun,; für das rcligiösdiberale Judentum" umpiändern. Es wurde beivni, das; durch die Walll dieser Bezeickriuiict die Verbindung mit der Gescyichuder Lrc.aiusaüan ausrechlerchaltcn, gleichzeitig aber llargestellt werde, daß die Orgauisatian mit allgemeiner Pulitit nichts zu n;n hat,, hindern lediglich die gcistesgcschichtlich und :bealogisch llare Bewegung des religiösen Liberalismus vertritt und sördert, wie sie dies in ihrer ganzen, nunmehr ein Dicrieljahrhundcrt umfassenden Geschichte getan hat. ans ihrer Stellung geworfen hat. Wenn bisher die Verbergung jüdischen Ursprunges und noch mehr die Taufe im Wettbewerb mit christlicher Umwelt einen Vorteil bot, so ist dieser Anlaß zn Charakterlosigkeit und innerlicher Unsicherheit sortgeränmt. Es gilt, innerhalb wie außerhalb Deutschlands ein neues Leben auf innerlich offener und stolzer Grundlage zu beginnen; es gilt, neue und eigene Maßstäbe für die Bewertung des Menschen und seiner Leistung zn gewinnen, und es bleibt ewig wahr, daß unsere Ehre uns von keinem änderett gegeben oder genommen werden kamt. Sie beruht einzig und allein ans dem Einklang zwischen unserem Handeln und unserem Pstichlbcwußtseiu! L»EKWTL§Mh-LhSÄes Der Kulturbund Deutscher Juden hat bei seiner ersten Veranstaltung, der „Nathan".Auffnhrnng im Berliner Theater, auch die jüdischen Maler Berlins zu Wort lvinmen lassen, die gegenwärtig, wie ihre Kvllegenschgft ans den anderen Kunstprovinzen, besondere Rücksicht fordern dürfen, da sie sonst fast keine AusstcllnngSmöglichkeit haben. In dem großen ErfrischnngSrm'im im Parkett und im Foyer des ersten Ranges hat Eugen S p i r o, unterstützt durch Josef Bato und Marlin Bloch, eine ausgezeichnete Kolleltivn von Gemälden, Aquarellen, Zeichnungen und Graphiken müergebrachr, die um so eindrucksvoller tvirlk, da sie vorzüglich gehängt ist. Tie Bilder sind mit Geschick so angebracht, das; sie erkennen lassen, wie sie sich in einem bürgerlichen Hans und Zimmer ansnehmen würden. DaS ist ein großer Vorteil für den Besichtigenden wie für die Künstler, denen ans solchem Arrangement selbst in diesen schwierigen wirtschaftlichen Zeiten vielleicht doch Verlanfschanceu erwachsen könnten. Die Ausstellung wird durch die Beteiligung Max Liebermanns geweiht. Man sieht von ihm tvohl nur ein paar kleine Stücke, ein Pastell auS den Waldpartien, bei Wannsee und zwei Radierungen, aber das Theatcrpnblikum begrüßt e8 mit Freuden, daß der Ateister, der ja auch dem Ehrenpräsidium dc8 Kulturbnudcs angehört, hier vertreten ist. Spiro, Bato und Blocsi selbst haben Arbeiten von bester Qualität aus ihrem Atelier herangehvkt. Vortrefflich Pasten die lebensvollen, im farbigen Vortrag ungemein frischen Theaterszenen des bnhnenkundilzen Ernst Stern in diesen RBHmen. Daneben steigt die große Gebärde der Zeichnungen Lndnng M e i d n e r 8 ans. mit denen die Arbeiten seiner hochbegabten Frau Else Me i d n e r gleichen Schritt zu halten lvissen. Arno NAidel, Fritz Lederer, Julius Rosenbanm und seine Gattin R v s e n b n u m -Reifender g, Julia W o l f t h o r n, Fanny R e m a k, Manfred Prager, Paula Renfeld sind mit sorgsam ansgelvählten Werken vertreten. Auch die Erinnerung an den vor einem Jahr so tragisch um8 Leben gekommenen Hans Glaser wird geweckt. Ter" Gedanke, derartige künsilerische Tarbietnngen kleineren Umfangs ins Theater zu bringen, ist nicht neu. Aber selten oder nie ist er bisher mit solchem Feingefühl, so gutem kritischen Blick und so sicherer technisihcr Erfahrung dnrchgesuhrt tvorden. Das spricht sich auch in dein anregenden Wechsel der Alvtive ans, darauf wurde offenbar und mit Recht Wert gelegt. Porträtröpfe, Landschaftsansschnitte, mehr realistisch und mehr als übertragende Deutung gedachte Arbeiten, Naheliegendes und Phantastisches wurde klug gemischt. Man wird der Hoffnung und Erwartung Ausdruck geben, das; diese Ausstellungen an den künftigen Theaterabenden des Kulturbundes nicht fehlen werden. —rn. D§r MENS -,Wsr§E Die von Professor Julius Goldstein begründete Zeitschrift erscheint jetzt in neuer Gestalt. Als erste Nummer der neuen Form liegt das Oktoberheft 19 33 vor. Es ist null eine M o na t L s chr! ft von handlicheren^ Format als die bisherigen wuchtigen Hefte; und handlicher, das ist wohl die Absicht, soll auch der Inhalt sein. Man will den bisherigen mehr theorctisiereuden, etwas akademischen Gruudtou verlassen, will sich mehr in die Rühe der heftig fordernden Zeitereignisse begeben. Man will die Möglichkeit schassen, von höherer Warte als eine Tageszeitung sie bietet, aber doch so unmittelbar als möglich die Aktualität zu betrachten und zu prüfen. Wenn dieses die richtig verstandene Absicht ist, so ist sie in der vorliegenden, an sich sehr wertvollen Nummer, nicht ganz verwirklicht. Zwar wird eine aktuelle U nt schau eilige» führt, die das Resümee der gegemvürtigen Lage gibt, und die dann Orientierendes über Frankreich als Einwanderungsland und über den Zentralausschuß der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau enthält. Aber in der Mitte der Zeitschrift liegt, nahezu die Hälfte des ganzen Heftes einnehmend, wie ein riesiger Block ein Stück aus einetn neuen Roman von Jacob W a s s e r m a tt n. Es handelt sich offenbar um den dritten Band der großen Arbeit, die mit dem „Fall Mauritius" begann und mit „Etzel Andergasi" fortgeführt wurde. Denn die „Marie", von der in diesem Kapitel die Rede ist, wird den Lesern des letzlgeuanuteri Nomans schon sehr genau bekannt sein. Hier hören wir, wie sich diese zuinnerst ernsthafte und immer suchende Frau sehr leidenschaftlich sozialer Hilssarbeit zutveudet und tief in das Elend der proletarischen Großstadtjugend eindringt. Ohne zunächst eine innere Befriedigung zu erreichen. — Es ist sicher eine interessante und bedeutsame Studie; aber vielleicht hätte man sie in Fortsetzungen bringen und dafür den Inhalt des einzelnen Heftes etwas reicher gestalten, seine Beztehungen zur Aktualität schärfer betonen können. Im übrigen enthält das Heft einen ergreifend schönen Brief von Franz Rosen- 'zweig, der das Thema „Deutschtum und Jndetitnm" behandelt — mit der ganzen Kraft, die diesem Manne seine wahrhafte, tief erlebte Bildung gab. Ferner ein Aussatz von Leo B a e ck über das Judentum in der Gegenwart, wo sehr interessant die gegenwärtige Krise in Zusattimenhang gebracht wird mit dem Heraufkommen einer neuen Gnosis, die den Weltvorgang in widerstreitenden Prinzipien sieht. Und dabei wird nicht nur das Judentum häufig mit dem negativen Prinzip gleichgesetzt, sondern es steht zum Grundglauben dieser Bewegung, daß nämlich Arten, Stämme, Gattungen, Völker schon letzte, werthaltige Aus- Prägungen der Gottheit seien, allerdings in einem untilgbaren Gegensatz, weil für den Juden die letzte göttliche Kraft entscheidend erst im Inneren jedes einzelnen Menschen offenbart ist. — Und dann ist da noch ein großer und hochinteressanter Aussatz von Martin Vuber, betitelt „Biblischer H u m a n i s nt u s". Dieser Zionist des Geistes vertritt feiner Grundanschauung gemäß den Glauben, daß die innere Erneuerung dcS Judentums zur unerläßlichen Voraussetzung das Erlebnis der hebräischen Sprache have. Und er sagt dabei, um den Unterschied zwischen der auch hier zu erreichenden „Humanität" und der klassischen zu erhellen, sehr interessauie Dinge über den Uulerschied zmischeu den Worten griechischer Dichtung und dem Wort in der Bibell Buber meint, das biblische Wort bleibt immer bewegtes Leben, während das hellenische auf die ruhende Gestalt ziele. Er nennt selbst die .Kraft, die der Grieche so einsetzt, die appollinische. Aber dazu darf man wohl anmerken, daß wir doch nicht erst snl Nietzsche wissen, daß die griechische Kultur, und also wohl auch die griechische Sprache, neben und vor dem appollinischen ein ganz anderes Element in sich birgt: das dionysische, das dem Naturhaften, Chaotischen viel näher steht. Sicherlich ist die dionysische Ausdruckskraft zunächst von Asien nackt Griechenland gekommen, und sicherlich ettlstchr das Eigenste griechischen Wesens dadurch, daß dieser dunklen Gewalt der Helle, Gestalt suchende Sinn, der apollinische, entgeqeutritt. Während das Judentum die gleiche Urgewalt Asiens im Geiste der Propheten durch ein Wort bändigt, das unmittelbarer dem Leben, dem Ethos, der Bewegung verknüpft bleiöt. Das Verhältnis bleibt also wohl ähnlich so. wie Buber es sieht, aber daß der Unterschied nicht so von Grund auf und nicht so einfach sich ergibt, wie er es darstellt, ist vielleicht doch nicht unwesentlich. Jedenfalls sicht man. daß dieses Heft des erneuten „Morgen" in reichem Maße Gelegenheit zum Denken und Fuhlen gibt, und wir wollen glatrben und wünschen, daß es in der Zukunft die Absicht, sich dem Leben des Tages noch stärker anzulehnen, verwirklicht, ohne dabei am Reichtum solcher Einblicke und Eindrücke zu verlieren. jtaUus Lüd.