Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 12 (1933)
- Issue
- 37 (28.9.1933)
- Date
- 1933-09-28
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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’l 3ü 9.133? ■m m irre iit« •!b rf I Berlin, 28. September 1933 XII. Jahrgang / Nr. 33 Preis 2® Pfenfiig l!i P llJ 1|! (!(•• Professor Dr. Arthur Nussbaum, der hervorragende Berliner Rcchtdehrer (Zu dem Aufsatz auf der 3. Seite des Hauptblatts.) Die neu gewühlle ReichsveeLrekung der deutschen Juden hak m einer Pressebesprechung, über die wir an anderer §keAe berichken, am 28. September der Oeffentlichkeik nachstehende ProKamation übergeben: „In Tagen, die hart und schwer sind, wie nur je Tage der jüdischen Geschichte, aber auch bedeutungsvoll, wie nur wenige gewesen, ist uns durch die gemeinsame Entschließung der jüdischen Landesverbände, der großen jüdischen Organisationen und der Großgemeinden Deutschlands die Leitung und Vertretung der deutschen Inden übertragen worden. Kein Parteigedanke, kein Sonderwunsch hat darin gesprochen, sondern allein und ganz die Erkenntnis dessen, daß Leben und Zukunft der deutschen Juden heute durch ihre Einigkeit und ihren Zusammenhalt bedingt sind. Darum ist es die erste Ausgabe, diese Einheit lebendig werden zu lassen. Jede Organisation und jeder Verband sollen in ihrer Lebenskraft und in ihrem Ausgabenkreise anerkannt sein, aber in allen großen und entscheidenden Aufgaben darf es nur die eine Gemeinschaft, nur die eine Gesamtheit der deutschen Juden geben. Wer heute Sonderwege geht, wer heute sich ansschließt, hat sich an dem Lebensgebote der deutschen Juden vergangen. Im neuen Staate ist die Stellung der einzelnen Gruppen, auch derer, die weit zahlreicher und stärker sind als wir. eine ganz andere geworden. Gesetzgebung und Wirtschaftsführung haben ihren gewiesenen Weg, eingliedernd und ausgliedernd. Wir sollen dies einsehen ohne Selbsttäuschung. Nur dann werden wir jede ehrenvolle Möglichkeit beobachten können und um jedes Recht, um jeden Platz, um jeden Lebensraum zu ringen imstande sein. Die deutschen Juden werden als arbeitnehmende und arbeitgebende schassende Gemeinschaft im neuen Staate sich bewähren können. Eigene Gedanken, eigene Aufgaben zu verwirklichen, ist uns nur aus einem Gebiete, aber einem entscheidenden, gewährt, aus dem unseres jüdischen Lebens und unserer jüdischen Zukunft. Hier sind die bestimmtesten Ausgaben gestellt. Reue Pflichten jüdischer Erziehung sind zu erfüllen, neue Bereiche jüdischer Schule sind zu schaffen und alte zu wahren und zu schützen, damit dem Heranwachsenden Geschlechte seelische Festigkeit, innere Widerstandskraft, körperliche Tüchtigkeit gegeben werde. Zu Berufen, die ihr einen Platz im Leben zeigen, soll unsere Jugend in besonnener Auswahl herangebildet und umgeschichtet werden, damit ihr Dasein seinen Ausblick gewinne. Das Bestehende wie alles Begonnene und Versuchte soll hier zusammengeführt werden, um zu Helsen und zu stützen. Allem Zersetzenden soll entgegengearbeitet, dem Ausbau auf dem religiösen Fundament des Judentums alle Kraft geweiht werden. Viel von einstiger wirtschaftlicher Sicherheit ist uns deutschen Juden genommen oder beeinträchtigt worden. Innerhalb dessen, was uns bleibt, soll der einzelne aus der Vereinzelung herausgeführt werden. Ständische Verbindungen und Zusammenschlüsse, soweit zulässig, können vorhandene Kräfte erhöhen und dem Schwachen einen Rückhalt geben, können Erfahrungen und Beziehungen für alle nutzbar machen. — So manchem wird die Stätte der Arbeit und des Berufes auf deutschem Boden versagt sein. Vor uns steht als Tatsache, der gegenüber alles Fragen und Meinen aufhört, die deutliche, geschichtliche Notwendigkeit, unserer Jugend Neuland zu bereiten. Es ist zur großen Ausgabe geworden, Plätze zu erkunden und Wege zu bahnen, wie auf dem heiligen Boden Palästinas, dem die Vorsehung eine neue Zeit gefügt hat, so überall, wo Charakter. Fleiß und Tüchtigkeit -des deutschen Juden sich bewähren können, niemandem Brot nehmend^ sondern anderen Brot schassend. Hierfür wie für alles das andere erhoffen wir 'den verständnisvollen Beistand der Behörden und die Achtung unserer nichtjüdischen Mitbürger, mit denen wir uns in der Liebe und Treue zu Deutschland begegnen. Wir bauen auf den lebendigen Gemeinschaftssinn und das Verantwortungsbewußtsein der deutschen Juden wie auch auf die opferwillige Hilfe unserer Brüder überall. Wir wollen zusammenstehen und im Vertrauen auf unseren Gott für die Ehre des jüdischen Namens arbeiten. Möge aus dem Leiden dieser Tage das Wesen des deutschen Juden neu erstehen! Die Reichsvertretung der deutschen Juden: . Leo Baeck Otto Hirsch (Stuttgarts Siegfried MoseS (Berlin) Rudolf Callmann (Köln) Jakob Hoffmann (Frankfurt a. Main) Leopold Landenberger (Nürnberg) Franz Meyer (Breslau) Julius L. Seligfohn (Berlin) Heinrich Stahl (Berlin) Von Dr. Fritz Goldschmidk, Berlin Werden die Menschen durch Not und Leiden „gebessert"? Führt das Unglück sie zur Selbstbesinnung, zur „Umkehr", zur Läuterung? Oder lernen wir in Zeiten des Niedergangs gerade alle Abgründe und Liesen, alle Schlacken und Gemeinheiten der menschlichen Seele kennen? Seit jeher haben diese Fragen die Theologen und Philosophen, die Pädagoge:', und Psychologen beschäftigt. Trotz des wirtschaftlichen Aufstiegs wurde die Zeit vor dem Weltkrieg von vielen als eine Epoche der Dekaden) empfunden. Man sehnte sich aus der Herrschaft des schrankenlosen Strebens nach Gewinn, aus Aeußerlichkeit und Materialismus hinaus. Manche erhofften eine seelische Läuterung und Besserung durch das „Stahlbad des Krieges". Aber die Auslese durch Krieg, Inflation und Deflation wirkte in entgegengesetzter Richtung. Gerade die Besten, die Gesündesten und Opserwültasten sind in erster Linie dahingerasft worden Nicht nur inhaltsleer gewordene Bindung^ haben sich gelöst. Tausenden ging der Sinn einer Verpflichtung der Allgemeinheit gegenüberverloren. Ein hemmungs- und schrankenloser Individualismus machte sich vielfach breit. Nach den Erfahrungen der letzten zwanzig Jahre scheint uns nichts ferner zu liegen ats die Anschauung Nietzsches („Jenseits von Gur und Böse", Nr. 225): „Tie Zucht des Leidens, des großen Leidens — wißt ihr nicht, daß nur diese Zucht alle Erhöhungen des Menschen bisher geschaffen hat? Jenne Spannung der Seele im Unglück, welche ihr die Stärke anzüchtet, ihre Schauer im Anblick des großen ZucUdl* 20.Lepremderbis27.September Der HeidiswirisAaHsmuusier gegere die Unterscheidung zwisehen arisdten und niditarisdien Firmen Zu der Frage, ob eine Unterscheidung zwischen arischen und nichtarischen Firmen in der Wirtschaft zu machen ist, spricht sich der Reichswirtschastsminister. wie der Parlamentsdienst der T. U. meldet, in einem Erlaß folgendermaßen aus: Eine Unterscheidung zwischen arischen und nichtarischen oder nicht rein arischen Firmen innerhalb Der Wirtschaft, insbesondere bei dem Eingehen geschäftlicher Beziehungen, halte ich nicht für durchführbar. Eine solche Unterscheidung mit Dem Zwecke einer Boykottierung nichtarischer Firmen müßte notwendig zu erheblichen Störnngen des wirtschaftlichen Wiederaufbaues führen, da ungünstige Rückwirkungen auf den ArbeitSmarkt Durch Betriebseinschränkungen der von dem Boykott betroffenen. Firmen und nachteilige Folgen für die Lieferanten dieser Firmen und deren Arbeitnehmer unvermeidbar wären. Im übrigen bin ich ebenso wie Der Herr Reichsminister für VolköarrfkLärung und Propaganda der Auffassung, das; keine Veranlassung besteht, gegen eine Firma vorzngehen, solange ihre Inhaber nicht gegen gesetzliche Vorschriften oder gegen Die Grundsätze der kaufmännischen Ehre verstoßen. Luftschutz und Nichtarier Zu der in der vorigen Nummer dieser Zeitung wiedcrgegebenen Entscheidung, daß der Reichsluftschutzbund Nichtarier nicht ausnimmt, erfährt das V.d.Z.-Büro, daß die Ausschaltung der Nichtarier von der Mitgliedschaft des Neichslustschntzbundes nicht zur Folge habe, daß die vom Reichslustschutzbund erstrebten Sicherungsmaßnahmon den Nichtariern vorenthalten werden könnten. Es handele sich mir um die Ausschaltung von der formalen Mitgliedschaft, die um so begreiflicher fei, als. in dem Abzeichen des Reichsluftschuhbundes das Hakenkreuz enthalten sei. Juden dürfen keine Jagdrechte a mühen In Bergzabern hatte ein Pächter die Ausübung der Fischerei an die Inhaber einer jüdischen Firma abgetreten. Gegen diese Uebertragnng hat jetzt das Bezirksamt Einspruch erhoben mit der Begründung, daß Juden im heutigen nationalen Staat keine Jagdrechte auszuüben haben. „Amen“ und „Halleluja“ nicht in der evangelischen Liturgie Der Evangelische Pressedienst in Königsberg i. Pr. teilt mit: „Aus dem Bestreben heraus, die Liturgie des evangelischen Gottesdienstes zu verdeutschen, ist der Vorschlag gemacht worden, auch die hebräischen Bezeichnungen „Halleluja" und „Amen" durch deutsche zu ersetzen. Für das Wort „Amen" wird „Das walte Gott" in Vorschlag gebracht, für „Halleluja" /kämevielleicht- „Lobe den Herrn" in Frage.... Diese angestrebte. Verdeutschung des kirchlichen Sprachgebrauchs wird dem Willen weitester Kreise des derttschen evangelischen Kirchenvolkes entsprechen." Isaaks Opferung im Lehrplan gestrichen Ter Regierungspräsident von Schleswig veröffentlicht folgende Mitteilung: „Bei Besichtigung und Prüfung des Religionsunterrichts stellten meine Sachbearbeiter fest, daß immer noch die Geschichte von Isaaks Opferung behandelt wird. Ohne Rücksicht aus bevorstehende Aenderung des alttestamentlichen Stoffes im Lehrplan der Schulen ordne ich an, daß die genannte Geschichte schon jetzt im Lehrplan zu streichen ist, da die in ihr vertretene Gottcsanschauung undeutsch ist." Nürnberger Leihamt für Juden gesperrt Das Stadtratskollegium in Nürnberg hat einstimmig den Ausschluß der Juden aus dem Städtischer; Leihamt beschlossen, das heißt, es dürfen den Juden weder Darlehen gewährt werden, noch ist ihnen die Teilnahme an Versteigerungen im Leihrmt gestattet.