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Central-Verein-Zeitung · 1933-09-20 · 36 (20.9.1933) · p. [Seite]

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
12 (1933)
Issue
36 (20.9.1933)
Date
1933-09-20
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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}} d" ti\,zA:i 7' 'r'ulI]rJt außerhalb bc3 deutschen ^Jcir:;C£S hat. Ist die danach für Beamte e;soK R;Iujt.un»' . j jur Verlegung bc3 Wohnn[ in dn du In > un der zuständigen obersten Re; Ldee L> d 'yorde erteilt worden, so werden auch die Devisenbewirtsdjnftsungsstcllen il^e \ >r d.' C\n .u,.mg zm TrnnLscricrnng der Peiisinnd't'Züge erteilen. Die 0>eneynugung zur Tmusserienlng lausender Bersorgurig->bezüge soll gri.ndsnülich nur für einen Zeitraum von nicht wehr als sechs Monate erteilt werden. Doch lnuu ihre Erneuerung für den Fall in Aussicht gestellt werden, das; auch nach Miaus dieser Frist der AuDvnndercr sich nicht auZ anderen aue-leindischen CinllnnmenSqnellen erhalten kann und die daun geltenden devisenrechtlichen Grundsätze einer Fortsetzung des Transfers nicht entgegenstehen. V/cr gilt ah Axeländer im Sinne der. De vicenjccc tzgeb ang? 9tach der Devisengesetzgevung gelten als Ausländer Personen die im Ausland, als Inländer, Personen, die i:n Inland ihren Wohnsitz haben ohne Rücksicht ans die Ltaatsangehörigleit. Der Auswanderer gilt, auch wenn er feine deutsche Staatsangehörigkeit behält, vom Zeitpunkt der AnSreise ab als Ausländer;m 'Sinne der Devisengcsetzgebnng. Gr unterliegt allen Beschränkungen, die die Devisen- Verordnung für Ausländer Vorsicht. Insbesondere sind die zurüclbleibendeu Guthaben deZ AuSrvanderers vorn Zeitpunkt der Ausreise ab als Alt» gntlrnben anzuseyeu, über die gemäß 13 der Devisenvervrdnung nur mit besonderer Genehm;- grurg verfügt lverden darf. Ich hin zur Auswanderung ge-- zwangen. Kann ich mein gesperrtes Girfkaben dadurch verwerten, dass ich Waren aus Deutschland für eigene oder fremde Zwecke beziehe? Dies ist möglich; jedoch wird nicht gestattet, daß der g a n z e Gegenwert der exportierten Waren auf diesem "Wege abgegolten wird. Wernr Sie glaribhaft nracheu. das; Sie Waren für den eigenen Betrieb braucherr, so kann eine Zahlung anS dem gesperrten Guthaben bis zu 75 Prozent des Wertes Zngclassen werden, sonst nur eine Zahlung bis zu 60 Prozent. Der Rest ist entsprechend den allgemeinen Borschristen ü; Devisen zu leisten. Darf ich als Auswanderer "Wertpapiere ins Ausland versenden? Während Ausländern die Genehmigung zur Versendung oder Ueberbringnng von Wertpapieren ins Ausland erteilt werden kann, wenn die Werte in einem ans den Namen eines Ausländers geführten Depot liegen unb dieser die ausdrückliche Erklärung (Affidntiv) abgibt, das; die zu versendenden Stücke nicht Eigentum eines Inländers sind, ist die Nechtslage für Auswanderer eine andere. Diese müssen den Wertpapierbesitz, den sie ins Ausland nntnchmcn wollen, in ihrem TevisenanSsnhrantrag angebcn und sich auf den Betrag anrechnen lassen, der ihnen zur Gristenzneugründnng :n; Ausland frcigegeben wird. 'Im übrigen gelten aber auch für die Be- Handlung von Weetpapierdepots Auswanderer vom Zeitpunkt der Auswanderung ab als Ausländer. Ich beabsichtige ein Fabriktmternehmen im Ausland zu gründen, von dem ich glaube, dass es im deutschen volkswirtschaftlichen Interesse liegt. Wer hat dies zu begutachten? Der NeichSwirtschaftsmimster hat angcordnet, daß zur Vorbereitung der Anträge von Ans- Wanderern, die im Ausland eigene Fabrikunternchmen gründen oder Filialbetricös oder Verkaufsstellen für deutsche Waren errichten wollen, in jedem Einzelfall die zuständige Industrie- und Handelskamnier darüber zu hören ist, ob das beabsichtigte Vorhaben gleichzeckig im deutscher; Volkswirtschaftlichcn Interesse liegt oder deutschen Interessen zuwiderlänft. Ich Mn Postbeamter. Ist eine Aenderung der Bestimmungen über die Vcrsorgungsansialt der Deutschen Reiche post zu erwarten? Die Neichsrcgieruug hat ein „Gesetz über die Acnderuug der Satzung der Zusatzversorgungsanstalten deS Reichs und der Länder und anderer außerhalb der reichsgesetzlichen Sozialversicherung bestehender Einrichtungen für die Versorgung der nichtbemutcteu Arbeitnehmer von; 13. September 1933" (Ne'chsgesetzblatt I, S. 620) erlassen. Danach ist der Ncichsnünister der Finanzen befugt, die Satzung der Znsatzvcrsorgungsanstalt de? Oterchs und der Länder zu ändern oder neu anfznstellen; hierbei ist auch den Grundsätzen des Gesetzes zur Wiederherstellung des BerufsbemntentumS vom 7. April 1933 Rechnung zu tragen. Die Bcstiunnnngen gelten siungemäs; für die Versorgungsanstalt der Deutschen Neichspost. Die Landesregierungen sind ermächtigt,' die sinngemäße Anwendung der Bestimmungen für die bei den Gemeinden und Genu'indeverbänden außerhalb der reichsgesetzlichen Sozialversicherung bestehenden Einrichlungen'für die Versorgung der nichtbemnteten Arbeitnehmer durch Verordnung znzulnssen. Die Verordnung kann Einschränkungen und Auslage;; vorsehen. Da? gleiche gilt hinsichtlich der Einrichtungen der bezeichneten Art, die bei den an der Zusatzversorgungsanstalt des Reichs und der Länder nicht beteiligten Ländern bestehen. KsWZMs ln VreskM Das zweite Konzert zum Besten notleidender jüdischer Künstler in der Neuen Synagoge zu Breslau am 11. September hatte wiederum vollen Erfolg und bedeutete eine erhebende Weihestunde dank der schöpferischen, künstlerischen Kräfte, die in der Judenheit lebendig sind. Als würdige Einleitung brachte unser vortrefflicher Organist Erich Schaffer „Präludium und Fuge A-moll" von Bach in vollendeter Wiedergabe. Im „Konzert für zwei Klaviere C-moll" von Bach ließen Irene Weißenb e r g und Lvite Pt a r k i e w i tz den Zauber ihrer Kunst fühlen: ausgezeichnetes Zusaunucuspiel, das sorgfältig ausgearbeitet und fein zusainmengestimmt war. Auch als Wittenbergs Begleiterin zeigte I. Weißcnberg sich im besten Lichte. Ten Höhepunkt des ersten Teils erreichte die überragende Leistung von Lotte R o s e n b au m - S ch w a r z , die die Schlußszene ans den; „Jeremias" von Stefan Zweig mit unerhörter Kraft und Tiefe meisterlich gestaltend sprach. In; zweite;; Teil hörte man Lore Weigert mit gutgcschulter Stinnne und innerlichen; Erleben drei Lieder von Hugo Wols singen. Meisterhaft spielte Alfred Wittenberg den 1. und 2. Satz aus den; Aivlinlonzert von Mendelssohn; man wurde hingerissen von der Reinheit und Schönheit seines Spieles. Adolf Fischer sang ergreifend die Arie des Eleazar aus der „Jüdin", es war seine Glanzrolle, als er noch an unserer Oper wirkte. Mit Handels Arioso „Dank sei Dir, Herr" erfüllte er gewaltig den Raum mit seiner prachtvollen Stimme und gab so den; Abend den würdigen Abschluß. Leichtere Kost bot der unter den; Titel „Wort und To;;" au; Sonnabend, 16. September, in der „Bonbonniere" veranstaltete „Untcrhaltungsabend mit jüdischen Künstlern". Hans B a r oder langjährige frühere Spielleiter an der Breslauer Oper, der die Gesnintleituug hatte, wies u. a. darauf hin, daß die von ihn; veranstalteten Abende arbeitsloser; jüdischen Künstlern Brot schassen und dem Publikum die Gelegenheit, diese Arbeitsbeschaffung zu ermöglichcn. Der Abend stellte den Künstler;; um Hans Baron das beste Zeugnis aus. Günther Brie-;; i tz e r betätigte sich mit Erfolg als Ansager und in zwei Szenen teilweise eigener Herstellung. Das eine Mal als Partner Ruth HcnimgS, d;e entzückend sang und spielte, das andere Mal mit Alfred Salzma;; n, der später auch allein lustig, forsch und schnoddrig seine „Sachen" brachte. Ruth Hemng sang mit seiner Stinnne sehr liebevoll noch cnnge Volkslieder. Lotte Schwarz - N o s e n b a u m sprach literarische Parodien von Nciunann und „Erdgeistiges"' von Wedekind, auch in dieser leichteren Art der Darbietungen von vielseitiger Geitaltungskraft und sprühenden; Temperament. Es tanzte Lilli S n n d b e r g, die auf den; diesjährigen Internationalen Tanzkongrcß in Warschau unter einer großen Schar von Bewerberinnen -nüt einem Preis bedacht wurde. »i. In BreSlau haben sich zwei jüdische Chöre gebildet. Die „Jüdische Ehorvereinigung" unter Leitung von Opernsänger Hans Baron, die in; August bereits mit Erfolg an die Oeffentlichlcit getreten ist, zählt über 40 Mitglieder, die sämtlich an dem finanziellen Ertrage beteiligt sind. — Chormeister Werner Sander, früher Leiter des Cecilien-Chors, hat den „Jüdischen Kammerchor" gegründet, dem bisher 50 Mitglieder angehören und der hauptsächlich Madrigale, Psalmen und synagogale Musik aufsühren w;ll. §WMS-ß«M 18WUM Am 9. und 10. September fanden in der Benthener und Glenvitzer Synagoge erstmalig Konzerte jüdischer Künstler aus Breslau statt, die für die ober schlesische Judenheit starke künstlerische Eindrücke vermittelten. Ter zufällig in Gleiwitz weilende Oberkantor Leo Schächter von der Hauptshnagoge in Krakau brachte nüt seinem herrlichen, modnlationsfnhigen Tenor synagogale Gesänge zun; Vortrag. Eine Glanzleistung in technischer Vollendung und intuitivem Zufammenspiel war das von den Damen Lotte Schoeps-Rogosinski (am Flügel), Elise Szähüzy (Violine) und Mirjam Lewin (Cello) gespielte Trio 0p. 49 in L-clur I. und II. Satz von Mendelssohn. Hans Baron, bisher Opcrnregisscnr am Breslauer Stadttheatcr. hatte die künstlerische Leitung der Konzerte. Ferner wirkten mit: Leopold A l e x a n d e r (Baß), Oberkantor Richard Cohn, Gleiwitz (Baß-Bariton), und Günter Stern, in Beuthcn anßerdcn; die Damen Lotte Schleßkow (Sopran), Sabine Heymann (Alt) und Gerhard I a b l o;; s k i (Orgel). Lotte Schoeps-Rogosinski begleitete mit bekannter Gelvandtheit. Die Rabbiner Professor Tr. Golinski (Beuchen) und Tr. O ch s (Gleiwitz) dankten den Gästen im Namen der Gemeinde auf das herzlichste und bezeichneteu die Kunst als eine Quelle zur Ueberwindung seelischer Leiden. GsWche WmHk in NWZ Der erste Abend geistlicher Chorinusik in der Hauptsynagoge an; Mittwoch, dem 13. September, war ein trefflicher Anstalt zu der Fciertagsstimnnmg der „hohen Tage". Ein Kaunnerchor unter Leitung des Dr. E h r c u r e; ch aus Frankfurt a. M. unter Mitwirkung von Adolf R ebner (Violine). Gerta O P p e n h e i m (Gesang), Lern Lorsch- M o r g e n. st e r;; (Klavier) und Herbert Fron; m (Orgel) bestritt den genußreichen Abend. Rabbiner Drl Levi richtete zu Beginn der Veranstaltung zeitgemäße Worte an die in stattlicher Zahl erschienenen Zuhörer. n;—1. Juristicch-V/iricchcxftliche Beratung stelle des C. V. ist, wie das ganze Büro, an den Feiertagen schlossen. Im übrigen findet die juristisch-wirtschaftliche Sprechstunde und die Eltcrnbcratung unverändert wochentags mit Ausnahme des Sonnabends von 12 bis 2 Uhr im Büro des Central- Vereins, Emscr Strasse 42, statt. Die JusorrnatioriöblätLer DcS JeutraO üuSschttfseö. Die Aufgaben jüdischer Wirtschastsfürsorge und Wirtschastsberatung steigen unausgesetzt. Die Fülle der Arbeiten und Notwendigkeiten findet, wenn auch nur andeutungsweise, ihren Niederschlag in den in; Austrage des „Zentralausschusses der deutschen Juden für Hilfe und Ausbau" von der „Zentralwohlsahrtsstelle der deutschen Juden" herausgegebenen „Informationsblättern" (Berlin-Charlottenburg 2, Kantstraße 158. —- Vierteljährlich 1,85 Mark). Inhalt und Umfang deZ neuesten Heftes, Nr. I I vom 15. September, lassen dies deutlich erkennen. Unter der Rubrik „A r b e i t s m a r kt, VerusZlage" findet man u. a. beachtenswerte Entscheidungen der Arbeitsgerichte, wie sie von der „Juristisch-Wirtschaftlichen Beratungsstelle des C. VA laufend herausgegeben und Interessenten stets zur Verfügung gestellt werden. Derselbe Abschnitt bringt Bestimmungen über Schwarzarbeit und Doppelverdienst sowie Speüalwiuko für Beamte hinsichtlich ihrer NebentätigkeiL, über den Ruhestand der Lehrer und anderer Acrusskategvrieu. In einer längeren Einzeldarstellung werden die in nntionalsozialisti- . scheu Kreisen vertretenen Auffassungen über den Begriff „Deutsche F i r m a" näher erläutert. Auf die bekannten, an dieser Stelle bereits veröffentlichten neuen Tevisenaussnhrbcstimmungcn lvird eingehend verwiesen, wie überhaupt das Kapitel „W a n d e r n n g" wiederum eine stattliche Reihe bemerkenswerter Mitteilungen enthält: ^Niederlassungs- Möglichkeiten für Patentanwälte im Aus- ' land, Angestelltenproblem in Palästina, dänisches Fremdengesetz, Einreise- und Aufenthaltsbewillignngcn für ausländische Studenten in U. S. A., Aerzte in China und Persien u. a. m. Eingangs werden Richtlinien der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden über die Handhabung der offenen Wohlfahrtspflege wiedergegebcn. — fli — Todcösällc. In Dangen starb in; 81. Lebensjahr Panl K r i sl e l l e r . der den; Ccntralverern seit seiner Gründnna anzchörte und seine Bestrcbnngen aw's eisriaüe iördcrte. In L c i p z i fl starb der ordentliche Professor der Alatheinalik an der dortigen Nniversiwr, Tr. Leon L i ch t e n st c i n. Ter Tahi;y;egani;enc hat sich als amu bedentcndcr Jorscker ans dem Gebiet der mathematischen und der astronomischen, aber auch ans dein der philvwphischcn Wissenschaft ao.saczeichnct. Tür seine Verdienste wurde er durch Ernennung zum Mitglied der Sächsiseben Akademie der Wissenschaften ausgezeichnet. Er war auch -üeransgeber^ der „Mathematischen Zeitschrift". Tic Traucrieicr fand in Gegenwart des Rektors und zahlreicher Professoren sowie Studenten der Universität statt. Tie Vertreter der Univcrsinit und der Studentenschaft hielten am Sarge sehr warim herzige Gedenkreden. ES WM & m 'mm Mm WMMgsMer Von (4. Fortsetzung.) Aber mix füllt ein, daß ich neben diesen internen poetischen Anstrengungen so ungefähr um die Obersekundanerzeit and) schon „öffentlich" wurde. Ich sandte kleine Beiträge an die „Detltsche Lesehalle", die später in den „Weltspiegel" nmgewandelt wurde. Kein prophetisches Gemüt hätte mir Voraussagen können, daß ich damit in jenem Verlagshanse debütierte, das die Statte meiner Arbeit durch vier Jahrzehnte werden sollte. Was mich bewegt, wenn ich daran denke, wieviel Streben, Erfahrung, Bekanntschaft mit bedeutenden Atenschen, Befriedigung m;d zuletzt auch Schmerz bis in die allernächste Gegenwart hinein damit verbunden sind, möchte ich jetzt nicht anssprechen. Diese vier Jahrzehnte bedeuten mein eigentliches belvllßteö Leben. Darnals war ich stolz, weil ich, wenn auch anonym, gedruckt war. Damals lvar ich froh, weil ich für jeden Beitrag 1,50 Mark bekam, vom Geldbricfträgcr persönlich überbracht. In jener Zeit muß ich auch den Wunsch geäußert haben, Schriftsteller oder dergleichen zu werden. Die Mutter, sonst ganz vorurteilslos, erhob scharfe Einwände. Das Metier, wie das des Schauspielers, galt nicht recht für ehrbar. Alle Schrecken des Bohümetulns, eines ungeordneten Lebens, der lvirtschaftlichen Unsicherheit erhoben sich vor den gutbürgerlichen Gewissen. Das hat sich inzwischen bis zu einem gewissen Grade, wenn and) nicht völlig geändert. Ein Lesekränzchen befreundeter Gymnasiasten war eine Selbstverständlichkeit. Wir zogen von Familie zu Farnilie reihum. Es waren Jungen dabei, die nachher etwas geworden sind. Vielleicht erinnert sich der Projessor der Technik. Tr. Traube. .Sprößling eines Breslauer Gelehrtenheims, daß wir „Die Jungfrau von Orleans" mit verteilten Stimmen an die Wand seines Elternhauses in der Junkerstraße geschmettert habert. Zlvci andere Teilnehmer sind schon verstummt, der spätere Berliner Stadtrat Ludwig Hamburger und sein Vetter Lutz Mild), Professor der Geologie an der Breslauer Universität. Dort lebt heute sein Sohn, cm angesehener junger Germanist, Dr. Werner Mild). In diesen; dem Edlen, Wahren und Guten gelveihteu Lesekrauz waren die Zwischenpausen von nicht unerheblicher Bedeutung. Es wurde etwas aufgewartet, Kuchen oder soll ich Küchel sagen? Auch belegtes Brot, wahrscheinlich noch heute in memer Heimatstadt etlvas mißklingend, aber doch appetitreizend „Schniete!" geheißen. Was in Oesterreich Janse und anderwärts Vesperbrot genannt wird, das sind in Schlesien die Schnictel, eine unausbleibliche Begleiterscheinung des nachmittäglichen Wandels. Wenn junge Menschen zusammenkamen wurde auch „Bischof" serviert. Es war ein Getränk, in dem Zucker und Pomeranzenschaleu ihrer Bestimmung gewachsen waren, während, das Maß des dazugehörigen Rotweins zur Färbung diente, zur Trunksucht aber nicht verführen konnte. Hin und wieder nahm mich am Sonntagvormittag mein Vater nnt, wenn er den Versorgungshäusern einen Besuch abstattete, die nach dem Vorbild der Augsburger Fuggerhauser der Kommerzienrat Jonas Frünckel, PräjeS der Indischen Gemeinde, gestiftet hatte. Atein Vater hatte das Ehrenamt, sie zu beaufsichtigen. Dort war es wohl das erste Mal, daß mir von der sozialen Schichtung der Bevölkerung eine Ahnung kam oder, wenn ich verständig genug gewesen wäre, hätte kommen können. Da waren ohne Unterschied des Glaubens in kleinen Häuslichkeiten besd)eidöne Menschen untergebracht, die nur einen Bruchteil der ortsüblichen Miete zu zahlen hatten und nun an meinen gütigen Vater, wenn er sie besuchte, mit ihren nicht sehr luxuriösen Wttnsck)en herantraten. Ick) habe Bilder der Ermnerurrg an wohlgescheuerte Dielen, an Blumenbretter und Kanarienkäsige, und ich weiß noch, daß einige der Insassen zu uns ins Hans kamen, um zum neuen Jahr zu gratulieren. Es war da ein altes Fräulein Schick, die immer etlvas lauge blieb und der. wenn sie endlich gegangen war — immer klassisch! — das Wort Herders nachgerufen wurde: „Was die Schickung schickt, ertrage!" Das auch nicht mehr jugendfrische Fräulein Weber kam öfter, amtlich oder doch beruflich. Denn sie war Näherin, ein sehr fülliges Wesen, das bereits Jahrzehnte vor unserer den; Korsett so feindlich gewordenen Gegenwart aus diesen scharmanten Zierrat verzichtet hatte. Es wurde ja im Hause geschneidert, und wenn ich daran denke, daß meine Schwestern, wie sich das gehörte, geheiratet haben, so sehe ich zwar auck) meine Schwäger, stattliche Männer, die mir Jungen durchaus imponierten, besonders lvenn sie mir etwas schenkten, aber als eigentlicher Sinneseindruck ist mir dock) geblieben: ein Zimmer, in derr; man sich nicht bewegen konnte, VüctI Riesenstreifen srischduftender Linnen über den Fußboden raschelten, um dann nach und nach zu Bett- und Tischzellg verarbeitet zu werden oder zu intimen Kleidungsstücken. denen eS kraft ihrer Solidität zngedacht war, die silberne Hochzeit ihrer Trägerin m überdauern. .Neben der „Webern" gab es noch eine Ausbesserin, die hieß Mielchen. Wenn sie nach arrnscligem Erdenpilgertum jetzt im Himmel weilt und mit zarten weißen und nicht mehr von Nadelstichen verhärteten Fingern den kleinen Engeln die Hemdchen flickt, dann möge sie gnädig verzeihend herabblicken aus uns oamalige Kinder, die sich so miserabel gegen sie benommen haben. Sie war taub, und wir haben mit ihrem Gebresten den schnödesten Scherz getrieben. Sie hatte einen falschen schwarzen Zopf, und wenn das Nähgarn ausgegangen. waren wir bereit, ihr die Ersatz, strähne aus eben diesem Zopf zu ziehen. Zu dem Fränckelschen Nachlaß, festgelegt in den fünfziger Jahren, gehört auch eine Familienstiftung, nach der Bräuten eine Mitgift von 1500 Talern, und jungen Männern, wenn sie sich selbständig machten, ein slapital von 1000 Talern zngesprochen werden konnte. Auch Stiftungen für Nichtsamilienmitglieder waren festgelegt. Das Seminar zur Heranbildung von Rabbinern und Lehrern ist ein Monument der jüdischen Wissenschaft gelvorden, auch dieses leider nicht unversehrt von den wirtschaftlichen Nöten der Nachkriegszeit. Eine Stiftung zur Förderung der Künste und Handwerke unter den Juden zeigt, wie lebhaft bereits vor achtzig Jahren die Einsicht lvar. das; unsere Glaubensgenossen der einseitigen Beschäftigung mit dem Handel entzogen wer- Pen sollen. Junge Männer, die sich der Mechanik, der Baukunst und dem Handwerk der Schmiede, Schlosser und Maurer widmeten, waren zu Stipendiaten ausersehen. Jahrzehntelang haben diese Stiftungen segensreich gewirkt und viele Existenzen begründen helfen. Nach dem Kriege sind sie gleich den Vermächtnissen meines Mutterbruders L. W. Egers, von denen ich gesprochen habe, zusammengeschrumpft, aber die jetzigen Kuratoren tun im Rahmen des Vorhandenen das Ntögliche. Jonas Fränckel mar der Erblasser, aber er war auch Erbe seines einige Jahre vorher gestorbenen Bruders David und hat dann über das große Gesamtvermögen in so menschenfreundlicher Weise verfügt. Den Brüdern zu Ehren gibt es noch heute, dicht bei dem geräuschvollen Hauptbahnhos. den stillen Fränckelplatz, und in dessen Mitte liegt der alte jüdische Friedhof mit den Gräbern der berden. Ein ans Eisen gegossenes Denkmal in gotischer Spitzbogenform, im Jahre 1816 errichtet, erhält ihr Andenken. Der Psalm Nr. 1124 verkündet: „Ihr Ruhm strahle ehrenvoll!" Es darf nicht verschwiegen werden, daß dieses für ewige Zeiten wirksam gedachte -vestament bei der damals lebenden Verwandt- W* tIMalhie nicht gesunden hat. Man hatte Actlllonenvnkels gehabt, man hatte sie wohl auch umschwärmt, und jeder Zweig der Famllre träumte, als Jonas Fränckel die v von Hunderttausenden, bar auf den Tisch, (Fortsetzung folgt.)

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