Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 12 (1933)
- Issue
- 36 (20.9.1933)
- Date
- 1933-09-20
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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1 21 s jBerlm, 20. September 193? XII. Jahrgang / Nr. 36 .Preis 20 Pfennig encralerein ...JO \jo BUTTEK FÜR DEUTSCHTUM UMD m ■, ,tg. y, ZI Ä % (>i m V_J JUDENTUM W§MM MW Die ħNs VerLLStNMg der dsukschen Mhem Wenn ich in der letzten Nummer an die deutschen Juden einen Appell zur Einigkeit gerichtet habe, so kann ich nunmehr berichten, das; die neue Vertretung der deutschen Juden geschaffen ist. Nach langen Vorderhandlungen, die in Essen und Berlin aus Anregung den Dr. Georg Sir schlaud (Essen) und auf meine Anregung stattfanden, traten am ^.September die Konferenz der Großgemcinden, die ArbeitSgeineinschaft der Landesverbände der deutschen jüdischen Gemeinden, die Zionistische Vereinigung für Deutschland, der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten und der Eentralverctn deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zu einer Beratung zusammen. Es waren alle großen Organisationen und Institutionen der deutschen Inden durch maßgebende Persönlichkeiten vertreten. Es galt, im Sinne der Gedanken, die ich in meinem Appell ausgesührt habe, der Rot der Zeit Rechnung zu tragen und unter Ausschaltung aller ideologischen Betrachtungen ein Kollegium zu schaffen, das die g e m e infam e n Interessen der deutschen Juden, zu. welcher Richtung sie sich auch bekennen, wahrmnehmen in der Lage ist. Nicht beteiligt war ' an den Verhandlungen der Verband nationaldeutscher Juden, der sich leider durch das Verhalten seines geschäftssührenden Vorstandsmitgliedes. Dr. Naumann, selbst von derartigen Verhandlungen ausgeschaltet hat. Die Tagung kam zu folgenden Beschlüssen: An der Spitze der neuen Vertretung steht als Präsident der allverehrte Rabbiner Dr. Da eck. der allseitig gebeten worden ist, das Präsidium zu übernehmen. Der Präsident führt die Geschäfte im Verein mit einem Ausschuß, dessen gesebäftssührender Vorsitzender Ministerialrat a. D. Dr. Otto S i r s ch (Stuttgart) ist, ein Mann, den wir bei' unseren Mitgliedern nicht erst einzuführen brauchen und der das Vertrauen aller beteiligten Kreise genießt. Dem Ausschuß gehören ferner an: Direktor Heinrich Stahl (Berlin), Rechtsanwalt Dr. Rudolf Callmann (Köln), Rechtsanwalt Dr. Julius L. Selig lohn (Berlin). Rechtsanwalt Dr. Siegfried M o s e s (Berlin), ' Dr. Heinrich Meher (Breslau). Rechtsanwalt Dr. La irden berge r (Nürnberg) und Rabbiner Dr. KoG m a n n (Frankfurt a. M.). Präsidium und Ausschuß sind ohne Rücksicht auf Organisationspolitik gewählt worden. Ter Ausschuß setzt sich lediglich aus Einzelpcrsonllchkeiten zusammen, die sich nach keiner Richtung an Organisationsrücksichten gebunden betrachten wollen und dürfen. Dem Ausschuß wird ein Beirat beigeordnct;. auch er wird nur ans Einzclpersönlichkeitcn zusammengesetzt, die im Leben der deutschen ■ Inden durch ihre Leistungen und durch ihr Interesse ohne weiteres als Repräsentanten des deutschen Judcntmns angesehen werden dürfen. Die Zusammensetzung des Beirates steht voch nicht endgültig fest. Die vorhandenen großen jüdischen Organisationen. deren Wert und Bedeutung allseitig anerkannt wurden, sollen durch die neue Einricktnng nicht etwa zerschlagen werden. Tie Führer des Eentralvercins deutscher Staatsbücher jüdischen Glaubens, des Rcichsüundcs jüdischer Frontsoldaten, der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland und der Zionistischen Vereinigung für Deutschland haben die rnmgcschnssene Vertretung dankbar bc- B'nßt, und sie haben erklärt, daß sie der Führung gern Folge leisten und sich bei der Führung ihrer Organisationen in allen wescntlicken Fragen im Einvernehmen mit der neuen Rei^svcrtretnng halten werden. Die großen bisherigen Kommissionen der Arbeitsgemeinschaft der jüdischen ■ Gemeinden in Deutschland sind bestätigt worden, selbstverständlich vorbehaltlich des Rechts, diese Kommissionen nötigenfalls je nach dem Ersorderder Zeit entsprechend abzuändern. „ Der Dank des_ gesamten Judentums gebührt denen, die die Vertretung der deutschen Juden in dieser schweren Zeit übernommen haben und allen denen, die an der Schaffung der neuen Vertretung mitgewirlt haben. Dankbar muß insbesondere anerkannt werden, wie alle Teile in schwerem Ringen den Weg zur gemeinsamen Vertretung der deutschen Inden gesunden haben. Der Ernst, von dem die ganzen Verhandlungen getragen wurden, berechtigt zu der Hoffnung, daß die neue Einrichtung in dein Geiste aller derer geführt ivird, die bei dieser Gründung mitgcwirtt haben. Die neue Vertretung ist aus der Zeit für die Zeit mit neuen Ausgaben erwachsen, die uns früher unbekannt gewesen sind. Es. gibt hierbei keine Verkleisterung der weltanschaulichen Gegensätze. Diese werden undi müssen bleiben, wenn auch in Formen und Gedanken, die den gewaltigen Umwälzungen der Gegenwart gerecht werden. Die neue Reichs-' Vertretung darf und will nicht Altes nachbcten, was durch die Zeit überwunden ist. In Liebe zu der Ueberlieferung der deutschen- Inden soll Arbeit gemistet werden, die der Not der Gegenwart gerecht wird. Bei den Erörte- -rnngen am letzten Sonntag kam allseitig der Wunsch zum Ansdruck, daß die neue Reichs- Vertretung sich mit allen Kräften in den Dienst der Arbeit für unsere Jugend stellen möge. Reichstul-Schutzbund nimmt keine Juden auf Ter Rcichsminister der Lustfahrt hat aus Anfragen des Eentral-Vercins, ob reichsangeporige Inden als Mitglieder bei dem Reichsluftschutzbund ausgenommen werden, ein Antioortschrciben (Abtl. L. S. Ist 'Nr. 2120/33) gesandt, in dem cs heißt: „Die dem Neichslustschutzound übertragenen Ausgaben sind nur zu löscu, wenn der Bund sich auf die Mitarbeit weitester und maßgeblichster Kreise der Bevölkerung stützen kann. Diese umfassende Arbeit ist aber nicht sichergestellt, falls der RcichSlustschutzbund Nichtarier als Mitglieder ausnimmt. Auch liegt mir daran, das;' etwaige Unzuträglichkeiten, die sich für nichtarische Mitglieder bei der Teilnahme an den aus allen Kreisen des Volkes besuchten Versammlungen des Reichsluftschutzbundes ergeben können, vermieden werden." Audi die Enke! gefaulter Grosseltern gelten als niditarisdi Der Reichsinnenminister hat eine ergänzende Erläuterung zu dem Begriff „nichtarisch" für die Durchführung des Berufsbeamten-Gesetzes gegeben. Es wird darin festgestellt, daß, wenn in dem zur Entscheidung stehenden Fall einer der Großväter des Beamten unbestritten von der Rasse nach jüdischen Eltern abstammt, dieser Beamte selbst dann alS nichtarisch im Sinne des Gesetzes anzuschen ist, wenn der Großvater der jüdischon Religionsgcscllschaft niemals angehört hat. und außerdem der Vater des Groß- Vaters, also der Urgroßvater, bereits getaufter Christ, gewesen ist. Der Minister unterstreicht, daß bei Auslegung des Be- Alle jüdischen Organisationen in Deutschland haben jetzt eine Stelle, die ohne Rücksicht auf religiöse und jüdisch-politische Richtung die Interessen aller d e u t s ch e n I u d e n wahrnimmt. Die an die Spitze gerufenen Persönlichkeiten bürgen dafür, daß Gemeinschaftsgeist in der neugcschasfenen Vertretung herrschen wird. Wir vorn E. 33. versprechen erneut, nach unseren Kräften dazu beizntragen, daß die neue Vertretung d i c Stellung im jüdischen Leben erlangt, welche ihr nach ihrer Bedeutung gebührt. Wir stehen am Beginn der ernsten Tage, an denen wir uns nach unserer Väter Sitte zur Einkehr in Andacht sammeln. In früheren Zeiten war es üblich, im engsten Familienkreise die Festtage zu beginnen, indem man sich gegenseitig Geschenke brachte. Tie Rot der Zeit gestattet dies nicht. Jede Aufwendung außerhalb des notwendigen Lebensunterhalts gebührt heute den Bedrückten und den Armen in unseren Reihen und um uns herum im' deutschen Daterlande. Uns deutschen Juden ist mit der Schaffung der neuen Vertretung ein ' Festtagsgeschcnk gemacht worden, das wir dankbarer aufnehmcn als alle Freuden, die uns ■ sonst bei dieser Gelegenheit bereitet wurden. Die hohen Feiertage sind für uns Tage der Selbstprüfung. Reuig schlagen mir an unsere eigene Brust. Es ist ein alter Grundsatz unserer Lehre, daß der Wert des Menschen sich Rabbiner Dr. Leo Baeck, Präsident der neuen Reichsvertretung der deutschen koooo<x>o<>c>c><x><x>c>o<x><x>o<x>o<><o<>c><><> darin erweist, welche Kräfte das Unglück in ihm auslöst. Mögen die Stunden der Andacht gesegnet sein für uns und unser deutsches Vatcrla ud. Justizrat Dr. Julius IJrodnitz. An die r M Tie deutsche Revolution, deren elementare Gewalt auch wir Abseitsstehcnden auenem nen müssen, hat Tetitsehland wieder zum Mittelpunkt Europas gemacht. In Sünder.en von Aufsätzen und Kundgebungen Hai die Welt sich mit der zwingenden Totalität des neuen Staates besaßt. Tie deutschen Inden sind von der Totalität dieses Staates nu->a geschlossen. In Hunderten von Aussätze» und Kundgebungen hat die Presse der Welt die Judensrage in Deutschland von der Peripherie in das Zentrum der Umwälzung ncrschoben. Tie Lösung der Judensrage ist für Nits, für die deutschen Inden, ein zentral- Problem: cs würde eine schwere Verkennung der Tatsachen bedeuten, wollte man sie heute 14. September bis 19. September grisfes der arischen Abstammung nicht die Religion maßgebend sei, sondern daß vielmehr entscheidend sei die Abstammung, die Rasse, das Blut. Das Gesetz schließe keineswegs aus, daß eine nichtarische Abstammung auch dann vorliege, wenn alle Eltern- und Großelternteile zwar der jüdischen Religion nicht angehört haben, wenn aber die nichtarische Abstammung anderweitig festgestellt wird. Vermerhung der Religionszugehörigkeit aul den Steuerkarlen Wie der Parlamentsdienst der T. U. meldet, hat der Reichssinanzminister den Landcsfinanzämtern das Muster für die Stenerkarte 1934 übersandt. Neu ist gegenüber den Vorjahren, daß bei den Personalien des Inhabers der Steuerkarte die Frage nach seiner Zugehörigkeit zu einer Neligionsgescllschaft gestellt wird. Tie Maßnahme wird damit begründet, daß die Kirchenbehörden vielfach dazu übergegangcn sind, ans Grund der Stenerkarte die Kirchensteuer zu veranlagen. Keine Besdtränkung der Wohlfahrts- Unterstützung In einer kleinen ostdeutschen Stadt wurde gemäß einem Beschluß der Stadtverordnetenversammlung den jüdischen Kleinrentnern und Wvhlfahrtsempfängcrn die Unterstützung mit der Begründung entzogen, daß die bemittelten Juden die Bedürftigen selbst unterstützen . sollten. Die zuständige Provinzialregierung erklärte demgegenüber, daß die Einstellung der Unterstützungszahlung ungesetzlich sei und in keiner der vorhandenen Vorschriften und Verfügungen eine Rechtfertigung finde. Ebenso war in einer kleinen mittelden: schen Stadt einem jüdischen Bürger durch den städtischen Tezeruemen die Fettoerbillignngskarte, die er für sieh und seine Familienangehörigcn erhielt, mit der Begründung abgenvmmen worden, daß Nichtariern diese Vergünstigung nicht wehr zugestanden werden könne. Ans die Beschwerde bei dem zuständigen Herrn Regierungspräsident!, n wurde durch den Magistrat dieser Entzug rückgängig gemacht und die Fettverbilligungskarte dem Beschwerdeführer wieder zugebilligt. Rcidiswlrtsdialtsminister gegen Störungen in der Arbciisbesthcftung In Ergänzung zu den am 19. Juli oon der Reiehsregierung erlassenen Richtlinien, betreffend die Berücksichtigung nichtarischer Firmen bei Vergebung öffemlieher Aufträge und der damals ergangenen Weisung, daß unbeschadet der grttitdsätzlichen Bevorzugung dentschstäminiger Firmen die Veschafsnngsstellen ohne besonderen Anlaß weitschweifige Ermittlungen nach der Ariereigenschaft der in Frage kommenden Personen nicht anstellen sollen, weil damit dem vordringlichen Interesse der Arbeitsbeschaffung nicht gedient werde, stellt nunmehr, wie der „Pressedienst des Einzelhandels" meldet, der Reichswirtschastsminister fest, daß es mit diesem Grund-, satz unvereinbar sei, wenn einzelne Bcschafsungsstellen an die Industrie- und Handelskammern nsiv. formular- und listcnmäßige Anfragen, die teilweise Hunderte von Firmennamen enthalten, übersenden. Derartige Anfragen sind auf das wirklich notwendige Maß zu beschränken. In jedem Einzelfall muß der besondere Anlaß der Anfrage ausdrücklich hervorgehoben werden.