Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 12 (1933)
- Issue
- 34 (7.9.1933)
- Date
- 1933-09-07
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2277379-2277993-2278027--08099-2289065- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
yWiiif]Rrro, Nr:34 Lj/\^UÜWüUÜv j 1. Beilago des MfrlM IrallLuhmdLZ öff^tlictcn^^bcn^ic’ilzunc.h^cn^^1^'1} . 'm soz{aJef politischer Arbeit am sozialen Dienst der iiidi.rhen Cr, rC > m ^cn ,^z.tcn Monaten mehr und mehr in den mat nU PiatLrm au i??r.8^!s,“''0,ncn '"W^crl. Der Jüdisehe Frauenbund ist die Richtungen efUndl F, F!~wm ,* tSSiUm mi ßdisch-poliiischen "Wir haben den ganzen Tag Beratung." Mit diesen Worten leitet Hannah Karminski, die Geschäftsführerin deS Jüdischen Frauenbundes, eine mir gewährte Unterredung ein. Den ganzen Tag Beratung — daraus sind zentrale Frauenorganisationen in normalen Zeiten nicht eingerichtet. Die ReichsgeschäftSstelle des I. F. B. hat sich darauf eingestellt, als es notwendig wurde. Mit klarer Zielstrebigkeit wurden die neuen Aufgaben erkannt und in Angriff genommen. Welche Ausgaben müssen bewältigt werden? Die erste und dringlichste lautet in einem Wort: Arbeit! Arbeit für die Mädchen und Frauen, die aus ihren Stellungen ausscheiden mußten, und für diejenigen, die noch nicht im Beruf gewesen sind. Der Frauen- Lund hat ermittelt, daß im In- und Auslande nur nach weiblichen HauShalts- Kräften eine beachtliche Nachfrage besteht. Das Angebot bleibt weit hinter dem Bedarf zurück. So hat man sich, wie Hannah Karminfki ausführt, als Hauptziel die Schulung bzw. Umschulung für den Haushalt gestellt. Als Ausbildungsstätten kommen in erster Linie die jüdischen Haushaltungsschnlen in Frage. Die meisten dieser Institute: waren bisher vorwiegend für die „Bürgertochter" bestimmt, die sich für den eigenen Haushalt oder für eine leitende Stellung in einer Hauswirtschaft vorbereiten wollte. Heute kommt es daraus an, daß die Lernenden gleich praktisch üben, was ein Privathaushalt, in den man als fremde Arbeitskraft eintritt, an technischem Können und an Arbeitsbereitschaft verlangt. Die Schulen sind bemüht, dieser veränderten Hausfrauen lernen Gummimäntel zuschneiden und kleben DIS eiliS... ßSdsse ßtotuagsöiföet Don §r',tz Engel (2. Fortsetzung.) Im Garten spielte sich ein großer Teil iseres Daseins ab. Die Aelteren ruhten, ndarbeiteten und plauderten, die reifere lgend schwärmte in den damals zulässigen stützen eines Flirtes. Zwischen den Lauben, iumen und Beeten verkehrten die Mieter, »risten und Juden, ohne Zwietracht miteinder. Immerhin, wenn ich nichts beschönigen ll, wurde jener latente Antisemitismus, r stets aus der Lauer liegt, gelegentlich urbar. War ich mit meinem guten Freunde, m gleichaltrigen Majorssohn Otto M., in mflrkte geraten, dann konnte er die Vokabel )u Judeujuuge!" nicht zurückhalten. Es gab x Duell mit Fäusten ohne Boxhandschuhe, nnals behielten die Uubefangenhert der igend und die Lust am gemeinsamen Spiel : Oberhand, es kam nicht 311 ewiger Feind- ,aft. Schließlich hatte der Mawr auch ntpferde; und ich war nicht charakterstark nug, um mir für alle Zeit die Gelegenheit s Stallbefuches zii berscherzen. Wohin in alle Welt mögeii die Bewohner s Hauses, soweit sie Kinder ivaren und heilte »ch "atmen, jetzt zerstreut sein? Wenn cs anage, neben den Familienchroiiikeli, die wir wen gerade hente mit besonderem Fleiß anzen und pslegeii sollten, auch die Chronik mzer Wohnhäuser durchzuführen, neben lllhelm Raubes „Chronik der Sperlingsgasse ich die Geschichte eines Großstadthauses: wie etc Schicksale würden sich entfalten, heitere ad trübe, jedes vom anderen unterschieden. i>er alle noch irgendwie gebunden an me tatte ihrer Jugend! Als ich vor kurzem m ix. Stadtbahn einer alten würdevollen Dame egenübersah. erkannte ich mit aller Sicherest sofort' daß es der Backfisch Tilde St. war, Tochter des Provinzialsteuerdirektors, mit der ich im Garten Krokett gespielt hatte. Aber ich konnte doch nicht au sie herantreten und sagen: „Na, Tilderle, wie ist es dir denn in dieser kurzen Zwischenpause ergangen?" Ter Garten und die elterliche Wohnung und die nahe der Großeltern — auch von diesen prächtigen Menschen will ich erzählen —, überhaupt der Kreis des Nächsten nmfiiig uns sehr dicht. Ich glaube jetzt, daß wir zu enge iind abgeschlossen beiimd ineinander gelebt haben. Die belehrende und anstachelnde Berührung mit der Welt draußen war nicht sehr groß. Aiich die Stadt selber mit ihrer zrnn Teil herrlichen Architektur, mit ihrer Mischung von altgeivohnter Beständigkeit und modernem Betrieb, mit ihrer preußischen Akkuratesse und immer mit beut auch in der Volkssprache unverloschenen Einschlag südostdeutschen unb slawischen Wesens, dem man den Namen „Gemütlichkeit" beilegte, mit ihrer sozialeii Schichtiing, Regierungssitz, Universität, große Gariiison, dahiiller Kleinbürger und Arbeitsvolk in Massen: Handelsplatz, der immer mehr an Berlin verlor, die Konfessionen leidlich gut beieinander, frühere katholische Kirchen, die von denr einstmaligen Bormarsch des Protestantismus zeugten, und mm wieder groß und majestätisch und einheitlich und farbenschwelgend der sürsterzbischösliche Katholizismus ans der abgesonderten Tvminsel dieser bis weit nach Oesterreich hinein herrschende schlesische Vatikan — auch die Stadt blieb mir in jüngeren Jahren so gut wie unbekannt. Crst bei späteren Besuchen habe ich sie für mich entdecken können. Und schließlich, wir hatten ja „zu Hause" alles, was mit diesem Begriff verbunden ist. „Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt," sagt Iphigenie, eben deshalb, weil cs ihr selber versagt war. Ich aber darf mich ihrer mit einem dankbaren, für Gräber bestimmten Gruß erinnern. Mir erblüht im Gedächtnis das Elternhaus als die Stätte, in der die Keime lagen für das, was ich dann, nach einer zuerst unruhig begonnenen Entwicklung, als die ln- A Berufsumschichtung für Erwerbslose Blich in du Schukmackerwerhatattp die die Kleiderhammer der Berliner, jüdlachen Gemeinde ständig unterhält Lage Rechnung zu tragen. Auf Anregung des J.F. B. nehmen neuerdings auch sämtlich« jüdischen Heime Aspirantinnen des Hausberufs zur Schulung auf. Der Frauenbund — so erfahre ich weiter — legt außerdem großen Wert darauf, daß Ausbildungsstellen in Privathaushaltungen angeboten und angenommen werden. In den Hausfrauenberatungsstellen wird den Fraueü nahegelegt, lernende Haustöchter aufzunehmen. Man hat Vertragsentwürfe ausgearbeitet, die auf die Sonderheiten des jüdischen Familienheims und auf die besondere Artung der jüdischen Haushaltslehrlinge Rücksicht nehmen. Zugunsten der Lernenden ist zum Beispiel vorgesehen, daß ihnen ein zweiter freier Abendin der Woche zu ihrer Fortbildung — aber nur zu dieser — zur Derfügung gestellt wird. Für bereits haustüchtige Kräfte, die eine bezahlte Stellung annehmen wollen, hat der Frauenbund ebenfalls einen Vertrag entworfen, der das Arbeitsverhältnis regelt. „Finden Sie nicht häufig Widerstände", frage ich, „wenn Sie den Arbeitsuchenden empfehlen, in den Haushalt zu gehen?" —- „Sehr große Widerstände sogar!" antwortet Hannah Karminski, „besonders die jungen Mädchen, die aus Bürostellungen kommen, sträuben sich vielfach sehr dagegen, ins Haus zu gehen. Wer aus der: sozialen Berufen kommt, ist im allgemeinen leichter dazu zu bringen. Und dann die Mütter! Vielen will es absolut nicht einleuchten, daß ihre Tochter Hausgehilfin werden soll. Und wenn man auch sonst nicht allzuviel auf die Mutter hört, in diesem Fall versteckt man sich gern hinten ihr ,Machtwort'. Wir können dann nur immer wieder darauf Hinweisen, daß im Haushalt noch ein ansehnlicher Bedarf an Arbeitskräften besteht." — „Und wie geht es dann in der Praxis?" — „Es haben noch nicht alle Hausfrauen erfaßt, wie sie sich zn ihrer Hanshaltshilse zu stellen haben. Es besteht die Gefahr der Ausnutzung, es besteht das Verlangen nach einer besonders billigen Arbeitskraft. Hier bleibt noch manches zn tun. Aber die Mängel sind noch keineswegs so groß, wie oft behauptet wird." Selbstverständlich kann man nicht erwarten, das; alle Arbeitsllchenden auf die Tauer im Haushalt bleiben werden. Für manche wird es nur ein Turchgangsstadinm sein, eine Art Arbeitsdienst, dem sie vieles verdanken, wenn sie später auch andere Woge gehen. In Verbindung mit anderen Organisationen kann der I. F. B. auch für gewerbliche, pädagogische und soziale Arbeitskräfte in gewissem Umfange Lehren und Stellungen vermitteln. Mit großer Intensität ist ferner die Bit. d u n g s a r b e i t in den Frauenvereinen angeregt worden. ES ist ein Musterprogramm ins Reich geschickt worden, das den aktuellen geistigen Bedürfnissen Rechnung trägt. Als Grundthemen für Vorträge, Kurse. Diskussionen sind u. a. anfgesührt: Jüdische Geschichte, jüdische Lehre, Erziehungsfragen, Frauenfragen, Soziales und Hygiene, Tagesfragen an Hand der jüdischen Presse aller Richtungen, Geschichte des Zionismus, tenden Grundsätze meiner eigenen Haltung erkannt und festzuhalten versucht habe. Damals war :ch sehr unjüdisch, ich verspottete nach „aufgeklärter" Jungenart manches, was anderen, auch den Nächsten, heilig war. Das Zeremonialwesen, wenn es nur an Formen und Formeln hängt, erschien mir als ein Petresakt aus vergangenen Jahrtausenden, und noch heute ist es mir frernd. Aber die Saat des Elternhauses ist dennoch ausgegangen, dieses Verbundenheitsgefühl mit dem Judentum und, wie ich schon sagte, innig mit ihm verschwistert die deutsche Gemeinfchastsempfindung. Waren die beiden Brüder Fränckel, ältere Verwandte meiner Mutter, verknüpft auch mit der Familie David Kalischs, Juden oder waren sie Deutsche, als sie der Stadt humanitäre Institute in Milliononwert stifteten? Waren sie nicht vielmehr beides ganz untrennbar? War der Bruder meiner Mutter, L. W. Egers, nach seinem in jüngeren Jahren mit großem Erfolg betriebenen Unternehmen der „Fenchet- Homg-Egers" genannt, nicht beides, als er das gleiche tat? Daß er alternd außerdem ein Original war, immer umgeben von einer Schar junger Künstler und Literaten, die er durchfntterte, dann wieder knickrig, griesgränug, immer kränkelnd, einer von der Art der stetsargwöhnischen und zuletztbemitleidens-- lverten Reichem dies nur nebenher. Indem ich dies niederschreibe, sehe ich ihn vor mir: in seiner sehr vornehmen Jnnggesellenwohnung, angetan mit dicken Filzschuhen und mit einem Frack, der für festliche Veranstaltungen zu schlecht, zum Fortwerfen noch zu gut war. Aus dem Schreibtisch aber standen wohlabgezählte Geldhäufchen, die Stipendien für seine Schutzbefohlenen . .. Der Anteil des elterlichen Hauses an den geistigen Interessen der Zen war sehr lebhaft. Daß das Bücherspind die Klassiker enthielt, daß sie wirklich gelesen wurden und ihre Bände btm ehrenvollen Zustand der Abgenutztheit zeigten, wird noch heute durch eine Anzahl von Exemplaren erwiesen, die in meiner Bibliothek stehen. Schiller, Goethe« Lessing, von Shakespeare der „Hamlet" waren die nächsten Haiissrennde. Sie wurden gern zitiert, uiid wenn es „ohne Onellenangabe" geschah, begann ein lebhafter Disput, ob das berühmte Wort von Lessing. Goethe oder Shakespeare sei und in welch genauer Form es geschaffen war. Ueber den „Fairst" gab es zrvar keine philologischen Spitzsinde'leien, aber besonders die großen Stellen waren den Aelteren ganz geläufig. Als meine Mutter im hohen Alter das Gedächtnis für näher zurückliegende Dinge verloren hatte und darüber traurig war, entlockte ich ihr zur Beruhigung gern das „Habe nun, ach .. und sie hatte noch den ganzen Monolog am Schnürchen. Auch Heine und Börne gehörten zum eisernen Bestand, nicht weniger Ehamisso^ Hauffs „Alaun im Monde" wurde vor den Kindern vergeblich versteckt. Der engeren Heimat getreu, las man gern auch Schlesisches. Holteis Gedichte wurden vorgelesen und oft zitiert. Er lebte ja noch, man sah das alte Künstlerhaupt mit der Haarmähne, die einen dicken, nnpoetischen Grützbeutel am Halse verheimlichen sollte, in der Theaterloge. Man sah ihn auf der Straße, und öfter noch als diesen fahrenden Sänger traf man den vielfach dichtenden Professor der Jurisprudenz, Felix Dahn, dessen „Kampf um Nom" man gelesen haben mußte, ob man wollte oder nicht. Tie „Gartenlaube" wurde gehalten, sie war sehr vaterländisch gesinnt, war aber auch literarisch ehrgeizig und erschloß manche neuen Werte. Es war selbstverständlich, daß ans der Leihbibliothek von Hainaner die letzcen Romane geholt wurden, die dann eine lebhafte Erörterung fanden: der neueste Heyse. der neueste Scheffel, Spielhagen, Fanny Lewald, Gustav Freytag. Und nicht zuletzt Berthold Auerbach, von dem Treitschke, gewiß kein Freund der Juden, gesagt hat, er sei „ein treuer guter Kamerad, ein warmherziger Patriot". Er fügt hinzu, daß die Brüder Grimm in Auerbachs Dorfgeschichten eine Fundgrube sprachlicher Forschung sahen. (Fortschung {olgt}