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Central-Verein-Zeitung · 1933-05-11 · 19 (11.5.1933) · p. Seite 166

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
12 (1933)
Issue
19 (11.5.1933)
Date
1933-05-11
Page
Seite 166 (sequence 2)
Language
German
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Zöö Un groben Eegenpari. Mechthild vorführe. Gegen dieses Bild eines deutschen Judentums kämpst die nationale Bewegung: ihm galt der Boykott, der die Ehre des wirkt i ch c n Judentums tief verletzt hat, und ihm gelten auch die seither getroffenen Maßnahmen. Aber die erste Voraussetzung zur Bewaltigrmg der Wirklichkeit ist, sie zu erkennen. So sehr juristische Gesetze Wirklichkeit zu schaffen imstande sind, so wenig vermögen sie die inneren Gesetze deutschen Lebens auch nur um ein Haar breit zu verrücken. Es ist bisher keine maßgebende Stimme laut geworden, die darznstellen verflicht hatte, wie man sich das Leben der Juden in Deutschland sür die Zukunft vorstellt. Und doch ist diese Frage, nachdem sie durchaus ohne unser Zutun eröffnet ist, dringlich. Denn sogar nur „ruhig ihrem Gewerbe nachzugehen", wie einer der Führer jüugü die Aufgabe der Juden glaubte umschreiben zu können, dürste in einem „totalen Staat" nicht ohne weitel.es möglich sein, obwohl diese Wendung die Probleme weder kn'ihrer Tiefe noch in ihrer Breite erschöpft. Wenn nur daher auch weiterhin eine lebendige Anteilnahme an deutschen Angelegenheiten als Juden für möglich halten, so sind wir uns bewußt, mit unserem eigenen Lebensinteresie einen gewissen Bereich deutscher Kultur zu verteidigen, der aus tiefen und alten Quellen gespeist wird. Eine Betrachtung der Lage von jüdischer Eeite darf sich in diesem Augenblick feine wehmütigen Rückblicke erlauben, sondern hat entschlossen auszugehen von dem, was ist. Da 'stoßen wir zuerst auf die fast selbstverständlich geübte Gleichsetzung von Judentum und Liberalismus. Gerade wir Jungen, die an der liberalrstischen Spätzeit herbe Kritik geübt haben, . wollen nicht vergessen, daß seine Zeit die Höhe europäischen Lebens ge fühle s bedeutete, von Descartes und Spinoza, Leibniz und Hobbes über Lessing und Kant zu Goethe und Beethoven; und Deutschland wird nicht auf die Tauer vergessen können, daß die. Entstehung desReiches ohne die Sprengkraft, daß seine wirtschaftliche und geistige Blüte ohne die Expansivkraft des Liberalismus nicht zu denken sind. In der tausendjährigen Geschichte des Judentums aber find die liberalen Jahrhunderte nicht mehr als ein Tag — ein strahlender Tag Zwar, der uns erlaubte,.uns mit Zeit und Umgebung einig zu fühlen und rückhaltlos russere Kräfte für jedes allgenreinere Ziel einzusttzen, aber doch nicht mehr als ein Tag. der mm vergangen ist. Wir erkennen nicht erst jetzt, wieviel von den strengen Formen, denen das Judentum seine Erhaltung im Wandel der Zeiten verdankt, gefährlich abgeschlossen, welche Krastströme von nuferer ewigen Aufgabe abgelenkt worden sind, das Göttliche in der Welt Gestalt gewinnen zu lassen, und mir werden in der Rückkehr zu unseren Grundlagen die zertgebu ndene These des Liberalismus von seinem überzeitlichen Gehalt zu scheiden wissen. Tie nationale Revolution, die wir miterleben, ist eine Stufe aus dem steilen Wege zum nationalen Reich. Ein so wichtiger Teil des Programms auch der Antisemitismus im Augenblick zu sein scheint, so hat doch Italien ähnliche Grundgedanken ganz ohne diesen Beisatz verwirklicht, und man darf daran erinnern, daß auch Frankreich nach der tiefen Erschütterung des Krieges von 1870/71 auf dem Weg über die Judenfrage zu sich selbst zurückfand. Wir sind durchaus damit einverstanden, daß die Stellung der Juden nach ihrern Wert für Deutschland bemessen wird, nur muß die Frage in vollem Ernst und in ihrem ganzen Gewicht gestellt werden. Es geht auf die Dauer nicht an, R a t h e - nan s Rapallo-Vertrag zu erneuern und seine Schriften als undeutsch am Schandpfaht zu verbrennen. Und wie der „totale Staat" sür die Besetzung seiner Schlüsselstellungen Front g e i st, nicht Front dien st zur Voraussetzung gemacht hat, so wird er sich auch bei der Behandlung der deutschen Juden erinnern müssen, daß im Krieg eine restlose Totalität staatlicher Willensbestimmung bestand, die dem einzelnen nicht erlaubte, seinen Platz zu wählen. Jetzt nur die Frontkrieger als Bolldeutsche anzuerkennen, heißt M a ß st ä b e a n l e g e n, die nicht die des Krieges waren, heißt neben den Drückebergern, mindestens auch den Stab außer acht lassen; Tenn Männer wie Rathenau, der die Kriegswirtschaft aus dem Boden stampfte, oder Haber, der den Stickstoff aus der Luft hotte, haben manche heroische Leistung an der Front ebenso erst ermöglicht wie die militärische Leitung des Krieges, und die Erfinder unter Chemikern und Ingenieuren, deren freiwillige Meldung zur Front immer wieder zurückgewiesen wurde, die Fabrikanten, in deren Werkstätten Tag und Nacht die Räder sausten, die Schriftsteller in den geistigen Hauptquartieren und die Scharen aufopfernder Frauen, sie haben ihre Pflicht ebenso getan wie die, die ihre Ersparnisse den Kriegsanleihen der Nation zur Verfügung stellten und nun doppelt dafür gestraft werden. Kann aber der Sonderwert einer einzelnen Persönlichkeit im Kriege, und gar einer ganzen Gruppe, überhaupt maßgebend sein sür ihre Bedeutung im Gesamtgefüge eines großen Reiches? Aber alle Fragen solcher Art werden im 2fnc)€nf)licf grundsätzlich abgeschnitten durch die Formel, die deutschen Juden seien infolge ihres andersartigen Volkstums den Deutschen wesensfremd und daher weder imstande, Deutschland würdig zu vertreten, noch gar fähig, deutschen Geist auch nur zu verstehen. Hat es aber schon zu erheblichen Schwierigkeiten geführt, in den bisherigen Gesetzen eine scheinbar so einfache Regel auch nur negativ an der Wirklichkeit zu erproben, so wird ihre ernsthafte Anwendung auf positive Fragen der deutschon Kultur zu noch viel schwerer wiegenden Folgen führen. Wie die rassehygienischen W?3 v UfcJA 13 w Li 1 ss':23 Inäan fS? C«3 urJ F/jfäsn if befindet sich in Berlin-Charlottenburg 2, , % Kantstrasse 158. I;| Bankkonten:- Reiclisvertretung (Zern!jj fralausschuss der deutschen Juden für. :i‘- Hilfe und Aufbau) bei Gebr. Heyman, Berlin, Französische Strasse 47, und A. E. jj;1 Wassermann, Berlin \Y 8, W ilhelmplatz 7. j Postscheckkonto: Preussischer Landen verband jüdischer Gemeinden, Sonderjj! konto: Zentralausschuss der deutschen & Juden für Hilfe und Aufoau Berlin ij Kr. 70577. Einzelbesuche und Beratun- Ji gen nicht dort, sondern bei den in Nr. 17 j| der C. Y.-Ztg. veröffentlichten Stellen.; j Forderungen bisher noch kaum einen einj heiüichen als vorbildlich empfundenen j* Führertyp geschaffen haben, so wird man jl sich schwerlich zu der Folgerung verstehen/ § die zweitausendjährige Beschäftigung des Abendlandes mit dem „jüdischen Geists der | Bibel, die doch immerhin bemerkenswerte i Veränderungen des Erdballs hervorgebracht | hat, sür einen bloßen Irrtum zu erklären. *| Gewiß: wie die Blume des Weins, den jj Boden enthält, auf dem er' gewachsen, so lg tragen die zeitlosen Schöpfungen der Kunst | die Züge ihrer Herkunft aus geistigein | Klima, Kulturboden und Volkstum;' aber I hat man je eine Wolke bilden können/ weil mau weiß, daß ihr Regen entströmt - E Ebenso wie mit der Kunst steht es mit ß den anderen großen Gebieten. Der Libe- | ralismus hat theoretisch die Autonomie der ß Wissenschaft, der Wirtschaft, der Moral usw. | zur Geltung gebracht und hat sie praktisch ß immer wieder einschränken müssen; der j Nationalismus unterstellt alle diese Gebiete ß dem Primat der Politik und wird ihnen f praktisch doch ein weitgehendes Selbst- | besrimmnngsrecht einräumen müssen; an § die Mathematik kann man weder mit dem tz ..,Freund-Feind'-Degriss noch mit völkischen Gesichtspunkten herantreten, und in den! geschichtlichen Wissenschaften wird wie bisher j neben der Tendenz auch die Tatsache ihr Recht verlangen. . Ist es bei diesem Stand der Tinge ein Wunder, wenn das geistige r Leben Deutschlands heute im Zwielicht zu tz liegen scheint'S Ist aber die nationale Revolution eina mal dazu gelangt, der Wirklichkeit un-!j geblendet ins Auge zu sehen, so gewinnt - auch die jüdische Frage sofort eine ganz andere Gestalt. Die Emanzipation konnte wohl die rechtliche Gleichstellung aussprechen, nicht aber die bestehenden Unterschiede auf die Tauer verwischen. Noch -j viel weniger ist aber die jetzige Aussondernng imstande, die wirklich vollzogene j Eindeutschung der Juden ungeschehen zu j machen: „Deutsche gehen nicht zugrunde, h so wenig wie die Inden, weil es Jndn | viduen sind" (Goethe). Scheint jetzt die Assi- | milation als Irrweg, so ist das Problem | damit nicht erledigt, sondern erst § klar gestellt. Dis zum Kriege noch 1 war ganz allgemein die Tauft ' das | Fortsetzung Seite jj

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