Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 51 (16.12.1932)
- Date
- 1932-12-16
- Page
- Seite 517 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2277379-2277939-2277990--07698-2288627- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
„Gsrechrigksttl Zur L§fuu§ ösr IrZöLnftags" Eine neue Schrift von vr. Ir. c. Friedrich von Lvpeln-Bronikowfkr. Mit einem Geleitwort von Ricarda Huch. Nationaler Verlag Joseph Garibaldi Huch, BerLin-WilmersVorf. Preis 1,80 M. lern Werke ist ein Wort des Reichskommissars Tr. Bracht vorangesetzt: „2llir sitzen alle in einem Kahn, und der schlagt eines Tages um, wenn wir uns weiter-so raufen". Tie Broschüre von Tr. von Oppeln- B r o n i k o w s t \ soll in einer whr grossen Auflage insbesondere in christliche Kreise hineingetragen werden. Es handelt sich um das Werk eines kenntnisreichen Mannes, der tiefen Einblick in die Verhältnisse genommen hat, die sein Werk betreffen. Das Werk, das auch den jüdischen Leser interessieren wird, darf gröfne Achtung und Beachtung für sich beanspruchen. Der Geist, der die Schrift von Tr. von £ P- Pe l n - B r on i k o w s k i bcseelt, der Drang nach rückhaltloser Gerechtigkeit, muß'zu menschlichen Deelen sprechen, wich lvenn man zn manchen Ansfagnngen jüdifcherseits eine abrveichende Stellung einzunehmen gezwurggen ist. Trotz des starken Bestrebens zu objeltioer Einstellung, die aus jeder Zeile spricht, ist doch eine gefühlsmäßige Verallgemeinerung bei manchen Fragen anzutressen, die gewissermaßen von einem anderen User aus — d. h. anders, als wir sie sehen — betrachtet sind. Ilm so bewunderungswürdiger ist — trotz allein — der Wille, ausglerchende Gerechtigkeit zu üben imb zu verlangen. Ter Verfasser bemüht sich, in dem getrübten Verhältnis zwischen Juden und Christen die „Schuld" auf beide Zeiten gleichmäßig zu verteilen. Wer die Schrift von Tr. von Oppeln- Bronikowski liest, wird nicht den Eindruck gewinnen, daß er irgend'.vie gewollt mit ungleichen Maßstäben mißt, auch wenn man von jüdischer Seite die Empfindung haben kann, daß mancherlei Tinge in der Richtung auf uns schief gesehen sind. Ter Versager, Schriftsteller mit bekanntem Namen, kommt aus Offizierskreisen. Es ist nicht verwunderlich, daß er manches mit dem Auge seiner LtaadeZgenogen sieht. Tor Verfasser bemüht sich, den Anschein der Verallgemeinerung, den stellenweise seine Ausführungen erwecken könnten, stets nach besten Krästen^zu vermeiden. Es bleibt aber da und dort noch mancherlei Schatten zurück, den aufzuhellen wir Bedürfnis haben. Ein paar spiele hierfür: die Einstellung Zum alten Regime, zum Pazifismus, zum Freidenkertmm zu den Ostjuden.. Wenn auch vielleicht einige jüdische Literaten das alte Regime höhnisch ablehnten, alten verdienten Offizieren nicht respektvoll genug entgegengetreten sein sollten, so kann man doch unmöglich ein solches Verhalten als jüdisch bezeichnen. Tie weitaus überwiegende Mehrheit der Juden hat mit einer solchen Behandlung nichts zu tun. auck. »nenn sie mancherlei an dem alten Regime cms- Zusetzcn hatte. „P a z i s i s nt u s" — im Sinne , einer Vertue ichl ich ung, einer Erschlaffung — wird als eine allgemein-jüdische 'Angelegenheit, als eine bestimmt jüdische Einstellung angesehen und entsprechend gekennzeichnet. Hierbei wird zu wenig in Rechnung gezogen, daß Pazifismus auch eine Sache von Männern höchsten Mutes und ernstester Auffanuna, wie bei Fritjof Nansen, sein kann, daß Pazifismus nichts mit Weichheit oder Würdelosigkeit und Mangel an gerechten Ansprüchen auch an den Gegner zu tun haben braucht, daß auch bei Pazifismus die Voraussetzung stärkster körperlicher Ertüchtigung, ein Nicht scheuen vor . Gefahren vorliegen kann, ja bei ernsthaften Menschen vorliegen muß. Allan darf hier an die Quaker erinnern. die bei ihrer grundsätzlichen Einstellung Proben höchsten Mutes gegeben haben. Run ist Pazifismus zweifellos vielfach eine grundsätzliche Einstellung jüdischer Men''chm. .Keineswegs aber bei allen. Es gibt ferner auch große kalbolische und evangelische Kreise, die nch grundsätzlich zum Pazifismus bekennen. Alan darf auch in diesem Zusammenhang daran erinnern, daß im Keltzog- Pakt von Staatsmännern aller Nationen der Krieg als solcher als achtenswert bezeichnet wurde. „Pazifismus" in einem üblen Sinn wird aber zumeist nur den Juden angekreidet. Aehnlich steht es mit dem Begriffe des Freidenk er t u m s, der gern mit Atheismus gleichgesetzt wird. Obgleich der Verfasser auch bei der Behandlung der Ostjudensrage eine abschätzende Verallgemeinerung ausdrücklich ablehn!, geht der ganze Tenor der speziellen Ausführungen — sicherlich nicht in dem Bewußtsein irgendeiner Ungerechtigkeit — dahin, bei dem Leser den Eindruck zu erwecken, daß cs sich hier allgemein mit wenigen Ausnahmen um mangelhafte Zeitgenossin handle. Bei den Ostjuden sind alle stände, alle Berufe, alle möglichen Temperamente und Eharktcre. insdesonders aber auch so viellaÄ dringendste Not vorhanden, die manches nicht zu billigende Verschulden erklärt. Tabei ist zu betonen, daß die Zabl der Tstjuden, die während des Krieges in großer Zisscr vom General Ludendorss für Kriegs zwecke nach Teuischland transportiert worden sind, in der Gegenwart außerordentlich abgenommen hat. Tie tatsächliche Ziffer der jetzt noch in Deutschland lebenden Cüjubcn ist verhältnismäßig gering. Es ist sehr verfehlt, in diesem Zusammenhang, wie das von' manchen Seiten geschieht, von Ueberschwemmung oder Landplage oder ähnlichen Tingen zu sprechen. Daß der Terror und die Bluttateu der Nationalsozialisten — deren imperatives Motto lautet: „Juda verrecke^ (eine Aufforderung, aus die einer unserer jüdischen jungen Menschen gesagt hat, mau gönnt uns nicht mal eine anständige Art des Sterbens) — geringer sein sollen als die der Linksradilalen, wird schwer verständlich erscheinen bei einer Partei, mit deren Nam.cn weit über hundert Friedhossschändungen in Verbindung gesetzt Werden müssen. Tock) alle diese Einzelleiter!, in denen wir die Tatsachen anders sehen als der Verfasser, andern nichts daran, daß hier ein überaus anerkennesweries, ehrliches Bemühen um Erkenntnis der wahren Zusammenhänge in jeoer Zeile sichtbar wird. - So sind in bexn Kapitel „Tw Juden und die deutsche Kultur"' die jüdischen Kulnirlerstungen unter Aufzahlung einer Fülle von Persönlichkeiien so rückhaltlos anerkannt, daß schon mit Rücksicht auf dieses Kapitel der Titel des Buches seine Rechtser na un g in sich trägt. Ter Verfasser will Erkenntnisse verbreiten und auf ihrer Grundlage gerechte Verhältnipe bisher vielfach getrennter Gruppen herbeckühren. Er ist sich der Schwierigkeit seiner Aufgabe bewußt. doch er macht sich dabei Schopenhauers Wort zu eigen: „Indem, man sucht, menschliche Erkenntnis^ und Einsicht Zu fordern, wird man stets den Widerstand des Zeitalters empfinden. Tann muß man sich trösten mit der Gewißhoih zwar die Vorurteile amen sich, aber die Wahrheit für sich Zn haben, welche, sobald nur ihr Bundesgenopr. die Zeit, zu ihr gestoßen sein wird, des Sieges vollkommen gewiß ist, wen» auch nicht heute, doch morgen." Ter Verfasser hat mit seinen Bestrebungen, nicht nur mit diesem Werke, einen mutigen Anfang gemacht. Wir dürfen Worte aus dem Beginn dieser Besprechung wiederholen: Sein e Ausführungen beanspruchen größte A ch t u n g und B eacht u n g. ^Ikreck Goldsriunidt. 517 Joseph EZoths,RKKLtzkMa§scl/ Wir kennen die Sprachkunst Joseph Rvchs seit seinem „Holet Savoy", fett seinem „Hi ob", wir wissen ■ um seine Verbundenheit' mit den Menschen des europäischen Ostens, um feine Kenntnisse der jüdischen"Seele. Noch nie aber hat er wohl die ^ecle eines Landes und die Seelen seiner Bewohner mit selch sprachlicher Kunst geformt wie in seinem neusten Roman „Radetztymarsch" (Vertag Gustav Kiepenheuer, Berlin, Preis 6,8-0 MI, der auf dem Buchmarkt dieses Herbstes einen großen und tiefgreifenden Erfolg Zu erringen vermochte. Man wird verführt, sich dem. Wohllaut dieser spräche hinzugeben, in ihren träumenden, melancholischen Bildern zu versinken, in Erinnerungen hinabzutauchen und über dieser Kunst des Wortes den eigentlichen Gehalt des Buches zu oergencn: den tlntergang der Donaumonarchie. Vor wenigen Monaten erschien das Buch „Tie letzten Jahrzehnte einer Großmacht" von Rudolf S i e g h a r t, dem Berater vieler österreichischer Minister, dem Präsidenten der .Bodencreditanstalt" im neuen Oesterreich. Was Sieghart in diesem in Tiplomatcmreisen viel beachteten Buch über den zwangläufigen Verfall der Donaumonarchie auf Grund feiner intimen Kenntnisse des Borkriegsösterreich Politisch schrieb, das har Joseph Rost) Fetzt dichterisch erfaßt. Er weiß so gut wie ^ieghart, daß das Auseinanderörechm dieses Riesenreichs mit dem Tod der fast mychischen Persönlichkeit des Kaiser Franz Josef, der gesalbten Majestät, unabänderlich erwlgen, daß eine Cencrarion, der der religiöse Glaube verlorengegangen war und die an feine Stelle das Nanonalbewußlsein gepflanzt hatte, dieses weiche, fast betäubende Joch sprengen mußte. Beide sind sich aber auch klar darüber, daß das. was daraus erwuchs, die Gründung der neuen Staaten im Toncmraum, zu noch schwereren Konflikten führen muß. Tie nationalen Instinkte wurden befriedigt, die wirtschaftlichen Notwendigkeiten aber mit Füßen getreten. Tas ist der historische Hintergrund beider Büchest Sieghart zergliedert die polirisch-wirtschaftlichen Tatsachen, Joseph Roth die gesellschaftlich- P lychol ogstchen. In der Micke feines Buches steht das Todesgespräch, das der'jüdische Regimentsarzt Map Demant, der Sohn eines jüdischen Schankwirts, mit denst Freiherrn Gar! Joseph von Trotta, dem Enkel des Helden von Solserino, führt. Max Dem aut Mt im Tuest als Opfer überkommener gesellschaftlicher Konventionen- Earl Joseph folgt ihm wenige Jahre später ins^ Grab als Opfer eines zustunmeustürzeuden Reiches. Mar Tenmnt trieb das Blut in die Studierstuben und das Gesetz des Schicksals in die Reihen des Militärs, Earl Joseph treibt es zur Scholle, zur Natur, und auch ihn zwingt das gleiche Schicksal, in der Reihe zu stehen in schmucker Uniform und mit blitzendem Togen. Nicht daß die beiden das Militär haßten, daß sie feine rauhe Schönbeit und seinen spielerischen Leichtsinn, dieses Nebeneinander von Tod und Leben/von Romantik und harter Wirklichkeit verkennen, nein, das ist es nicht: sie fühlen beide nur, daß ihr Blut sie andere Wege treibt. Und so ist der letzte Rat, den Demant -feinem jugendlichen Freunde gibt, der, aus der Armee auszuscheidcu. Hub diese Hinterlassenschaft des väterlichen Freundes, der ihn allzu früh allein in dieser schicksalsschwanzcreu Wett zu rückläßt, liegt schwer auf Earl Joseph. Und als er sie endlich an getreten hat, als er mit festem Schritt durch die Wälder geht. vis ggüüdi3uJu Versicherungsvereina.G.,Berlin, das jüdische Gegenseitigkeitsunternehmen ohne Nachschusspflicht,die Vertragsgesellschaft grosser jüdischer Verbände u. Organisationen, empfohlen von zahlreichen jüdischen Verwaltungen und Persönlichkeiten , versichert für den Todes-ynd Erlebensfall zu den günstigsten Bedingungen einschliesslich Unfaifzusaizvers scherung ohne Sonderzuschlag. Ängelehnt an die Victoria zu Berlin« Näheres durch die Direktion Berlin $1 24, Oranienburger Strasse 1 [Telefon: Weidendamm 8707, und unsere Mitarbeiter.— . -