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Central-Verein-Zeitung · 1932-11-11 · 46 (11.11.1932) · p. Seite 464

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
11 (1932)
Issue
46 (11.11.1932)
Date
1932-11-11
Page
Seite 464 (sequence 4)
Language
German
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464 Dr. Alfred Huschberg: Alte und neue Aufgaben (Schluss von Seite 462) gegen unser Judesein Ausfallen. Eine Aufklä-rung über uns, die uns mit der jeweiligen Auffassung des Aufzuklärenden gleichstellen würde, wäre eine Verschleierung der Wirklichkeit, die sich in dem Augenblick grausam enthüllen müßte, in dem an stelle der herrschenden Strömung, gut die man so weitgehend Rücksicht nehmen möchte, neue, gegeugerichtete treten, die man vorher vernachlässigte. Tas deutsche Judentum darf keine LsinkW aufklärung und keine Rcchrsaufklärung treiben. Seine Arbeit darf nich- Richtungen, sondern muß der Gesamtheit gelten.- Tas schließt nicht etwa die Rücksichtnahme auf die Psychologie des Hörers, auf den ihm vertrauten politischen und wirtschaftlichen Leberskreis aus. Selbstverständlich muß die Swmrahl so gehalten werden, daß von ihr die nachhaltigste Wirkung erwartet werden kann. Diese wechselnden psychologischen Grundsätze aber zugleich zürn Inhaltder Arbeit machen, hieße den Grundsatzwechsel zum Prinzip erheben. Wir fühlen uns nicht den gerade herrschenden Meinungen und den gerade modernen Strömungen gegenüber verpflichw-t und verknüpft. Unsere Verpflichtungen und Verknüpfungen gehen ans den überzeitlichen deutschen Boden, gehen an die ewige deutsche Zukunft. Neue politische Quer-' schnitte Sind wir uns so über die inneren Grundlagen unserer Arbeit klar geworden, die wir in der Berührung mit den gewohnten Faktoren in Staat und Gesellschaft zu verrichten haben, so erhebt sich die Frage, wie wir den neuen Erscheinungen in Schichtung und Gestaltung unserer gesamten Gesellschaft Rechnung zu tragen haben. Tie Arbeit innerhalb und über den Parteien war ein ebenso bequemer wie zrveckmäßiger Weg. solange die Zugehörigkeit der Menschen zu gewissen Parteien stark genug war, um sie im Rahmen der Parteiarbeit auch an die Fragen des Antisemitismus heranznwhren. Daneben machen sich für zahllose, ins best adere für die jüngeren Menschen Einflüsse neuer Gemeinschaftsbildungen geltend, aus denen sie ihr politisches, weltanschauliches und staatsbürgerliches Bild entwickeln und formen. Ter hündische und der ständische Gedanke beginnt die Masten zu beherrschen. Sie überlasten Verein und Parteiorganimtionen gern den Funktionären und den Menschen der älteren Generation. Sie selbst bewegen sich stattdesieu in Kreisen, in denen keine gelegentliche Entscheidung durch Sitzungen oder Stimmabgabe, sondern d a u crnd e Gedanken- und Lebens ge me mscha ft verlangt und auch gegeben wird. Sie bilden ein Grupvenbewußtstin aus und beurteilen andere Menschen danach, ob sie sich zu Gruppen zusammennndcn und welche Gruppenwerte sie aufwästn. Sie schassen sich ihre eigene Werteordnurg von dem, was lebenswichtig für sie ist, und diese ist häufig anders als die überlieferte Werlskala. Tie Parteischemata sind für sie beiläufige Grenzen. Tic Gruppensorderung und die Gruppeuziele gehen quer durch die Parteien. Tie „Gewerl'schaüsregiernng", jene oft dementierte Meldung von einem Eruhoitsvroararnn.r Skrasser-Stegerwald- Leipart beispielsweise iw in der Vorstellung breiter Arbeitermaneu keine Utopie und kein Geftnnuugsverrat .nehr weil sie in ihnen nicht mehr Vertreter feindlicher oder konkurrierender Parteien, sondern die Führer von tOtcnfanm gleicher Lebens- und Klasieulage sehen. Im Freiwilligen A r b e i t s d i e n st vor allein wachsen junge Menschen der verschiedensten Hcrkunstsbezirke, Bildnngslreist. Gescllschastsschichten zu einer neuen Einheit zusammen, die sich dort ihr Büd von Arbeit, vom Staat und von Ansprüchen und Notwendigkeit der Gemeinschaft formen. In den weiten Bezirken der Siedlungen, a:n Rande der Städte sowohl wie in den stadtfernen ländlichen Bezirken, finden stadtmüde Menschen ihr Ausruhen im Wachwerden an der Natur. Ihr Abstand von dein, was bisher für sie wichtig war, vergrößert sich, ihre Bedürfnisse werden anders und darum wird auch ihr Denken über den Raum, den die bloße Bedürfnisbefriedigung in ihrem Dasein bisher eingenommen hat, ein anderes. Tas sind kurze Streiflichter ans teilweise sehr unbekannte, aber schon heute wichtige und künftig vielleicht rnaßgebende Lebensbezirke des deutschen Volkes. Wie sich in den Köpfen dieser Menschen das Bild vom deutschen Judentum künftig einmal ab zeichnen wird, wird von ausschlaggebender Bedeutung für die Stellung des deutschen Judentums innerhalb der deutschen Gemeinschaft sein. Bor den Menschen dieser Gemeinschaften auf die Leistungen der Vergangenheit hinzuweisen, aus Verdienste der Väter zu pochen, wäre verfehlt. Unser lebenswertes Sein als Juden innerhalb unserer Umwelt und damit die unzerstörbare Wirkung für unser Recht aus Zugehörigkeit zu ihr können wir nur dadurch dartun, daß wir auch in den neuen Bezirken deutschen Lebens unsere Bedeutung für das Werdende zeigen. Das muß zunächst innerhalb der nicht jüdischen Gruppen versucht werden. Erst wenn sich diese, mißleitet, der Angliederung jüdischer Menschen versagen, darf mau versuchen, jüdische Gruppen zu bilden und ihren Wert für die Gesamtheit zu erweisen. Tie geistigen, die wirtschaftlichen, die religiösen, die politischen, die jugendbewegten Gruppen des deutschen Judentums haben hier wichtige Aufgaben zu erfüllen. Es sind schwere Probleme, die sich hier ganz neu aber unerhört wichtig darbieten. Nichts wäre falscher, als in dem gegenwärtig zu beobachtenden stärkeren Interesse von Vereinen, Organisationen und Gesellschastsschichten an einer objektiven oder sympathisch gefärbten Darstellung der Judensrage und einer möglichst umfangreichen Befriedigung dieser neuen Interessen die Verpflichtungen des deutschen Judentums erfüllt zu sehen. Auch was und wie es in dieser Beziehung bisher geschah, kann und wird es im wesentlichen weiter gehandhabt werden. Mi: der Zahl der interessierten Menschen wird auch der Umfang und die Mannigfaltigkeit der Arbeit wachsen. Aber die Erschließung und Bearbeitung der n e u e n Bezirke ist das große Problem, über das noch viel zu sagen ist und um das die besten und einsichtsvollsten Köpfe unserer Gemeinschaft sich zu mühen verpflichtet sind, Fm AswVf Dfe Mgs Dsr echmösne v.-Srlsf Proteste - preßgefttzirchs Herrchtrgungin — EmstrssU-ge Verfügung gegen öen Aushang In der „C.-D.-Zeitung" der letzten Woche hatten wir unseren Lesern „die dreisteste Wahllüge" vorgesetzt. Es handelt sich, wie erinnerlich, um eine Fälschung, die im Kamps zwischen benachbarten Parteigruppen, zwischen den Nationalsozialisten und den Tentschnationalen. namentlich in den letzten Tagen vor den Reichstagstvahleu eine beachtliche Rolle gespielt hat. Jenes streng vertrauliche angebliche Rundschreiben der Ortsgruppe Berlin des Eentral- Vereins, das wir im Faksimile veröffentlichten, ist nicht nur zahlreichen rechtsgerichteten Persönlichkeiten als anonyme Drucksache ins Haus geschickt, sondern darüber hinaus in vielen Teilen des Reiches, aus dem flachen Lande wie in Groß- und Kleinstädten unter die Massen der Bevölkerung verteilt worden. Nationalso.zialistische Zeitungen veröffentlichten das „Dokument" in aller Breite und Ausführlichkeit mit entsprechenden politischen Kommentaren. Die aufsehenerregende „Mitteilung" wurde in faksimilierter oder gedruckter Form, mit oder ohne Kommentar, mit mehr oder weniger reißerischen Schlagzeilen dem nationalsozialistischen Publikum dargcboten. Die Ucberschristen waren recht verschieden: „Die Wahlparole der Judenft „Das wahre Gesicht des Herrenklubs und der D. N. V. P.st „Alle Juden wählen deurschnational. Die Regierung von Papeu steht ihnen intim, wohlwollend und frc11nbfd)aftTicfj gegenüber", „Wir Juden wählen deutschnatioual. Ein bezeichnendes Geheimschreiben des E. Bll. Und dabei hieß es zuweilen in den einleitenden Worten, daß es „geum.geu sei, das Originalrundschreiben des Zcutralvcreins deutscher Sraals'bürgcr jüdischen Glaubens in die Hände zu bekommen". Ter C. B. wurde mit erregten Zuschriften, dringlichen Rückfragen, Originalen oder Kopien des Flugblattes, mit Telephonaten u. dergl. mehr überschüttet. Rechtsstehende nichtjüdische Persönlichkeiten, vorwiegend aus ländlichen Gegenden, die meist den Schwindel sogleich bemerkt hatten oder wenigstens witterten, erbaten umgehende Stellungnahme oder schnellste Auskunft. Viele verurteilten das Vorgehen der Fälscher, andere, aber iu weit geringerer Zahl und in politischen Dingen scheinbar weniger unterrichtet, wußten nicht recht, was sie mit dem Zirkular ansimgen sollten. So ging eine Fülle von Material ein, das die politische Stimmung in weiten Volkskreisen beleuchtete und zeigte, daß die Fälschung als aus einem ganz bestimmten politischen Lager stammend erkannt war. Vorn, ersten Augenblick des Bekanulwcrdens der Fälschung au traten die Hauptgeschäftsstelle und die Landcsverbandsbüros des C. V. in Tätigkeit, um ben offenkundigen, aber außerordentlich weit verbreiteten Wahlschwindel mit allen zur Verfügung stehenden gesetzlichen Mitteln zu bekämpfen. Tie Pressestelle des E. V. versandte an die große deutsche Tagespresse und die großen Nachrichtenbüros eine Protesterklärung des Ecntratvcrcins, in der es u. a. hieß: Dieses Rundschreiben ist eins plumpe Fälschung mit durchsichtiger Der;den;. Der Ecutralvcrcru deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e. V., der parteipolitisch neutral ist, hat weder dieses noch ein ähnliches Rundschreiben hcrausgcgcbcrr; eine Ortsgruppe Berlin des Eentralvcrcirrs, von der dieses

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