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Central-Verein-Zeitung · 1932-11-11 · 46 (11.11.1932) · p. Seite 462

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
11 (1932)
Issue
46 (11.11.1932)
Date
1932-11-11
Page
Seite 462 (sequence 2)
Language
German
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462 gebliche Tatsache, daß mehrfach mrcre Gemeinschaft ablehnende Aeußerungen in den Kreisen der sozialdemokratischen Partei und der Gewerkschaften vorgekcmmen kux sollen, für die Partei ungünstig zu beeinflussen. Tenn selbst wenn dies der Fall wäre, so kennen wir doch die Menschen und die Verhältnisse zu genall, um nicht zu wissen, daß Führer und Führende in der Sozialdemokratie der alten Grundidee zufolge sür die Gleichwertigkeit aller Menschen eintreten und auch sür das spezifische Leid unserer jüdischen Gemeinschaft Verständnis besitzen. Die Wahlen find vorüber — wir ziehen aus ihnen die Lehre und beu Auchorn, immer wieder ron neuem für die sittliche Berechtigung und sür die innere Kräftigung nuferer Gemeinschaft zu wirken. Wie das im einzelnen unter Zugrundelegung der neuen Verhältnisse zu geschehen hat, welche Schwierigkeiten zu überwinden sind, wie unsere kleine Schar in Treue zu ihrer Gemeinschaft und ihrem deutschen Vaterland 'unter den veränderten Zeitverhältnisien wird austreten müssen, werden Aufsätze zeigen, die wir in den Spalten unseres Blattes in naher Zukunft zu veröfftntlichen gedenken. Ursprung 1835 SPflR-UÜB l!BE!3Sy£nS!GH£fflJäS Mk-MMWWLM lagern waren Juden politisch beheimatet, konnten sie ihre Weltanschauung und ihre Interessen verwirklicht finden.. Eine Clc.ichsetz.ung von Judentum mft bestimmter Partei konnte darum mit sachlicher Berechtigung nicht gemacht werben, und Ausstieg und Verfall von Parteien besagten für die jüdische Gesamtheit nichts Endgültiges oder Verhängnisvolles. Unsere politische Gleichberechtigung endete man, wenn irgendeine Partei endete. Tenn über der Partetgednndencheit des einzelnen stand unsere ererbte und erworbene staatsbürgerliche Gleichberechtigung. Es wäre nun bei unserer Arbeit im einzelnen ein gefährliches Beginnen, wollten wir, was im bestimmten Augenblick vielleicht verlockend wäre, in Ueberschätzung psychologischer und taktischer Zweckmäßigkeiten die Darstellung von dem, was wir als Inden sind, unter dom Gesichtspunkt vornehmen, wie die Persönlichkeit oder Gruppe, die jeweils unser Publikum bildet, uns am uebsten sehen möchte oder wie es ihr am meisten schmeichelte. Manchem mag es sehr klug Vorkommen, Sympathien siir die jüdische Gemeinschaft zu werben, indem er im Kreise von Freidenkern nachweist, daß die Juden zum Freidenkertum neigen — im Greife von strenggläubigen, daß Grundzng des Judentums die Gläubigkeit sei —, im Kreis von Pazifisten, daß die Inden von Grund auf Friedensfreunde sind — und in Kreisen militärischer Organisationen, daß die jüdische Jugend Deutschlands zähneknirschend aus den Revanchekrieg warte. Tie jüdische Gemeinschaft birgt Typen und Grundzüge aller Art; unser Stolz und auch unser Anspruch an die Umwelt ist, daß wir zwar das Volk des Buches, aber „fein ausgeklügelt Buch", sondern eine Gemeinschaft mit ihrem Widerspruch fi:D. Diese Widersprüche sind eine selbstverständliche Ergenschast jeglicher menschlicher Gemeinschaft; sie sollen und müssen wir der Umwelt ehrlich und rückhaltlos zeigen und nahebringen. gleichgültig mit wenn wir es Zu tun haben. Reden wir nur dem Dhr des Hörers zuliebe, so werden wir in der Auffassung der Umwelt keine Gemeinschaft des Mannigfaltigen fein, der man vertrauen kann, sondern bestenfalls ein schillerndes Etwas, das zwar interessiert, dem man aber m i tz t r a n t. Auch eine rückhaltlose Anpassung im* ferer Verhandlungssührung an gewisse zeitlich bedingte geistige Strömungen und politische Stirn« rn'.mgen wäre verhängnisvoll. Wir haben beobachten Wunen, wie in unserer Umwelt ein stau-, diges Hin und Her von Partei zu Partei, von Anschauung zu Anschauung erfolgt. Uns Ist diese beaueme Preisgabe von Grundsätzen und Grundlagen nicht möglich, weil unser Judescin solche Wandlungen mitzrnuachen nicht znläßt, die ' Schluss auf Seite Alte und neue Aufgaben Von Dr. Alfred Hirschberg Nationalsozialistische Dämmer ung? Niemand, der weiß, wie tief die Furchen sind, die die dreizehn Jahre Nationalsozialismus in die Seele des deutschen Volkes gegraben haben, wird den Verlust von 34 Mandaten, den die Partei am 6. November erlitten btt, an sich schon als ein politisches Ereignis von grundlegender Bedeutung cmsehen. Eine Partei von fast 12 Millionen Wählern mit 196 Mandaten stellt nach wie vor einen Machtfaktor dar, mit dem die Träger der Macht ebenso sehr wie die öffentliche Meinung zu rechnen haben. Trotzdem aber wird man sagen dürfen, daß der 6. November einen Wendepunkt in der Entwicklung des Nationalsozialismus und damit auch in der inneren politischcn Struktur des deutschen Volkes bedeuten kann. Zum erstenmal hat der Nationalsozialismus, diese „unbesiegbare Bewegung", wie ihre Führer sie nannten, einen Rückschlag erlitten. Damit ist das deutsche Volk von der Zwangsvorstellung befreit, als ob alle Entscheidungen der Staatsführung im Schatten dieser Partei, nur mit einem Seitenblick aus ihre Agitationsparolen, erfolgen dursten. Zum erstenmal hat die Suggestion der Führung nicht ansgereicht. Zwei Millionen Menschen weniger folgten den Hakenkreuzsahnen, die bisher von Wahl zu Wahl zur Vervielfachung, mitunter bis zur Verzchnfachung ihrer Anhängerschaft geführt hatten. Das „Dritte Reich" ließ zu lange auf sich warten, und die offenbare Verbrüderung der Berliner Nationalsozialisten mit den Kommunisten, die durch den Berliner Verkehrsstreik klar sichtbar wurde, mdte auch das nationalsozialistische Gerede, sie seien das „letzte Bollwerk, gegen den Bolschewismus", wirkungslos. Jetzt werden viele von denen, die bisher die Lbclt nur durch den Kops der Nationalsozialist scheu Führer, durch die alles verzerrende Brille ihrer Zeitungen kannten, versuchen müssen, mit eigenen Augen ihre Umwelt zu. sehe;?. Und davon, wie diese Umwelt es verstehen wird, sich ihnen darzustellcu, wird es abhängen, nach welcher Richtung diele vom Mnwualso.ziallsmus abgesprengten Menschen und die vielen, die ihnen hoffentlich folgen worden, sich aus die Däne r wenden werden. ' Richtung und Grundlage unserer Arbeit Ein großer Anreger Er der Nauonttwüa- Usmus auf allen deutschen Lebcrisgcbielcn gewesen. Er hat Entwicklungen zum Guten und Entwicklungen zum Schlechten, die irgendwo im Keime lagen, mit revolutionärem Tempo bis nahe ans Ende und teilweise zum Ende ge-. führt. Die großen Fragen von Demokratie und Diktatur, vom Individualismus und Kollektivismus, von erdgebundener und wcltgülliger Kultur, vom Staatsbürger- oder Volksbürgertum, vom Volksgenossen und vom Blutsgenosieu hat er gestellt. In falscher Zuspitzung der Begriffe hat er Lötungen gefunden, die den deutschen Juden und theoretisch gesehen den Juden der ganzen Welt jeweils das Vaterland alisprechen. Wenn auch politisch die Zwangsvorstellung des Nationalsozialismus durch das Ereignis vom 6. November hoffentlich erschüttert ist, diese ,.geistig-mystischen" Vorstellungen sind noch vorhanden. Weit über den Parterkreis und über ihre Wählerschichten hinaus sind die Geister vergiftet worden, und die Gefahr ist groß, daß diese Gedanken durch die Rückläufer aus den nationalsozialistischen Reihen jetzt in noch weitere Gruppen hmeingetragen werden. Diese Tatsache stellt den Eentralverein vor die Ausgabe, in Form und Inhalt seiner Arbeit die 'Wandlungen in den Zeitströmungen zu bedenken. Ueberflü'ng zu sagen, daß hierbei niemals flache Taktik, sondern nur sittliche Motive maßgebend sein können. Der äußere Aufbau des Staatswestns ist der Bedeutung der einzelnen Stellen nach unverändert. Die Träger der leitenden Staatsämter sind jedoch anderer Geisteshaltung als in den ersten dreizehn Jahren der Weimarer Verfassung. Das ist in dem Verkehr mit diesen maßgebenden Stellen zu bedenken. Auch die Formung der öffentlichen Meinung geschieht rein äußerlich mit denselben Mitteln wie vorher. Aber die A u s m a h [ der Mittel muß eine andere sein. Auf dem Gebiete des 'Rechts, des Wirtschasisttbeus und der Kultur, überall sehen wir äußerlich den vertrauten Mechanismus. Aber der Zugang zu ihm erschließt sich nur. wenn mau das neue „Semm öifne dich" auszuiprechen weiß. Wir leimen Meie Umstellung ohne Gefährdung unserer Grnndgesinnung verrichten, denn wir waren uns immer darüber klar, daß wir bei aller unserer Zielsetzung niemals den jeweiligeu Verhandlungspartner, sondern stets die N ui \v c 11 a l s Ganzes im Auge zu behalten harten. Gewiß ist es praktisch nicht möglich, auf alle .stresse und Schichten gleichzeitig einzuwirken. Aber es ist, bei allem, was wir Lun, notwendig, üch vorzustellen, als v b a l L e K r c i s e u n d S ch i ch t e n u n s g! e i ch zeitig hartem Tie Erfahrungen der politischen Eingliederung des deutschen Judentums müssen auch für die Arbeit ans allen Gebieten nutzbar gemacht werden. Unsere Stärke war immer mrere mangt-mde politische Einheitlichkeit. In fast allen Partei¬

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