Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 45 (4.11.1932)
- Date
- 1932-11-04
- Page
- Seite 449 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Serttn, 4.November 1932 XI. Jahrgang ♦ Nr. 45 . tfinjelr.ummer 20 Pfsapig W 71 ■ ' *" ' / / / / ffv/ / / o TT^. .••'Fl & ' 71 >; Jt' ■ ~ ' ' V / / ihnm ij {****<&* l iJ j 0 Q l! .ih 9 p r? Vr-P I / / tf-//',• / 4J> «Li 0 s' © Aus — ly/rrf -f- M* E. Alls allen Landesieilen gehen uns Schreiben von Mitgliedern und Freunden zu, die von der bangen Sorge diniert sind: Wird auch jeder wahlberechtigte Jude arn Sonntag seine Wahlpflicht erfüllen? Es ist kein Zweifel, daß die Wahlfreudigkeir durch die vielen Wahlen dieses Jahres stark gemindert ist und mancher meint, sich die Oual der Wahl dadurch ersparen zu können, daß er nicht wählt. „Es wird ja doch wieder aufgelöst", so sagt und denkt man. 'Diese Ausflüchte sind von ungeheuerer Gefahr. Tie Erfahrung hat gezeigt, daß das Sinken der Wahlbeteiligung stets nur von den Anhängern der Mittelgruppen verschuldet wird. Tie Radikalen haben es noch immer verstanden, die letzten ihrer Anhänger und Anhängerinnen an die Wahlurne zu bringen. An einem praktischen Beispiel mag gezeigt werden, inwiefern der Säumige seine Gegner unterstützt. Nehmen wir an, die Nationalsozialisten gehen vollzählig zur Wahl und erhalten somit die Zahl ihrer Mandate; sie hatten bei der Wahl vom 31. Juli rund in Millionen Stimmen abgegeben und damit 220 Sitze erlangt. Bei etwa 38 Millionen Gesamtsummen haben die Nationalsozialisten jetzt 220 von 610 Sitzen. Bleibt nun die Zahl der Nationalsozialisten auf ihrer jetzigen Höhe, sinkt aber die Gesamtzahl der Wähler durch die Wahlmüdigfeit der Mitte z. B. auf 32 Millionen, so bedeutet das indirekt eine starke Zunahme des Einslusies der Nationalsozialisten im Parlament. denn es würde nun nur noch etwa 570 Sitze haben. 'Die Nationalsozialisten hätten also ohne Stimmengewinn eine relative Zunahme zu verzeichnen. Wir wollen mit diesem Beispiel nicht etwa prophezeien, daß die Nationalsozialisten in der alten Zahl in den neuen Reichstag einziehen, sondern lediglich die Folgen verdeutlichen, die das Nichtwählen jedes einzelnen für die Gesamtheit bedeutet. Gerade wenn man hofft, daß der Gegner zum ersten Male vielleicht eine fühlbare Deutschland erhalt in diesen Tagen einen politischen Anschauungsunterricht, dessen merkwürdige Lehren hoffentlich auch über den 6. November hinaus in Erinnerung bleiben mögen. Es ist ein „Schnellkurs' in Frontwechseln. in Parolenumkehrungen, in Spekulationen aus die Vergeßlichkeit des Wählers! Der Nationalsozialismus, der seit langem die Rolle des praeeeptor germaniae für sich in Anspruch nimmt, erteilt den Unterricht. Er begeht dabei aber einen merkwürdigen methodischen Fehler: er wendet die veraltete Unterrichtsform des Ausscheltens und des Prügelnd an, während die Schülerschar selbst mitten im Arbeitsunterricht stobt. d. b. von den Erscheinungen der Umwelt und den eigenen Erfahrungen in jedem Augenblick über das eines Besseren belehrt werden, was-ihnen die rauhen Lehrmeister mit Schimpfen und Rohrstoll einbläuen wollten. Wir Juden stehen, das ist nicht neu, als Prügelknabe und zugleich als Anschauungsobjekt in der Ecke, sozusagen als Muster des anormalen Schülers. Was uns an Politischem, Geistigem, Kulturellen! auch nur im entferntesten nahekommt, das ist fehlerhaft, vaterlandslos, bolsachwiftisch. und je starker der Schüler von diesen! Maßstab abweicht, desto mehr wird er gelobt. Es ist noch gar nicht lange her, da saß der Kreis von Männern, die auch jetzt noch um' Herrn von Popen und Herrn Hugenberg stehen. Schlappe erleiden könnte, muß man bis zum letzten Augenblick die Nerven behalten und feine Pflicht bis zum äußersten erfüllen. Das Rechenerempel zeigt, wie wichtig die restlose Ausnützung jeder einzelnen Stimme ist. Deshalb keine Dahlmüdigken, keine Dahlenlhallung, sondern volle Erfüllung der Wahlpflicht am 6. November. auf der Bank der Musterschüler. Aber heute gehören Hugenberg und von Papen zu den Schülern, denen die Nazis am liebsten den weiteren Besuch der Klaffe verbieten würde. Liegt die Schuld an diesem schnellen Wandel in der Beurteilung nur an den Schülern? Sollte nicht der Lehrer, der seinen Schülern gegenüber so deutlich und so widerspruchsvoll die Zensuren ändert und immer mehr Schüler in die Prügelecke stellt — sollte' nicht dieser Lehrer an ffch ungeeignet zürn Lehrer sein —; sollte nicht vielleicht auch ein Urteil über den ersten und ältesten Prügelknaben unmaßgeblich sein? * Tie nationalsozialistische Agitation treibt seltsame Blüten: sie ernennt die Deutschnatw« nale Volkspartei, diesen Inbegriff der Verteidigung von Privatwirtschaft und religiöser Grundlage im Staate, zu Platzhaltern und Wegbereitern des — Bolschewismus! Bolschewisten hießen bisher die, die den Besitzenden etwas nehmen wollten. Jetzt scheint es aber zugkräftiger zu sein, wenn mau die Verhetzung nicht auf die Angst der Besitzenden, sondern auf!W!iWll!üiüch!!ü!!iS „Grenzd-eufsche" des Geistes? Von Ernst Lissauer und Gottfried Solomon, Professor an der Universität Frankfurt a.M. . . . Seite453 Amokläufer ■ Naüonahozmlismm