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Central-Verein-Zeitung · 1932-09-30 · 40 (30.9.1932) · p. Seite 408

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
11 (1932)
Issue
40 (30.9.1932)
Date
1932-09-30
Page
Seite 408 (sequence 8)
Language
German
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40$ . ' Die schönsten Geschenke für Kinder von 4 bis 7 Jahren sind die > ' Spiclfibelp von Tora Seidmamt^Frend Bis her erschienen : ^Hurra, wir lesen! Hurra, vir schreiben!" (2& 2,35). »Spielsibel Rr. 2" (2)1.2,60). ^Hurra, wir rechnen!" (M. 2,8L). 'Zu beziehen durch alle Buchhandlungen Hcrf>€rt SiuffCF Vcrld^ Berlin Prospekte kostenlos Kien hatte. Tns war ein betörendes Lied der Schwermut. Ich mußte mich sehr zusammennchmen. Wir gingen im Garten umher, und ich faßte mich endlich vor Mariannes großer Fassung. Behutsam konnte ich sie fragen. Mit gesenktem Kopf sah sie vor sich hin. „Sie nwchten etwas von ihm wißen? Aber Sie wißen vielleicht schon viel. Sie möchten feinen Namen hören, und er ist Ihnen schon lange bekannt. Vorausgesetzt natürlich, daß Ihre Erinnerungen so weit zurückreichen. Ihre Gegenwart ist so stark — es wäre kein Wunder, wenn Sie Tinge aus früher Vergangenheit dergegen hätten." 3ch blieb stehen. Wundersam wehte es mich an. — „Tinge aus der Schule vielleicht?" . Nun sah Marianne auf. Sie nickte. Tann fragte sie: „Erinnern Sie sich an Ernst N.?" „An den kleinen Grafen? . . . Freilich! . . , Warum lächeln Sie?"; ..Ein kleiner Graf — das ist er trotz allem geblieben. Ernst N. war mein bester Freund", fügte sie. ihr Lächeln verlierend, hinzu. „Ihrer doch auch? Eine Zeit lang?" '^,.<-ehr kurze Zeit leider. Wir wollen garrz össsn sein. Daronege. Wißen Sie. warum die beiden Schuljungen damals an s ein a n verkamen?" _ Sie setzte sich auf eine Bank. „Ja — ich weiß es." „Verzeihen Sie, daß ich nun etwas recht Peinliches frage: S i e fühlen nicht antisemitisch. Ist Ernst N. Antisemit geblieben? Er steckte als Kind vollkommen in der damaligen Strömung. Er hat mich deshalb als Kind — tödlich beleidigt." „Er hat mir die ganze merkwürdige Geschichte erzählt. Tabei hielt er Ihr Buch in der Hund. Es war acht Tage vor seinem Ende." „Können ^ie mir sagen — woran er starb?" „Er hatte sich einen Schuß hergebracht." „Warum?" Jfikil er zerrissen war von der Zeit. Er war ein Künstler und trug das Problem des sterbenden Adels. Er war leidenschaftlich und kalt. Er warf das Leben fort, ms er keinen Weg durch das Leben fand." .List er nicht Offizier geworden?" „Doch. Wer eine schwäche im rechten Arm, die ihm von einem Unfall in der schule geblieben, ließ ihn vergeblich Soldat sein. Er hatte keinen Glauben an sich — er suchte ihn m der Kunst. Ich hielt ihn als Maler für sehr begabt — aber feine zersetzende Selbstkritik. . „Sie können kaum ermeften, was Sie mir damit sagen . . . Und der Selbstmordversuch führte doch zum Ende?" „Seine Eltern waren ratlos und riefen mich. Ich blieb bei rhm — er wollte mir mich am Bett haben. Scheinbar wurde es bester, nach einer Operation. Wir konnten noch über vieles sprechen. Er Zeigte mir seine Bücher. Auch Ihre Novelle. Und da erzählte er mir die Geschichte aus der Schule. Alles." „Harte er denn später noch an mich gedacht? Oder fiel ich ihm erst durch das Ruch wieder ein?" ..Er kannte sonst nichts von Ihnen. Er wollte nichts anderes kennen. Und er sagte .. „Bitte, geben Sie mir wieder, was möglich ist." „Ich bin ein N. und habe die Juden — nun — es war wohl Haß. Verachtung war es in meinem Falle nicht. Ich fühlte nur das Drohende, das Zersetzende, das Schwächende. Politiker war ich nie — ich suchte nur Wahrheit. Meine. Leute, alles was deutsch und christlich war. verstanden mich nicht. Damit sollte ich fertig werden. Ich wurde immer einsamer. Ich jehnte mich — verstehst du das, Marianne — nach der Heimat des Menschen. Größere Heimat, als Vater und Mutter geben. Ich fand sie nicht — weder im Leben noch in der Kunst. Wo ich sie vielleicht finden konnte — bei den ersten Menschen — ein N. gestand sich das nicht ein. Dann gab mir Onkel Lebrecht, der alte Sonderling, dieses Buch. Ich las es — und seltsam — erst nachdem ich es gelesen, fiel mir ein, wer der Verfasser war. Zwanzig Jahre, Marianne! Ich sah zwei kleine Jungen auf dem Berliner Schulhof wieder. Ich sah einen Werbenden, von seiner Unschuld getragen. Ich aber mußte ihn zurückstotzen. Ich erinnerte mich, wie mir zum erstenmal ein großes Ge» fühl geschenkt wurde —, und ich mußte mich brutal dagegen wehren. Ter Jude! Der Fremdei Der Parasit! Pfui Deibel!! Pfui Deibel, Marianne! Hätte ich nur das nicht zu ihm gesagt, ich dummer, hochmütiger Bengel! Aber ich sagte es zu ihm und zerriß einen Menschen — meinen Menschen vielleicht!" fühlte er, nachdem er mein Buch gelesen?" .Fach zrvanzig Jahren. Ja. ,Jst es nicht komisch?* fragte er noch verlöschend. .Es ist tragisch*, erwiderte ich. Du, Mädchen, ich hätte dich sehr lieb haben sollen', fuhr er. als es ganz dunkel wurde, fort — .aber ich jagte an dir vorbei, Phantomen nach. Ter kleine Jude hätte wohl mein Freund werden sollen, aber ich warf ihm an den Kopf, was ihn zu meinem Freunde gemacht hatte. Mitleid, Marianne! Oh, dieser Nietzsche! Hüte dich vor dem Nattenfänger! Er hat die Juden übrigens geschätzt. Und nun wird es Nacht. Nun habe ich mich sogar als Schütze blamiert. Die unsichere Hand — von damals. Fehlgeschoßen — immer" fehlgeschoßen. Nun hörst du von der Liebe eines ^.oten, und der lebendige Dichter sitzt irgendwo, erhaben, dem adligen Stümper fremd. Ich habe nur sein Buch in der Hand/" Ich saß gebückt und flüsterte: „Gar nicht erhaben." „Ich sagte ihm noch, wie ich Sie mir denke. Er lächelte. ,Mag sein', erwiderte er. .Grüße ihn von mir. Sage ihm: ich reduziere. Vielleicht treffen wir uns drüben, wo die Vertan geulkt erlischt — wo Christen und Juden aus demselben Brunnen schöpfen/" ./Vas ist das für ein Brunnen?" fragte ich. Sie sah mich an: „Sie müften es wißen, denn er las es bei Ihnen, bevor er starb." 3. Sorcharöt (6cdm) gestorben Am 22. d. M. starb im Aller von 67 Jahren das frühere Mitglied unseres HauptvorstanDes. Herr Konrektor i. N. Isidor A o r ch a r d t in Berlin. Wir betrauern in Verewigten einen Gesinnungsfreund, der Zcit^semes Lebens den Ideen des E. V. in innerster L-eelr verbanden war und an unserer Arbeit eisiigsten Anteil nahm. Als- Sohn der Ostmark ha! auch der Verstorbene, wie so mancher seiner Landsleute, versucht, das jüdische Cememdeftben seiner Heimat literarisch zu gestalten. Neben zahlreichen kleineren Arbeiten in Zeitungen und Zeitschriften ist die preisgekrönte Novelle „Tie schwarze Chase" bekannt geworden. In seinem jahrzehntelangen Wirken an der Knabenmittelschule und im B.eligionsdienft der Berliner Gemeinde erwarb sich der leöenssrische und liebenswürdige Mann die Freundschaft zahlreicher Schüler und das Vertrauen seiner Kollegen, die ihn als ihren Vertreter in den Schulvorstand entsandten. Dorchardt war ein Mann, der über fein Deutschtum und Judentum Aussprachen nicht liebte, denn beide waren ihm unverlierbarer, heiliger Besitz. Er war überhaupt abhold jedem Wortgetöne und jeder Phrase; er liebt* es, im stillen zu wirken und nie seine Person in den Vordergrund zu stellen. Diesem seinen Lebensgrundsatz hat er bis zum Letzten die Treue gehalten^ ^eine Beisetzung hat auf seinen Wunsch in aller stille staitgesunden. Wir werden das Andenken an unseren treuen Freund Dorchardt als an einen wahren Deutschen und guten Juden in hohen Ehren lebendig halten. Kleine ChronL? Bernhard Spieß, Vertrauensmann der Ortsgruppe Gernsheim a.?.h. des Esntralpereins, feiert am 19. Oktober seinen 73. Geburtstag. — Das langjährige Mitglied des Lentralverrins Leopold, Bremervörde, Inhaber der gleichnamigen Firma, begeht am 3. Oktober sein 25jähriges Geschäftsjudll.äum. Dir gratulieren.— Am 23. September 1932 verschied Heinrich Lohn, Mitinhaber des Warenhauses V. Schweriner L Co. in Kaiserslautern. Heinrich Lohn roar ein auezriL hilfsbereites Mitglied des L. V. Sein Tod bedeutet für die Ortsgruppe Kaiserslautern und den Landesverband Pfalz einen schweren Verlust. Sein Andenken wird immer in Ehren gehalten werden. Derlag: Eeulralverein deutscher Staatsbürger jüdische» Glaubens e. D., Berlin W 15, Emfer Sie. 42. Tel.- Adr.: ..Centralglaubeu Berlin". Postscheck: Berlin 32472» Hauptschriftleiter: L V. Dr. Alfred Wiener. — Verantwortlich: Sr. Margarete Edelhelm; Beide Berlin W 15. — Nr verlangte Manuskripte werden nur zurückgesandt, wenn ^reiumschlag beiliegt. — Verantwortlich für den Anzrigentril: Hellmut Lohn, Berlür^rchlachLensee. — Druck: Rudolf Müsse, Derlm SW 100. . r . 1 ■ / - . -

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