Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1932-09-23 · 39 (23.9.1932) · p. Seite 393

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
11 (1932)
Issue
39 (23.9.1932)
Date
1932-09-23
Page
Seite 393 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2277379-2277939-2277978--07557-2288475
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

21 S. i=32 Srrttn» 25. Sep!rm'oer;932^ X!» ^ührgsnZ * Nr. 3$. CrnZelnummrr 20 Pfennig s <\A * * •S >>> g''' -'; ■' '> . 'J 0# 4 d &&& <!• ß <r <y v;öetiuiä G,4S Lrr c2 Ganz Drutfchlsnö trägt öen Dchaöm... Tie politischen Eceigniste der letzten Wochen bestätigen mit besonderer Eindringlichkeit dir Allgemcinschädlichkeit jeglicher Verhetzung. Die Nationalsozialisten haben sich jahrelang bemüht, die Parlamente, das allgemeine Wahlrecht und überhaupt die Einrichtungen der Demokratie verächtlich zu machen. Was sind die Folgen? Las Ansehen der Volks- Vertretungen ist gesunken, die Parlamente sind weitgchand aus der praktischen politischen Arbeit^ ausgeschaltet. Die Zersetzung der demokratischen Einrichtungen durch die 'Obstruktion hat es zuwege gebracht, daß die Wahlkämpfe nicht ab brechen. So trägt ganz Deutschland den Schaden. Der unsachliche Kampf hat also nicht nur die angegriffenen Einrichtungen, sondern in. gleicher Weise dir Lngreiser selbst und die g e} a m t e Volksgemeinschaft geschädigt. Diese wichtige Erkenntnis bestätigt sich an allen Punkten des politischen Lebens. Die Stimmung zwischen den Parteien ist durch die jahrelange E gegenseitige Hetze so vergiftet, daß die Koalitionsverhandlungen nach den letzten Wahlen niemals, mit dem ernsten Willen zur Verständigung geführt werden konnten. Ten Schaden tragen wiederum nicht nur die Parteien, sondern ganz Deutschland. Ebenso schädigt der Derleumdungsfeldzug gegen die Juden nicht allein die Juden, er schädigt mit Notwendigkeit das gesamte deutsche Volk. . Wenn die jüdischen Staatsbürger in Versammlungen und Zeitungen fortgesetzt verleumdet und beschimpft werden, wenn man arbeitsamen Bürgern ihre Lebensmöglichkeit zu nehmen sucht, nur weil sie Juden sind, so wird dadurch das Rechtsempfinden des ganzen Volkes abgestumpft. Tie Menschen gewöhnen sich daran, daß sie ohne Grund verfolgen und Hetzen dürfen. Die Verletzung der grundlegenden Rechte wird zu einer alltäglichen und fast selbstverständlichen Tatsache. Ist das ursprüngliche und gesunde Empfinden für Recht und Unrecht aber einmal geschädigt, dann wirkt sich diese Störung des Rechtsinstinktes mit der Notwendigkeit eines Naturgesetzes auch in anderen Fällen aus. And wie es Eiste gibt, die sofort den ganzen Körper ergreifen, auch wenn es sich nur um eine ganz kleine Dosis handelt, so kann die verderbliche Wirkung der Mapenverhehung nicht auf einen beliebigen Bezirk beschränkt werden. Wir haben alle erlebt, wie die Rufe „Schlagt die Juden £oi!" und „Kauft nickst bei Juden!", mit denen es angefangen hat, jetzt auf Marxisten, Katholiken, Pazifisten, Schupos ufw. ausgedehnt werden. Die Rufe, die sich heute noch gegen mißliebige gegnerische Gruppen richten, gelten morgen schon den Parteifreunden von heute, W5NN irgendeine Meinungsverschiedenheit innechalb der Gruppe ausgetreten ist. Die Terrorakte werden neuerdings mit drakonischen Strafen belegt. Das ist notwendig, aber die Strafen allein können nicht das Hebel an der Wurzel fasten. Um den Krankheitsherd zu beseitigen und. zur völligen Heilung zu führen, muß das durch die jahrelange Verhetzung sch'wergeschädigte Empfinden für Recht und Anstand wieder gestärkt werden. Es muß sich endlich die Ueberzeugung durchsetzen, daß es sich bei Angriffen auf die Ehre anderer und Lei allen Haßpredigten nicht allein um das Schicksal der Angegriffenen, sondern um das Schicksal' der Gesamtheit^ handalt. Dieser Erkenntnis und der Verpflichtung, sie zu verüreiien, darf sich niemand entzckhen, sei er Jude oder Nichtjud?. Diese Einsicht ist nicht neu; der Eentralverein war und ist bemüht, mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln das Gewissen aller um das Schicksal Deutschlands bewegten Menschen aufzurufen. Aber jetzt ist Leu Augenblick gekommen, in dem das polnisch.; Tagesgeschehen auch dem Blindesten die Richtigkeit unserer These zeigen muß. Dr. S. W. /N * ff . . . y W Ee? & RrMschss zur Ksde Rurt S!Amrnfe!ös br!m zlsnWschrn dr!e§!srLentüg!n §rantkurt o. M. / von vr. €ra Keichmcrna-Iangrnakrn Zieht man einige in der zionistischen Ausdrucksweise gleichsam patentierte Begriffsbestimmungen ab, so empfängt der unvoreingenommene Leser bei der Lektüre des Blumenfeld, scheu Vortrages vom Frankfurter Telegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland den erstaunlichen Eindruck einer ungewohnt weitgehenden Ueberemstimmung mir den Gedanken gärigen des C. D. „Tie zionistische Aufgabe im heutigen Deutschland", die da entwickelt wird, und die u. a. in einer Auseinandersetzung mit dem neudeutschen Nationalismus. m der Wahrung der staatsbürgerlichen Rechte der deutschen Juden und in der Pflege. des jüdischen Selbstbswußtseins liegt, kommt uns sehr vertraut vor. Weit schwerer als die Zustimmung zu diesen Zielen, die seit langem auch die unseren sind, fällt uns die Feststellung besten, was an ihnen als eigentümlich zionistisch in Anspruch genommen wird. Und es bedarf schon eines tieferen Hineintauchens in die Darstellung und Kritik der Lage, die Blumenfeld zur Voraussetzung seiner Forderungen nimmt, um zu sehen, wo der Weg, der scheinbar so eindeutig dem Ziele zuläust, sich gabelt. Am Ausgangspunkt einer jeden Betrachtung über den gegenwärtigen Srand der Judenfrage habe die Erkenntnis zu stehen, führte Blumenseid aus, daß der Glaube, die Emanzipation werde eine dauernde Lösung der Juden krage schassen, versagt habe. Schon in dieser Feststellung liegt der Disserenzpuukt. Auch beute noch, während wir unter täglich neuer seelischer Erschütterung durch die Erfahrungen des Judenhasses gehen, geben wir unseren Glauben daran, daß die Emanzipation ein entscheidender Schritt zur Lösung der Judenfrage sei, nicht preis. Freilich: die Emanzipation i st nicht die Lösung, wie man in der vor- und in der frühemanzlpatorischen Epoche vielleicht glauben konnte, sie gibt nur eine — allerdings die wichtigste — Voraussetzung dafür. Entscheidend für die Klärung dieser Frage ist nämlich das, was man unter ,Lösung der Judenfrage" überhaupt versteht. Es sei hier ausdrücklich sestgestellr, daß dieses Ziel von uns niemals in der rein negattven und flach optimistischen Weise gefaßt worden ist, wie manche Zionisten gern behaupten, um daraus beweisen zu können, wie schwer unser Irrtum sei. Nicht einfach die Beseitigung aller Reibungsflachen zwischen Juden und Nichtjuden bedeutet uns „Lösung der Judenfrage"; denn dann wäre es nicht verständlich, weshalb wir uns immer scharf gegen diejenigen abgrentten, die die völlige Assimilation bis zur Selbstaufgabe predigten. Niemais wollten wir eine scheinbar gedankliche und praktische Geradlinigkeit durch die Aufgabe der jüdischen Zutun ft unserer Gemeinschaft erkaufen. Gerade diese jüdische Zukunft war cs, die wir als entscheidenden Wert in unsere Konzeption von der „Lösung" mit einöezogen. Vielleicht mußten wir wirklich erst durch den Ausbruch des Judenhasses der Nachkriegszeit lernen, wie weit wir trotz eines Jahrhunderts emanziparorrscher Entwicklung noch von der Lösung der Judenfrage entfernt sind. Zwar soll man sich nickt täuschen: ebensowenig wie der Klatzkinsche Ausbürgerungsradikalismus. der im früheren Zionismus stimmungsgemäß viel verbreiteter war als heute, das offizielle Programm des Dorkriegszionisrnus gewesen ist. war ein oberflächlicher Fortschritts- Optimismus jemals C.-V.-ofsiziell. Unsere Gedankcnsührung war immer weit genug, um allen Kläglichkeiten der Entwicklung Rechnung zu tragen, und deshalb konnten uns auch die bitteren Erfahrungen der letzten Jahre nicht wankend machen in unserer Gruudauffassung, die die folgende war, ist und bleiben wird: Lößnig der Judensrage — das bedeutet uns nicht: reibungsloses deutschjüdisches Miteirr-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.