Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 37 (9.9.1932)
- Date
- 1932-09-09
- Page
- Seite 375 (sequence 3)
- Language
- German
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375 Konsum einen unentbehrlichen Faktor in jeder Wirtschaft darstellt. Das Handwerk har der Entwicklung seinen Tribut gezollt. Diele seiner Gewerbe ftrtb ausgestorben. Wo sind heute die Messerschmiede, die Seifensieder, die Wachszieher, die ^iebmacher und die Gürtler geblieben, die einst mkt anderen Gewerben in den Städten reiche Nahrung fanden? Andere HandwerrsLätlgkeiten sind an ihre Stelle betreten, und alte Gewerbe haben sich gewandelt. Aus dem Klempner wurde der Elektrotechniker, aus dem Schlosser der Chauffeur. Der Installateur, der Radiosachmann, der Photograph, sie alle sind Zeugen der ständigen Wandelbarkeit des Handwerks. Die Massenerzeugung der Industrie hat ebenfalls dazu deigeiragen. dem Handwerk neue Wege vorzuschreiben. Viele Erzeugnisse werden heute in den Fabriken serienweise hergestellt. Aber zu ihrer Fabrikation bedarf es vielfach der Qualitütsarbeiter, die ohne eine handwerkliche Ausbildung ihren Beruf nicht ausüben können. Wenn also bestimmte Zweige des Handwerks in die Industrie abgewandert sind, so sind anders als Reparatur Handwerker selbständig geblieben. Das Schuhgeschäft hat den Schuhmacher verdrängt. Ter fertige Schuh wird im Laden gelaust, ausgebessert aber wird er in'der Werkstatt des Handwerkers. Aber nirgends gibt es unubersteigbare Grenzen. Ter Flickschuster, der in den verschiedensten Stadtgegenden Annahmestellen errichtet, in denen seine Gesellen an den Maschinen die Reparaturen vornehmen, wird ebenso zum kapitalistischen Unternehmer wie der Fleischer oder Bäcker, die in zahlreichen Läden die Waren ihres Betriebes feilbieten. Erst durch diese Anpassung an den kapitalistischen Geist har sich das Handwerk lebensfähigerwiesen. Durch Zusammenschlüsse zu Kreditgenossenschaften, durch die Gründung eigener Bankunternchmungen, durch die Ausbildung handwerklicher Organisationen, durch die verschiedensten Einrichtungen zur Pflege und zur Förderung des Handwerks hat das Handwerk selbst aus eigenen Mitteln oder mit der Unterstützung des Staates es unternommen, die Existenzgrundlagen dieses unentöchrlichen Wirtschaftszn>eiges zu untermauern. Wenn auch das Handwerk selbstverständlich von den Nöten der Zeit, von der schwindenden Kaufkraft, dem Mangel an Krediten genau so berührt worden ist wie alle anderen Zweige der deutschen Volkswirtschaft, sein Kern ist gesund geblieben. Da es keineswegs den Ehrgeiz besesien hat, wie die Riesenorganisationen einen himmelanstürmenden Bau aufzutürmen, sondern stets sich seiner Grenzen bewußt war, konnte es auch niemals diese Zusammenbrüche erleben, die viele jener allzu aufgeblähten Unternchmungen zu Fall gebracht haben. Die Weisheit des Tatmudiften, die wir als Motto diesem Aufsatz voranstellten, hat sich auch in unseren Tagen bewahrheitet. ' Es ist erstaunlich, daß man besonders in den Großstädten so wenigvon den jüdischen Handwerkern weiß. Unsere nichtjüdischen Mitbürger sind im allgemeinen aufs äußerste überrascht, wenn man ihnen von dm zahlreichen jüdischen Handwerkern, die in Deutschland leben, -erzählt. Aber es gibt auch viele Juden, die sich bis heute über die Bedeutung des Handwerks unter den Juden noch nicht völlig klar geworden sind. Dabei sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache. Aus den Ermittlungen, die So galt vor kurzem in der Zeitfchrist „Ter jüdische Handwerker" über das jüdische Handwerk in Groß-Berlin auf Grund der Forschungen von Silbergleit angestellt hat, ergib: sich, daß im Jahre 1925 in der Reichshauptstadt 6115 jüdische Handwerksmeister lebten. daneben 4906 Gesellen und Arbeiter. So wird Segalls Annahme zutresfen, daß mit den Familienangehörigen in Berlin allein minde st e n s 3 0 0 0 0 Juden vom Handwerk leben. Ter Prozentsatz ist in änderen Städren noch höher als in Berlin. Unter den jüdischen Handwerkern findet man die verschiedensten Erwerbszweige: die Schneider, die Hutmacher und Kürschner, ebenso wie die Fleischer, die Bäcker, die Klempner, die Schlosser, die Schmiede, die Schrntgießer, die Buchdrucker, die Photographen und die Friseure. Die ausgezeichnete Organisation der züdischen Handwerker sorgt dafür, daß das jüdische Handwerk technisch und kaufmännisches mitdem nrchtjüdi scheu aufnehmen kann. In den Kidduschim des Talmuds findet sich der Spruch: ,LDer seinm Sohn kein Handwerk lernen laßt, lehrt ihn sozusagen das'Räuber- Handwerk." Bon jeher hat das Handwerk im Judentum die höchste Achtung gmosten. War es verwunderlich, daß die Talmudisten ihm eine so hohe Würdigung schenkten, da sie selbst neben ihrem geistigen Beruf dem Handwerk nachgingen? Jene Tage, in denen man unter den deutschen Juden glaubte, aus den jüdischen Handwerksmeister herab sehen zu dürfen, sind hoffentlich endgültig vorbei. In einer Zeit, in der die deutschjüdische Jugend gezwungen ist, sich völlig neue Wege zu bahnen, m der mit den Lebensgewohnheiten früherer Zeiten völlig gebrochen werden muß. wir) sich auch unter den Juden das Handwerk wieder seinen alten Glanz erwerben. Tenn in keinem anderen Wirtschasiszweiae. ist dem Persönlichkeitssrreben größere Freiheit gegeben als hier im Handwerk. Nur dem Handwerker ist es gleich dem Künstler möglich, seinen Willen dem Werke einzuhauchen. Der Sinn der Handwerker-Werbescfcau Von Louis Wolff, Vorsitzendem des Vereins selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens E. V. zu Berlin Es ist tausendjähriges jüdisches Schicksal, daß unsere Gemeinschaft sich stets kämpfend behaupten mußte. Ist diese Tatsache eine Tragödie oder ein gottgewollter Zustand? Gleichviel, dieser Kampf ist zum Bestandteil unseres Judeseins geworden, er ist eine Notwendigkeit, wenn das Judentum nicht untergehen soll. Ter Assimilationsgedanke hat immer dorb eingesetzt, wo Juden in Freiheit und vollkommener Gleichberechtigung leben durften; wo aber Juden unter Bedrückung und- Unrecht leiden mußten, da osfenbarte sich jüdische Zusammengehörigkeit. In vielen jüdischen Köpfen herrscht noch — das muß einmal mit aller Teutlichkeit ausgesprochen werden — eine Gedankenträgheit, die nicht scharf genug bekämpft werden kann. Stündlich wächst die Gefahr. Der Ansturm gegen unsere Gemeinschaft hat Formen angenommen, die in unserer Geschichte kaum ein Borbild finden. Nohe Gewalt bedroht das nackte Leben, der trockene Pogrom versucht unsere wirtschaftliche Grundlage zu vernichten. Alan ist erstaunt, wie viele Slaubensörüder dieser überaus traurigen Tatsache noch gleichgültig gegenüberstehen. Die tiefe Sorge um den wirtschaftlichen Bestand unserer Gemeinschaft in all seinen Schichten muß von der Gesamtheit getragen und nach Möglichkeit beseitigt werden. Gewiß wird unendlich viel jüdische Arbeit geleistet. Unzählige Organisationen sorgen für die geistige und körperliche Ertüchtigung jüdischer Menschen. Was ihnen aber keine Organisation geben kann, das ist die Sicherheit einer wirtschaftlichen Existenz. Diese Existenz wird, wenn auch nicht ausschließlich, so doch stark beeinflußt von der allgemeinen wirn'chastlichen Lage. Verfolgt man aber das Winschastsbarometer, so wird man feststellen, daß es auch in wirtschaftlich normalen Zeiten bestimmten Berufen wenig möglich war, Uebergewinne oder Rücklagen machen zu können. Besonders trifft dies beim Handwerk zu. Sein Kapital besteht nur in seiner Arbeitskraft, die selbst bei bester Konjunktur nicht übermäßig verzinst werden kann. Es war daher auch nicht in der Lage, für konjunkiurlost Zeiten irgendivelche nennenswerten Rücklagen zu machen; darum hat die bereits chronisch gewordene Wirtschaftskrise besonders das Handwerk bis an den Rand des Abgrundes gebracht. VM,|LUUlUlUf uutzt . _ ( stellen ZU müssen, w'ie gering die Kenntnisse selbst in jüdischen Kreisen über das Vorhandensein und den Umfang der Handwerker unter den Juden noch sind. Die oben angegebenen Gründe, weshalb es dein Handwerk besonders schlecht geht, werden noch wesentlich verstärkt durch eine unerhörte Loykottbewegung, die besonders in den letzten Monaten in immer stärker werdendem Maße gegen die jüdischen Handwerker eingesetzt hat. Ja, selbst in den verschiedensten Innungen haben sich bereits unter den eigenen Berufskollegen Nazizellen gebildet, die zwar, und leider in ^großem Umfange, Aufträge jüdischer Kunden gern ent»; egennehmen, aber im Endziel cheinbar darüber einig sind, gegen h r e e r g e n e n B e r u s s x o 11 e g c n, nur weil sie Juden sind, in denoerufsständischen Vertretungen zweierlei Recht zu schaffen. Der jüdische Handwerkerstand steht auf einsamem, aber sichtbarem Posten; cz wird die Ehre dos Judentums verteidigen können, wenn ihm durch eine noch weitersteigende Wirtichastsnot das Rückgrat nicht vollkommen gebrochen wird. Er ist nicht gewillt, das Feld kampflos Zu räumen, sondern wird nach wie vor Wegoer e i t e r f ü r d i e Z u k u n f t handwerklicher Jugend sein und damit zu der G e s u nd un g produktiven jüdischen Lebens beitragen. Aber nur unter einer Voraussetzung. Dir Wertungsskala der Berufe muß endlich restlos verschwinden. Diese Anschauung, als ob der Handwerker niederen Wertes Hl iJL ^SsJ Wi» ii >J <*3iü U J c. i Zj k* -i &io sjüsl vj *.’* II.' iib'i 1 & 3~ '■ZJ -1 ch -; 'Jh+A Lii xiii w -i al^.. J MgMb kWVKM J ^^üii w£j WUmwfsl Alltel Ä