Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 16 (15.4.1932)
- Date
- 1932-04-15
- Page
- Seite 154 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2277379-2277939-2277955--07294-2288184- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
154 Farben, das völlige Beherrschen der modischen Normalfigur, da unter Berücksichtigungen der ausgewählten Modeformen die Modeftizze schnell auf das Papier gesetzt werden muß. Ausreichende Materialkenntnipe, gutes handwerkliches Könnerl sind außerdem erforderlich, um den Entwurf technisch richtig darzustellen. Praktisch beraten, nnrd der Kundenkreis eines jeden Hauses gehoben werden." Die bekannte Berliner Kunstphotographin Alice Matzdorff berichtigt eine Bemerkung in dem Aussatz „Jüdische Handwerkerr'unen" von Dr. Margarete Jacodsohn: „Es steht darin", schreibt Alice Matzdorsf: „In Preußen gab es 1925 35 jüdische Photographinnen (merkwürdigerweise keine in leitender Stellung oder selbständig). Als ich 1905 nach Berlin kam, war Marie Boehm bereits seit Jahren alleinige Besitzerin der Firma Becker u. Maaß, eines der ersten Ateliers Berlins. Kurze Zeit daraus ließen sich Hanse Herrmann, Martha Wolfs, Suse Byk und viele andere jüdische Damen als Photographinnen nieder. Ich selbst arbeite seit 1905 selbständig unter meinem Mädchennamen Alice Matzdorsf und habe in Berlin meine Prüfung als Handwerksmeister bestanden. Es ist mir weiter bekannt, daß z. B. in Breslau Bose Nico l a i e r , Rest L e b r e ch t (jetzt Berlin) und Gusti Herzberg seit 1915 — 1917 — 1913 eigene Ateliers selbständig führten. — Zweifellos liegt es in vielen anderen Städten ebenso." * Zum dritten Male entließ soeben die staatlich anerkannte Paula-Ollendvrff-Haushalt u n ft s i d) n 1 e ihre Zöglinge ins praktische £d>ui. Taß in düsier Schule leine Arbeit gering geachtet wird, bewies eine Ausstellung der Arbeiten kürzlich im Beate-Guttmann-Hcim, Breslau, KickchaUcc L6u. Es wird mit gleicher Liebe geputzt, gewaschen, gebügelt. wie gestopft, geflickt und ausgebesiert. Ti- Kochausftellung zeigte neben vielen fdjöncn Tingen auch besondere Berücksichtigung der Krankenkost, vegetarische speisen, Rohkost u. a. m. Ein wohlgepflegtes Krankenzimmer legte Zeugnis von erfolgreichem Unterricht in Krankenpflege, Hygiene und «auglingsunterricht ab. Ter sorglich gedeckte Sabattisch war ein Zeichen der religiösen Einstellung der schule. Neu» Hüchsr Robert Neumann: „Die Macht". (Paul Zsolnay Verlag, Berlin, Wien, Leipzig 1932.) i Robert Neumanns neuer großer Roman .Die Macht" ist die Fortsetzung des starken, mit Zeitgeschehnissen prall angefüllten Romans „Die Sintflut". Damals schilderte Robert Reumann das Wien der Inflationszeit, bester die Inflation als solche, wie sie Geld, Menschen, Schicksale und Politik eines ganzen Volkes durcheinanderwirbelte. Auch in seinem neuen Roman steht das Geld als Lenker alles Geschehens im Mittelpunkt. Es ist die Macht schlechthin, die stärker ist als nationalistische Ideale; es dirigiert die Politik und die Wirtsckzaft der ganzen Welt. Robert Neumann stellt die Handlung in einen höchst sympathischen Rahmen. Ja, die Figur dieser Rahmenepisode, Fürst Gregor Josua Karadpn, Fürst im Kaukasus und Partisan des Zaren, ist eigentlich das Erfreulichste an diesem Buch. Ein blonder Hüne aus dem Kaukasus, ein Mensch von parstsalhaster Reine und Torheit. will sein georgisches Land von den Bolschewiken zurückerobern. Nach einem mißlungenen Reiterstück flieht er nach Konstantuwpeü von dort nach Wien, das für ihn der Exponent Europas ist. Hier wird er in das Retz vöcksscher Bewegungen hineingezogen, zu Tscherwvnzenfälschungen verleitet, wird zugleich Schöpfer und Opfer unerhörter Geldsummen, die ihn. ihren eigenen Herrn, gewissermaszen erschlagen. Er " geht wieder hinaus nach Asien und kämpft dort weiter mit dem Schwert für seine Idee: Tie Freiheit seines Landes. In dem Hauptstück dieses Buches ist wie in einem Prisma das Bild der Weltgeschichte von gestern und heute ausgesangen: die deutsche völkische Bewegung mit ihrem Mißbrauch wahrhaft idealgesinnter Menschen und all den schmutzigen Mitläufern und Parasiten, die sich ihr anhängen; die Drahtzieher des Großkapitalismus. die in Wien, Paris, New Port und London die Fäden der Marionetten auf dem Puppentheater der Börsen und der Wirtschaslsmarkre ziehen; Nußsands wirtschaftliche Dumpingversuche, der Kampf um Petroleumaktien. Petitionen beim Völkerbund. Kafseehansgespräche in Galizien und in Wien und dahinein gewoben Schicksale von Männern und Frauen ergeben ein Bild, mit stärksten impressionistischen Farben aufgeiragen, ' von grausamer Realität — und doch mit der Distanz eines ironischen Beobachters gefertigt, der weih, daß er mit Puppen, mit Gestalten f e r n es Geistes und nicht mit Menschen von Fleisch und Blut umgeht. ■ Robert Reumann ist ein Stilist von ungeheurer .Kraft. Das ist seine Stärke, zugleich aber auch seine Schwäche. Er jongliert mit Menschen, mit Schicksalen, mit Gefühlen, mit der Welt; in diesem artistischen Spiel macht er Musetten halt: nur dann, wenn es an Dinge geht, die ihm selbst heilig sind: aber das sind bann auch die feinsten, die zartesten stellen seines Buckes. Zrvei wichtige Gestalten seines Buches sind die getauften Juden, der Arzt Benedikt Rosen, alias- Rosenbamn, und der Anwalt Albert Rosen. Beide ansgestattet mit der ganzen inneren Haltlosigkeit. mit deni Strebertmn und einer grolzen Port rock Gewistenlosigkeit. die so vielen Renegaten eigen sind. Bestrebt, ihre Vergangenheit vergessen zu machen, kritischer allem gegenüber, was sie an sich selbst als jüdisches Erbe emp- Die „DMtfchZ Hrmösis-Wacht" zitiert Gosthr verlacht, als Ausdruck für Goethes antisemilische Gesinnung zu zitieren, und zeigt dadurch einen' Grad von ästhetischer Harthörigkeit, der doch wohl nur bei bösem Willen möglich ist. — Er zitiert in einer schreien Zusammenstellung das Goethelche Wort: ,,Das israelitische Volk hat nienmls viel getaugt", aber er läßt die Fortsetzung weg: „wie es ihm seine Anführer, Richter, Propheten tausendmal vorgeworsen haben." (Womit, da diese Anführer ja auch Inden waren, der Tadel in ein Lob nmschlägt!) Dann fährt Petersen im Zitat noch' fort: „Es besitzt wenig äugenden und die meisten Fehler ' anderer Bölker" — und dann hört e r auf, während das Coethesche Zitat weitergeht: „Aber an Selbständigkeit, Tapferkeit, Festig reit, und wenn alles Vas nicht mehr gilt, an Zähigkeit, sucht es seinesgleichen. Es ist das beharrlichste Volk der Erde: es ist, es war, es wird sein, um den Namen Jehova durch die Zeiten zu verherrlichen." Auf solche Weise macht der antisemitische Propagandist aus einer mächtig positiven Aeußerung eine negative, und das muß inan wohl eine Fälschung neunen, wenn auch der Herr Petersen die fragwürdige Entschuldigung für sich haben dürste, daß er das Originalzitat-gar nicht kennt. Im übrigen höhnt dieser vöttssck? Vorkämpfer über „den schläfrigen Michelschuack: „Ach. die Juden sind doch auch Menschen". und er ernennt aus irgendein unwilliges Wort Goethes über Humauitätssalberei hin — Goethe zu seinem 'Gesinnungsgenossen. Es genüge, statt hundert anderer Zitate ein Wort hierherzusetzen. das Goethe schrieb, als er in Weimar „Nathan den Weisen" zur Aufführung brachte: chMöge dock) die bekannte Erzählung, glücklich dargestellt, das deutsche Publikum aus ewige Zeiten erinnern, daß es nicht nur berufen wird, um zu schauen, sondern auch, um zu hören und zu vernehmen/ Ri ö g e z u g l e i ch d a s d a r i n ausgesprochene göttliche Duldnngs - und ch o n u n g s g e f ü h l der Nation heilig u n ö w e r t b l e i b e n!" ' Die Versuche, Goethe als einen rechten Kernantisemiten in Anspruch zu nehmen, wiederholensich dauernd; mit ermüdender Gleichförmigkeit gelangt die immer gleiche Methode zur Anwendung: während sehr Wesentliches verschwiegen wird, wird Unwesenttiches aus dem -Zusammenhang gerissen, in tendenziöser Weise beleuchtet, und, wo es immer noch nicht langt, auch ein wenig verfälscht. Neuestes Beispiel bietet der Artikel eines Herrn Petersen in der „Den tschen Handels-Wacht", dem Organ des Deutschnationalen Handlungsgeh ilsenverbandes: „Goethe und die Anden". Tie Tonart des ganzen Aussatzes verrät eine Bildnngstosigkeih die jede ernsthafte Aussprack-e verbietet. Es muh genügen, an ein paar Beispielen die Arbeitsweise dieses völkischen Zeitgen open zu beleuchten. Daß Herr Petersen selber Goethe in einem irgendwie zureichenden Maße gelesen hat, ist höchst unwahrscheinlich. Denn seine Zitate stammen alle aus dem Buch von Chamberlain, und er arbeitet mit den Gänsefüßchen so zierlich, daß es immer unklar bleibt, ob er jetzt Goethe — oder nur Herrn Chamberlain zitiert; was doch immerhin ein Unterschied ist! So spricht er auch Chamberlain die blöde Beschimpfung von der „italienisch-klemasiatischen Mischlingsfamilie Brentano" nach. Er weiß offenbar nicht, daß schon vor zwanzig Jahren der große alte L u j o Brentano mit aller Energie, aber gänzlich vergeblich, Herrn Chamberlain aufgesordcrt hat, ihm irgendeinen Rachrveis für das asiatische Blut in seiner italienischen Familie zu erbringen. Herr Petersen Zitiert dann einige der Gereizttzeiten, die Goethe, unempfänglich für alte Art literarischer Polemik, während der berühmten Polemik zwischen I a c o b i und Mendels o h n — übrigens nach beider^ Seiten — von sich gab: aber er will nicht wissen, daß Goethe seine Betrachtung dieser Affäre in „Dichtung und Wahrheit" mit den Worten schließt: „Der Riß war so gewaltsam, daß wir darüber einen unserer würdigsten Männer — Mendelsohn — verloren." Herr Petersen kriegt es wieder fertig, die grotesken Verse aus der Esther-Parodie im „Jahrmarkt zu Plundersweiler", mit denen Goethe die antisemitischen Agitationsmethoden Es wird selbst bei Anwendung nachdrücklichster Gewalt kaum gehen, aus Goethe einen Gesinnungsgenossen des Herrn Goebbels zu machen. - J. B. derTAJLMUD für jedermann AllgLMeinverständliche Auswahl in deutscher lleLerLragunL von Fermer. - Ein begeisterter Freund unserer Talmud-2lusgabe hat einen Fonds gestiftet, durch den es möglich statt 36 Mari Edmund Meyer, Buchhandlung. Berlin Wsö, Bamberger Straße 61, Postscheck st509, gegen Dsrelnsen^ng o&cr Nachnahme.