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Central-Verein-Zeitung · 1932-04-08 · 15 (8.4.1932) · p. Seite 134

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
11 (1932)
Issue
15 (8.4.1932)
Date
1932-04-08
Page
Seite 134 (sequence 2)
Language
German
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134 OiS-, vv^ vW^ *k?yw/6y Wo steht hm deUtlÄS Möenium? Von Tr. Arno Herzberg. Von den Veränderungen, die in der sozialen Wirklichkeit vonstatten gegangen find, haben die meisten Juden nicht in dem Maße Notiz genommen, wie es der Fall sein sollte. Man hat sich mehr oder weniger damit begnügt, die eingetretene Umschichtung sestzustellen, aber mit den tragenden Gedanken, die im Hintergrund aller dieser Begebenheiten stehen, hat man sich noch nicht recht auseinandergesetzt. April 1932 — der Monat der Entscheidungen! Unsere Gegenwart hat den Durchbruch einer irrationalistischen Bewegung gebracht, die im Gegensatz zu der Anschauung des 19. Jahrhunderts, zum bürgerlich - individualistischen Lenken steht; fast alle Lebensgebiete hat diese irrationalistische Strömung in ihren Bereich gezogen. Insbesondere in die Politik ist sie in Form des Faschismus eingedrungen. Tort triumphiert eine irrationalistische, allen rationalen Erwägungenabholde Gefühlswelt.. Ter Widerhall, den dieser Irrationalismus gebrauchte, wurde verschärft, als die Wirtschaftskrise eine alle Voraussicht übersteigende Erschütterung der Taseinsgrundlagsn brachte, die die Fragwürdigkeit alles bisherigen Strebens zeigte. Tas Bürgertum wurde plötzlich und unvermittelt in diesen Strudel der Ereignisse hineingezogen. Es sah sich einer Situation gegenüber, der gegenüber die hergebrachten Mittel versagen mußten. Es schien fast unmöglich und vergeblich, sich überhaupt dagegen auszulehnen. Deshalb suchte man in aller Bestürzung Anknüpfungspunkte für neue Kombinationen, um sich in eine angebliche neue Zeit hinüberzuretten. Man war unsicher geworden. Unsicher im Wirtschaftlichen und Geistigen. Man ließ Ueberlieferungen im Stich, und alles Besinnen auf gute und bewährte Anschauungen war plötzlich vergessen. So erschien mit einem Male der Irrationalismus als der Hebel für die Ueberwindung aller Nöte. Er wurde die gottgesandte Offenbarung, die man nutzen mußte. Kampstos eroberte er die Gemüter, die in einer Kütastrophenstimmung sondergleichen bcfangen waren. Dieser Irrationalismus hat den Staat zum Kristallisationspunkt seiner „Geistigkeit" erhoben. Ter Staat als Form der autarken Nation kam zu nie geahnten Ehren. Um ihn kreist alles Lenken, wie er sich auch in der Sphäre der Wirtschaft Zum Oberhcrrn alles Seins ausgeschwungen hat. Laß das Bürgertum diesen Nationalismus in der jetzigen Form und Gestaltung mitmachte — darin liegt eine Verleugnung seiner selbst, wie sie nicht stärker gedacht werden kann. Hier liegt die Eslbstaufgabe der autonomen Persönlichkeit, jener vielberufenen Selbstwürde, die ganz auf den Wert des einzelnen beruht und sich nicht von einem übergeordneten Ganzen herleitet. Und hier liegt auch die Selbstausgabe des bürgerlichen Seins überhaupt. Ter Faschismus als Produkt dieser bürgerlichen Wandlung zeigt sich als Furcht vor der Zeit und ihrer Schnüre, die man bei aller materiellen Entwurzlung auf der bisherigen geistigen Grundlage nicht überwinden zu können glaubt. Man sucht eine Zufluchtsstätte im Geistigen und Politischen. Auch das jüdische Bürgertum sucht sie. Und doch war es bei aller gleichgearteten Suuatwn nicht möglich, an diese irrationalistischen Tendenzen Anschluß zu finden. Es ging schon rein praktisch nicht. Tenn die deutsche Abart des Faschismus war von jeher jüdisch, wenn nicht antijüdisch. Tas hinderte von vornherein ein Beschreiten des Weges, den das deutsche Bürgertum so zahlreich und skrupellos gegangen ist. So kam es, daß rein gefühlsmäßig zu diesen irrationalen Dingen im Judentum kaum Stellung genonunen wurde. Man sah zu sehr auf das Aeußere und zu wenig den geistigen Hintergrund, eine einheitlich geistige Linie. Bon hier aus läßt es sich auch am besten verstehen, wenn große Teile des jüdischen Bürgertmns heute immer inehr und mehr geistig und politisch heimatlos geworden sind. Wenn sie immer noch nicht vollkommen begriffen haben, daß die alte liberale Zeit, die Emanzipation gebracht hat, vorbei ist, unrettbar vorbei ist. Daß es wenig unter diesen Umständen nutzt, die Fiktion einer falsch verstandenen Bürgerlichkeit aufrechtzuerhalten, selbst wenn alle wirtschaftlichen Grundlagen hierfür fortgesallen sind. So geht es jedenfalls nicht weiter, daß man zwischen den Zeiten lebt, weder hierin noch dorthin gehört und nicht weiß, welche Wege zur Zukunft man zu gehen hat. Und das Schlimmste muß überwunden werden: die Auffassung, daß keine der künftig denkbaren Möglichkeiten des Lebens dem Juden Zuflucht und Zukunft zu geben hat. Und daß nichts weiter übrigbleibt als eine Katastrophenstimmung, die man individuell als einzelner zu überstehen hat, und bei der man auf die Mithilfe der engeren Genreinschaft nicht rechnen kann. Man sollte beachten, daß gerade hier die Duelle zahlreicher Selbstmorde liegt, von der die Chronik der letzten Jahre so unsagbar Trauriges zu berichten weiß. April 1932—der ECampf fonds Deines C.V.S Schwundendes bürgerliäzes Ethos und Antisemitismus in seiner Auswirkung als Fremd- und Feindmoral haben so zu einer Situation geführt, die vorn deutschen Juden als einzelnen einfach nicht mehr überwumden werden kann. Tie Zeit verlangt gebieterisch und dringend eine Korrektur der Lage des einzelnen, eine Beseitigung der geistigen Heimatlosigkeit und all ihrer Folgern Es gilt, das Gefühl des Alleinseins zu beheben, dem einzelnen das Wissen um die Zugehörigkeit zu einem sinnvoll werthaften Ganzen zrr vermitteln, um so den Anschluß an die Zeit und ihre Strömungen wiederzufinden. Ten jüdisch-nationalen Weg, der diesen irrationalen Tendenzen bis zu einer unmöglichen unb sinnwidrigen Konsequenz entgegen kommt, zu einer Konsequenz, die einfach von aller Zukunft fortführt, können wir ans Selbstachtung nicht gehen. Unser ganzes Sein sträubt sich dagegen. Wir können jedoch in dieser Kulturkrise, in dieser Umwertung aller Werte ohne Bedenken einen Weg gehen, der in Einklang mit den tragenden Ideen der Gegenwart steht. Dazu brauchen wir uns nur daraus zu besinnen, daß für die heutige Zeit eins kennzeichnend ist: die Herausstellung der Anschauung bestinunter Gruppen, die aus der besonderen gesellschaftlichen Lage heraus ihre Eigenart entwickeln. Tas Staatsleben löst sich immer mehr in solche Gruppcnindividualismen auf, die entweder sozialer oder politischer Herkunft find. Die Politik wird so zum eigellllichen Kampfplatz sozialer Gruppen. Die Zugehörigkeit zu einer Grupps stempelt den Menschen von vornherein ab. Der allgenieine Sozialgei st in Form der Humanität, des Weltbürgertums und des allgemeinen Staatsbürgertnms tritt vor dem partikularen Sozialethos, vor der Gruppensolidarität, die über alle Hindernisse und Schwierigkeiten der Zeit hinweghelfen soll, zm rück. Im deutschen Judentum finden sich seit jeher allgemeiner Sozialgeist und jüdischeigcntüniliches Sozialethos in seltsamer Mischung. Nieist überwog dieses Ausgehenwollen in eine größere Gemeinschaft. Temgegenüber trat das Bewußtsein der Besonderheit, der Zugehörigkeit zu einer engeren Gemeinschaft, das Gefühl der stammlichen Eigenart in den Hintergrund. Gerade das muß anders werden! Heute ist diese stammliche Eigenart, die Besonderheit in Vielem Anknüpfungspunkt des sozialen Lebens. Gerade, wenn das Kennzeichen des Stammes seine Bereinigung von Religion und Art, die mehr blntsmätzige und damit irrationale Bindung ist, dann kann das Judentum, das mit dieser Eigenart des Stammes am besten soziologisch zu erfassen ist, ohne Scheu und ohne Zögern durch die Entwicklung dieses „gruppenindividuatistischen" Momentes Anschluß finden an das Geschehen der Zeit. So wird auch die beklagenswerte Heimatlosigkeit im Geistigen und der so viel zitierte Ausbruch der Jugend aus dem Rationalismus in gesunde und vernünftige Bahnen gelenkt. Es gilt, eine ganz bestimmte Gesinnung zu entwickeln, um von hier aus die Einstellung zu den Vorgängen der Gegenwart zu gewinnen. Man verwechsle das nicht mit der Schaffung eines selbstgewählten Ghettos. Diese „Konzession" an den Irrationalismus besagt nichts anderes, als die Folgerungen ziehen, die gezogen werden muffen, wenn man sich selbst erhalten will. Aus der Rot muß man eine Tugend machen. Ter E. B. ist auf dem richtigen Wege, wenn er sich zu einem Gesinnungsverein entwickelt. Diese Gesinnung muß irgendwie fixiert und auch praktisch betätigt werden. Ihre Praktische Verwirklichung und lebendige Durchsetzung als Gemeinschaftsgefühl. als Selbstwürde und Selbstachtung, als gegenseitige Hilfeleistung muß mehr in den Vordergrund treten. Ter Abwehrgedanke ist so umznformen, daß er alle diese Dinge umfaßt. Auf die Frage: Wo steht das deutsche Judentum? muß die Antwort lauten: kaum noch im Lager des Bürgerlichen. Es ist in großen Teilen seiner selbst unsicher geworden. Und es muß alle Kräfte zusanunenfassen, um doll Weg zu gehen, der in die Zukunst hineinführt, hiueinführt ins Judentum als den Träger einer irrationalen Bindung und eines rationalen Seins, das in jedem Falle ein vernunftgemäßes Handeln gewährleistet. April 1932 — 'Hast Du 'schon gezeichnet?

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