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Central-Verein-Zeitung · 1932-03-25 · 13 (25.3.1932) · p. Seite 120

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
11 (1932)
Issue
13 (25.3.1932)
Date
1932-03-25
Page
Seite 120 (sequence 4)
Language
German
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120 Fortsetzung des Aufsatzes :„Stirnmungsmache im Ausland" von Seite 118+ sicht schon an manche Enttäuschung gewöhnen müssen. JOb ihre lamm-fromme Geduld freilich noch lange anhalten wird, bleibt abzuwarten. Als Hitler und seine Getreuen Zu ihren Redeschlachten auZZogen, da taten sie es gerüstet mit den blechernen Phrasen vom Ende der Tribut- Herrschaft durch Befreiung von der internationalen Verhandlungspolitik. Es ist anders gekommen: Tie Politik der Verhandlungen ist von der N. S. D. A. P. nicht nur übernommen worden; sie ist in einem Maße ausgebaut worden, das in einem umgekehrten Verhältnis Zu der Bürde der Verantwortung steht, die auf den Schultern der nationalsozialistischen Führer lastet. Tie Verständigung mit dem Ausland, bisher von der Neichsregierung als ein unerläßliches, nicht inuner leicht und nie leichtfertig anzuwendeudes Mittel der Politik betrachtet, ist in den Händen jener Unverantwortlichen Zu einer Maßnahme ter Par-eiPolitik und des persönlichen Prestiges mißbraucht worden. Nicht Befreiung, sondern Liefere, srevleriiche Verstrickung in internationale Bindungen bezeichnet den Weg der N.S.D.A.P. bis Zu diesem Tag. Frevle risch, weil sie von keinem Allgemeinintcresse gefordert, sondern. im Gegenteil, diesem Allgemeininteresse in jeder Weife gefährlich war. In allen oben angeführten Fällen gebärdete sich die N.ST.A.P. als Ncbenregierung, schuf im Ausland Zweifel, welche „Regierung'' nun eigentlich im Namen des deutschen Volkes sprach, und bedrohte damit das Ansehen der Reichsregierung in unerhörter Weise. Tas alles aber geschah im Namen des „Patriotismus" und der „nationalen lchre" — wie diese Leute sie auffaffen! Und plötzlich schallt es von der gleichen Seite, die so brav und emsig am Werke ist, das deutsche Ansehen im Ausland zu untergraben, „Hochverrat". Was ist geschehen? Ein übereifriger Journalist, denen reizbare Nerven anscheinend der Hochspannung des Wahlkampfes nicht gewaa sen lvaren, kabelte die Tatarennachricht nach Amerika, daß die deutsckM Jrrden für den Fall der Wahl Hitlers zun: Reichspräsidenten die Hilfe der amerikanischen Glaubensbrüder erbäten. Tiefe Nachricht wurde vom Centralverein sofort als. das bezeichnet, was sie ist: als „die verantwortungslose Berichterstattung eines sensationslüsternen Journalisten". Tie deutschen Juden, heißt es weiter in einer offiziellen, von vielen Zeitungen veröffentlichten Erklärung des Centralvereins, haben ihr Verhältnis zu ihrem Vaterland stets als eine Frage betrachtet, die nur innerhalb Deutschlands selbst ausgclragen werden muß und haben jede Anregung von ausländischer Leite, sich irgendwie in die Verhältnisse der deunci)en Juden einzumischen, avgelehnt. Revenr - i o w s „R e i ch s w a r t" hindert das nicht, in einem laugen Aufsatz (Nr. 12) die „Landesverräterischen jüdischen Pläne" gebührend zu brandmarken. Ta Hilst keine ag, da Hilst nicht der untrüge- ' Leumund einer' tausendjährigen Geschichte deutscher Juden auf deutschem Heimatboden: sowie ein Funke unbekannten Ursprungs und unbekannter Bestimmung irgendwo aufglüht, dann lenkt man ihn mit listigem Bedacht in einen Wurst von teergedrosckenem ^trotz, damit der Jude wieder einmal verbrannt werden kann, unbekümmert um das große 'Schadenfeuer, das entsteht. Wir haben mcherer ursprünglichen, alsbald nach Veröffentlichung der unverantwortlichen Nachricht derPresie übergebenen Erklärung nichts hinzuzusetzen. Daß die judenseindlicheu Hetzer sich diese Ente ausbraten und trefflich munden lassen würden, mußte bei ihrer Girr nach derartiger Nahrung und bei ihrer mangelnden Befriedigung durch natürliche Kost auf diesem Gebiete erwartet werden. Wir haben jedoch einen Rat für sie: vielleicht sucht sie in nächster Zeit ihre Leckerbissen im eigenen Stall, ^ie wird sie bort so schnell und reichlich finden, daß wir unsere Befürchtung, sie könnte sich daran der: Blagen verderben, nicht unterdrücken können. Es ist verständlich, daß die Staatsumwäl-' zung, die sich 1918 im Reich und in den deutschen Ländern vollzogen hat, daß die politische Unruhe, die seitdem fast ununterbrochen das öffentliche Leben Teutschlands beherrscht, daß die Parteiverbitteruug und die Zuspitzung des politischen Kampfes stark auf die Rechtspflege Zurückwirkt, die Justiz, namentlich in dem politischen oder politisch gefärbten Prozessen in eine fast problematische Stellung drängt. Was unter dem Schlagwort einer „Vertrauenskrise d-er Justiz" zusammengefaßt wird, ist ein mannigfaltiger, aus vielen Ursachen stammender Znstand, wmzelt aber wesentlich^ darin, daß zwei der staatlichen Gewalten, Gesetzgebung und Verwaltung, sich von Grund auf gewandelt haben, während^die dritte, die Rechtsprechung, konservativ geblieben ist. Kan: die Kritik der Rechtsprechung anfangs von links, so überwiegt heute beinah die Kritik von rechts. Ta eine einwandsfreie, geistig und ethisch überlegene Rechtsprechung, ihre Reinhaltung von wesensfremden Einflügen ein Staatsinteresse ersten Ranges ist, wäre jede sachliche Kritik erwünscht, gleichgültig, von welcher Seite sie geübt wird. Zu dieser Art der Kritik gehört freilich die nicht, bieder ehemaligeProviantamtsinspektor Gottfried Zarnow in seinem zweibändigen Pamphlet „Gefesselte Justiz" (der Zweite Band ist soeben erschienen und in Preußen beschlagnahmt worden) versucht. Diese Mischung aus Parlamentsberichten, Untersuchungsausschüsien, Ürtellen, Zeitungsartikeln rmd Buchzitaten, überall mit der Tunke der Republikfemdschast und des Antisemitismus übergossen, schmeckt fade — stört sie aber wirklich Nutze und Ordnung so sehr, daß das die Propaganda in den anderen Ländern fordernde preußische Verbot notwendig war? Herr Zarnow schilt die „rote Richterhetze" — was er selber treibt, ist Richterhetze in plunrper Form, die er anscheinend durch Anrvendung von allerkn ständigem Gebrauch — gibt und erhält dem Teint die Gesundheit, Reinheit ü. Frische für alle Zeiten! Parfümiert und unperforiert überall erhältlich. Hand Vorsich tsmatzchen für unangreifbar hält. Besonders bekümmert ist Herr Zarnow über den justizministeriellen Erlaß vom 23. September 1923, der unter bestimmten Voraussetzungen bas öffentliche Interesse an der Strafverfolgung antisemitischer Beleidigungen bejaht. Die Dienstanweisung erging damals im Anschluß an den Nathenau-Mord. Diese so sinnlose wie verhängnisvolle Tat, in chren Folgen noch längst nicht überwunden, hatte die nationale Gefahr einer Zügellosen antisemitischen Propaganda ins Licht gestellt und den Anstoß zu jenem von Staatssekretär Mügel Unterzeichneten Erlaß gegeben. Daß seitdem auch antisemitische Beschimpfungen, wenn ihre Verfolgung im öffentlichen Interesse liegt, von der Staatsanwaltschaft vor das Gericht gezogen werden, sollte für den Rechtsstaat eine Selbstverständlichkeit sein, und es Zeugt von dem Niveau des Pamphlets, daß sein Verfasser die dreiste Behauptung wagt, auf Grund dieses Erlasses werde die Ehre des jüdischen Privatmanns wirksamer geschützt als die des Nichtjuden. Dem Buch ist das bekannte Protokoll vorangestellt, auf Grund depen Friedrich der Große die Kammergerichtsräte im Prozeß des Müllers Arnold abgesetzt hat. Ter Verfasser weiß vermutlich nicht, daß es sich hier um ein, in der L^che übrigens sehlgreifendes Urteil jener Kabinettsjustiz handelt, die das Buch selber gerade bekämpft. Von diesem Buch würde König Friedrich vermutlich sagen: „Niedriger hangen!" — ein Verbot scheint uns der Ehre schon Zu viel. Dr. Ernst Feder. ¥©rl?E53 Ms VZ7ZZMMMZM lafiC »SUSkdSMZLtZMNZ (zrossOsriin Ter Landesverband Groß-Berlin des Eentralvereins hielt am 10. März i hu Logerchaus, Kleiststraße, seine Tagung ab. Der Syndikus des Landesverbandes Gwß-Brrstn, Tr. Jecichmarrn, derechttle über die politi''che Lage. Nabbiner Tr. Löwenstamm (Spandau) sprach über den' „Kampf um die deut'che und die jüdische SccleB Arrs dem außerordrmUch anregenden Boilrng, der ein Bild unstrer ßnstcsgeschichtticheN gab, seien folgende Eedankengänge hervorgchOben: Die Krise unserer Zeit ist im innersten eine Krise der Kultur. Wir leben in einer Periode dos lleborgangs, die nach einer neuen Lebensanschauung sucht. L ed an-5 a n; chauu n g ist im Wcscn immer mit denn Glauben au das Unsichtbare verbunden.. Nie i'st sic ausschließlich auf dem Volkstum basiert. UcberaH ijr das religiöse Btomcut die Grundlage. Der Mensch der Vorkriegsreit baute sein Leben auf dem Individualismus auf; er glaubte auf die Zwangs¬ und Naturgemeinschaft des Staates und aus die sittlichen Gemeinschaften mit persönlicher Bindung nicht sonderlich Rücksicht nehmen zu rmtfkn. Er war überdies Gcgenwartsmensch. d-er Vergangenheit verachtete und das Leben immer neu von sich aus anfangen zu können wähnte. Endlich war er vorn Rationalismus so sehr beherrscht, daß es ihm sicher schien, das Leben und die Welt gehe, durch Verstand dividiert, restlos auf. Wir Juden waren seit der Emanzipation die stärksten Erponenten dieser Kultur. Mit dem Weltkrieg kam für diele ganze Lebensansicht die Dämmerung. Wir sehen jetzt, daß jede Einzeleristeuz immer mit dem Ganzen, mit Volk und Vaterland, unlöslich verbunden ist,, daß wir geistig und seelisch ohne das Erbe der ganzen Vergangenheit uns nicht denken können und daß das Leven irrational ist. Lvir nrüyen die Wendung zu dieser neuen Problemstellung vollziehen. JDarnit würde ein großer Teil des Judenhanes verschwinden und uns ein innerer Halt gegeben sein, der die seelische Not der Zeit uns überwinden ließe, uns stark machte und den Gegnern Achtung ein flößte. Durch Rückkehr zur Tradition würden wir den Sinn für das Irrationale, das Feierliche/Symbolhaste, der uns früher immer eigen, war, aber durch die Verdrängrrna des Judentums verlorenamg, mrückgewinnen und der Ilmwelt eine Waffe gegen uns aus der Hand nehmen. Wir würden die mutige Festigkeit und das Vertrauen zum wahren Knliurforischriit behalten, auch wenn, wie heute, scheinbar eine rückläufige Bewegung stattfindet, weil nach dem Worte Lessings „die kürzeste Linie nicht immer die gerade ist". Der Vortrag wird demnächst im Manuskript erscheinen und besonders imcrcssierten C. V.ern auf Ansorderu zur Verfügung gestellt werden. C23 CV. lil kÜ2äiw>>SIZC'tä Am 17. März d. I. sprach der Syndikus des Eentralvereins, Dr. Alfred Zähmt, in der Ortsgruppe Berlin * Steglitz - Friedenau vor Mitgliedern und einer sehr großen Zahl mchtjüdischer Gäste über das Thema „Kennen Sie den deutschen Juden?". Ter Vortrag, der das geschichtliche und kulturelle Heimatrecht der ^deutschen Juden unter Heranziehung vieler Beispiele nachwies, löste eine anderthalbstündige Aussprache aus; an ihrbeteiligten sich vorwiegend chrrsckiche Gäste, unter ihnen ein Herr, der sich als ausgesprochener Antisemit kennzeichn nete, seine Ausführungen aber in objek. tiver Weise machte. Gerade von christlicher Seite wmrde der Wunsch ausgesprochen, daß der-

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