Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 12 (18.3.1932)
- Date
- 1932-03-18
- Page
- Seite 112 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Auch der „Wilhelm Meister", den sie zwar wie alle Romantiker verehrte und studierte, war ihrer innersten Natur so entgegengesetzt, daß „ich sagen muß: ich verstehe cs nicht". Denn der „Meister" war' den Romantikern zlvar Vorbild um der schrankenlon Ausbildung der Individualität willen, die Wilhelm von Mensch zu Mensch, von Bildungsgebiet zu Bildungsgebiet führt, nicht aber anerkannten sie die Tendenz der Gestaltung eines bewußt tätigen und letzlich einer ' überindividuellen Wesenheit dienenden Lebens, auf die der Eoethefche Roman ausgerichret ist. War hier eine gewissermaßen unbewußte Weseusquelle Dorotheas im Spiel, so ist die Ablehnung, ja Anfeindung von Goethes ^Sächsisch Weimarischem Heidentume" fel)r_ bewußt und heftig. Goethes Liebe und Aufsagung der Antike, sein „Winkelmann", die „Propyläen", auch die, „Klassische Walpurgisnacht" erscheinen ihr als eine „affektierte Abneigung gegen das Christentum", dem sie sich ja mehr und mehr mit ihrer ganzen religiösen Kraft verschrieb. Aber fürRahel war nun Goethe der Stern, unter dem ihr Leben stand. „Nach Maß der Gaben jedes seiner Zeitgenossen wird er nur gefaßt", sagte sie einmal, und ihr eigenes Maß, ihn zu fassen, war so weit wie das von wenigen ihrer Zeitgenosten. Es ist unmöglich, die tausendfältigen Variationen, in denen sie Goethe preist, liebt, anbetet, in wenigen Worten zu umschreiben. Es ist für Rahels tiefe Beziehung zu Goethe sehr bezeichnend, daß sie sich niemals aufhält bei der objektiv äußeren Schicht seiner Werke — wo Dorothea doch stehen bleibt —, sondern immer durchzustoßen sucht zu den Urerlebuiffen, aus denen sie geboren wurden. Und das fast kongeniale Verstehen, mit dem Nahel Goethe in jeder Einzelheit und Nuance seine Dichtungen in sich ausnahm, aufsog, scheint mir gegründet zu sein vor allem in einem jener Urerlebnisse, das ebenso das ihre wie das Goethes war: in dem Erlebnis der E n t s a g u n g. Rahels Entsagung war freilich eine anders bestimmte als die Goethesche: sie blieb vor jener gleichsam um eine Schicht zurück. Vollendet sich der „klastische" Goethe im Ringen mit den Strebungen und Leidenschaften seiner Natur um des Humanitätsideales willen — ein Ringen, für das „Tasso" und „Faust", „Wilhelm Meister" und die „Wahlverwandtschaften" unvergängliches Zeugnis sind —, so war Nahel schmerzlich bewußt, solcher Humanität selbst entsagen zu müssen, weil sie die irrtümlich romantische Frau, die widerstreitenden Anlagen ihres Wesens nicht zu harmoninischer Einheit zu fügen vermochte. „Alein ganzes Leben ist eine Marter — mein scharfes Wissen, Sondern, Scheiden . . und — das große Meer in mir, mein tiefer, großer Zusarnmenhang mit der Natur . . das bißchen Bewußtseilt darüber — das kostet mich was!" Vom Entsagungserlebnis her begriff sie Goethe, begriff den „Kern" des Wilhelm Meister in den von ihr immer wieder zitierten Worten des Romans: „O wie sonderbar vt es, daß dem Menschen nicht nur das Unmögliche, sondern auch manches Mögliche versagt ist." Aber gerade weil sie um dieselben Inhalte — wenn auch nicht aus derselben Ebene — wie Goethe rang, so wurde seine Menschlichkeit, sein Gelingen, ihr zum Menschheitsideal überhaupt, zum „Lebensstern, Bürgen, Zeugen". Vor ihm neigt sie, die Selbstbewußte, sich. In ihm allem — der ihr als Mensch und Mann unerreichbar war — fand ihr Wesen Erfüllung und Ruhe. Noch 1827 schreibt sie:'„Aber da kommt Goethe mit seiner Macht, seiner Vollendung . . , Denken, Reise . . . kampfgekämpfter ÄZeisheit, beschauender, überschauender Melancholie, weiser, ausgerungener Heiterkeit, mit seinem . . . Sternenblick . . . mit der- Götterbrust, an der man nicht allein ruht, sondern Ruhe findet.. * So widerfährt ihr höchste Beglückung durch die Aeußenmgen Goethes über sie, der sie persönlich und aus ihren Vriestn au Varnhagen kannte. Ihre vergötternde Liebe war ihm „doppelt lieb", sagte er, „denn es ist bei ihr keine allgemeine Idee; sie hat fick/jedes einzelne deutlich gemacht". Die Verehrung Goethes und die Auseinandersetzung mit ihm, die die jüdischen Frauen der Romantik vollzogen, ist nicht nur eine bedeutende Erscheinung der Goethe-Zeit selbst und des deutschen Geisteslebens, sondern bleibt, wie wir anfangs betonten, auch einer der wichtigsten Abschnitte in der Geschichte des deutschen Judentums. Dr. Käte Hamburger. Zum Goethe-Gedenktag! Zur Besprechung eingegangene Bücher: S. H. Hauben, „Der polizeiwidrige Goethe"; Verlag G. Grote, Berlin 1932. — Johannes Fuchs, „Advokut Goethe"; Verlag Herwann Bühlaus Machst, Weimar 1932. — Ludwig Richter, „Goethe-Album"; Verlag Georg Wigand, Leipzig. Kleine Chronik Unser treues Mitglied Joseph D a l t r o v (Harburg- Wilhelmsburg) beging ain 1/. März seinen bä. Geburtstag. — Kantor S. Blauftein, früher Snefen, feiert am 22. Marz seinen 85. Geburtstag." Seine zahlreichen Freunde und Schüler werden des verdienten Mannes an diesem ^age in Herzlichkeit gedenken. — Unser Mitglied Adolf Behrens (Lüdge) kann auf eine bchährige Tätigkeit als Versicherungsagent zurückolicken. — Unsere Mitglieder Hugo Bromberger und Frau M a I ch e n gcb. Hirsch (Berlin) feierten am 6. Mürz das Fest der silbernen Hochzeit. — Unser Mitglied Sanitätsrat Dr. Wienskowitz (Löbau i. Sa.) feiert am 20. März sein goldenes Doktorjubiläum. Wir gratulieren allen unseren Freunden herzlich! — Die durch einen Blitzschlag am 16. August v. I. schwer beschädigte Ennagoge in E d e r s w a l d e wurde am 6. März d. I. durch einen Festgoitesdienft, an dem neben Bertretern der benachbarten jüdischen Gemeinden auch viele christliche Eberswalder Bürger teilnahmen, wiedereingeweiht. „Bunter Abend" im C. V.- Heim für Angestellte Es war ein erfreulich.'s Zeichen fcft5nften Gemeinschaftsgeistes, als sich kürzlich in dem C. V.- Heim für jüdische Angestellte in Berlin etwa 150 Brenschen zu einem „Bunten Abend" zusanunensanden, der — durch Büttel und Räumlichkeiten bedingt — in einfachem Rahmen ftattfanb. Wäbrend im allaemeinen cm fast jedem Abend — den stets festlich begangenen Freitag ausgenommen — ernste Arbeit geleistet wird, Kurzreferate und Auswrachcn über jüdische Probleme und aktuelle Tagessragcn manche Stammgäste des Heims unterhallen, wahrend sich andere Gruppen aus mannigfache Art und Weist beschäftigen, wurden an jenem Abend einmal. alle Anwesenden zu einem großen Kreis vereinigt. Tie Anregung zu der Veranstaltung ging von den Heimbcsuchern selbst aus. auch ihre Durchführung lag im wesentlichen in ihrer Hand. Es waren, um das Programm reichhaltig und bunt zu gestalten, durch Vermittlung des ,^Künstlcr)ienst E. V.", einer in Berlin bestehenden ^elbsthilstorganisation für alle Künstlergattungcn, junge Künstlerinnen und Künstler geworben worden, Rezitatoren, länger, Zeichner, Komiker, teilweise sogar Nichtjuden, die sich in dankenswerter Weise uneigennützig in den Dienst der coache stellten. Sie erfreuten die aufmerksamen Zuhörer mit ernsten und heiteren Vorträgen. Manchem merkte man in diesen Stunden ein von Alltagssorgen befreites Ausatmen an, manch einer sprach am Ende dieses Abends ein aufrichtiges Tankeswort. Ter Gedanke der Gemeinschaft, die heute für viele dem Leben und dem Berufsleben entfremdete jüdische Menschen Notwendigkeit geworden ist, findet in diesem Angestelltenheim, das an jedem Tag und zu jeder Tageszeit stark besucht ist, Ausdruck und Verwirklichung — trotz' aller Schwierigkeiten, die in der persönlichen und beruflichen Aerschiedenartigkeit der erfaßten Menschen begründet sind. Schon nach einem Vierteljahr seines Bestehens hat sich das Heim als eine Sammelstätte jüdischen Lebens erwiesen, die im Sinne unserer deutschjüdischen Tendenz zu halten und auszubauen eine wesentliche Aufgabe unserer inneren Vereinsarbeit ist. — th— Landesverband Gross-Berlin Ortsgruppen KO, Of N, Centrum, Weissensee. Donnerstag, den 2 4. März 193 2, abends 8 Uhr, in den „Unionsfestsälen“, Grcifswalder Strasse 222, Rabbiner Dr. Weyl: „Das Purimfest und seine Staatspolitiken Lehren für unsere Zeit/1 Der Vortrag wird durch Rezitationen und Gesangsvorträge umrahmt. Eintrittskarten ä 50 Pf. einschl. Kaffee und Kuchen sind zu haben bei W i n t e r, Raabestrasse 2, M. &. R. S a 1 i n g e r, Keue Königstr. 74, Gebr. Raphael, Alexanderstrasse 2. Informationsabend Mittwoch, den 2 3. März 193 2, abends 8K Uhr, in den Büroräumen des C. V., Emser E Strasse 42. Syndikus Dr. Reich mann: „Sind wir wehrlos?4* (Was tut der C. V. im täglichen Kampf um die Erhaltung unserer politischen und wirtschaftlichen Existenz?) Eintritt nur für Mitglieder. Geschäftliche Notizen Für abstrakt geistig Tätige ist körperliche Entspannung und Erholung dringend erforderlich. Oft aber werden sie nicht ganz leicht die Brücke zur ausschließ» lichen körperlichen Betätigung durch Sport und Wandern finden, sondern sie werden cs begrüßen, gewissermaßen aus ihrem geistigen Milieu 'heraus in eine neue Umgebung der körperlichen Ausarbeitung geführt zu werden. Dieser Einstellung trägt der klimatif.äo Liusttur- und Sportort wrümmhübel int vimscugebirge in origineller Weise Rechnung. Er vew anstaltet für die Ostertage „geistige Ferien für Geistesarbeiter". Im Kernpunkt dieser Ferien werden geistige, und geistreiche Beranstaltungen stehen. Es sind folgende ^Vorträge vorgesehen: Walter von Holländer (schöpferische Jugend), Dr. Ernst Wagner, Lehrer an der Staatlichen Akademie für Kunstgewerbe (Gesicht der Erde und der Mensch, Weckung der Gchasfenstraft), Dr. Gustav Wyneken (Verbundenheit als Iwang und Freiheit). Es sind besondere Preisvcrgünstigungen vorgesehen, die es Akademikern und sonstigen Geistesarbcitern, die bekanntlich nicht auf Rosen gebettet stnd, ermöglichen, aus diesen Ferien des Körpers und des Geistes in Krnu-.mhübel Nutzen Zn ziehen. Verlag: Centraloerein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e. V., Berlin \Y ij, Emser Ctr. 42. Tel.- Adr.: „Lcntralglauden Berlin", Postscheck: Berlin 30472. Hauptschrisileitcr i. V.: Dr. A l f r e d W i e n. e r. Verantwortlich für die Schriftleitung: Dr. Margarete Üdelheirn. Beide Berlin W 15. — Unverlangte Manuskripte werden nur zurückgesaudt, wenn Freiumschlag beiliegt. — Verantwortlich für den Anzeigenteil: Helmut Cohn / Vln. - Schlachtensee. — Druck: Rudolf Masse, Berlin. AS«* :eaen J TU) sr\ Verkauf nur in eige. Tuns,