Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 51 (18.12.1931)
- Date
- 1931-12-18
- Page
- Seite 581 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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SerUn, 18. Dezember 1431 X. Jahrgang * fit. 51 Einzeln um ni er 20 Pfennig <%a? 9**s <§ fW' *></ -\ r- < A ) S\t A A A A A.N V*s? </ Sf" V V W V V &/vvV^ A« A <\ /-\ A*S L. EL Die Notverordnung vom 8. Dezember wird die deutsch: Wirtschaft in entscheidenden Punkten umgestalten. Cie soll dazu dienen, den Radikalismus zu überwinden und aus der ungeheuren Schwere der Zeit, auder Verschuldung unseres Vaterlandes einen Au-noeg zu schaffen, eine, w-emn auch mir allmähliche Gesundung becbeizusühren. Uns gehen hier die Vor'-chriflen über den Schuß des inneren Friedens besonders an. Die Verordnung sieht für den Fall der üblen Nachrede über eine im öffentlic^n Leben stehende Persönlichkeit schwerste Bestrafung vor. Wir mutzten in diesen Blattern leider häufig darüber berichten, daß nicht nur jüdische Eiwwlpersön- I ich leiten, sondern die Juden in ihrer Gesamtheit beleidigt und .verleunrdet wurden. Hier laßt die Verordnung eine Lücke, denn sie sieht lediglich den verstärkten Schutz der Einzelversönlichkeilen gegen Verleunümngen vor; diese aber werden an sich durch das bestehende Gesetz genügend geschützt. Dem Schutz von Gruppen gegen Beschimpfung dagegen/ hat das Reichsgericht in einer kaum verständlichen Weife bisher nicht ausreichend Rechnung getragen. Und doch spielen gerade die Angriffe auf die Ehre von Personengruppen in dem. politischen Leben eine weit größere Rolle als die gegen Ein- Zelpersönlichkeiten. Tie Notverordnung schreibt Burmrieden bis zum 3. Januar vor; aber leider wird das weder tatsächlich, noch dem Seifte nach cinaehalten. Gerade wir deutschen Juden haben das Recht, dies fest zustellen, denn die Flut der schwersten, völlig unbegründeten Angriffe gegen uns, ist immer mehr im Steigen. Eine Rettung aus diesem Wirrwarr kann nur entstehen, wenn die Reichs regier ung, den Worten Brünings ge-, treu, mit schärfstem Nachdruck und letzter Energie gegen den Radikalismus cintritt; wenn sie die Frist des Burgsriedwes benutzt, um sich über die inneren und äußeren Probleme unseres Vaterlandes bis ins Letzte klar zu werden und Wege zum Wiederaufstieg zu finden, bevor der Haß Deutschland zu einem Drümmerselde macht. Wir deutschen Juden ersehnen den inneren Frieden auch über den 3. Januar hinaus. s:::,3 z-MZüM LMMs In Nr. 50 der „E. D.-Zcitung" vorn N. d. M. berichteten wir kurz von der Schändung der Synagoge Lüneburg. In der Nacht vom 8. zum 9. Dezember sind wieder zwei Fenster durch Steinwürse zertrümmert worden. Vorher war offenbar Vorsicht worden, die in der Zwischenzeit vergitterten Fenster am Eingang der Synagoge wieder zu zerstören. von * * *? ff? Don sehr beachtenswerter Ztltt wird rmö geschrieben: Schon seit Jahrzehnten versuche man in Deutschland. Mittel und Wege zu finden, um dir Gehässigkeiten aus dem deueschen Parteikamps euszumerzen. Immer wieder wird, .aus das Beispiel des Auslandes vermiesen, insbesondere cir England, wo sich die parteipolitischen Auseinandersetzungen in viel humaneren, gefälligeren und sachlicheren Formen vollziehen als bei uns. Wer bei uns in politischen Fragen anderer Meinung ist, der wird keineswegs nach seinen Gründen befragt, dem wird nichr lange Gelegenheit gegeben, auseinanderzulegen, weshalb er diese Meinung *::r beper hält oder jene, der hat auch gar keinen Anspruch darauf, daß man die angegebenen Gründe als die wirklich bestimmenden anerkennt, sondern er wird aus jeden Fall zuerst in seiner 6 e s i n n n n g verdächtigt. Wer z. B. in Deutschland dem Versailler Friedensvertrag znge stimme hast der galt ohne weiteres als „nicht genügend national gesinnt". Er war ein „inoral:saur -^chmächling", der nichr den nötigen Mut zum Widerstand, den Willen zu einem „vorübergehenden Opfer" ausbrachre. Er war kein Teurerer. soiwern ein „Französlmg". Oder wenn heute jemand etwa den Grundsatz verficht, daß die Anlurbelling der Wirtschaft in erster Linie durch eine Derstärkimig der Kaufkraft der Bevölkerung geschehen mäste, so wird ihm keine Gelegenheit gegeben, das näher zu begründen, sondern er gilt von vornherein als ein „Marxist". Brüning wird sich noch so sehr um die Sanierung der deutschen WirtW-afr abmühen können, kür gewipe Kreise bleib: er immer der „Römling". Und Ncllhonaus imponierende Besreiungärersuche von der drückenden Reparauonsvrllllk Poincaräs haben cs nie zuwege gebräche, daß die Abstempelung eines „nute ut scheu Fremdlings" von ihm weg genommen wurde. So ist nun einmal die poliu'che Mentalität des Deutschen. So ist sie sei: Jahrzehnten, und alle pädagogischen B-ersuche. sie als volksv-erderölich und genwinsicherstszerstörend zu überwinden, werden wohl auch künftig veraeblich bleiben. * Tiefgründigste vollspsycholognche Schriften umfangreichsten Formats sind über die Frage geschrieben worden, weshalb sich das deutsche Juden: nur Jo schwer ins deullme Volksleben cunlebe", weshalb gerade in Deuchchlend die in anderen Ländern zu Lcobacheerde Amalgamierung der Juden und der Einheimischen sich so außerordentlich schwer voll siehe. Blau hat dabei ergründet, d-aß wohl die germanische Raste eine ganz besondere Mission in der Welt zu erfüllen und de men sprechend auch eine besondere seelische Prägung erhallen habe, mindestens eine Art „seelischer Sonderung", so daß der Jude, der früher seinerseits auch einmal eine religiöse Misiwn durchführen sollte, aus diesen weltgeschichtlichen Konkurrenzgründen dem deutschen Dolle mit psychologischer Notwendigkeit ein Fremdling bleiben mime. Aber es verlohnt sich nicht, aus alle die Theorien einzugehen, die aus unserer seltsamen Dollsnot so ein großes Dugendgebäude machen möchten. Es ist selbstverständlich, daß verschiedene Stämme ihre Umerscheid-ungsmerkmale nicht ablegen werden. Auch in anderen Landern, wo das Problem des Judentums nicht so stark empfunden wird wie in Deutschland, bleibt, stammesmäßig gesehen, der Jude ein Jude. Aber deshalb wird er nicht weniger geachtet, andern er behält sein bürgerliches Recht und ein Ansehen genau so wie jeder andere Volksgenaue gemäß seinen Verdiensten und seiner Art, sich im Volk zu geben. Diese Völker fahren nicht schlecht dabei, und sie wiyen es auch. Ist cs also notwendig, baß man die angebliche politische Unversöhnlichkeit des Deutschrassigen und des Juden in Deutschland gewistermaßen auf letzte metaphysische Gründe zurücksührt? Hat sie nicht vielmehr in ganz bcftimmtcn aktuellen politischen Situationen bereits eine ausreich endeBeg rund ung? * Ich möchte aus folgenden politisch-psychologischen Sachverhalt austuerksam machen: Wenn sich der Deutsche politisch äußert, sei es in seiner Preste oder sei cs durch seinen Wahlakt, so ist er' aus der Vorkriegszeit her gewohnt, dies in allgemeinen weltanschaulichen Bete n n t n i s s e n zu tun. T-er Deutsche der Vorkriegszeit halle trotz des sehr demokratischen Reichstagswahlrechts nicht pie Möglichkeit zu einer s e l bst ve r a n tw o r t l i ch en. zweckhaften politischen Initiative. Die Verantwortung lag vielmehr gänzlich beim Bundesrat und seiner: Repräsentanten, dem Reichskanzler samt dem Stab seiner Seaatssekretäre. Nur der Kaiser und der Bundesrat hatten das Recht der aktuellen Entscheidung. Ter Borkriegsdentsche wurde also kaum in die Lage versetz!, zu erfahren, daß man aus demselben moralischen Beweggrund. daß man aus d e m - selben wellemsckemlichen Gesinnungs in o t i v heraus bei akeiner politisck)cr Entscheidungs- Verpflichtung zu ganz verschiedenen