Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1931-10-09 · 41 (9.10.1931) · p. Seite 481

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
41 (9.10.1931)
Date
1931-10-09
Page
Seite 481 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2277379-2277886-2277927--06986-2287850
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

I t Seklm. 9. Gktsber 1931 X. Jahrgang * Nr. 41. Linzelnummer 20 Pfennig MSkSMWM'KLUÄÄM MMZSNS S.Ä WW^ WZ' L>ZW»WEerm NKÜ ImöSWlNM. * V DierteNahrSabonnernent 2,50 NM. (z^ägä ScficHgelb). Allgemeine Zeifun£> des Judentums L'rlHund Cchriftl^tung: Berlin W 15, Gmfeteti.42. F-rnsprecher: J 2 Oliva 5374. P-sischeckkonto: Dr?l!n^5! 72. .:. Drnw'onis: Dresdner Dank, Dexrsitenrs^e 8 L Berlin-Wilmersdorf 1, Hohenzollerndumm 196, und von Qoldss-midt - Rothschild L Co., Berlin V. 6. «Weinige Anreigenannabme: Annoncen-Expedition. Rudolf Noffe, Berlin SW ICO, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0F0 für die Tgefpaltene Feile nach Rudoll Koffer Normal-eilenmrffrr Br. 4, Fainilienanzeigrn und Stellensuche (nicht Etellenangebole) für Mitglieder des Centralvereins 0,45 JUt, die 62 mm breite R-rlom-zrile 340 JUL DW UHWMS tzM In der Tagespreise liest man in letzter Zeit Artikel über das harte Leben der Werkstudenten. Da findet mau romantische Schilderungen, wie ein junger Mann mit Schmigen im Gesicht Straßenarbeiten verrichten must, um sein Studium zu ermöglichen, oder ein zweiter in den Ferien als Kellner sein Brot verdient. Und das Publikum ' liest solche allzu stark aus Essekthascherei zugeschnitwnen Darstellungen voll Staunen — aber ohne sich über das rvahre Elend, das hinter ihnen steht, klar zu werden. Es ist viel wichtiger, die traurige Lage der Werkstudenten ernsthaft zu schildern, denn nur so kann man bei den Lesern wahres Interesse erwecken und sie dazu anregen, den Werkstudenten Arbeit zu geben. Und das will ich, der ich selbst Werkstudent bin, hier versuchen. Tie Wirtschaftskrise trifft den Studenten in vielfacher Beziehung. Die Eltern, die beim Beginn des Studiums ihrer Kinder häufig noch glauben, ihnen eine sorglose Studienzeit gewähren zu können, sehen sich immer mehr dazu außerstande. Die öffentlichen Unterstützungsquellen sind derart erschöpft, daß den einzelnen Studenten ein kaum nennenswerter Tei! aus den zur Verfügung stehenden Mitteln zusällt. Die allgemeine Arbeitslosigkeit schasst eine ungeheure Konkurrenz, der der Werkstudent aus Mangel an praktischer Vorbildung nur selten gewachsen ist. Schliest-!ich hat die Zahl der Werkstudenten selbst so zugenommen, daß die Stellenbeschassung für die einzelnen Kommilitonen immer schwerer wird. Auf dem akademischen ErwcrbövcrmiLilringsarnL in Berlin fragen täglich 100 bis 150 Studenten und Studentinnen nach Arbeit — dem steht ein Angebot von sechs bis sieben Stellen täglich gegenüber, wobei eingerechnet ist, dast Sonnabends die Stellenverteilung wegen Mangel an Angeboten häufig aus sollt. Es gibt kaum eine Arbeit, die Werkstudenten nicht übernehmen. Tie Zeit, in der sie sich nur mit NachhilstunterrichL, wissenschaftlicher Hilfsarbeit, Korrekturlesen, Uebersetzungen und ähnlichem ihr Brot verdienten, ist längst vorbei. An der nachstehenden Liste von Arbeitsangeboten mögen die Leser ersehen, dast wir Studenten uns vor keiner Arbeit scheuen und dast der alte Satz, diese oder jene Arbeit könne man einem Akademiker nicht zumuten, längst überwunden ist. Folgende Angebote waren ausgeschrieb-en und wurden von Sudenten ausgesührt. 1. Zwei kräftige Studenten zum Teppichllopsen gesucht. 2. Ein Student für Vormittag zum Fenster- Putzen gesucht. 3. Studentin, Sportlerin, kinderlieb, zur Beaufsichtigung eines neunjährigen Stäbchens. 4. Student cder Studentin, geivandt in ßO ct:S3 E;:i s vT ft/ rn z« - b,..; H;1 Hij, vv^ v|f wy w jf v Don Or. Alfred Marcus (Berlin) und Or. Felix Goldmann (Leipzig) Tr. Felix Goldmann (Leirzig) hat in Nr. 36 der „E. B.-Zeitung' einen Dorscblag gemacht, besten Durchführung mir den größter Wichtigkeit zu sein scheint: er fordert die Schaffung eines jüdischen W i r t s ch a f t s i n st i - Lutes. Eine solche Einrichtung kann von größtem ideellen und praktischen Wert werden, wenn sie so aufgebaut und gesäurt wird, dast sie ihren Ausgabenkreis auch wirklich zu erfüllen vermag. Es wird Sack» des Einvernehmens aller interessierten Stellen und Persönlichkeiten sein, den Aufgabenkreis des zu schassenden Jnüitutes sestzulegen. Allzulange darf aber die Herstellung dieses Einvernehmens meiner Ansicht nach nicht dauern. Es handelt sich hier mcht um eine Prestige-Angelegenheit, es handelt sich nicht um eine Kompetenzfrage, sondern es geht um eine Lebensfrage für das gesamte deutsche Judentum. Zn solchen Fällen muß rasch und sicher gehandelt lwerden; bedauerlich genug, daß bisher nichts m dieser Richtung geschehen ist. L-ediglich in der Abächt, die sckmelle Förderung der Sache zu unteräützen, möchte ich im nachstehenden ein ungefähres Programm de- Institutes entwerfen, wobei ich betone, dast es sich hier um eine rein private Aeußcrung handelt, deren Inhalt nicht irgendwie als Festlegung zu betrachten ist, weder für den E. B. noch auch für mich. Eine hoffentlich recht bald herbeizusührende intensive Bearbeitung der Angelegenheit wird dann den endgültigen Rahmen des Jn'ütutcs abzustecken und seine Ziele endgültig sestzulegen haben. Woraus es für uns zunächst ankommt, ist die forelausende und möglichst genaue Untersuchung der Lage in denjenigen Handelszweigen, in welchen Juden erfahrungsgemäß in Deutschland heute noch nicht in erheblichen Prozentsätzen tätig sind. Tenn gerade die Tatsache/daß sich die wirtschaftliche Betätigung der deutschen Juden auf verhältnismäßig sehr wenige Handelszweige ^zusammendrängt, mach: unsere wirtschaftlich Stellung ja so besonders koustinktnrempsindlich und auch empfindlich für die Folgen struktureller wirtschaftlicher Wandlungen. Es kommt also üür uns zunächst daraus an, das zu sch-af'ende Institut in den Dienst der b r a n - che n mäßigen Dezentralisation der in Handels berufen tätigen deut'ch-en Juden zu stellen. Diese hat nach zwei Richtungen zu erfolgen, einer horizontalen und einer vertikalen; einer horizontalen insofern, als wir mit Hilfe des Instituts die Möglichkeiten in solchen Hndelszweigen zu untersuchen haben werden, in denen sich Juden aus irgend welchen Gründen bisher noch nicht oder d-och nicht nennenswert als^ II n t c r n e f) me r betätigen. Wird eine solche Untersuchung in der Äbächt der Stenographie und Schreibmaschine, für Mietbüro, halbtägig. 5. Drei Studenten für Tanz- und Unterhaltungsmusik, Klavier, Geige. Schlafzeug. 6. Student wird für statistische Arbeiten gesucht. 7. Zwei Studenten, schlanke Erscheinungen, als Hochzcitsgäste gesucht. 8. Drei Sndenren zum Verkauf von Bratkartoffeln in Tüten. 9. Zioei Studenten über 21 Jahre als Trauzeugen gesucht. 10. Fünf Studenten zwei bis drei Stunden täglich zum Zettelverteilen. 11. Ein Student zum Wäscheaus'ahren dreimal wöchentlich. Rationale Gesinnung. 12. Drei Studenten für Hauswursseudungen. 13. Student, handfertig, zum Ausbepern Hon Matratzen gesucht. 14. 75 Studenten zum Hallen von Fesselballons aus dem Tempelhoser Felde. 15. Student zum Kohlentragen, täglich zwei bis drei Stunden. 16. Student als Plakatträger für Kino ge- Nch- 17. 20 Studenten für mechanische Büroarbeiten gesucht. Daß auch wir jüdischen Studenten solche Arbeiten übernehmen, ist selbstverständlich, aber allzu os: sche:den wir von der Bewerbung aus, weil in den Angeboten „nationale Gesinnung" verlangt wird, womit ja die Arbeitgeber oft das gleiche meinen wie mit der deutlicheren Ankündigung: Ter Bewerber darf kein Jude sein. Auch diese Bedingung findet sich häufig. Vielfach ziehen aber auch heute noch jüdische Arbeitgeber z. B. christliche Hauslehrer vor. Die Rot der jüdischen Studierenden ist groß. Ihnen durch Zuweisung von Arbeit zu' Helsen, ist eine Dringende Ausgabe d-er jüd-ischeu Arbeitgeber^ Dadurch geschieht den notleidenden christlichen Kommilitonen kein Schaden. Arbeitgeber mögen entroeder auf dem akademischen Erwerbsvermittlungsamt Studememverk, Berlin, Johannisstraße, jüdische Kommilitonen in geeigneten Fällen verlangen oder sich an die Jüdische Sudentenhilfe, Rosenstraße 2—4, Telephon: Rorden 6711, an d-en Jüdischen Arbeitsnachweis (Abteilung für Studenten), Lindenstraße 48, Dönhoss .'107, wenden, die mst jüdisthen Werlstudenten in ständiger Verbindung stehen. Willy Weinberg/ stud. med.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.