Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1931-09-18 · 38 (18.9.1931) · p. Seite 457

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
38 (18.9.1931)
Date
1931-09-18
Page
Seite 457 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2277379-2277886-2277924--06959-2287820
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Berlin, 1$. September 1931 X. Jahrgang ♦ Nr. 3$ Einzelnummer 2d Pfennig tWMMyMMÄWISR MSMMkS e Allgemeine Zeifung desDudentums DierLeljahrSavonnement Verlag und EchrgtleUung: Berlin W 15, Gmfct Str. 42. Fernsprr5)sr: J 2 Oitoa 5074. ^öfifc;stf!onio: Berlin 30472. Ssnlfonto: Dresdner Dank, De^sitsn?rffe H2, Berlin-Wilinersdorf 1, Hohenzollerndamm 195, und nrn Eol-schnridL»Rothschild L Lo., Berlin W S. Alleinige Anzeicenannahme: Dnnoncen-ExpediLion Rudrlf Mo,'je, Berlin SW 105, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 S-.ü für die 7c:fpalfenc Zeile nach Rudolf Moffrz NormalZeilennicsser Nr. 4, Faniilicnanzeigen und Stellengesuche (nicht SLeNenengebote) für Mitglieder des Lentralvereins 0,15^2^, die 62 mm breite Reklaneezeils 3,50 JL£. rn< . '■ ’’ : / b ,, r ■ Wv\/ yK v'/' Odi/'s '■ V’ SsA Ss f-. ^A/-^ S\!,/i */^ l! |! o!1 i/ V ww' V^VvT' A . Z?/*,AA^N /-■> AA^tAV) i! i :/ M l 1 i i J! h i f }\ - ' ' . ■ * .. i^vp^vU vvvv^ 6^Vvvv /l Um: i V v0*s} Kr4 v V V* V V* V' In diesen Blättern wird ein künftiger Geschichtsschreiber eine erschütternde Chronik über die politischen Verirrungen unserer Zeit finden. Gr wird besonders aus den letzten zwei Jahren schamlose Herausforderungen judenfeindlicher Volksoerführer Nachlesen müssen. Cr wird die ehrlichen und die hinterhältigen Vollsaufwiegler vor sich sehen, die, die mit niederträchtigen Vergleichen zum Mord auffordern, und die andern, die in plumper Offenheit zum Pogrom anreizen. Und diesem künftigen Geschichtsschreiber wird bei solcher traurigen Lektüre notwendig die Frage aufsteigen: Wie hat sich diese^ skrupellose Wühl- und Hetzarbeit entladen, wie ist die künstlich augestachelte Volkswut zum Ausbruch gekommen? Daß eines Tages die Giftfaat aufgehen muhte, war nach Art, Anlage und Umfang des Unternehmens unvermeidlich. Die erste schwere ausgesprochene judenfeindliche Entladung ist in Berlin am Abend des 12. September, am ersten Tage Rauschhaschono eingetreten. In den Abendstunden erschienen plötzlich etwa 1000 Nationalsozialisten, ohne Uniform und Abzeichen und doch jedem Kundigen als S. A.-Leute sofort erkennbar, rempelten jüdische oder jüdisch aussehende Passanten, die zum Teil aus den Gotteshäusern kamen, an, schlugen harmlose Fußgänger ohne jeden Anlaß nieder, und drangen unter judenfeiudlichen Schmäh- und Kampfrufen in die Konditorei, deren Besitzer Christ ist, in der aber viele jüdische Gäste zu verkehren pflegen, ein, durchschossen die Scheiben und zertrümmerten Marmortische und Geschirr. Die Polizei war mit starken Kräften kurze Zeit nach dein Ueberfall zur Stelle. Sie verhinderte energische und unter Anwendung des Gummiknüppels die drohende Fortsetzung der Ueberfälle aus Lokale und zerstreute die S. A.-Leute in kleine Gruppen. Daß diese sich dann in Trupps zu dreien und vieren nach erprobter Taktik unter die Fußgänger der Strecke Gedächtniskirche bis Knesebeckstraße und Nollendorfplatz— Wittenbergplatz mischten, konnte sie nicht immer verhindern. Tiefe Trupps 'suchten Planmäßig Händel. Ihr Wortschatz für die Einleitung einer gewünschten Keilerei umfaßte alle Wendungen vom überaus „witzigen" „Prost Neujahr?" und „Sarah, pack die Koffer", „Tie Synagoge brennt". „Das habt ihr euch nicht träumen laßen, daß wir euch gerade heute besuchen ewrden!" bis zum üblichen „Juda verrecke!" Wer sich in diesen Stunden zufällig oder beruflich — wie die Syndizi des Centrarvereins — unter die Menge mischte, hatte das bittere Gefühl, Menschen gegenüber zu stehen, die zu jeder Roheit fähig sind und die diese so feigen Handlungen stolz als eine gute Tat empsmden 5t e i n e n Augenblick störte sie der Gedanke, daß sie sich gegen Frauen und Männer vergehen, die eines ihrer h 5 ch st e n religiösen Feste feiern. Keine Sekunde zögerten sie, wehrlose junge Schüler nieder Zuschlägen, keine Scham fühlten f t e darüber, daß s i e selbst rn gefahrloser Ueberzahl einzelne an sielen. Mit tiefer Erschütterung hören wir den Bericht eines alten Freundes, der sich vor den Rasenden in ein Auto flüchten mußte, um in seine Wohnung zu fahren, und so zum erstenmal in seinem Leben das Neligiousgesetz überlrat. Tie Oeffentlichleit fragt mit Recht: Wie war so etwas in e i n e r W e l t st a d t , in der Hauptstadt des Deutsche n Reich e s und in einer Hauptverkehrsgegend Berlins möglich? Scharfe Vorwürfe gegen die Polizei werden erhoben. Tie Pflicht der gerechten Berichterstattung zwingt zu der Feststellung, daß die Schutzpolizei ihre Ausgaben im Nahmen des möglichen erfüllt hat/ ' , Ausstände im einzelnen sind zu machen und von uns an der maßgebenden Stelle vorgebracht worden. Von einem „völligen Versagen der Polizei" kann aber nicht die Rede sein. Es ist bedauerlich, wenn selbst in republikanischen Blättern solche Behauptungen verbreitet und dadurch den in diesen gärenden Zeiten bis zum Aeußersten beanspruchten Polizeibeautten zunahegetreten wird. Etwa 60 Festnahmen sind erfolgt und annähernd 20 Uebeltäter harren dank des Zugriffs der Polizei der Aburteilung wegen Landsriedensbruchs. Allerdings war die politische Polizei von dem Plan des Ueberfalls nicht unterrichtet. Tas spricht dafür. daß die Unternehmung nicht von langer Hand vorbereitet war. Und tatsächlich ist der Plan, nach dem Kurfürstendamm zu ziehen, von den Drahtziehern der Aktion erst im letzten Augenblick den S. A.-Abteilungen bekauntgegcbeu worden. Es war zunächst ein Marsch i/der Nacht von Sonnabend zu Sonntag nach Teltow in Aussicht genommen worden. Als die S. A.- Leute marschseriig in den Lokalen erschienen, wurde ihnen mitgeteilt, daß der Naehtmarsch aussicle und daß sich alle sofort nach dem Kurfürstcudamm zu begeben hätten. So ^erklärt sich das überra'chende Auftreten der Sturmabteilungen am Kurfürsteudamm. Die revolutionäre Erregung, die unser Volk durchzittert, entlädt sich in blutigen Zusammenstößen politischer Gegner, Versammlungssprengungen, Morden an Polizeibeamten, und während eben die Presse noch über die Ausschreitungen am Kurfürftendamm berichtet, verdrängt im nächsten Augenblick die'Meldung über schwere Zusammenstöße zwischen den Anhängern der sozialistischen Parteien im . . . alles wahre Ideale erstorben In manchem Tun und Streben, das uns widersteht oder uns zuwider ist, kann vielleicht doch ein noch so geringer idealer Kern enthalten sein. Wir sollten bemüht bleiben, ihn zu suchen, und, können wir irgend ihn entdecken, ihn anerkennen. Eines wird immer der letzte Erweis sein, ob er, wie verborgen auch immer, vorhanden sei. Wer imstande ist, für das Innerste und Tiefste, für das Heiligtum des anderen ein Empfinden zu bewahren, in dem wohnt doch noch etwas vom Ideal. Ist einer auch dieses Gefühls nicht fähig, versündigt er sich mit rohem Wort und roher Hand gegen das, was dem Mitmenschen die Welt der Ehrfurcht ist, dann ist in ihm alles wahre Ideale erstorben; die Rohheit ist ihm zum Ideal geworden. Seinem Beginnen und Trachten den idealen Kern noch zuzusprechen, das würde bedeuten, sich selbst vom Gewissen loskaufen, dem sittlichen Gebote entweichen, das von uns fordert, das Niedrige zu verachten und zu verwerfen. Jede schmerzliche Erfahrung soll aber zu u n s und von uns auch sprechen. Sie sollte erneut uns mahnen an Schlichtheit und Echtheit, an das, was zumal am Tage der Ehrfurcht und was auf dem Wege sich ziemt, der vom Hause des Menschen zum Gotteshause führt. Baeck.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.