Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 27 (3.7.1931)
- Date
- 1931-07-03
- Page
- Seite 347 (sequence 11)
- Language
- German
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347 solch? Ablehnung vor; das „Selbstbekenntnis" wurde dadurch völlig illu'-orisch und nur ein Spielball der Hakenkreuzwillkür. Ein Proteststurm erheb sich gegen diese Machenschaften, zu denen das eigentlich zuständige Untevrichtsministeriimi beharrlich schwieg. Männer des Geistes und der Wmenschaft, Politiker und Journalisten Laten sich'znsammen, um gegen diese Ungesetzlichkeit un.d Unrechnnäßigkeit laut ihr Veto einzulegen. Tie Union öfter* reichischer Juden entfaltete eine fieberhafte Tätigkeit, uni das den deutsch-jüdischen Hörern der Universität drehende Unrecht hintan* zuhalten. Ta fand ein Wiener Publizist den Mut zur Tat. Negierungsrat Ernst Klebinder, der Herausgeber der „Sonn- und Montagszeitung", griff in einem wirklich sehr scharfen Artikel den Rektor G l e i s p a ch und den akademischen Senat wegen ihrer parteiischen Stellungnahme an und warf ihnen grobe Verletzung der Staatsgrundg e setze vor. Tas konnten sich die Hochschullehrer nicht bieten lasten und verklagten den Journalisten vor d-em Pve'wrichter Tr. P o w a l a tz wegen Ehrenbeleidigung. Der Angeklagte trat den Wahrheitsbeweis an, indem er vom höchsten zuständigen österreichischen Gericht die Feststellung der Derfassrmgsmüstigkcit der „Stndentenordnung" verlangte. LariLcsgerichtsrat Lr. Powalatz schloft sich diesem Begehren mit dem Anträge an, der L c rfassungsgcrichtöhof möge die Gesetzwidrigkeit des Erlasses des hohen akademischen Senats aussprechen. Tas war der erste Schlag gegen die Hakenkrenzler, die aber noch immer frohlocken zu können glaubten. Tenn dem Antrag des kleinen, wenn auch aus verschiedenen Sensationsproze^en der letzten Zeit recht bekannten Wiener Bezirksrichters mußte doch das höchste Cericht nicht folgen! Ta kam die große Ueberraschung für die akademischen NastenanLiscmiten. Wach eingehender Beratung, in der au'sälligevweise der Vertreter des Unterrichtsministeriums den seine gefährdete Sache persönlich mit umständlicher „Geschicklichkeit" vertretenden Rektor Cleispach zu decken suchte, fällte^ der Berfassungsgerichtshof das für gewige Herrschaften niederschmetternde Urteil: Die „Studentcnordnnng" wird als rechts- und verfassungswidrig aufgehoben. Die Begründung dieses Urteilsspruches war für den RechL §! eh^rer Gleispuch eine arge Blamage. Der Dem'anmngsuerichtshof erklärte, daß der akademische Senat für die Erlassung der „Studentenordnunu" überhaupt nicht zuständig gewesen sei un.d^daß diese im Wesen gegen das staatsgvnndgeschlich gewährleistete Prinzip der Gleichberechtigung verstoße, insbesondere in ihren Bestimmungen über das Schiedsgericht. Was sich in den Stunden nach der Urteilsverkündung in den dern Studium der Wisfcnschafr geweihten Sräumen dev Wiener Universität abspielte, spottet jeder Beschreibung. Die Hakcnkrenzsurdenteir benahmen sich buchstäblich wie Strolche und Wegelagerer, fielen jeden Studenten und jede Studentin jüdischen Aussehens an, prügelten sie blutig, zerrten sie aus den Lchr- und Hörsälen und warfen sie über die Rampe auf die Straße. Ein Vorfall genüge, um die ganz? empörende Situation zu illustriere: Ein jüdischer Student konnte sich vor seinen entrncnschten Verfolgern nicht anders retten, als daß er aus dem ersten Stock der Universität auf die Strafte sprang, wo er mit erheblichen Verletzungen liegen blieb. Auch sonst gab cs zahlreiche Verletzungen, darunter manche recht schweren Grades. Laß die Zerörung der Anschlagkasten der den ntisemiten mißliebigen SLudewtenverbände iu ganz vandalischer Weise vorgenommen wurde, versteht sich von selbst. Wo blieben, wird man fragen, die Hochschulbchördcn, wo die staatlichen Behörden? Tie ersteren — das kann man ruhig sagen — ließen die studentische Meute lange austobeu, ohne auch nur das geringste dagegen zu unternehmen, weil ihnen Me*'? „Volkserhebung" ge-aen den den akademischen Senat diffamierenden llr» teilsspruch des Verfaüungsgerichtshofes nicht unwillkommen war. Das Allheilmittel der Hochschulsperre nutzte natürlich gar nichts. Tie Polizei wieder durfte nur bis zur Rampe, weil wir in Oesterreich noch immer jene sagenhafte Hochschulautonomie besitzen, die der Wache das Besch reiten des „freien akademischen Bodens" verbietet, auch wenn aus diesem Boden — gelinde gesagt^— unerhörter Unfug geschieht. Untätig mimen Polizisten Zusehen, wie vor ihren Augen SLaarsbürger blutig geschlagen und mißhandelt werden. Erst als am zweiten Tage nach einer hakenkreuzlerischen Protestversammlung gegen den 5)er« fassungsgerichtshof, in der sogar ein bekannter deutschnanou-aler Prosepor sprechen wollte, der aber wohlweislich im letzten Moment absagte, ein großer Trupp von Studenten Wiener Stadtkasseehäuser heim suchte und die jüdischen Gäste gewalttätig attackierte, da wurde es auch der gutmütigen Wiener Wache zu bunt. Zur gleichen Zeit tagte nämlich in Wien der Rotarier-Kongreß, der ziemlich viel vornehme Fremde aus aller Herren Lander im Zeichen der Völker Versöhnung in die Donaustadt gebracht hatte. Ihnen als Beweis der Kultur dieser Stadt nur Hochschulkrawalle und antisemitische Erzepe vorführen zu lasten, ging denn doch nicht gut an. Tie Wirtschaft, die in dieser Krisenzeit besonders gefährdet ist und durch den Kongreß eine schwache Belebung erhoffte, meldete sich mit Hsilv/irlienrl! >> /' Fichin^er Yersandstelle, Berlin SVT11 SchGne'berger Strasse 16a. Telefon: Lützow: S-J50 61. stürmischer Entrüstung zum Wort, die Polizei wurde en.eraisch und — aus war es. Tie Rerolle des Hakenkreuzes war beendigt, ja die Rektoren der Wiener Hochschulen schwangen sich stgar zu einer — wenn auch recht lendenlahmen — Erklärung auf, daß pe .-die vorgemllenen Ausschreitungen cnn das schärfste mißbilligen". Eine Woche mußte vergeben, bis die berufenen Hochschulführer diese Sprache^fanden. In der gleichen Erklärung sagen ite auch, daß „jedermann die Entscheidung des Berfaffungsaerichrshvfes als bindend anerkennen muß". Ob sie nch selbst daran Hallen werden, mästen wir der Zukunft überlasten. Schon heißt es, d-aß der Versuch gemacht werden soll, die „Sbudentcn.ordnung" in einer anderen — juristisch angeblich einwandfreien — Form, aber mit dem^gleichen Geist, richtiger gesagt, Ungeist zur Durchführung zu bringen.^ Tie in ihr zum "Ausdruck gekommene Identifikation^ der „Vo 1 ks zu ge h ö r i g k e i r" mir „Rajsenzuge Hörigkeit" ist nämlich vom Veriastunasgericknshos nicht ausdrücklich als gesetzlich rnrückaewicsen worden, und aus dieser Grundlage wollen — dem Vernehmen nach — die Arier nochmals ihr Heil versuchen. Oskar Hirschfeld (Wien). Der Ucbcrsall auf eine jüdische Wandergruppe in Trier vor Gericht. Wie bericht-:, übcrfiüen Ende 'April diests Jahres inebrcre Trierer Rauonalsoüalisten eine außer den Führern nur aus VierzcbnjahrigLn bestehende Wandergruppe des Jüdpchen Jugendbundes Trier, die von einem Ausstuge zurückkebrte. Jetzt hatten sich fünf Nationalwzialisten irn Alter von achtzehn bis neunundzwanzig Jahren vor dem erweillrteh Lchössenaericht in Trier wegen Beleidigung, rermchter und vollendeter Nötigung und Körnerverletzung zu verantworten. Tie ^Angeklagten mitten zwar den planmäßigen Ueuer'ull ab und bebauotetcn. sie seien durch beleidigende Zurufe und bilierstindliche Aeutzerungen von Mitgliedern der Wandergruppe provoziert worden. Durch Zeugenausstgen konnte jedoch einwandfrei die Unwahrheit diestr Bebauvtungen fest-gestellt werden. Tie Angeklagten hatten im Gegenteil die Wandergruppe durch beleidigende Zurust zu provozieren rerst'.cht. und waren, als ihnen das nicht gelang, tätlich gegen sie geworden. Der Staatsanwalt beantragte gegen den ^auvstbeschuldigten, der bereits vorbestraft ist. u. c_ hat ex wegen eines Sttlichkeitsverbrechens eine achtmonatige Gesängnisstrcst abützen wüsten, eine Ce'ängnisstrafe von sechs Wochen, gegen die übrigen Angeklagten Geldstrafen bis zu siebzig Mark. Das Gericht erkannte gegen den Oauviangeklagten unter Verneinung der Körperverletzung aus eine Gefängnisstrafe von f ü n s W o ch e n, gegen die übrigen Angeklagten auf Geldstrafen. Außerdem wurde aus Publikation des Urteils in sämtlichen Tageszeitungen Triers erkannt. —o— .W©Mm Sie auch koiromen überall finden Sie Ihre Lieblingszigaretten irr T f" r » o t « Pf. II §0dTtC0 (auch in Zieh-Zünderpackung) 6 MONCHEN1