Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 7 (13.2.1931)
- Date
- 1931-02-13
- Page
- Seite 75 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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75 Centralvercins. In den letzten Monaten war er durch schwere Krankheit behindert sich in der ihm eigenen temperamentvollen Art zu betätigen. Die Notleidenden und Hilfsbedürftigen verlieren in Caspary eine Persönlichkeit, die sich ihrer in großzügiger Fürsorge angenommen hat. Der Centralverein betrauert den Verlust eines alten, hochgeschätzten Anhängers. Karl Gottheiß lieber den jähen Tod des Verlegers und Redakteurs Karl Gotthelst in Kabel, unserer Besten und Treuesten einer, haben wir in diesen Blättern bereits kurz berichtet. Ter Der'chiedcne verdient aber als Beispiel und Awporn für Mit- und Nachwelt die folgende nm^ssimde Würdigung aus der Feder unseres Kaneler Vorsitzenden. In der Nacht vom 25. zum 26. Januar erlag der erst 43jährige Karl Gottheist einem tückischen Herzleiden. Er war der Enke! des Vnchdruckereibcntzers und Zeituvgsverlegers Kail Gotthelst. der 1853 mit Genehmigung der knrhm sichen Regierung in Kasiel das „Gewerbliche Tageblatt", später „Kasseler Tageblatt" genannt, gegründet hatte. Karl Sotthelst hat gründliche Ausbildung in mehreren hervorragenden Verlagsanstalten und Druckereien des In- und Auslandes erhallen. Nach Beendigung seiner ,militärischen Dienstpflicht, im Jahre 1910, wurde er Redakteur des „Kasseler Tageblatts". Don 1914 bis 1917 war er im Felde an der Westfront. Gr wurde zum Leutnant befördert und ausgezeichnet. In schwerster Zeit, im Jahre 1917, wurde er Chefredakteur der Zeitung. Nach der Inflationszeit gelang es ihm, die Firma ausznbauen und zu starken. Bei seinen Berussgenopcn erfreute er sich besonderen Ansehens. Er war Mitglied des geschästssührcnden Dorfrandes des Bezirksverbandes Mitteldeutschland des Vereins deutscher Zeitungsverleger. Seinem Judentum leistete erumchätzb-are Tienfre. Er war stellvertretender Vorsitzender der Kasseler Ortsgruppe des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und Vorsitzender der hiesigen Ortsgruppe der Vereinigung für das liberale Judentum. Er war einer der tapfersten und vorbildlichsten Streiter in dem uns deutschen Juden aufgezwungenen Kamps gegen Hatz und Verleumdung. Um ihn trauert auch der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, für dcsien Ziele er sich stets eingesetzt hat. Am 29. Januar haben wir ihn zur letzten Ruhe bestattet. Zahlreiche Vertreter von Behörden, u. a. Oberbürgermeister und Polizeipräsident der Stadt Kasiel, waren anwesend. Ten Landesverband Hessen und Hesien-Nanau des Centralvercins vertrat Syndikus Tr. Dl. larj (Frankfurt a. M.). Landraboiner Tr. Walter widmete dem Verschiedenen herzliche Worte. Mitglieder des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten trugen den Sarg ihres Kameraden zu Grabe. Tort sprach der Chefredakteur des „Kasseler Tageblattes", Tr. Haegermann, namens der 'Redaktion. Tas Hauptvorstandsmitglied des Ccntralvereins, Tr. Blumons e! d, feierte den Verstorbnen als treuen Mitarbeiter, in dessen Sinne der Centralverein für Teutschtum und Freiheit, für Recht und Ehre weiterkämpsen wolle. Einem alten Kasseler Geschlecht emstammend, auf hessischen Boden ausgewachsen, sei Kar! Gotthelst stets ein Streiter im Kampf gegen Hast und Verleumdung gewesen. Karl Gotthelst wird von der Kasielcr jüdischen Gemeinde, insbesondere aber von den Mitgliedern unseres Centralvercins, nicht vergessen werden. vr. 1b. D e 11 e v i e (Kasiel). Zu Lessings 159. Todestage 15. Februar 1931 Von Tr. Hugo Lachmanski Als in Deutschland vor zwei Jahren L e s s i n g s 200. G e b u r t st a g gefeiert wurde — auch die „C. V.-Zeitung" hatte damals ein würdiges Feftgcwand angelegt —, konnte man ans ten zahlreichen Gedenkreden, Erinnerung-- aufsären und Ausführungen seiner Werke immer wieder die eindringliche Mahnung an die Gegenwart vernehmen: Mehr Lcsiing! Heute, wo das Andenken an seinen 150. Todestag den „edlen Schatten" wiederum aus dem Reich der Geister ins Irdische znrüclruft, wünschte man einer solchen Mahnung eine noch viel stärkere Resonanz: niemand könnte wie Lcsiing unserer namenlos verdunkelten und verwilderten Zeit Lenker und Leitstern sein, dieser klare, stählerne, aufrechte und unbestechliche Apostel der Wahrhaftigkeit und der Menschenliebe, der, noch kaum flügge geworden, schon Herz und Sinn den: Toleranzgedanken ausschloß und der dann, anr Ende fernes in Bitternisien und Kämpfen gehärteten Lebens, kein höheres Ziel kannte, als „das ganze menschliche Geschlecht aus die höchsten Stufen der Aufklärung und Reinigkeit" emporzusührcn. Lcsiings Tod versetzte die Zeitgenossen in tiefe, ehrliche Trauer. An der offenen Grifft in Braunschweig stand zwar nur eine kleine ^char auscrwählter Freunde; aber von überall her drang die Klage um feinen frühen Heimgang. „Wir verlieren viel, viel an ihm. mehr als wir glauben" — schrieb Goethe an Frau von Stein; er hat späterhin dem Charakter und dem Genie, dem Menschen wie dem Dichter Lcsiing wiederholt gehuldigt. Freund G l e i m sandte aus Halb er stad t einen Nekrolog in Versen, der mit den überschwenglichen Wörtern schloß: „Es werde Finsternis, sprach Gott — und Lcsiing starb!"; und Herder, der Allumfassende, Weitaus schauende, fragte erschüttert, wann für Tcutschland je wieder ein Lesjing geboren wer- ----- freie jüdisch Vclkshochschuie — BERLIN N 24 Dritter kontradiktorischer Abend: Oeülsciililsclie und naiioiialpisciis UnscSiaoong Dr. Ludwig Holländer Kurt ßlumenfeld * Montag, den 16. Februar, abends 8 Uhr, Logenhaus, Kleiststr« 10 den würde — et setzte dann als erster „dem edlen Wahrheitsncher, Wahrheitkenner. Wahrheirver'echler" ein ^ehrenvolles Tenkmal. Am schmerzlichsten jedoch traf der Verlud den treuen Gefährten aus der Jugendzeit. M o s e s M e n d e l s s o h n. „Ter Tod dieses Freundes, mit dem ich zu leben gleich;am gewohnt war, hat meinem Herzen eine riese Wunde geschlagen" — schrieb der ciiuam Zurückgebliebene nach Weimar: und sein Periönlichnes lietz er in eine schlichte Totentlage an den Bruder des Verstorbenen ausströmeu: „Mir gerührtem Herzen danke ich der Vorsehung für die Wohltat, daß sie mich so früh, in der Blüte meiner Jugend, har einen Mann kennen lauen, der meine Seele gebildet hat, den ich bei jeder Handlung, welche ich oorhatte, bei jedcr^Zcrw. welche in hinschrcibcn sollte, mir als Freund und Richter vorüellle, und den ich mir zu allen Zeiten noch als Freund und Richter vorstcllen werde, so oft ich eir.cn Schrirt von Wichtigkeit zu nun habe." Es war das Tankesopker, das Mendelss o i) n auf das frische Grab des Freundes niederlegte. Es war aber auch das Tankeserbe. das seine Ekauöensgcnoren. die deutschen Inden, von ihm empmngeu haben und das nun seit 150 Jahren ihrer sorgsamen Obhut anvertrant ut. Zu allen Zeiten werden sie sich daran erinnern muffen, daß es Lcsiing war, der als Anwalt ihrer unterdrückten Menschenwürde ihnen den Weg aus sozialer und geistiger Enge ins Freie geebnet hat; immer wieder werden sie auf den Fanfarenklang dieser tapferen Manuesftimme hören, die den lauten Chor unduldsamer Fingerlinge zum Schweigen brachte; und je höher die Fluten von Hatz und Verleumdung um sie steigen, desto beruhigter werden sie sich seiner Führung überlassen, desto stolzer zu oem reinen Adelsmenschen ansblicken, der noch zwei Jahre vor seinem Tode die Bühne mr Kanzel machte, mit den dort. Priester und Dichter zugleich, das Mcaschheirsideal konfessioneller Verbrüderung, geläuterter Humanität und einer an keine nationalen oder religiösen Unterschiede gebundenen Sittlichkeit in den unvergänglichen Worten seines „Nathan" zu verkünden. MÜNCHEN! PACKUNG 50 PFENNIGE PACKUNG 60 PFENNIGE