Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 4 (23.1.1931)
- Date
- 1931-01-23
- Page
- Seite 34 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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34 Junge Iuöen proletansierungl Dipl-'Vvlkswirt Erwin Simon und Heinz L e v y find in ihre Antwort aus Günther Steins Au-jührungen über „die Arbeitslosigkeit und das Schicksal der Jlcderi" in Nr. 3 der „(L V.-Zeitung" mit keinem Wort aus die Tatsachen eingegangen, aus die Stein seine These gründete, daß das Judentum vor einer immer weiteren Proletarisierung stände. Simon hat. indem er an den „Südsee"- und den „Eründerkrach" erinnert, Vergleiche herangczogen, die für die Gegenwart nichts besagen. Ebensowenig sind die italienische Zeitungsstimme und der gewollte Optimismus eines amerikanischen Bankiers, die Levy anführt, Kronzeugen, die das Gewicht voll Steins Gedankengang zu entkräften vermöchten. Airs diese Weise kann man nicht Zukunfts-Hoffnung erwecken, ohne von der Entwicklung grausam enttäuscht zu werden. Wer muß denn das Bild, das Stein entwirft. wirklich als hoffnungslos pessimistisch bezeichnet werden? Die einleitenden Bemerkungen, mit denen L. H. die Ausführungen Steins hat hinausgehen lassen. geben die Richtung an. in der Steins Eedankengang weiterzuentwickeln ist. L. H. fordert, daß das konservative Wirtschaftsdenken der Vergangenheit ebenso wie die Auffassung von der Ehre der Arbeit, die nur eine ganz beschrankte Zahl von Berufen für standesgemäß hielt, einem Umdenken unterzogen würden. — Die Jugend von heute wächst unter grundlegend veränderten wirtschaftlichen Voraussetzungen heran wie ihre Väter. Der typische Entwicklungsgang eines jungen Mannes um 1890 war, sofern er einen kaufmännischen Beruf einschlug: Lehrzeit —^Erwerb von Kenntnissen und Ersparnissen — Selbständigmachung — Familiengründung. Ergriff er einen freien Beruf, so winkte ihm ebenfalls nach dem Studium die Eristenz eines materiell unabhängigen, selbständigen Arztes oder Anwalts. Der „Jahrgang 1902" und die folgenden haben nicht mehr die Aussicht auf rasche berufliche Selbständigmachung. Aber auch ohne diese in den Verhältnissen begründete Unmöglichkeit ist die „Unabhängigkeit" eines kleinen Radioladens oder eines Versicherungsagenten für uns kein erstrebenswertes Ziel mehr. Tie Menschen, die durch die Jugendbewegunb hindurchgegangen sind oder die, sofern sie jünger find, noch in ihr stehen, nehmen aus ihr zwei grundlegende Erfahrungen ins Mannesatter mit. Die erste lautet: nicht individualistisch, sondern nur kollektiv kann die Zukunft bezwungen werden. Und die zweite: nicht die mehr oder minder einträgliche Existenz ist der Maßstaö der Berufswahl, sondern die gesellschaftliche Produktivität der beruflichen Leistung. Wenn in einer einzigen Januarwoche im Berliner Bankiergewerbe die Nachricht von freiwilligen Liquidationen und mehrere Freitode ein grelles Licht auf die ausweglose Lage warfen, in der sich die Mehrheit der Vermittler- und Händlerexrstenzen befindet, so ist in jedem einzelnen dieser Fälle eine unermeßliche persönliche Tragik beschlossen. Es gilt aber daraus die allein; mögliche Schlußfolgerung zu ziehen: herunter mit den Ansprüchen an Komfort und Lebensgenuß und Umstellung aus einen anderen Daseins- * Zuschnitt. Wir werden keine Sechszimmerwohnungen mehr bewohnen, werden nicht in mondäne Badeorte reisen und keine Zuschüsse mehr von den Mitgiften erwarten. Und positiv werden wir uns, da die Wirtschaft der Zukunft immer weniger selbständige Vermittlererrstenzen bedarf, auf gewerbliche und industrielle Arbeitnehmertätigkeit umzustellen haben. Wer. wie der Schreiber dieser Zeilen, eine anderthalbjährige unfreiwillige Erwerbslosigkeit durchgemackst hat, ehe ihm der Uebergang aus einem Handelsunternehmen zu einem industriellen geglückt ist, der weis; nur zu aut. daß die Ausführung fernes Rats keine mühelose ist. Aber keinen von uns Kindern einer Uebergaugszeit ist mit der Geburt eine Garantie auf gesichertes Dasein in die Wiege gelegt worden. Im Gegenteil scheint es, daß die Menschen, die dutch den Freitod ihre Unzufriedenheit mit der bestehenden Weltordnung und ihre Unfähigkeit bekundet k^ben, sich auf die veränderten Verhältnisse umzustellen, es scheint, meinen wir, daß diese Menschen zu ihrem Unglück in einer Zeit geboren und ausgewachsen sind, wo materieller Reichtum der einzige 9Raßstab für Lebenstüchtigkeit und Zufriedenheit waren. Das wilhelminische Zeitalter ist nicht durch Krieg und Umwälzung liquidiert worden, sondern wir sind in dieser Liquidation noch mitten drin. Nichts veranschaulicht besser die Zwangläufigleit der wirtschaftlichen Entwicklung als die Tatsache, daß die Gesinnungsgenossen der Rathenau-Mörder sich heute in denselben planwirtschaftlich-kollektivistischeu Gedankengängen bewegen, die sie damals als „undeutsch" durch einen Nevolverschutz auszulöschen meinten. Und wir, die wir politisch das Blutzeugnis Rathenaus für uns beanspruchen. Zögern noch einen Augenblick, träge wie wir sind, aus seiner Lehre mtd)_ beruflich die Folgerung für uns zu ziehen? Lind wir denn durch die Hetze, die mit dem lwlschewiftischen Schreckgespenst getrieben wird, so verschüchtert, daß wir alles, was geschieht, nur noch leidend als Schicksalsfügung hinnehmen? Sehen wir denn nicht, daß. wer auch immer politisch regieren möge, das Zentrum, die Rechte oder „Marxisten", — die Wirtschaft ihren Weg weitergelst? Nicht darüber haben wir heute mehr zu befinden, ob der kaufmännische Beruf „produktiv" ist oder schmarotzerisch, steht doch eins fest: daß der wirtschasrliche Verteilungsapparat zu groß ist und daß innuer mehr Existenzen einfach ü b e r f l ü s s i g werden. Deshalb muß. wie Stein es voraussieht, das deutsche Judentum in seiner Masse sich weiter „proletarisieren", sei eZ freiwillig oder unfreiwillig. Diese Entwicklung ist nicht notwendig von einem entsprechenden Proletarischen „Klassenbewußtsein" abhängig. Im Gegenteil sind sich alle sozialwissenschastlichen Beobachter darüber einig, daß schon immer zwar die Mehrheit der Bekenner des jüdischen Glaubens in der Welt unter tatsächlich proletarischen LebenZbedingungnr stand, daß aber regelmäßig nur eine Minderheit von ihnen ein ausgesprochenes revolutionäres Klassenbewnßtsein besaß. Deshalb braucht niemanden, der ernst macht mit dem Glauben seiner Jugend, die Aussicht auf die Herabsetzung der Ansprüche — denn nichts anderes ist ja die erwartete Proletarisierung — zu schrecken. Tie Welt erstickt in Nahrungsmitteln und Rohstoffen, und die Krise ist nicht durch Mangel, sondern durch Uebersluß gekennzeichnet; unzulänglich ist also nur der B e r^t e i l u n g s apparat. Deshalb, und weil ein ^taat von über 60 Millionen Menschen nicht plötzlich ausgeloscht werden kann, ohne die ganze zivilisierte Welt mit in den Strudel zu ziehen, besteht kein Grund zur Hoffnungslosigkeit. Solange überseeische RMswffpools noch in der Lage sind, ihren überschüssigen Weizen. Mais oder Kaffee zu verbrennen, "brauchte kein Mensch zu hungern, brauchte kein Arbeitswilliger zu feiern. Es ist der Irrsinn des ganzen Systems, nicht nur der kapitalistischen Wirtschaft, sondern auch der Reparationsdiktatur und des übersteigerten Nationalegoismus, wenn trotz: des Uebersüches der einen die anderen hungern und feiern müssen. Wer diese ganz einfache Wirklichkeit ins Auge faßt und fick) fest vornimmt, nicht darüber zu verzweifeln, wenn die Wahrheit und die Vernunft sich nur so unerträglich langsam durchsetzen, der wird auch die kritische Zeit, die uns bevorsteht, durch zuhalten vermögen. Schwere, nieder-drückende Momente werden freilich nicht ausbleiben, Augenblicke, in denen der einzelne, den Mißerfolg oder Arbeitslosigkeit betressen, sich bitter fragt, ob es denn einen Sinn habe weiterzuvegetieren, Anwandlungen, in denen er glaubt, es sei nicht Millionenschicksal, an dem er zu tragen habe, sondern nur seine eigene Unzulänglichkeit und angeborenes Mißgeschick. Tie Alten werden müde feüstelle::, daß sie ein Leben lang umsonst gearbeitet haben, und die Jungen fragen sich, wofür sic gelernt und gelernt haben, wenn mau doch keine Verwendung für sie hat. Hier entstehen besondere Ausgaben für die Gemeinschaft. Es gilt, bei den zeitweilig Ausgeschlossenen das Gefühl zu erhalten, daß man sie rückst fallen läßt und daß wir alle die Wegebereiter einer neuen Zeit sind. Tax ganze Schwergewicht der sozialen Frage ist in dem einen Wort „Vroletariüerung" beschlossen. in das Steins Ausführungen ausklingcrr. Er har die Folgerungen nicht einmal amgedeutet, die sich aus ihm für die Zukunft ergeben. Sie sind freilich politischer Natur, und es ist möglich, daß sie, zu Ende gedacht, radikaler ausfallen, als er selbst sich heute emgesteht. Aber es und Zeiten der Selbstverantwortung, die wir durchleben; alle bewahrten Rezepte haben versagt, und niemandem ist die eigene Entscheidung abzunehmen. Wer für sich den rechten Weg findet, wird für die materiellen Ansprüche, die er hingibt, ein vertiestes, wahreres, echteres Lebensgefühl eintauschen. Er 'wird den Sinn dessen erkennen, was um ihn m:d mit ihm geschieht, und wird ein dienendes Glied in der Menschheit sein. Hölderlin hat die Erfahrung seines Erdendaseins einmal in die Worte gefaßt, „daß göttlich erst in tiefem Leid das Lebenslied der Welt uns klingt" . . . vr. Hanns Reissner (Berlin). Väter und Söhne Bei der Aussprache über die wirtschaftliche Notlage der deutschen Juden ist eine wichtige Seite des Problems bisher zu wenig erörtert worden: das Problem der Generationen. Tie ältere Generation bringt für die besonderen Derussschwierigkeiten der jüdischen Jugend nicht das rechte und notwendige Verständnis auf. In weiten Kreisen herrscht nock) immer die Meinung. es müsse auch heute für einen arbeitswilligen und fleißigen Menschen möglich sein, eine auskömmliche Stellung zu finden. Viele Väter neigen dazu, den Löhnen mangelnden Fleiß oder ungenügende Ausdauer vorzuwerfen, wenn diese trotz sorgfältiger Erziehung und guter Vorbildung rm Berufsleben nicht festen Fuß fassen können. Dadurch entsteht eine aesahrlickje Kluft zwischen den Generationen. Gewiß, die Fälle entziehen sich jeder Statistik, aber wer mit der jüdischen Jugend bekannt ist, kann unschwer feststetlen, daß es sich um ein weit verbreitetes Nebel handelt. Ter junge Mensch leidet an sich schon unter der Arbeitslosigkeit und unter den besonderen Erschwerungen, denen er als Jude ausgesetzt ist. Das Gefühl, daß ihm Unrecht geschieht, wird in gefährlicher Weise verschärf, wenn der junge Mensch auch in seinem engsten Familiclckreise aus Unverständnis üößt. Das nötige Selbstvertrauen des Jugendlichen, sein tatenfroher Mut wird durch ungerechte Vorwürfe leicht so geschwächt, daß dauernde Schädigungen für das ganze Leben eintreten können. Tie Jugendpsychologie zeigt, daß jeder Jugendliche durch lange Arbeitslosigkeit gefährdet wird; im Falle des Juden verschärft sich kiese Gefährdung durch die an sich schon infolge der judenseindlichen Welle gegebenen Schädigungen. Der jugendliche Jude, der trotz guten Willens keine Stellung sinden kann, bedarf besonders sorgfältiger Behandlung. Aus den Eltern und allen, die mit ihm zu tun haben, liegt eine schwere Verantwortung. Die Zahl der fertig aus-gebildeten Akademiter und der kaufmännischen Ang.chellwn. die seit langem kein Unterkommen sinden