Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 49 (5.12.1930)
- Date
- 1930-12-05
- Page
- Seite 625 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ereilt entrot Serlin, 5. Dezember 1930 IX, Jahrgang ♦ Nr. 49 Einzelnummer 2» Pfennig Blätter für Oetitfehtum und Judentum Oryanöes kentralVereinsöeutfeke^ Staatsbürger jüöifeken ölaubens e.v. Allgemeine Zeifung desDudentums JBicrteli ____ 2,50 RM. (zuzügl. Bestellgeld). Verlag und Schriftleitung: Berlin W15, Emfer Str. 42. Fernsprecher: d 2 Oliva 5074. Berlin-Wilmersdorf 1, Hohenzollerndamm 196, und von' Go'ldfchmidt - Rothschild & Lo., Berlin W 8. ’ Alleiiuge Anzeigenannahme: Annoneen-Expedition Rudolf Mosse, Berlin SW 100, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 #lcH. für die 7gespaltene Zeile nach Rudolf Moffes Rormalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder des Centralvereins 0,45 <#<#, die 62 mm breite Reklamezeile 3,50 Postscheckkonto: Berlin 304 72. Bankkonto: Dresdner Bank, Deposttenkasfe H 2, Sieg -es C.V.-Ge-ankens von Luöwig hollän-er Das Ergebnis der Wahlen zu der Repräsentantenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde und zum Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden ist in feinen Grundzügen durch die Tagespresse bereits allgemein bekannt. Die Jüdisch-Nationalen haben mit ihrem Bestreben, im Landesverband einen entscheidenden Sieg zu erringen und ihre Herrschaft in der Berliner Jüdischen Gemeinde, der größten Einheitsgemeinde der Welt, zu behaupten, einen völligen Mißerfolg davongetragen. Je weiter der Wahlkampf sortschritt, um so stärker traten politische Erwägungen in den Vordergrund und um so mehr verloren die religiösen an Bedeutung. Man mag das, mit uns, bedauern, und man wird es sicherlich auch schmerzlich empfinden, daß der religiös-konservative Gedanke in Zukunft keinen eigenen Vertreter in der Berliner Repräsentanz haben wird. Aber gerade dadurch ist das Interesse' an den Wahlen aufs höchste gesteigert worden, mit dein Ergebnis einer entscheidenden Niederlage der jüdischnationalen Richtung. Der deutschjüdische Gedanke errang einen vollen Sieg. Wir haben den Wahlkampf zu vermeiden gesucht und ihn mit außerordentlichem Bedauern einsetzen sehen, wobei auch an dieser Stelle betont werden mag, daß entgegen jetzt vielfach auftretenden Behauptungen irgendeine bestimmte Partei durch den Centralverein niemals einseitig unterstützt worden -ist. Nachdem die Auseinandersetzung aber unabwendbar geworden war, mußte sie mit klaren Fronten geführt u>erden. Eine Verkleisterung der vorhandenen Gegensätze wäre ein Unglück gewesen, und es ist gut, daß sie vermieden worden ist. Denn, wenn auch Entgleisungen, wie in sölcher Lage zwangläufig. sich trotz guten Willens auf keiner Seite völlig vermeiden ließen, so hat der Wahlkampf als solcher aus Zehntausende, die dem jüdischen Gemeindeleben bisher gleichgültig gegenüberstanden, a u f - r ü t t e l n d gewirkt. Sie empfanden, daß es sich diesmal um die Entscheidung über eine Kernfrage ihres eigenen Seins handelte, und daß es darum nicht ausreichte, nur eine innere Neberzeugung zu haben, sondern daß man sie auch betätigen müsse. Das Problem hieß: Verbundenheit der in der Bert i n e r I ü d i s ch e n G e m e i n d e u n d i m Pr eußischcn Landesver ba nd vereinigten deutschen Juden a u f der G r u n d läge jüdischer Ueberl i e f e r u n g und j ü d i s ch er Religion oder Umwandlung in eine auf der Grundlage jüdischen Bolkstmus beruhende . Gemeinde, unter Ablehnung dieser oben charakterisierten Verbundenheit. Kurt B l u m e n f e l d wertet in seiner Wahlbetrachtung („Jüdische Rundschau" vorn 2. Dezember d. I.) die außerordentliche Anteilnahme der Berliner Juden als ein „zionistisches Ereignis". Er begründet seine Formulierung mit der Wiedergabe einer zionistischen Theorie. Danach führe der regelmäßige Weg zionistischer verbrecherische Drohungen >er„völi>ischenveobachters" Der „Völkische Beobachter" bringt in seiner Ausgabe vom 1./2. Dezember die Meldung über einen groß angelegten« kommunistischen Attentatsplan gegen die nationalsozialistische Bewegung, der die Polizei in der Pfalz auf die Spur gekommen sei. Die Pirmasenser Polizei habe bei Haussuchungen Bomben und größere Mengen« Sprengstoffe beschlagnahmt, die dazu dienen sollten, dre nationalsozialistische Geschäftsstelle in Kaiserslautern in die Luft zu sprengen. „Nach einer anderen Version soll auch ein Anschlag auf Adolf Hitler anläßlich seines Besuches in Kaiserslautern^ geplant sein." Die ganze, in Fettdruck gegebene Meldung ist mit Worten, wie: „dein Vernehmen nach", „wie man hört", „soll gewesen sein", „die Annahme scheint bestätigt zu sein", durchsetzt. Sie würde uns also, da es sich offenbar nur um Gerüchte uirb nicht um Tatsachen handelt, nichts weiter angehen, wenn nicht der Kommentar zu dieser Meldung eine Drohung gegen die Juden enthielte. Der „Völkische Beobachter" schreibt: „Die alarmierenden Nachrichten aus der Pfalz über die verruchten Pläne der Moskowiter beweisen nun wohl auch dem schläfrigsten Stammtischpolrtiker, daß die Entscheidung nun nicht mehr aufzuhalten ist, ob Deutschland deutsch sein wird oder — bolschewistisch! Das sind mm die ,politischen Kinder* des Herrn Severing, die in ganz folgerichtiger Weife vom Dolch und Revolver zum Saure- und Giftattentat, vom Schlagring zur Bombe übergehen. So, wie es eben die jüdischen Hirne ihrer Hintermänner ansgesonnen haben. Der geplante Anschlag ans unseren Führer Adolf Hitler zeigt blitzartig, daß Inda gewillt ist, jedes Mittel in Anwendung zu bringen, um die verhaßte Freiheitsbewegung der Deutschen zu vernichten. Aber mich hier wird der gewünschte Erfolg ins Gegenteil verkehrt werden. Wir wollen keine Judenpogrome, aber wehe den jüdischen Drahtziehern, wenn auch nur einem einzigen Führer ein Haar gekrümmt werden sollte! Einen solä>err Sturm der Volksempörrmg wird Deutschland noch nicht gesehen haben, wie er dann über die Häupter der Schuldigen kommet: wird: Es gibt nun keine Wahl mehr als die, Deutschland besinnt sich in letzter Stunde, oder das Ehaos bricht unweigerlich herein." „Dem Bernehmen« nach" sind die Verhafteten, bei denen man Sprengstoff gefunden haben soll, Kommunisten. Kommunisten aber sind. für den „Völkischen Beobachter" selbstverständlich Juden, und wenn auch die Verhafteten nicht Juden sind, so sind eben die Verhafteten nur die Opfer von Drahtziehern, und diese' sind — ohne daß Nachprüfung nötig wäre — natürlich Juden! Aus lauter Gerüchten — in dem Kommentar ist aus der „Version" bereits der fertige Plan geworden — wird so ein Tatbestand znsammengeschweißt. der nun die Rechtfertigung gibt, mit Judenpogromen zu drohen«! Herr Goebbels hat kurz nach der Wahl, am 19. September, in einer Versammlung im Kriegervereinshaus, Berlin, gesagt: , . Mir ist gesagt worden, die Juden haben jetzt nur noch e i n Mittel gegen uns, und zwar unsere Führer einzeln abzuschießen. Wenn auch nur ein einziger unserer Führer so fällt, werden wir mit einem Pogrom antworten. . Es handelt sich hier also nicht um einen Einzelfall, sondern man sucht offenbar Vorwände, imt Ausschreitungen gegen«' Inder: zu rechtsertiaen. Für uns erübrigt sich die Feststellung, daß wir ausgesprochene Feinde aller Gewalttäten sind, gleichgültig, ob sie sich gegen rechts oder gegen links wenden. Aber es ist unsere Pflicht, dieses gegen die Juden gerichtete, vorläufig mix geistige Bombenattentat des „Völkischen Beobachters" hier in aller Oeffentlichkeil sestzustellen. Der „Völkische Beobachter" wird sich der Verantwortung nicht mehr entziehen können, wenn aus diesem Geist eines Tages Taten erwachsen. Aus dem Inhalt: Die Lage der Juden in Polen 5.627 Eine Unterredung mit Rabbiner Horowitz Ernst Lissauer: Julius Bab S. 629 Aus dem zweiten Bande der Bülow-Memoiren S. 632 Unsere Leser schreiben 8. 634