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Central-Verein-Zeitung · 1930-08-29 · 35 (29.8.1930) · p. Seite 456

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
35 (29.8.1930)
Date
1930-08-29
Page
Seite 456 (sequence 4)
Language
German
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4Sö zu erhöhen oder neue einzuführen. Er kocht also auch nur mit Wasser. Daneben hat er den Mittelständlern die mageren Einkommens¬ und Verdienstmöglichkeiten noch beschnitten, indem die Nazis durch ihre antisemitische Hetze einen großen Teil der Sommergäste aus dem Thüringer Walde vertrieben haben. Darüber mag sich seine „Jugendabteilung" freuen, die ja nichts zu verlieren hat, aber Handel, Handwerk und Gewerbe haben dadurch schweren wirtschaftlichen Schaden erlitten, der diese Kreise hellhörig gemacht hat. Aehnliche Erscheinungen bemerken wir in anderen Gegenden, wo das Gewerbe vom Reiseverkehr lebt — Arbeitnehmer wie Arbeitgeber. Daneben hat Herr Frick noch die Klugheit besessen, in den Monaten, wo Handel und Wandel verdienen müssen für das ganze Jahr, noch die Polizeistunde herabzusetzen. Apropos: der Antisemitismus, die Judenhetze, ein nicht mehr ganz neues Kampfmittel, um die Leidenschaften Arbeitsloser auszupeitschen, aber über eigenen Geist verfügt ja der Nationalismus kaum. Man sehe sich sein sogenanntes Programm an. Es ist ein Sammelsurium von abgeschriebenen Leitsätzen allermöglichen Richtungen, vom strengsten Konservativismus bis zum Marxismus, was man uns als neue Heilslehre präsentiert Die Judenhetze erscheint mir etwas Minderwertiges zu sein. Wenn die Juden an all unserem Unglück schuld sind, so wundert es mich, daß sich 99 v. H. Nichtjuden von 1 v. H. Juden beherrschen lassen. Ist das nicht ein Armutszeugnis? Ich denke über diesen ganzen Agitationsrlnnmel, und meine politischen Freunde mit mir, so: Das Selbstbestilnnulngsrecht der Völker haben Nur, wenn auch nur aus dem Papier. Das Selbstbestimmungsrecht darüber, welche Mutter uns gebären soll, ist uns leider nicht gegeben. Und es gibt unter den nun mal ohne eigenes Bestimmungsrecht geborenen Menschen schlechte und gute Charaktere in allen Lagern. Es gibt Lumpen ebensogut unter den Christen wie' unter den Juden, Mohammedanern und Heiden, ebenso aber auch anständige Menschen unter ihnen. Wir sind in der Inflation von Juden, Christen, Mohammedanern und Heiden ausgeplündert worden. Es ist beispielsweise dem nüttelständischen christlichen wie denr jüdischen Hausbesitz, der sein Eigentum durch lange Lebensarbeit' von Mann und Frau zusammengespart hat, dieses Hab und Gut von Hyänen' aller Nassen und Nationen, und auch von Hyänen des eigenen Volkes, für Bettelpfennige abgeschwindelt worden. Das internationale und nationale Schiebertum hat seine eigene Religion — oder besser: gar keine! Unter den Allswirkungen des internationalen Kapitals leidet der alteingesessene christliche kleine Geschästslnaun genau so wie sein jüdischer Nachbar, der sich, geachtet von allen Bürgern, sonst hatte ja auch er nicht 25 Jahre bestanden, ernährt. Und dieses Kapital ist in mindestens dem gleichen Umfange christlich wie jüdisch. Dem schaffenden Mittelstündler ist es aber ziemlich gleich, ob ihm christlich oder jüdisch das Genick gebrochen wird. Für ihn ist, so oder so, das Ende der wirtschaftliche Tod, wenn er nicht aufsteht, sich Zusammenschließt lind seine Macht gebraucht. Ja, und zu der Konkurrenz dieses Großkapitals kouunt nun für den gelverblichen Mittelstand — christlich wie jüdisch — noch die Konkurrenz seiner angeblichen „Retter" hinzu — der Nationalsozialisten, die Kleidung, Zigaretten und sonst noch etwas ihren Jüngern in Zentralstellen offerieren, die also den Gewerbetreibenden genau so ausschalten wie seine anderen wirtschaftlichen Feinde. Deshalb sage ich als Vertreter des gewerblichen Mittelstandes von den Nationalsozialisten: Gott schütze uns vor unseren „Freunden", vor unseren Feinden werden wir uns selber schützen! Mutter und Sohn Bin Mahnruf an die jüdischen Frauen In der „Volks-Zeitung für das Vogtland", Nr. 194 vom 21. August d. I., lesen wir nachstehenden Briefwechsel eines jungen Nationalsozialisten mit seiner Mutter. Der Sohn schreibt: .... Parteiblätter geschickt. Hoffentlich hast Du sie gelesen und Dir etwas dabei gedacht! Das solltest Du, liebes Mattel! Bald ist Reichstags- Wahl, und ich bitte Dich, als Mutter eines S.Ä.- Mannes nationalsozialistisch zu wählen. Wir wollen ein neues freies Deutschland schaffen. Wenn sein muss, mit der Waffe in der Faust! Auch die deutschen Mütter können am grossen Werk mithelfen! Ich will Vaters Kampf zu Ende führen! Er soll nicht umsonst sein Leben fürs Vaterland geopfert haben. Ich zähle auf Dich am 14. Sepiember, Muitel! Denk daran! Mit tausend Crüssen und Küssen Dein Sohn Hans. Die Mutter antwortet dem Sohn: .... Die Zeitungen habe ich gelesen, und ich habe mir auch etwas dabei gedacht. Freilich nicht das, was Du Dir wünschen wirst. Es hat mich schmerzlich berührt, dass Du mich an Vater erinnerst, gerade im Zusammenhang mit dem 14. September. Wie vergesslich ist doch die Jugend! Ich habe Dir ja so manches erzählt, dass Vaters Todestag im September ist. Als ich damals die Schreckensnachricht erhielt, Warst Du noch ein zweijähriges Bübchen. Du weisst nichts von dem Jammer, von der Not. Du hast ja auch Deinen Vater nicht gekannt. Er trug Dich aber, Wenn er mal Urlaub hatte, oft auf dem Arm und sagte so manches Mal zu mir: „Der verdammte Krieg, der verdammte Krieg, Muitel! Wenn ich nur wüsste, dass der Junge so Was nicht erleben brauchte! Hü{ ihn mir, wenn ich nicht wiederkommen sollte/“ Und Dein Vater hat das E.K. I. und 2. Klasse. Mein lieber Junge! Als die Revolution 1918 uns Frauen das Wahlrecht brachte, erkannte ich, Welche Bedeutung es auch für mich haben konnte. Es gibt uns das Recht, mitzubestimmen. Soviel ich aus Deinen Zeitungen ersehen kann, gefällt Euch das nicht. Ihr würdet uns Frauen wieder entrechten. Sind wir denn nur dazu da, geduldig zu leiden und zu opfern? Müssen wir immer und im m er w ie der Zusehen, wie auf gepeitschte Leidenschaften die Menschen verwirren, ohne dass wir daran etwas ändern können? Ich habe einen Krieg erlebt. Mein Junge, willst Du 'mich schmähen, Wenn ich mich wehre, wissend, mitschuldig zu werden an Verhältnissen, die einen Krieg ohne weiteres gestatten könnten? So fördern fie die deutsche Wirtschaft Eine Stimme von jenseits der Grenzen Ein angesehener Essener Bürger erhielt von einem holländischen Geschäftsfreunde folgendes Schreiben: „Mit. diesem Schreiben möchte ich Ihnen mitteilen, was ein Hetzplakat, welches in Ihrer Stadt ausgehängt war, für Schaden anrichtet. Mit zwei Kollegen war ich in Deutschland, um für eine unserer Fabriken Maschinen zu besichtigen. Wir alle waren uns einig, die Maschinen in Deutschland zu bestellen, da dieselben so gut und billiger waren als die Maschinen der englischen Konkurrenzfirma. .. Wir sahen nun in Ihrer Stadt Plakate mit dem Hakenkreuz und wurde dort auf Juden, Franzosen usw. geschimpft. Wir sagten uns, Nein, mein Junge! Du forderst zu viel von einer Mutier! Ich fühle mich schon so genügend schuldig, dass ich Dich nicht besser gehütet habe, dass Du jetzt auf solchen Bahnen wandelst. Es gibt genügend andere Wege, unser Land zu erneuern und frei zu machen. Das kann ich Dir von Herzen versichern: Dein Vater soll mir nicht umsonst, ganz umsonst gesagt haben: „Hüf ihn mirV. Daran will ich denken am 14. September! Und Du, besinne Dich auf Dich selbst! Das ist nichts Gutes und Edles, was Ihr anstrebt! Ich wünsche sehnlichst, dass Du umkehrst. Denke daran am 14. September! In Liebe Deine Mutter * * * I e n e M utter h a t re ch t! Nicht mit der Waffe in der Hand, sondern mit dem Stimmzettel wollen wir über Tcukschlands Zukunst entscheiden! Wir deutschen Jüdinnen sind uns als deutsche S t a a t s b ü r g e r i n lt c n bewußt, daß wir für Deutschlands Zukunft mitverantwortlich sind und daß wir uns cm der Zukunft unseres Vaterlandes versündigen, wenn wir nicht erkennen, das; am 44. September Wahlrecht — Wahlpflicht heißt. Wir d eilt scheu Jüdinnen sind uns als jüdische F r a u e n bewußt, daß wir auch die Verantwortung für Freiheit und Gleichberechtigung des deutschen Judentums in unserem deutschen Vaterlande mittragen. Aus diesem doppelten Verantwortungsbewußtsein erwächst für uns die dreifache Verpflichtung, mrs in die Reihen jener Männer und Frauen zu stellen, die die Aufklärung über Judentum und Judenhaß in Deutschland verbreiten; in unserem Kreise für den Kampffonds des Centralvereins zu werben und selbst zu opfern, um dadurch die friedlichen Waffen der geistigen Aufklärung in Wort und Bild zll schmieden gegen die todbringenden Waffen des Nationalsozialismus; am 14. September nicht nur unser Wahlrecht selbst auszuüben, sondern dafür zu sorgen, daß jeder unserer stimmberechtigten Angehörigen ilnd Freunde seine Stimme einer derjenigen Parteien gibt, die gegen Haß unü Terror für friedlichen Aufbau unfür Volksgemeinschaft unter Anerkennung der Gleichberechtigung aller deutschen Männer und Frauen, gleich welcher Religion, eintreten. Dr. Margarete Edelheim. wo solche Hetze ist, sollen wir auch noch kaufen? Heute hatten wir mit unserem Direktor eine Konferenz und erzählten demselben von den Plakaten, und selbstverständlich hatten bei uns auch die gesehenen Maschinen nichts getaugt. Der A u s t r a g ging heute na ch England. Es ist somit für Deutschland ein Auftrag für etwa 450 000 Mark verlorengegangen. Wie ich in den Zeitungen lese, ist dort die Arbeitslosigkeit so groß und hätte so ein Auftrag sicher 200 Mann für ein halbes Jahr Arbeit gegeben. Eine derartige öffentliche Hetze ist für die Deutschen keine Reklame. Ihr Oberbürgermeister dürfte solche Plakate nicht dulden; wenn er keine Befugnis hat, solche zu entfernen, so muß der deutsche Staat dafür sorgen. Meine liebe Mutter war eine Deutsche, und es tut mir leid, daß ich so was lesen muß. Hier in Holland hat man für derartige Hetzereien keine Sympathien."

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