Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 35 (29.8.1930)
- Date
- 1930-08-29
- Page
- Seite 454 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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454 wachsen. Aber n u r, w e n n man Kleines zum Kleinen hängt, wird Großes! Nun macht man dieser Theorie den Vorwurf, daß sie nicht nur den Kampf bagatellisiere, sondern auch die Menschen, die ihn führen sollen, kleinlich m a ch e. Der stolze S ihrer großzügigen Seelen werde gellt, wenn sie in die Niederungen der trivialsten antisemitischen Angriffe des Alltags hineingezogen werden. Und Menschen, so schließt man weiter, die in voller Zufriedenheit im Kleinlichen wühlen, machen sich lächerlich. Den kleinen Wahrheitskern, der in solcher Behauptung liegt, soll man nicht übersehen. Die synthetische Methode birgt wohl das Gefahrenmoment in sich, daß sie den Blick für die Zusammenfassung und das Großzügige trübt. Aber sie bannt die andere Gefahr, der die Befürworter der Bekämpfung des Antisemitismus durch die große Idee unter Vernachlässigung des Kleinlichen nur zu oft erliegen, daß sie nämlich über die Gehässigkeit des einzelnen Angriffs „vornehm" hinwegsehen und es fürunter ihrer Würde halten, auf Ausbrüche gemeinen Hasses zu reagieren. Der unbefangene Beobachter, der die tiefgehenden theoretischen Ursachen solcher Haltung nicht kennt, ist dann leicht geneigt, in ihr Leisetr eter ei und kriecherische Feigheit zu sehen. Auch dieses Prinzip ist darum nicht unbedenklich. Aber in Wahrheit stärkt die vom Centralverein befolgte Methode der Kleinarbeit die seelische Kraft des ein z e l n e n Mitgliedes. Die Menschen müssen genommen werden, wie sie sind, und nicht jeder besitzt die Fähigkeit, große Zusammenhänge zu erkennen und sich zur Großzügigkeit aufzuschwingen. Die meisten haften am Kleinen, und ihr Interesse erschöpft sich zunächst darin. Diese M asse n nun zu aktivieren, f i e i m A b wehrka in p f 3 u Positiver Betätigung h.e r a n z u z i e h e n, i st eine wichtige Wirkung der Kleinarbeit. Das Bewußtsein, selber etwas im großen Kampfe zu leisten, gibt eine innere seelische Befriedigung, gibt Selbstbewußtsein und Sicherheit. Es läßt sich vielleicht darüber spotten, daß ein Jude gegen einen antisemitischen Straßenkehrer vorgegangen ist und einen „Sieg" davongetragen hat. Wenn man aber über den „Erfolg" höhnt und über die Kraft- Verschwendung sich mit großen Tönen erregt, muß man bedenken, daß der Vorgang eine objektive und eine subjektive Seite hat. Objektiv bedeutet er im Kampf gegen den Judenhaß vielleicht sehr wenig, subjektiv aber hat er in dem beleidigten Juden das Gefühl des Rechtsbewußtseins gestärkt und ihn selbstsicher gemacht. Er fühlt, daß seiner verletzten Würde und jüdischen Ehre Genugtuung geschehen ist, und das darf nicht unterschätzt werden. Denn der Kampf gegen den Antisemitismus hat ja einen doppelten Sinn. Er will wohl den Judenhaß beseitigen oder wenigstens mildern. Er muß aber auch den einzelnen Juden geistig und seelisch stärken, damit er im Kampfe besser besteht, damit er vor allem so selbstsicher und von seinem Rechte innerlich überzeugt wird, daß er _ siegesgewissen Optimismus beweist. Und diese Empfindung wird durch die Kleinarbeit in hohem Maße erweckst Kleinarbeit ist demnach nicht nur praktisch, sondern auch Psychologisch unbedingt erforderlich. Dem Juden, der seiner Gemeinschaft Lehre und Geschichte kennt, braucht das gewiß nicht versichert zu werden. Denn es ist des Judentums Eigentümlichkeit und seine Kraft, daß sich in ihm überall Heiliges und Profanes, Erhabenes und Niedriges, Großes und Kleines harmonisch durchdringen. Wenn das Ziel erreicht ist, verlieren die einzelnen Etappen gewiß ihre Bedeutung. ,Jm Kampfe gegen den Judenhaß, der letzten Endes identisch ist mit dem ewigen Streben nach Gerechtigkeit und Menschenliebe, liegt aber das Ziel noch in sehr weiter Ferne. Und so muß Kleinarbeit als Ausdruck seines Verwirklichungswillens von jedem Juden geleistet werden, der ernsthaft an der Ueberwindung des Judenhasses Mitarbeiten will. Der Aufmarsch der Parteien Wir laflen hier Vertreter der verschiedene« Parteien über ihre Stellung zum Nationalsozialismus sprechen. Für die Stellungnahme z« sonstigen parteipolitischen Fragen tragen, bei der traditionsgemäßen Rentralität des Vereins, die Verfasser die Verantwortung. Die Schriftleitung. Zentrum und Nationalsozialismus Aus einer Zuschrift von Dr. Leo Schwerins (Köln), M. d. L. Der Aufstieg der Nationalsozialisten gehört fraglos zu den beunruhigendsten Erscheinungen unseres politischen Lebens; denn ihr Progranun ist revolutionär, ihr Ziel die Errichtung einer Diktatur und einer rücksichtslosen Unterdrückung jeder Meinungsfreiheit. Man fragt sich mit Recht: Wie war es möglich, daß diese Bewegung plötzlich wieder so aufflackerte, nachdem sie mit ihrem Führer im Jahre 1923 so völlig versagte? Wie kann das deutsche Volk so rasch vergessen? Man darf nicht übersehen, daß wirtschaftliche Schwierigkeiten bei uns immer ein geeigneter Boden gewesen sind, radikale Bewegungen zu nähren und zu kräftigen, und es gibt gerade in Deutschland' ein politisches Treibholz, das wild und sinnlos hin und herzu treiben pflegt. Je nach der beherrschenden Dominante wendet es sich nach links oder rechts. Die Dominante in unserem wirtschaftlichen Elend ist heute ein außenpolitisches Problem: die Regelung unserer Kriegsschulden — und dies wird, im Verein nüt der Sehnsucht auch nach wirtschaftlicher Besserung, durch Radikalkuren die Massen wieder einmal nach rechts fluten lassen! Wir können uns deshalb wohl vorstellen, daß das Anschwellen der nationalsozialistischen Stimmen noch nicht zu Ende ist. Bei jeder Wahl rücken immer größere jugendliche Massen heran, die den Krieg nicht miterlebt und die daher um so empfänglicher für die politische Phantastik des Nationalsozialismus sind. Ich halte es für durchaus möglich, daß der Nationalsozialismus sich aus der Rechten für lange Zeit parteipolitisch genau so neben den Deutschnationalen plaziert, wie es die Konununisten auf der Linken neben den Sozialisten langst getan haben! Ein ideologisch so empfängliches Volt wie das deutsche wird sich, je weniger es praktisch seine Ideologie politisch auswirken kann, um so lieber solche „Träume" erhalten und pflegen! Das Zentrum nimmt den Kampf gegen die Nationalsozialisten immer ernst. Unsere Waffe ist die Aufklärung, namentlich auch die auf kulturpolitischem Gebiete; denn wir wissen sehr wohl, daß das nationalsozialistische Programm unkatholisch ist, und es würde, wenn man es nach dieser Seite hin prüfte, genau so wenig standhalten wie etwa in Frankreich gleichgerichtete Bestrebungen, die der Vatikan in seinem Kampfe gegen den Faschismus und Chauvinismus übrigens ausdrücklich verboten hat. Wir bekämpfen den Nationalsozialismus w e l t a n s ch a u l i ch; von diesem Boden aus ist er am leichtesten zu fassen. Die Auseinandersetzung mit seinem phantastischen Wirtschaftsprogramm oder gar mit seinen staatspolitischen Ideologien ist natürlich viel schwerer, weil er hier den Vorteil, daß die praktische Erprobung nicht stattfinden kann, ailsnutzen kann. Der Centrawereitt hat die Gefahr des Nationalsozialismus für Deutschland viel früher erkannt als die Parteien und ihn schon zn einer Zeit energisch bekämpft, als andere noch schliefen: Gewitz, er ist auch in erster Linie interessiert, aber er hat auch das Bewußtsein für sich, zur rechten Zeit gesehen zn haben, was vorging: Die nationalsozialistischen Bäume mit ihrem Hatz gegen das Judentum werden ja nicht in den Himmel wachsen; aber daß die antisemitische Stimmung systematisch genährt wird, ist klar. Dagegen kann nur intensivste Arbeit auf dem Wege nutzen, den der Centralverein Längst beschritten hat: Aufklärung und Rührigkeit! Wirtsthastspartei und Nationalsozialismus Bon Otto Coloffer, 2. Vorsitzenden der Wirtschaftspartei, M. d. R. Die Wirtschaftspartei lehnt den Sozialismus in jeder Fornr ab, ob mit dem schmückenden Beiwort „national" oder „international". Sie bekämpft jede Bewegung, die sich gegen die bürgerliche Weltanschauung, gegen die Privatwirtschaft und das Privateigentum richtet... Die Sozialdemokraten sagen ehrlich, was sie wollen, und der Kampf der Geister mag entscheiden, wer der Sieger ist. Unterliegt das Bürgertum, die bürgerliche Weltanschauung gegen sie, weil das Bürgertum in diesem Kampfe seine staatsbürgerlichen Pflichten nicht erfüllt hat, dann hat es seinen Untergang verdient. Bei bcn N a t i 0 n a l s 0 z i a l i st e n, die als Sozialisten das gleiche Ziel haben, das Bürgertum, die bürgerliche Weltanschauung zu stürzen, was sie ja täglich selbst verkünden, sieht es aber anders aus. Sie präsentieren sich diesem Bürgertum gegenüber als Retter. Sie retten alles: Sprechen sie vor Mittelständlern, so sind sie deren einziger Retter; sprechen sie vor den Bauern, ist es ebenso, stehen sie aber vor dem Arbeiter so wenden sie sich gegen dieselben „verrotteten" Bürgerschichten, die beseitigt werden müssen, und machen in Arbeiterpolitik und Sozialismus. Das hindert sie wiederum nicht, um ein weiteres Bild zu zeichnen, die Wahl- und Agitationsgelder von der Großindustrie zu nehmen, die doch eigentlich nicht vom Mittelstand oder von der Arbeiterschaft als getreue Bundesgenossen angesehen werden. Ich meine, an solche politische Verwandlungskünstler und Schaumschläger kann vielleicht verblendete und urteilslose Jugend glauben — deshalb vertritt meine Partei die Ansicht, daß durch Erhöhung des Wahlalters die Politik wieder zum Geschäft der reifen Generation gemacht werden sollte — oder Dumme, aber nicht denkende Menschen. Und so habe ich, ähnlich wie bei den Völkischen, die Hoffnung, daß.die ganze Geschichte ein vorübergehender Spuk sein wird. Soweit es die g e io e r b l i ch e n M ittelst ä n d l e r anbetrisft, die in ihrer Not und Sorge ja auch leicht auf die radikalsten Phrasen hereinfallen, ist die Ernüchterung schon im Gange. Frick hat im Thüringer Land auch keine andere Kunst ausüben können, als Steuern (Fortsetzung des Artikels auf Seite 456)