Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 32 (8.8.1930)
- Date
- 1930-08-08
- Page
- Seite 421 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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421 Lu-wig Haas -er C.v.er Ludwig Haas war als deutscher Jude irn Centralverein beheimatet; Herkunft und Werdegang führten ihn .mit Selbstverständlichkeit in unsere Reihen. Auch in den Jahren verantwortungsvoller politischer Arbeit in leitender Staatsstellung, in führender parlamentarischer Tätigkeit war er stets mit uns im Einklang. Wir mußten unseren Ludwig Haas Zwar in der Tagesarbeit häufig entbehren, da ihndie große Politik zu stark in Anspruch nahm. Wenn wir ihn aber in den entscheidenden Stunden als Verkünder unserer Idee oder als ausschlaggebenden Berater für uns selbst brauchten, hat er sich nie diesem Rufe versagt. Wenn wir ihn in seiner allgemein-politischen Tätigkeit horten oder Arbeiten aus seiner Feder lasen, schien, ob er in unserem Kreise sprach oder in unseren Blättern schrieb, ein Klang besonderer Innigkeit mitzuschwingen. Um die Pole von Heimat und Volkstum kreiste Ludwig Haas' Denken beim Reden und Schreiben, wenn es für uns geschah. Zu diesem Thema schrieb er in unserer! Hauptversammlungsnummer (am 25. März 1926) „Die Liebe zur Heimat i st e i n f a ch st e s Naturgefühl ... Wir verzweifeln nicht, wir wissen, daß in kranken Zeiten die jüdische Minderheit immer einen schweren Stand hatte. Wir verzweifeln aber auch deshalb nicht, weil Mut, Glaube nnb Treue u n s eine Erbschaft vergangener Generationen ist." Aus Anlaß derselben Hauptversammlung hatte der Centralverein unter dem Motto: „W ege zum äußeren Frieden" eine machtvolle Kundgebung einberufen. Ludwig Haas hielt das große politische Referat. Die ihn kennzeichnende Betrachtungsweise, Gegensätze scharf herauszuarbeiten, um sie als Pfeiler für den überbrückenden Bogen benutzen zu können, zeigte sich gerade in diesem Referat in aller Klarheit, und dieser „Brückenbogen" hieß in diesem Falle: „Deutschland ist groß, wenn die Deutschen sich gegenseitig achten. Wer großen Volksschichten ihr Deutschtum und ihr Nationalgesühl bestreitet, versündigt sich an Deutschlands Zukunft. Es wird so viel unser Deutschlandlied gesungen: ,Einigkeit und Recht und Freiheit', und gerade von denen vielleicht zu viel, die nicht nach seinem Sinne handeln. Einigkeit heißt: kein Haß. Wir wollen wirklich nach diesen Worten leben: ,Einigkeit und Recht und Freiheit', dann werden wir den Weg zum inneren Frieden finden." Auch als wir zwei Jahre später, gleichfalls aus Anlaß einer Hauptversammlung, mit dem Motto: „Lebensfrage des deutschen Judentums" Kundgebungen veranstalteten, stand wieder Ludwig Haas auf der Rednertribüne und begeisterte seine Zuhörer. „Wir brauchen in Deutschland religiösen Frieden, der durch Rassentheorien nicht gestört werden darf", war der Leitgedanke seiner Ansprache. Daß er, der Anwalt des Rechts, auf unserer großen Juristentagung 1927 am Tisch des Tagungspräsidiums zu finden war, kann da nicht überraschen. Sein letztes großes Referat hörten wir im März vorigen Jahres bei einer bedeutungsvollen H a u P t v o r st a n d s s i tz u n g des C e n t r a l v e r e i n s. Der Anstieg des Nationalsozialismus hatte damals Beschlüsse notwendig gemacht, die sich noch heute in der Praktischen Arbeit des Centralvereius auswirken. Ludwig Haas gab in großzügiger Form einen Aufriß der politischen und wirtschaftlichen Lage Deutschlands und deutete an, aus welchen verborgenen Kräften der Seele der Aufstieg wieder ausgehen würde. Ergriffen hörten wir il)u eine seltsame Tagebucheintragung Walther Nathenaus zitieren und seine dunkle warme Stimme sprach die Worte mit einer Innigkeit, die aus seiner eigenen Seele kam: „Es steht uns bevor die Zeit des Erkennens und der Grausamkeit; und nach ihr kommt die Zeit des Begreifens und der Liebe." Ludwig Haas hat diese kommende Zeit nicht mehr erlebt. Arbeiten wir, sie in seinem Sinne herbeizuführen! Dr. Alfred Hirschberg. Kamerad Haas Unser Kamerad Ludwig Haas ist tot. Ties betroffen hat sich unser Herz gegen diese Nachricht gesträubt. Diesen aufrechten und ganzen Mann haben wir mit großer Zuneigung verehrt. Jeder, auch der Politische Gegner, fühlte und achtete den Menschen Ludwig Haas, wenn er ihn vor sich sah. Wir wissen, was wir an diesem, trotz aller Bescheidenheit großen Mann und führenden Politiker verlieren, der mit seiner klugen und versöhnenden Art, politisch zu wirken, jeder Demagogie abhold, für sich und das, was er wollte, zu gewinnen verstand. Was er wollte, war eine nationale Politik im deutschen Volksstaat, in der sozialen Republik, deren Vertiefung in den Herzen der Massen ihm zur Lebensaufgabe geworden war. Wie oft folgten wir, auch wir Kameraden aus den Reihen des Zentrums und den Windthorst-Bünden, mit wohltuender Freude an der sympathischen Art des Vortrages seinen Reden, die Zeugnis ablegten von stärkster staatspolitischer Einstellung. Wir danken auch heute unserem toten Ludwig Haas dafür, daß er oft in kluger und taktvoller Weise Gegensätze, die sich da und dort in den Reihen unserer großen überparteilichen Organisation naturgemäß auftun mußten, a u s z u g l e i ch e n und Zu überbrücken verstand. Wenn wir zu ihm „Kamerad" sagten und dabei in sein väterlich-gütiges und ernstes Gesicht sahen, war es, als ob diese so oft gebrauchte Anrede einen wärmeren Ton erhielt. Ludwig Haas war uns nicht nur der große Menschenfreund, der Politiker und Führer, er war und bleibt mit seinem Geist unser aufrichtiger, tapferer Kamerad und Kampfgenosse im Ringen um wahrhafte Demokratie in einem sozial vorbildlichen, freien, republikanischen Deutschland. Unserer herzlichen Verehrung und unseres dankbar treuen Andenkens gewiß, wird Ludwig Haas unserer großen Kameradschaft Vorbild für immer bleiben. Dr. Karl Schreiner Mitglied des Reichsbanner-Bundes Vorstandes. Erinnerung an Warschau Man übertreibt nicht, wenn man sagt, daß Dr. Haas eine überragende Persönlichkeit war. Insbesondere sein Wirken in Warschau während der letzten Kriegsjahre gehört der Geschichte an. Er schenkte seiner großen Aufgabe sein ganzes edles Herz und die Weite seines Blickes. Noch jüngst äußerte ein hoher polnischer Beamter, es wäre staunenswert, wie klar in den Akten der jiddischen Referate der Zivilverwaltung jedes Problem der Judenheit in Polen mit klarer Erkenntnis und warmer Liebe gekennzeichnet sei. Dr. Haas gewann rasch tiefen Einblick in die Seelenkämpfe der eben dem russischen Joch entronnenen Juden und bewährte das gesunde Prinzip, daß auch die westliche Kultur nur auf dem Wege gesunder Evolution an diese Massen heranzubringen sei. Zarteste Schonung war das Kennzeichen aller Entschlüsse seines Referats. lieber allen Parteien stehend, sorgte er für Berücksichtigung aller Strömungen, bewährte sich als ein Freund der Armen und suchte so manche Härten der bitteren Kriegsnotwendigkeiten durch edle Fürsprache bei allen anderen Referaten zu mildern. Das Vor- „Man dient dem Volke nicht damit, dass man in schwerer Not Volksgenossen gegeneinander hetzt; man dient ihm mit der Lehre, dass die Not der Gegenwart in harter Arbeit überwunden werden muss, und dass der Glaube an die deutsche Zu kunfl die stärkste Kraft des Wiederaufbaues ist.** LUDWIG HAAS in der „C.V.-Zeitung“ vom 18. Dezember 1925. zimmer seines Referates bot von morgens bis abends das Bild einer Fülle besorgter Petenten auf ideellem und materiellem Gebiet, und jedem war es leichter ums Herz, wenn er heimwärts zog. Polens Judenheit verdankt ihm viel, und sie weip es auch. Die von ihm geschaffene Gemeindeverfaflung bietet noch heute die Grundlage aller Verordnungen und Gesetze auf diesem Gebiet. Dem jüdischen und dem deutschen Namen schuf er Ehre, und viel Liebe schlug ihm aus dankbarem Herzen entgegen. Dr. Pinchas Kolm, Wien, Präsident der Exekutive der Agudas Jisroel Weltorganisation. Unsere Zahnen senken sich... Der Tod von Dr. Ludwig Haas hat auch bei uns. Sozialdemokraten das schmerzlichste Bedauern hervorgerusen. Haas stand nicht in unserem Lager, aber er war mit uns verbunden durch die aufrichtige demokratische und republikanische Gesinnung, die er mit Mut und Entschiedenheit vertrat. Soweit er unser politischer Gegner war, gehörte er zu denen, die unsere Wertschätzung und Achtung beanspruchen können. Er war ein Mann von hohem ethischen Bewußtsein, der seine ganze Kraft für seine Ueberzeugung einsetzte. Er verband dabei in vorbildlicher Weise besten Internationalismus mit tiefem Verständnis für die Rechte und für die Bedürfnisse des deutschen Volkes. Auch unsere Fahnen senken sich an seiner Bahre. Dr. Rudolf Breitscheid.