Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 32 (8.8.1930)
- Date
- 1930-08-08
- Page
- Seite 420 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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420 Fortsetzung von Seite 418: Dr. Ludwig Holländers Grabrede auf Ludwig Haas. Bis in die letzten Gespräche hinein war ich gewöhnt, bei Erörterungen mit ihm immer wieder die Worte 31t hören: „Du mußt bedenken!" Dieses „Du mußt bedenken!" zeigt ihn als Prüfenden, der nie allein seinem dunklen Gefühl folgte, sondern den immer das Streben nach letzter Erkenntnis leitete. So war er in der Jugend, so im reiferen Alter. Den Groll, den so viele und nicht die schlechtesten Männer und Frauen jüdischen Glaubens über manches Unrecht, das ihnen geschieht, im Herzen tragen, kannte er nicht und er überwand ihn als nebensächlich gegenüber dem heiligen Gefühl der Treue und Liebe für Heimat und Vaterland. Und das wichtigste ist, was wir mit ihm und durch ihn als eine besondere Forderung empfunden haben: das ist die Forderung der S e l b st p r ü f u n g. Schon als Student hat Ludwig Haas von uns immer das ,,Erkenne dich selbst!" verlangt. Er forderte Selbstkritik von uns, weil er wußte, daß die teilweise tieftraurige Vergangenheit unserer Gemeinschaft Schlacken und Rostflecken an dem Körper der Judenheit hat entstehen lassen. So rief er uns in der Jugend und im späteren Alter Zu: Richtet euch auf an der Größe unserer Vergangenheit und wetzet das aus, was diese Vergangenheit an schlimmen Spuren euch Zurückgelasfen hat! Er war auch kein Prediger in der Wüste, wir haben uns an ihm erhoben, wir haben die innige Vaterlandsliebe, die wir in unserem Herzen hegen, immer erneut an feinem Vorbild befestigt, und wir im Centralverein haben den Kampf um Ehre, um Freiheit und Vaterland, um Glaube und Heimat geführt, stets angefeuert durch sein Vorbild und seine Mahnungen. Er war Zum Sehen geboren und zum Schauen bestellt, und keine Faser an ihm war unecht. Keine Faser an ihm ließ ihn jemals in entscheidenden Fragen weichlich und bänglich erscheinen. Niemals werden wir vergessen, wie er in der entscheidenden Stunde, als es in Berlin kurz nach dem Ludwig Haas als Student in Heidelberg, 1896 lllliiiilillliiillliiillililliiiilllliliiliiliil'iililiyillllilililllllilliiSilllllHIlilllillililiillilliliiil Waffenstillstände zu einer starken Pogromstimmung kam, in einer großen Versammlung uns allen Zurief: „Tie Dinge mögen laufen wie sie wollen, Kompromisse werden nicht geschlossen." Auf der einen Seite die Worte: „Du mußt bedenken", der Mensch, der abwägt und gerecht wägt; auf der anderen Seite: „Kompromisse werden nicht geschlossen", der Mensch, der willensstark hinter dem als richtig Erkannten steht. So steht Ludwig Ha as vor unseren Augen, der Treue zum Glauben und Treue der Heimat als unbedingte Forderung an uns stellt und dabei die strengste Selbstkritik uns selbst gegenüber fordert. Das sind seine Forderungen an uns ge- De. ^akob Marx (Karlsruhe) sprach: Die Vereinigungbadisch erJsrael i t e n, für welche ich spreche, bettet ihren guten Kameraden, ihren immer wieder erprobten Freund Zur letzten Ruhe. Aber der menschlichen Tugend dieser reinen und treuen Seele das letzte Wort der Liebe zu weihen, würde nicht ausfüllen und nicht klar machen, was uns in dieser Stunde bewegt. Ludwig, Haas war uns nicht nur Freund und Kamerad, er war uns Führer und Wegbereiter auf dem dornenvollen Wege unserer deutschjüdischen Gesinnung. Was andere innerhalb und außerhalb unserer Glaubensgemeinschaft als ein Problem, als einen Gegenstand ausgeklügelten Wortstreites empfinden, die Stellung, des deutschen Juden in seiner deutschen Volksgemeinschaft, das war ihm und ist uns eine apriorische Gewißheit, geboren aus der Liebe zu unserer Heimat, aus der stolzen Namens des K. C., des Altherren-Verbandes „Badenia" und der Verbindung „Bavaria" vr.Daviö Rothschild Frankfurt a.M.): „Als wir vor wenigen Wochen das 40jährige Stiftungsfest unserer lieben Badenia in Heidelberg feiern durften, haben wir einen schmerzlich vermißt — Ludwig Haas! Sein Fehlen dämpfte unsre Festesfreude! Wir fühlten, daß nur ein Todesahnen ihm den Weg zu uns verlegen konnte in der Feierstunde der Erneuerung unsres Bundes! Ludwig Haas verkörperte Sinn und Ziel unsres Wollens. Das Zusammenklingen von Deutschtum und Judentum, wie es der Philosoph Hermann Cohen geistig empfunden hat, in Ludwig Haas war es lebendige Wirklichkeit! Er war g 0 ttesfürch-. t i g und ehrliebend, gerade und tolerant, human und sozial gerecht, ein verläßlicher Freund und von jener Heiterkeit der Seele, die ein Vorrecht des E d e l m e n s ch e n bildet. Wo es galt, dem deutschen Namen zu dienen, war der deutsche Jude Ludwig H a a s in erster Front! Er fühlte sich eins mit der Bruchsaler Gymnasialstadt, mit dem badischen Volk, mit dem deutschen Land! Deutschlands Größe — war feine Größe!!! Deutschlands Schmerz — war sein Schmerz! Deutschlands Ehre —- war seine Ehre! Deutschlands Sorge — war seine Sorge! Seine kernige und doch so warmherzige Art des badisch-pfälzischen Volksgenoffen lehnte sich erschüttert auf gegen das Unrecht, das dem deutschen Juden die Heimat zu rauben trachtet! Ludwig Haas fühlte, daß sein s e l b st s i ch e r e s, innerstes Wesen getragen und geformt ist von der unlösbaren Verbundenheit und der bodenständigen Kraft, die den deutschen Juden in dieser Gegend des Rheins seit mehr als 1500 Jahren Freud und Leid mit allen Volksgenossen teilen läßt. Wie hat er sich gekränkt gefühlt, als dem Heidelberger Studenten Ludwig Haas, der bei den Grenadieren seiner Militärpflicht genügte, die bescheidene Auszeichnung der Ernennung zum Gefreiten vorenthalten blieb. Aber keine Verbitterung und keine Enttäuschung konnte ihn hindern, seine ganze wesen, und diese Forderungen müssen wir erfüllen. Wollen wir sein Andenken ehren, so kann dies nur geschehen, wenn wir immer an der Vollendung seiner Wünsche arbeiten in heiligster Erinnerung an diesen großen Vorkämpfer. Er gehe in Frieden ein in die Heimaterde, die wir bitten wollen: „Bett' ihn lieb und lind, wie Mutterarme das geliebte Kind!" Ueberlieferung unserer Eltern und Voreltern, die seit Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden auf diesem deutschen Boden leben, aus dem freudigen Bekenntnis unserer unauflöslichen Verbundenheit mit dem deutschen Volke. Wem einmal das Glück einer Stunde vergönnt war, in welcher das gleichermaßen leidenschaftliche und ritterliche Wort unseres Freundes seinem Volke, seinem deutschen Volke galt, der verlernte den Zweifel, ob der Kampf des deutschen Judentums um sein gleiches Recht auch ein g u t e t Kampf ist. Wir pflegen an den Gräbern unserer Lieben zu geloben, daß sie uns unvergessen bleiben sollen. Aber das ist keine Sorge, daß Ludwig Haas von uns jemals vergessen werden könnte. Sein Wort und seine Tat werden im deutschen Judentum immerdar lebendig bleiben. „Denn er war unser!" Mag das stolze Wort den lauten Schmerz gewaltig übertönen. Persönlichkeit für die deutsche Volksgemeinde willig hinzugeben. Mit Begeisterung stellte sich der fast 40jährige in der Stunde der Not dem Vaterlande zur Verfügung. Zuerst im Feld und später, als es galt mit Rat und Tat den aus tausend Wunden blutenden Staatskörper zu neuem Leben zu erwecken. Lieber Ludwig, du hast nicht umsonst gelebt! Wir geloben dir in der Stunde, die dein segensreiches Erdenwallen beschließt, daß wir aller Verunglimpfung zum Trotz in deinem Sinne für deine Ziele weiter kämpfen, solange uns Gott Atem schenkt! Für Deutschtum und Judentum! — Für das Wohl und die Ehre des deutschen Namens! Zum S e g e n der M e n s ch h e i t! HabDankfür das selbstlose Opfer, das du gebracht hast! Ruhe sanft, lieber Bundesbruder! Tu Vorbild eines deutschen Juden! * Als die irdische Hülle Ludwig Haas' der Erde übergeben wurde, senkten sich die Fahnen des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold und der Verbindungen Bavaria (Heidelberg), Neo-Friburgia (Freiburg), Viandrina (Darmstadt) und Licaria (München). Raröorffs Seilei-: Der Vizepräsident des Reichstags, Siegfried von Kardorff, Mitglied der Deutschen Volkspartei, schreibt: Mit dem Hinscheiden des Abgeordneten Ludwig Haas ist wieder ein Kämpfer für die freiheitliche Gestaltung des Nachkriegsdeutschlands aus den Rechen ausgeschieden. Ludwig Haas hat der Nationalversammlung und dem Reichstag etwas über zehn Jahre angehört. Sein umfassendes Wissen, sein liebenswürdiges Wesen, seine juristische Gründlichkeit, seine politische Aufrichtigkeit haben ihm Anerkennung nicht nur in feiner Partei, sondern in allen Fraktionen finden lassen. Mit Haas ist eine staatspolitisch denkende Persönlichkeit dahingegangen und sein Tod bedeutet für den Reichstag einen Verlust. von Kardorff.