Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 31 (1.8.1930)
- Date
- 1930-08-01
- Page
- Seite 405 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ereilt entrol Serlin, l.-lugust I-ZS IX. Jahrgang * Nr. 31 Einzelnummer Lopfennig vryan -es tentralVereius-eutfekex^ LtaatsdirryerMöifetien Klaubens e.V. All^smsins ckss 3u6sraturn3 vlätter für -eutfektum und Judentum Bierleljahrsabonnement 2,SO RM. (zuzügl. Bestellgeld). Verlag und Schristleitung: Berlin SW 68, Lindenstr. 13. Amt Dönhoff 3594, 3595. Postscheckkonto: Berlin 304 72. Bankkonto: Dresdner Bank, Wechselstube G, Berlin SW 68, Lindenstraße 7, und von Goldschmidt Rothschild & Co., Berlin W 8. , ~ Alleinige Anzeigenannahme: Annonren-Expedition Rudolf Mosse, Berlin 8W 100, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 JiJi für die 7gespaltene Zeile nach Rudolf Moss^ Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder des Centralvereins 0,45 JtJi, die 62 mm breite Reklamezeile 3,50 MM.* Rettung oder Untergang? Betrachtung über den polttischen Charakter des Nationalsozialismus Von Siegfried Höxter Die Frage nach dem eigentlichen politischen Charakter des Nationalsozialismus ist aus einem bestinunten Grunde wichtig und aus einem bestimmten Grunde schwer. Sie ist wichtig nicht nur als theoretische Frage, sondern wichtig für die politische Praxis. Es bedurfte immerhin der Entwicklung langer Jahre, bis man sich in weitesten Kreisen beispielshalber darüber klar wurde, daß zur Kennzeichnung der nationalsozialistischen Bewegung noch gar nichts gesagt war, wenn man sie als eine im Lause der deutschen Geschichte immer wieder herborgetretenen antisemitischen Verirrungen bezeichnet^ deren ganz von selbst eintretenden Zusammenbruch man glaubte, ohne ernsthaften politischen Widerstand in aller Ruhe abwarten zu können. Doch kürzlich lasen wir in einer sehr weit verbreiteten sozialdemokratischen Zeitschrift, daß der N n t i o n a l s o z i a l i s - Aus dem Inhalt: L H.: Politische Spaziergänge. Seite 407. Fabius Schach: „Die nimmer endende Tragödie der Judenheit“. Zum neunten Ab. Seite 410. — Dr. Hans Bach: Eine Bücherschau. S. 412. mus ganz v on selbst verschwinden werde, so wie er gekomrnen sei — denn das sei eben das Schicksal einer jeden antisemitischen Bewegung. Eine richtige Beurteilung des politischen Charakters der NSDAP, hätte nicht nur den theoretischen Fehler dieser Ansicht vermeiden lassen, den Fehler, der eben die Tatsache vernachlässigt, daß politisch gesehen die NSDAP, viel mehr ist als eine gewöhnliche antisemitische Partei; sie hätte vor allem auch eine wichtige -politische Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus zur Folge gehabt: den Willen zur politischen Abwehr einer als schädlich und gefährlich erkannten politischen Bewegung. Die Beurteilung des Nationalsozialismus als gewöhnlich antisemitischer Bewegung war in der Tat nur zu oft der theoretische Vordersatz zu dem praktischen Schluß, daß ein Kamps mit politischen Mitteln hier nicht angebracht sei, auch nicht nötig sei, weil die Vernunft — mit der allerdings jede Bewegung glaubt einen Vertrag abgeschlossen zu haben — sich schon ganz von selbst durchsetzen werde. Heute ist glücklicherweise diese falsche Einstellung, welche den Kampf gegen den Nationalsozialismus für eine Angelegenheit besonders des Centralvereins, aber nicht politischer Parteien erklärte, im allgemeinen überwunden; aber sie gerade zeigte uns, wie theoretische Erkenntnis und praktische Haltung in politischen Dingen eng miteinander Zusammenhängen. Wir dürfen daher von der Untersuchung der Frage, welches der eigentliche Charakter des Nationalsozialismus sei, von vornherein höchst praktische Konsequenzen erwarten, welche die Bedeutung dieses Problems über müßigen und überflüssigen Streit der Theorien zu erheben geeignet sind. Was bei dieser Untersuchung notwendig gleichzeitig mit zur Debatte steht, lautet: Kommt der nationalsozialistischen Bewegung wirklich die Bedeutung zu, welche allen antiparlamentarischen und antidemokratischen Bestrebungen im Zeitalter des Spätkapitalismus zugesprochen werden muß, rangiert die NSDAP., international gesehen, unter all denjenigenantidemokratischenBewegungen, die in vielen anderen Ländern bereits die Macht an sich gerissen haben — oder nicht? Es ist klar, daß bei einer eventuellen Bejahung dieser Frage der Ernst der gegenwärtigen politischen Situation, dieakuteGefahrdesNation a l s o z i a l i s m u s , die Notwendigkeit für alle parlamentarisch-demokratischen Parteien, den Kampf gegen ihn ernster und politischer zu organisieren, von einem viel allgemeineren und bedeutsameren Gesichtspunkt als dem bisher üblichen dargetan sind. Aber die hier angeschnittene Frage ist nicht nur wichtig; sie ist vor allen Dingen eine schwierige Frage. Schwierig besonders deswegen, weil jeder Versuch der Fixierung des politischen Charakters der NSDAP, mit der außergewöhnlichen Tatsache zu rechnen hat, daß uicker allen deutschen Nachkriegsparteien die NSDAP. diejenige ist, welche ihren eigentlichen politischen Charakter unter einer Fülle von grundlegenden Wandlungen versteckt gehalten hat; Wandlungen der Struktur und des politischen Gesichtes, die beinahe auf Tag und Stunde genau zu bestimmen sind. Hier seien nur kurz die wichtigsten Stationen auf dem Entwicklungsweg der NSDAP, gekennzeichnet. Als sie im Jahre 1919 gegründet wurde, befand sie sich in engster organisatorischer und ideeller Gemeinschaft mit den D e u t s ch v ö l k r s ch e n um Alfred Roth. Sie war noch eine mehr oder minder offen reaktionäre, monarchistische Nestaurationssekte, in der großenteils republikfeindliche Agrarier und abgedankte Offiziere ihre Zuflucht suchten. Diese erste Periode dauerte bis kurz nach dem Mißlingen des Hitler-Putsches. Als nach Beendigung der Inflation das Problem der Erhaltung des deutschen Mittelstandes zu einem der dringendsten Probleme wurde, stellte die NSDAP, flugs ihren politischen Charakter um und trat von den Neichstagswahlen 1924 bis zum Jahre 1928 aus als d i e deutsche Mittelstandspartei. Ihre geschickt vollzogene Umwandlung hatte zur Folge die Vernichtung der Deutschvölkischen als parlamentarisch selbständige Partei. Etwa vom Jahre 1928 an tritt sie aus als eine Partei mit stark betontem proletarischen Charakter, als Arbeiterpartei, bemüht sie sich, die Erwerbslosen und die deklassierten Schichten des Proletariats unter der Fahne des Nationalsozialismus zu sammeln und als s o z i a l r evolutionäre Parteiorganisation zu erscheinen. Die geschickte Ausspielung dieser ihrer wendigen Taktik, wirksam unterstützt durch ein raffiniertes Verhalten gegenüber den Deutschnationalen, brachte mit sich deren Aufsprengung, Spaltung in zwei Lager. Man sieht in der Tat, daß keine der deutschen Nachkriegsparteien derart grundlegende Aenderungen, Wandlungen ihres politischen Charakters durchgemacht hat, zudem bewußt durchgemacht hat wie gerade diejenige Partei, welche die Unabänderlichkeit ihrer von Hitler aufgestellten Prinzipien in flirrt‘krSv 467137524745192782931